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Entwidlung zur Lautschrift.

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die für die Handlung bezeichnenden Gliedmaßen feßt. Ja, manche dieser Abkürzungen hat die alte volle Form in historischer Zeit ganz verdrängt, wie z. B. DA ,,kämpfen“ (ķ3) nur die beiden Arme zeigt, die Schild und Keule halten, und A'W , kommen“ nur die Unterschenkel und Füße als Träger der Bewegung wiedergibt.

Schwieriger war es schon, in einer solchen Bilderschrift abstrakte Begriffe wiederzugeben. Das war nur so möglich, daß man konkrete Gegenstände zeichnete, die zu dem betreffenden Abstraktum durch Ideenassoziation irgendwie in Beziehung standen. So wurde „rein“ durch ein Wasser ausgießendes Gefäße, der „Wind" durch ein geschwelltes Segel ♡, der Begriff „herrschen“ durch ein Szepter s bezeichnet.

Indessen, eine solche reine Bilderschrift konnte nur den Anforderungen der primitivsten Kultur genügen. Die weitere Entwicklung mußte notwendig bei einem Kulturvolk, wie es die Ägypter waren, bald zur Lautschrift führen. Sind doch nur solche Völker in der Bilderschrift oder in konventioneller Zeichenschrift (Knotenschrift, Stabschrift o. ä.) stecken geblieben, die weitab vom Weltgetriebe ein isoliertes Dasein geführt haben. Ägypten hat aber schon sehr früh durch seine Lage nnd seine Fruchtbarkeit die Augen vieler Völker auf sich gezogen und schon im 4. Jahrtausend nachweislich im Zeichen des Verkehrs gestanden. Man darf also mit einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit vermuten, daß in Ägypten der Schritt von der Bilder- zur Lautschrift früher getan worden ist als bei den meisten anderen Völkern, und zwar geschah es in folgender Weise. Die in der ältesten Schrift als Bilder gezeich'neten Worte wurden natürlich beim Lesen gesprochen. Schrieb der prähistorische Ägypter z. B. 3 „die Gans fliegt“, so las er die Worte in seiner Sprache pez se 3. Also besaß in diesem Fall jedes der beiden Zeichen einen Lautwert, und eben dieser einem jeden Bilde inhärierende Lautwert führte die weitere Entwicklung der Schrift herauf. Wo man für ein Wort – man denke an Pronomina – kein besonderes Bildzeichen besaß, da begann man den mit einem bestimmten Bilde verbundenen Lautwert ohne Rücksicht auf seinen begrifflichen Wert rein lautlich zu verwenden. Wie follte man z. B. das Demonstrativpronomen schreiben, das ägyptisch p3 (pi) lautete? Man half sich so, daß man das ebenso oder ähnAD. VIII, 2

Ein- und mehrkonsonantige Silbenzeichen.

lich klingende Wort p3 benußte, dessen Bildwert p3 „fliegen“ war. So schrieb man 'rj „machen“ mit dem Bild für „sehen“

o, das ebenso oder ähnlich lautete, oder wn „sein“ mit dem Bild des „Hasen“ = wn. Durch dieses Verfahren, welches ganz dem unserer Bilderrätsel entspricht, wurden also mehrlautige Silbenzeichen geschaffen, die rein lautlich gebraucht wurden.

Aber auch diese Neuerung, so bedeutungsvoll sie war, konnte nur die Ansprüche einer sehr tief stehenden Rultur befriedigen und ist daher auch nicht über die Schwelle der historischen Zeit gekommen. Das Wort, welches man schreiben wollte, ließ sich damit eigentlich nur lautlich andeuten, nicht aber genau wiedergeben. Dieses embryonale Alphabet mußte bei zunehmender Kultur, als Handel und Verkehr sich entwickelten, als man daran ging, poetische Erzeugnisse niederzuschreiben, völlig versagen. Wie wollte man auch mit diesen Bilderrätseln Einzellaute wiedergeben? Schon den zahlreichen grammatischen Bildungselementen, z. B. den Suffixen, welche nur einen Laut enthielten, war das alte System mit seinen mehrlautigen Zeichen nicht gewachsen, und das nächste große Problem, welches zu lösen blieb, war die Gewinnung einlautiger Zeichen, mit anderen Worten, die Schöpfung eines Alphabets in unserem Sinne.

Ganz im Frieden mit dem alten System, aus dessen Geiste heraus, nicht wie man erwarten möchte, durch eine gewaltsame revolutionäre Tat, vollzog sich diese neue Schöpfung im Morgendämmer der historischen Zeit. Es gab unter den Silbenzeichen eine Reihe von mehrlautigen Bildern, die hinter einem starken Laut einen oder mehrere schwache, nur wenig hörbare besaßen. Solche schwache Laute sind 3, ?, w (u), j (i). So gewann man aus dem Bilde o (Mund von vorn gesehen) mit dem Lautwert r(3) „Mund" ein r, da ja das schwache 3 kaum gesprochen wurde, aus dem Bild des „Sees" O , gesprochen $(3), den Konsonaten š, aus der welligen Linie des „Wassers“ mm, gesprochen n (w) den Konsonanten n, u. 1. f. Das Ergebnis dieser Entwicklung war ein Alphabet von 24 Sonsonanten, die aus Silbenzeichen entstanden, nicht aber nach einem neuen System gebildet worden sind (9. Abb. 1).

Wunderbar und auf den ersten Blick unerflärlich erscheint dabei das gänzliche Fehlen von Vokalen, und doch erbringt gerade diese Tatsache den Beweis für die Richtigkeit der obigen Hypothese. Im Ägyptischen, übrigens auch in den meisten semitischen Sprachen,

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Vokalbezeichnung.

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beginnt jede Silbe, also auch jedes Wort, mit einem Konsonanten, vokalisch anlautende Silben oder Wörter gibt es in der alten Sprache nicht. Demnach konnten sich bei der oben skizzierten Entwicklung des Alphabets auch keine Vokale bilden, da ja nur der erste Laut buchstabenbildend war und darum nie ein Vokal sein konnte. Fassen wir die Geschichte der ägyptischen Schrift ins Auge, so weit wir sie bisher geschildert haben, so ergibt sich klar, daß die Schöpfung von Vokalzeichen nur durch einen Bruch mit dem alten System möglich war, nur durch eine wirklich revolutionäre Neuerung. Zu einer solchen Tat hat sich aber der ägyptische Genius nie und nirgends aufgeschwungen. llnd deshalb ist die ägyptische Schrift vokallos geblieben, ebenso wie die älteren 1 femitischen Schriften, welche auf das phönifische Alphabet zurückgehen, das also wohl eine ähnliche Vorgeschichte gehabt haben wird, wie das ägyptische.

Der streng konservative Sinn, welcher der ganzen Geschichte des Ägyptertums Ziel und Richtung gegeben hat, hat also auch die Entwidlung der ägyptischen Schrift bestimmt, die in allem konservativen Geist atmet und nicht nur in dem Verzicht auf die Vofale ihre Abneigung gegen Radikalismus fund gibt. Denn wer nun etwa erwartet, der Ägypter hätte nach der glücklichen Entdeckung einzelner Buchstaben den unbequemen Silbenzeichen freudig valet gesagt, der erlebt eine arge Enttäuschung. Die mehrfonsonantigen Silbenzeichen existieren neben den einkonsonantigen weiter, die der Ägypter wohl gar nicht als alphabetische in unserem Sinne, sondern nur als eine Art Silbenzeichen empfunden hat; er hat also die ungeheure Tragweite der ihm durch eine naturgemäße Entwicklung in den Schoß gefallenen Entdeckung nicht recht begriffen, oder doch nicht den Mut und die Begabung gehabt, daraus die konsequenzen zu zichen.

Und noch in einem anderen äußert sich dieser konservati Zug des Ägyptertums, das sich nicht entschließen konnte, Überlebtes abzustoßen, sondern es wie eine ewige Krankheit“ durch die Jahrtausende mit sich schleppte. Auch die Bilderschrift hat in dem Alphabet der historischen Zeit Unterschlupf gefunden, denu neben den rein lautlichen Zeichen bestehen die reinen Bilderzeichen, die Wortzeichen, „Ideogramme“, weiter. Man kann Wörter auch weiterhin durch ihr Bild bezeichnen.

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1) Die Vokalbezeichnungen (z. B. im Hebräischen, Arabischen und Syrischen) sind erst relativ spät eingeführt worden.

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Deutzeichen (Determinative).

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m,

S,

Dieser Schattenseite des ägyptischen Nationalcharakters, der schließlich zu einem Erstarren der ganzen ägyptischen Kultur geführt hat, steht glücklicherweise eine Lichtseite in dem ägyptischen Wesen gegenüber, ein offener, nüchterner Sinn für das Zweckmäßige. Dieser hat den Ägypter im Unterschied von fast allen semitischen Völkern früh (etwa um 2800 v. Chr.) zu der Erkenntnis gebracht, daß seine vokallose Schrift schwer verständlich und unklar sei, und diese klare Selbsterkenntnis hat zu der Einführung der Deutzeichen, der „Determinative“ geführt. Man fügte je nach Bedarf dem lautlich mit ein- (alphabetischen) oder mehrkonsonantigen Silbenzeichen geschriebenen Wort seine Bedeutung im Bilde bei. Diese Deutzeichen sind also Bildzeichen, die nicht isoliert, sondern als Bedeutungszeichen hinter dem lautlich geschriebenen Wort stehen. Entweder bezeichnen sie genau den lautlich geschriebenen Begriff, wie in

Sird „Bein“, wo man lautlich Orte d schreibt und mit dem Bein p determiniert, oder determiniert, oder mit

msh ,,Krokodil", wo das Tier über die Bedeutung der Konsonanten

X = ḥ keinen Zweifel läßt, ebensowenig wie in dem durch 4 Striche determinierten Zahlwort

D|| few „vier'.

Oder die Determinative geben nur allgemein den Sinn des Wortes an, so wenn man rp „Wein“ durch einen Krug 8 oder an ghś „Gazelle“ durch ein Tierfell æ determiniert. Der Mann, der die Hand an den Mund legt , bezeichnet das Sprechen und weiter alle geistigen Vorgänge, der schlagende Mann hy deutet auf gewaltsame Handlungen, die versiegelte Papyrusrolle bezeichnet Abstrakta.

Durch diese Determinative ist das ägyptische Alphabet den semitischen, welche sie gar nicht fennen oder doch nur in sehr beschränktem Maße benußten, weit überlegen. Das wird ohne weiteres klar, wenn man eine ohne den Worttrenner geschriebene phönizische Inschrift betrachtet, in der Konsonant an Ronsonant gereiht ist, ohne jeden Zwischenraum zwischen den einzelnen Wörtern, so daß schon die richtige Abteilung der einzelnen Wörter dem Entzifferer 12

Gesamtcharakter der ägyptischen Schrift.

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keine geringe Mühe verursacht. Eine ägyptische Inschrift gibt aber dem Eingeweihten in den Determinativen gleichzeitig Worttrenner und Bedeutungsweiser an die Hand.

So darf man wohl sagen, daß die ägyptische Schrift unter allen vokallos schreibenden Alphabeten die weitaus klarste ist, und man begreift den Stolz des Ägypters, der seine Schrift „GottesWorte" nannte – denn auf keinen Geringeren als auf Thot, den Gott der Weisheit, führte er sie zurück.

Die ägyptische Schrift, deren Entstehungsgeschichte ich oben zu schildern versucht habe, ist aljo in historischer Zeit, im 4. Jahrtausend, wo wir ihr zuerst begegnen, ein Zwittergebilde, eine Vereinigung von Bild- und Lautschrift, in welcher die Bildschrift der prähistorischen und die Lautschrift der historischen Zeit einen friedlichen Kompromiß geschlossen haben. Das „, Alphabet“ der alten Ägypter ist eine Sammlung von etwa 500 Bildern, die teils als Vild-, teils als Lautzeichen gebraucht werden. Die Bilderschrift umfaßt 1. die Wortzeichen (Ideogramme), die den Gegenstand oder Begriff darstellen, der geschrieben werden joll, 2. die Deutzeichen (Determinative), die das lautlich geschriebene Wort begrifflich im Bild determinieren. Die Lautschrift umfaßt 3. mehrkonsonantige und 4. einkonsonantige (alphabetische) Zeichen, von denen kaum mehr als 70 in häufigem Gebrauch sind.

Lautlich gesprochen wurden alle Zeichen mit Ausnahme der Determinative, die ja nur die Bedeutung hinter dem lautlich geschriebenen Wort angeben. Die Aussprache der Wortzeichen steht in einem inneren Zusammenhang mit dem Bild, dessen lautliches Spiegelbild sie so zu sagen sind, während die Silbenzeichen in ihrer Aussprache keine innere Fühlung mehr zu dem Bild haben, welches ihr Träger, ihr Symbol, ist. Bei dem Wortzeichen war die Bedeutung eher da als die Aussprache, bei den Lautzeichen hat der Laut die Priorität vor der Bedeutung, die sich erst aus dem Laut ergibt. Zeitlich betrachtet, sind die Bildzeichen der älteste (prähistorische), die Determinative der jüngste Bestandteil des ägyptischen Alphabets.

Diese Schrift, die wir mit einem wenig glücklichen Namen Hieroglyphen „heilige Schriftzeichen“ nennen, wird in der Regel von rechts nach links in wagerechten Zeilen geschrieben, und zwar so, daß die Bilder auf den Lesenden zu, also nach rechts hin 1, ge

1) Übrigens ist auch in der ägyptischen Kunst die nach rechts gemendete Schrittstellung des Menschen die korrekte Zeichnung.

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