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phönizischen Inschriften

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Wilhelm

Freiherr v. Landau

Dr. phil.

Leipzig
J. €. Hinrichs'sche Buchhandlung

Der Alte Orient.
Gemeinverständliche Darstellungen

herausgegeben von der
Corderasiatischen Gesellschaft.

8. Jahrgang, Heft 3.

Wegen der vielfach erweiterten Neudrucke empfiehlt es sich, stets nach Jahrgang, Heft und Seitenzahl zu zitieren, ev. noch mit hochstehender Ziffer die Auflage andeutend, also z. B.: AO. V, 2 S. 15 bez. AO. V, 22 S. 15.

Die großen Kulturländer des alten Drients haben eine Fülle von Urkunden geliefert, welche ihre Völker als reichlich so schreibselig zeigen, wie es die Menschheit des papierenen Zeitalters ist. Die Papyri und Dstrafa Ägyptens, die Tontafeln der Euphratländer sind die Zeugnisse einer auf dem Schreibwesen beruhenden Verwaltung und Regierung, welche weit über das hinausgeht, was etwa die klassische oder die mittelalterliche Kultur auf diesem Gebiete geleistet hat. Nicht in allen ihren Stücken sind vielleicht diese Zeugnisse der Vergangenheit dem Forscher willkommene Funde. Statt der hunderte von Steuerquittungen oder von Lieferungstäfelchen mit ihren stereotypen Formeln jähe er wohl lieber Nachrichten über die politischen Schicksale der Staaten oder literarische Erzeugnisse nach Art der Epen und jonstigen Erzählungen dem Erdboden entsteigen, welche einen Einblick in die Geschichte oder das Geistesleben der ältesten Kultur der Menschheit eröffnen könnten. Wenn man von der Altertumswissenschaft aus, so wie sie sich vor der Wiedererschließung des alten Orients darstellte, an die orientalische Altertumskunde herantritt, so ist eine in Fleisch und Blut übergegangene Vorstellung die von der Verschiedenheit des Schreibwesens in bezug auf Literatur und Urkunde. Die erstere bedient sich des Papyrus, dann des Pergaments und schließlich des Papieres, um das Buch herzustellen, die Urkunde wird auf Stein oder festes Material geschrieben und ist meist zur öffentlichen Aufstellung bestimmt, sie ist, wenn von irgendwelcher Bedeutung, eine Inschrift. Deren Entwicklung in ihren Ursprüngen und ihren Bedingungen zu schildern — sie knüpft schon mit dem Material an Ägypten an – ist hier nicht die Aufgabe, nur der Unterschied zwischen Schriftstück und Inschrift soll betont werden, da er dem Fernerstehenden in der orientalischen Altertumskunde heute leicht verwischt erscheinen könnte. Man könnte geneigt sein, namentlich in der Feilschriftlichen Altertumskunde, weil gewohnheitsgemäß von Inschriften gesprochen wird, sich nicht immer klar gegenwärtig zu halten, daß die überwiegende Zahl der Urkunden aus dem Bereiche der Euphratkultur ' nicht unter den Begriff der

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Inschrift, Schriftstüc, Buch.

AD. VIII, 3

Inschrift, sondern den des Schriftstücks" fällt, denn die Tontafel ist, was in Ägypten der Papyrus, bei uns das Papier ist. Uuf ihr wird das literarische oder geschäftliche Schriftstück verzeichnet, die öffentlich aufgestellte Inschrift in Stein bleibt ihr gegenüber stark in der Minderheit. Den sehr zahlreichen Inschriften des klassischen Altertums gegenüber erklärt sich das zum guten Teil aus der Verschiedenheit des politischen Lebens. Der Orient erfuhr, was der König zu verfünden für gut befand, in der Selbstverwaltung der griechischen Gemeinwesen war auch für die Taten oder Ansprüche des Bürgers ein Plaß in der Öffentlichkeit

. Von dem nicht Keilschrift oder Hieroglyphen schreibenden Orient sind wenn wir von der Bibel absehen Inschriften nur wenig, Schriftstücke in verschwindender Minderheit auf uns gekommen.

Nur Ägypten liefert auf seinem Papyrus eine Anzahl von solchen; eine Rechnung aus einem cyprischen Tempelarchiv ist außer diesen vielleicht noch das größte Stück und das einzige dieser Art in phönizischer Sprache. Die biblischen Schriften sind der einzige Rest der Buchliteratur, der auf uns gekommen ist, und doch müssen Bücher, wie sie die Quellschriften der jeßigen biblischen Bücher darstellen, auch bei den übrigen Völkern Palästinas und Syriens reichlich geschrieben worden sein. Wir erfahren bei den Phöniziern von solchen durch die griechische Überlieferung, unmittelbare Reste in der Ursprache sind aber nicht erhalten.

Man kann danach ermessen, wie viel zu Grunde gegangen ist, und wenn die Steininschrift dauerhafter ist als das Material des Buches Papyrus oder Pergament – so zeigt uns gerade die Spärlichfeit der Inschriftenfunde auf dem Boden Syriens und Palästinas, daß die Verhältnisse selbst deren Erhaltung nicht günstig gewesen sind. Es ist bezeichnend, daß gerade der Boden des eigentlichen Phönizien bisher noch die verhältnismäßig geringste Anzahl an phönizischen Inschriften und damit also an Originalurkunden überhaupt — geliefert hat, und nach allem, was man auf Grund der Sachlage vermuten kann, ist auch wenig Hoffnung vorhanden, daß eine wesentliche Änderung selbst durch Ausgrabungen zu erzielen wäre. Man wird kaum mehr als Einzelfunde, wie bisher, erhoffen fönnen und diese auch wohl vorwiegend nur aus einer Zeit, wo das phönizische Volksleben bereits unter fremden Einflüssen stand.

Wir werden nämlich noch sehen, daß die Inschriften, welche wir haben, bis auf unbedeutende Ausnahmen, erst der Zeit seit der AD. VIII, 3

Spärlichkeit der Inschriften.

Perserherrschaft, meist jogar der hellenistischen, angehören, während wir doch gerade aus derjenigen Zeit Nachrichten und Zeugnisse haben möchten, wo in Phönizien wie im benachbarten Israel sich der Gebrauch einer eigenen Schriftsprache unter dem Einfluß eines verhältnismäßig selbständigen politischen Lebens entwickelt hat, d. h. ungefähr vom 10. bis zum 6. Jahrh. v. Chr.

Die Erklärung für diese ungünstige Sachlage gibt die Geschichte des Landes; durch die persische Eroberung sind die phönizischen Handelsstädte in politische Verhältnisse gekommen, welche ihrer friedlichen Entwicklung und damit der Anhäufung von Reichtum besonders günstig waren. Die Zugehörigkeit zu einem großen Staatsverbande ist an und für sich für ein handeltreibendes Volk von großem Vorteil, da sie ihm die Gewähr eines freieren und ungestörten Verkehrs bietet. Dann aber sind die Phönizier von den Perjern sicher besonders rücksichtsvoll behandelt worden, denn sie stellten ihnen den größten Teil der Mittelmeerflotte und waren n den Kämpfen mit dem Griechentum der festeste Rückhalt für sie?. Die Vereinigung von griechischer und orientalischer Welt durch Alexander und den Hellenismus führte eine Blütezeit des Verkehrs im Mittelmeere herauf, und wenngleich die Phönizier jest nicht mehr die bevorzugte Seemacht waren, so haben sie doch in dem bald wieder erstandenen Gegensaß zwischen Agypten und Syrien (Ptolemäer und Seleukiden) eine gewichtige Rolle gespielt und ihren Vorteil wahrzunehmen verstanden. Das römische Weltreich bot dann noch günstigere Bedingungen und so darf man sich die Jahrhunderte von der Perserherrschaft bis zur Aufsaugung des phönizischen Vollstums als Zeiten reichen Wohlstandes vorstellen.

Das Land hat dabei naturgemäß seine Kultur weiter entwickelt und ist namentlich den Einflüssen der verschiedenen Länder unterworfen gewesen, mit denen es im regsten Verkehr stand. Vor allem hat griechisches Wesen immer mehr um sich gegriffen und ist schließlich hier siegreich geblieben. Denn in den Jahrhunderten nach Christus müssen wir uns ein allmähliches Aufhören des phönizijchen Volkstums denken, das schließlich seinen Ausdruck in dessen Erjak der alten Landessprache durch das Griechische findet. Schon früher aber hat der Hellenismus in den führenden Schichten der Bevölkerung um sich gegriffen und damit auch seinen Einfluß in der Verwaltung und in der Kunst ausgeübt. Soweit namentlich die lektere

1) AO. II, 42 S. 28.

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