Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

22

Young. Champollions

UD. VIII, 2

Ehren, daß die Zeichen in der „Kartusche“

den Namen des Königs enthielten, um so mehr, als man diesen Königsring auch in bildlichen Darstellungen neben der Figur des Königs angetroffen hatte. Also mußte (09 1 der Name des Ptolemaios sein. Diesen richtigen Schluß zog der berühinte englische Naturforscher Thomas Young, der sich längere Zeit mit der Entzifferung der Hieroglyphen beschäftigte, im Jahre 1819 und erriet für fünf Zeichen den richtigen Lautwert, kam aber über dieses dürftige Resultat nicht hinaus. Ungefähr um dieselbe Zeit, jedoch völlig unabhängig von ihm, hatte der Franzose Jean François Champollion (geb. am 23. Dezember 1790) denselben Schluß gezogen, und seinem intuitiven Genius, seiner unvergleichlichen Kombinationsgabe und seiner scharfen philologischen Methode blieb es vorbehalten, das Geheimnis der Hieroglyphen zu enthüllen. Wie bei allen wahrhaft großen Entdeckungen hat auch bei der Entzifferung der ägyptischen Schrift nicht der blinde Zufall gewaltet. Wir wissen jekt vor allem, dank der glänzenden Arbeit von H. Hartleben, in der auch die ersten hier nur flüchtig erwähnten Entzifferungsversuche ausführlich dargestellt sind, wie gründlich und methodisch Champollion seine Entdeckung vorbereitet hat, wie es ihm erst nach langen mühseligen Irrfahrten gelungen ist, das heiß umstrittene Ziel zu erreichen. Champollion ermittelte divinatorisch außer Ptolemaios noch zwei andere Königsnamen, Alexandros und Kleopatra, und aus diesen drei Namen gewann er, indem er für jedes Zeichen einen Lautwert einsekte, die folgenden 15 Buchstaben:

III

[ocr errors]

081
to mai

TO
op

O UV

1

12

Determina

tive von Göttinnen u. Koniginnen.

<

[merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small]

Da sich nun aber diese Zeichen nicht nur in solchen vom Ringe umschlossenen Königsnamen, sondern auch sonst fanden, so versuchte er sich mit den also erschlossenen Lautwerten auch an anderen Inschriften. Dabei nahm er bildliche Darstellungen, über denen sich eine Inschrift befand, und die koptische Sprache zu Hülfe. Da war z. B. der König dargestellt, der dem Gott aus einem Gefäß spendete, und über diesem stand die Gruppe 4 ñ hinter der bald ein Krug (0) oder zwei Krüge os, bald ein Weinstock foot stand. Nach seinem Alphabet mußte er das Wort arp lesen, und durfte nach der Darstellung eine Bedeutung wie „Wein" vermuten, eine Vermutung, die fast zur Gewißheit wurde, als er die koptische Sprache befragte, in welcher hpn ,,Wein“ bedeutet. Dieses Wort offenbarte ihm gleichzeitig in dem lekten Zeichen die Existenz der oben besprochenen Deutzeichen, der Determinative, die den Sinn eines lautlich geschriebenen Wortes angaben. So gelangte Champollion zu der Erkenntnis, daß die ägyptische Schrift aus lautlichen und bildlichen Zeichen bestehe, und wenn er auch in Einzelheiten das System der ägyptischen Schrift theoretisch nicht richtig erkannt hat – die Bedeutung der Silbenzeichen ist ihm nicht völlig klar geworden – so hatte er doch bereits im Jahre 1822 in der Hauptsache das große Rätsel gelöst. Sehr bald lieferte er den Beweis, daß sich mit dem neuen Schlüsjel Inschriften wirklich lesen und verstehen ließen. Voll Staunen stehen noch heute die Epigonen des großen Meisters vor seinen Übersegungen, die Wunderwerke divinatorischer und methodischer Kombination sind. So manches, was erst durch die Arbeit 24

Verhältnis zu anderen Schriftsystemen.

AO. VIII, 2

von Jahrzehnten als gesichertes Gut eingebracht worden ist, ist hier bereits vorher richtig erkannt worden. So durfte Champollion, als er, 42 Jahre alt, die Augen schloß, mit dem Bewußtsein sterben, daß sein stolzer Bau auf festem Fundamente stand. Was auch alles die Zukunft, vor allem in den leßten beiden Jahrzehnten, an Neuem gebracht hat, die Grundlagen der von Champollion begründeten Wissenschaft sind unverändert geblieben, und so ist auch das Bild, das hier von der ägyptischen Schrift entwickelt worden ist, in den Hauptzügen dasselbe, das einst ihr genialer Entzifferer in seiner ersten grundlegenden Arbeit entworfen hat.

Ehe wir noch einen Blick auf die Sprache werfen, sei hier kurz die schwierige Streitfrage beantwortet, ob das ägyptische Alphabet über die Grenzen Ägypteris hinaus Verbreitung gefunden hat, vor allem, ob es, wie oft behauptet wird, der Vater des phönizischen und somit in lekter Linie auch des unsrigen sei. Die bisherigen Forschungen haben in keiner Weise den Beweis für die ägyptische Herkunft des phönizischen Alphabets erbracht 1. Über die Nordgrenze scheinen die Hieroglyphen nicht hinausgekommen zu sein. Dagegen haben sie sich im Süden in Nubien Eingang verschafft. Die Tempel dieser südlichen Enklave Ägyptens waren in der pharaonischen Zeit ebenso mit Hieroglyphen geschmückt, wie die des Stammlandes, und aus dieser Schrift hat das in der römischen Kaiserzeit entstandene meroitische Reich unter starken Umbildungen eine neue Schrift geschaffen, die ebenso wie die Mutterschrift eine Monumentalund Schreibschrift 2 besaß, doch ist diese nicht aus jener entwickelt worden. Beide sind noch nicht entziffert.

Die ägyptische Sprache, die Seele der ägyptischen Schrift, ist eine Mischsprache, die den semitischen Sprachen (arabisch, aramäisch, hebräisch usw.), den kuschitischen Sprachen (Bischari, Agau, Galla, Somali usw.) und den nordafrikanischen Berbersprachen verwandt ist. Die beiden lektgenannten Sprachgruppen einschließlich des ägyptischen pflegt man hamitische Sprachen zu nennen. Vielleicht – aber mehr als eine Hypothese ist das nicht — wanderten in unvordentlicher Zeit semitische Nomaden in das fruchtbare Niltal ein und verschmolzen hier mit der Urbevölkerung, die aus ku(chitischen, nubischen und libyschen Stämmen bestanden haben mag, AO. VIII, 2

1) Vgl. dazu die legte klärende Behandlung der Frage von lidz barski in der Ephemeris für semitische Epigraphik I 109 ff. 268 ff.

2) AO. VI, 2 S. 30.

Die Sprache – Sprachperioden.

25

zu dem einheitlichen Volke, das wir Ägypter nennen. Sollte das der historische Hintergrund des sprachlichen Befundes sein, dann würde die ägyptische Geschichte mit jener großen, man möchte sagen, typischen Bewegung beginnen, die in das Schicksal aller morgenländischen Völker so tief eingegriffen hat, mit jenem ewigen elementaren Gegensaß zwischen Wüste und Kulturland, zwischen Nomaden und Bauern, als dessen Phasen historische Ereignisse, wie der Einfall der Hyksos in das Niltal, die Eroberung Aanaans durch die Hebräer und die Ägyptens durch die Araber zu betrachten sind. So sind, um die semitische Sprachverwandtschaft zu charakterisieren, die ägyptischen Wörter für manche Körperteile und Zahlwörter sowie eine Reihe von Pronominal- und Verbalformen dieselben wie in den semitischen Sprachen.

Nahezu 5000 Jahre hat die Sprache nachweislich gelebt, aus diesem Zeitraum besißen wir monumentale Zeugen, und in dieser ganzen Zeit war sie – was sehr bedeutsam ist – die Sprache eines Kulturvolkes. So ist es sehr begreiflich, daß sie in diesen Jahrtausenden große Wandlungen durchgemacht hat. Wir unterscheiden jeßt folgende Hauptperioden, von denen die 4 ersten sich der ägyptischen Schrift in ihren beiden Formen, der Monumentalund Buchschrift bedienen:

1. Das Altägyptische – die Sprache des
Volkes in der älteren Zeit (etwa 3000 bis

Die ιερά 2000 v. Chr.), welche die klassische Sprachel

} yaõooa des wurde und als solche sich in der religiösen

Manetho und gelehrten Literatur bis in die späteste

Zeit behauptet hat.
2. Die Volkssprache des mittleren Reiches (etwa

2000—1500 v. Chr.).
3. Die Volkssprache des neuen Reiches, das

„Neuägyptische“ (etwa 1500–800 v. Chr.). Die xocvn
4. Die Volkssprache der Spätzeit, die uns in diéłextos des

der demotischen Schrift vorliegt und daher Manetho.
„demotisch" genannt wird. Doch wird auch
die alte klassische Sprache in dieser Schrift

geschrieben. (Etwa 800 v. Chr.—200 n. Chr.)
5. Das Koptische – die in griechisch-demotischem Alphabet ge-

schriebene Sprache der christlichen Ägypter (Kopten). Etwa 200—1600 n. Chr.

26

Die koptische Sprache.

NO. VIII, 2

Innerhalb dieser Sprachperioden spielen auch die verschiedenen Mundarten eine Rolle. So ist uns für das 12. vorchristl. Jahrhundert (Papyrus Anastasi I, 28, 6) bezeugt, daß die Dialekte von Ober- und Unterägypten so stark voneinander abweichen, daß ein Bewohner des Deltas einen Oberägypter nur sehr schwer verstehen konnte. Da die Unterschiede aber nur in den Vokalen lagen, welche die ägyptische Schrift gar nicht oder nur unzulänglich bezeichnete, so können wir die verschiedenen Dialekte erst im Koptischen feststellen, dessen Schrift die Vokale wiedergibt. Nicht weniger als 5 Mundarten sind uns zurzeit aus dieser jüngsten Entwidlung der ägyptischen Sprache literarisch bekannt geworden.

Aber nicht nur für die Kenntnis der verschiedenen Dialekte ist die Vokalschreibung des Koptischen für uns wichtig geworden, sondern noch viel mehr dadurch, daß es erst so möglich geworden ist, die in der älteren Schrift rein konsonantisch geschriebenen Wörter zu vokalisieren. Wenn z. B. die alte Schrift das Wort „Blut“ snf schreibt, so lehrt uns das fopt. cnog „Blut“, das man das alte Wort snof zu vokalisieren hat. Mag auch die Nuance des betreffenden Bildungsvokals eine andere gewesen sein, so läßt sich doch mit Sicherheit aus der Tochtersprache die Stellung und die allgemeine Natur dieses Vokals in der Muttersprache erschließen. So ist also für die Ägyptologen die koptische Sprache das, was dem Alttestamentler die Masora, die Vokaltradition bedeutet. Sie hat erst den alten Konsonantengerippen Fleisch und Blut gegeben. Neben dem Koptischen haben sich aber noch keilschriftliche und griechische Transfriptionen für die Rekonstruktion altägyptischer Wörter von großem Wert erwiesen.

Diese theoretischen Ausführungen seien zum Schluß noch an einigen Beispielen praktisch erläutert. Ich beginne mit der ägyptischen Bezeichnung für den König . Pharao“. Das Wort sieht in der ägyptischen Monumentalschrift, den Hieroglyphen, so aus Lpr-'3 = . Es wird mit dem Wortzeichen (Bildzeichen) für Haus [] ägyptisch pr und dem Silbenzeichen ? (vgl. Abb. 1) geschrieben, das „groß“ bedeutet. Also Pharao heißt „großes Haus“ und bezeichnete ursprünglich den Palast des Herrschers und erst später diesen selbst. Es liegt also ein ähnlicher Bedeutungsübergang vor, wie z. B. in dem Ausdruck „hohe Pforte“, mit der die türkische Regierung bezeichnet zu werden pflegt. Die Vokalisation des im Altägyptischen fonsonantisch geschriebenen pra'ergibt

« ͹˹Թõ
 »