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Die Schrift und Sprache

der alten Ägypter

Don

Wilhelm Spiegelberg

a. 0. Professor an der Universität Strasburg

Mit 3 Abbildungen und mehreren Schriftproben

Leipzig
J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung

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Wegen der vielfach erweiterten Neudrucke empfiehlt es sich, stets nach Jahrgang, Heft und Seitenzahl zu zitieren, ev. noch mit hochstehender Ziffer die Auflage andeutend, also z. B.: AD. V, 2 S. 15 bez. AO. V, 22 S. 15.

Die folgende Darstellung will einen weiteren Kreis mit dem Wesen und der Geschichte der ägyptischen Schrift und Sprache bekannt machen. Dabei ist besonderes Gewicht darauf gelegt, zu schildern, wie wir uns die allmählige Entstehung des ägyptischen Alphabetes vorzustellen haben, dagegen ist die Geschichte der Entzifferung mehr in den Hintergrund gestellt, da jeder Leser, den sie besonders interessiert, heute darüber in dem vortrefflichen Buch von H. Hartleben über Champollion die beste Auskunft findet. Mit Rücksicht auf den populären Charakter dieser Skizze ist außer dem Namen des unsterblichen Entzifferers der ägyptischen Schrift kaum einer genannt, obwohl diese Arbeit in vieler Hinsicht die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Epoche der Ägyptologie zusammenfaßt, die sich für die Schrift und Sprache an den Namen Adolf Erman knüpft. Neben ihm seien aber an dieser Stelle noch Chabas und Goodwin genannt als die entscheidenden Förderer der Entzifferung der sogenannten hieratischen und Heinrich Brugich als eigentlicher Entzifferer der demotischen Schrift, obwohl auch hier Champollion die großen Linien gezogen hat. Um die bessere Erkenntnis des Wesens und der Entwiclung der Monumentalschrift (Hieroglyphen) hat sich F. LI. Griffith besonders verdient gemacht. Die koptische Sprache verdankt ihre wissenschaftliche Darstellung den methodischen Arbeiten von Ludwig Stern und Georg Steindorff, für die Beurteilung der gesamten ägyptischen Sprachphysiognomie ist Kurt Sethes großes Werk über das ägyptische Verbum epochemachend geworden.

Wer sich heute ohne Anleitung eine Kenntnis der ägyptischen Sprache verschaffen will, sei auf Ermans Ägyptische Grammatik und Steindorffs Koptische Grammatik verwiesen, die in ihren Literaturübersichten die besten Ratschläge für das weitere Studium enthalten.

1

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Anfänge der Schrift.

AO. VIII, 2

Die Schrift der Ägypter hat nicht anders begonnen als die aller anderen Völker. Ganz wie Kinder haben wohl alle Völker in ihrer Kindheit zeichnend geschrieben, sie haben die Gedanken, die fie schriftlich äußern wollten, in Bildern auszudrüden versucht. Diese ersten tastenden Versuche, über welche manche Völfer, wie z. B. die Indianer nie hinausgekommen sind, gehören der prähistorischen Zeit an. Aus dieser ersten Epoche der ägyptischen Geschichte liegen uns jeßt zahlreiche Denkmäler vor, aber sie haben uns bislang die Anfänge der Schrift nicht vor Augen geführt. Wo uns in

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Abb. 2. Elfenbeintäfelchen aus der Zeit des Menes (um 3400 v. Chr.]

mit Hieroglyphen ältester Form.

Ägypten die Schrift zuerst begegnet in der Mitte des 4. Jahrtausends ist sie bereits aus dem Stadium der Bilderschrift herausgetreten und hat den entscheidenden Schritt zur Lautschrift getan, das System der ägyptischen Schrift ist schon in allen wesentlichen Stücken fertig. Man schreibt freilich in den ältesten Inschriften meistens noch mit Bildzeichen, aber doch auch schon gelegentlich mit lautlichen Silbenzeichen.

Wenn es uns heute dennoch möglich ist, aus dem fertigen Gebilde die allmähliche Entwicklung zu rekonstruieren, also die Geschichte der ägyptischen Schrift zu schreiben, so verdanken wir das

AD. VIII, 2

Die Bilderschrift.

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dem konservativen Sinn des Ägypters, der auf vielen Gebieten jeiner reichen Kultur, z. B. in der Kunst und in der Schrift, das Alte durch das Neue nie verdrängen ließ, sondern es pietätvoll daneben konservierte. steht denn in dem fertigen Bilde der ägyptischen Schrift das alte System der Bilderschrift neben den neuen Elementen der Lautschrift, und die Schrift der historischen Zeit zeigt uns alle Etappen nebeneinander, welche sie nach einander durchlaufen mußte, um aus einer Bilderschrift das zu werden, was sie in der Hauptsache geworden ist, eine Lautschrift.

Geben wir also dem jeßt vorhandenen Schriftbilde die richtige historische Perspektive, so läßt sich folgende Entwicklungsgeschichte des ägyptischen Alphabetes in großen Zügen skizzieren.

In der prähistorischen Zeit war die ägyptische Schrift eine
reine Bilderschrift, man malte, was man schriftlich bezeichnen wollte.
Für einen sichtbaren Gegenstand seşte man dessen Bild.
Bild 1

1
Bedeutung

Aussprache 2

Hase

(wen)
Gans

53 (si)

wn

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A

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Mistfäfer

hpr(r) (chôper) Sonne

(re) Mond

jḥ (jooh) Stern

ś63 (šib) Gesicht

hr (hor) Rippe

śpr (spir) Eine sinnlich wahrnehmbare Handlung wurde so dargestellt, wie sie dem Auge erscheint:

(Mann mit Stoc) „schlagen“ șwj (piwe), B „fliegen“ p3 (pes). Diese Zeichen erscheinen schon gelegentlich in einer Art Kurzschrift, so wenn man statt der ganzen Figur eines Mannes lediglich

1) Die hier mit den heute üblichen nach links gerichteten hieroglyphischen Typen wiedergegebenen „klassischen“ Formen der Zeichen sehen wesentlich anders aus als diejenigen der ältesten Zeit (Abb. 2).

2) Die in Klammern gesepten Formen sind auf Grund des Koptischen pokalisiert worden (f. S. 26).

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