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v. Wrede. Arnaud.

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8000 Einwohnern im Wadi Kasr (9. August). Am 11. August unternahm er einen Ausflug nach der Wüste El Ahqaf über Sawa durch das Wadi Rachije. In Sawa fand er alte Grabmäler und Spuren alter Inschriften. Der Rückweg führte ihn über "Amd wiederum nach Choraibe (21. August). Nun gedachte er das Wadi Hagaryn entlang zu ziehen, die Ruinen des Wadi Ghaibun, wo viele Kuinen mit Inschriften sein sollten, und dann Schibam und das Grab des Propheten Hud im Wadi Mesile zu besuchen, er sollte aber nur bis zur Stadt Saif kommen. Dort waren damals wegen der Wallfahrt zum Grabe des Propheten Hud, die in diese Zeit fiel, die auch für Wrede der immer wieder zu seiner Rechtfertigung betonte vorgebliche Zweck seiner ganzen Reise war, große Scharen von Beduinen aus verschiedenen Stämmen zusammengeströmt. Er wurde als „Spion der Ferenghy“ verdächtigt und nur wie durch ein Wunder entging er dem Tode durch die Hand der phanatisierten Massen. Er wurde gefangen genommen, aller seiner Barmittel beraubt und nur unter der Bedingung freigelassen, daß er alle seine Aufzeich nungen herausgebe und auf dem direktesten Wege nach Makalla zurückkehre. Glücklicherweise hatte er seine Notizen vorher alle reingeschrieben, sodaß es ihm gelang, wenigstens diese Duplikate zu retten. Dagegen war es ganz unmöglich, das Reisegebot des Sultans zu umgehen. Wrede mußte sich darein fügen, von dem Beduinen, den ihm der Sultan mitgab, geleitet, direkt nach Mafalla zu wandern, wo er am 8. September ankam. Von da aus kehrte er zu Schiffe nach Aden zurück.

Die für die altjemenische Inschriftenkunde bedeutjamste Epoche beginnt in demselben Jahre (1813), in dem v. Wrede gereist ist, mit den fühnen und überaus erfolgreichen Reisen des französischen Apothekers Jojeph Arnaud.

Bisher war es keinem Reijenden – wenn nicht etwa Seetzen, aber darüber fehlen uns sichere Nachrichten – gelungen, weit über San'a hinauszukommen. Namentlich die alte Metropole des Sabäerreiches, Marib, war, obwohl nur wenige Tagereisen weit östlich von San'a gelegen, noch von keinem Reisenden erreicht worden. Alle bisher ausgeführten Exkursionen beschränkten sich auf das von den Verbindungslinien der Pläße Aden, San'a, Loheja, Mocha, Aden umspannte Gebiet und auf die Hadramautischen Gegenden. Die Mehrzahl der alten Ruinenstätten, die eine große epigraphische Ausbeute versprechen, liegen außerhalb dieser Grenzen. So ist es

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erklärlich, daß das inschriftliche Material, das bis zum Auftreten Arnauds entdeckt wurde, ungemein dürftig war. Es umfaßte alles in allem etwa 15 Inschriften, von denen nur der kleinere Teil nach Umfang und Inhalt wirklich bedeutungsvoll war.

Arnaud war früher als Apotheker in den Diensten des Imam von San'a gestanden und hatte dessen volles Vertrauen genossen. In San'a hatte er schon viel von den Inschriften und Ruinen in Marib gehört und brannte vor Begierde, sie der Wissenschaft zugänglich zu machen. Bei einem Besuche des französischen Konsuls Fresnel in Dichidda fand er volles Verständnis und energische Aufmunterung für jeine Pläne. Er schloß sich einer von Dschidda nach San'a reisenden türkischen Gesandschaft an und fam am 9. Juli 1843 wieder nach San'a. Dort trennte er sich alsbald von den Türken, hielt sich in einem kleinen Kaffeehause verborgen und betrieb von da aus in aller Stille die Vorbereitung zu seiner gefährlichen Reise. Es gelang ihm, zuverlässige Führer und Begleiter zu finden, sodaß er das Unternehmen wagen durfte.

Der eingeborene Begleiter ist in der Tat die wichtigste Vorausseßung für das Gelingen solcher Reijen in Arabien. Die Sicherheit, die dieser dank dem Verhältnisse seines Stammes zu denen der zu durchquerenden Gebiete genießt, ist die des Reisenden selber. Der Führer nimmt den Reisenden unter seinen und seines Stammes Schuß. Eine Verlegung seiner Schußbefohlenen schließt die des Beschüßers in jich, natürlich nur jo lange, als der Reisende alles vermeidet, was ihn als Christen, Türfen oder Ferenghy (Europäer) verdächtigen fann; ist ein solcher Verdacht einmal rege geworden, so können meist nur ganz besondere Umstände ihn vor dem Fanatismus der Eingeborenen retten. Den Führer dagegen verpflichtet das einmal feierlich abgegebene Versprechen unter allen Umständen zur Treue gegen seine Schußbefohlenen. Das kommt besonders deutlich zum Ausdruck in der Zeremonie, mit der in Hadramaut die Übergabe eines Fremden in den Schuß eines Beduinen vollzogen wird. Wrede erzählt darüber (S. 55):

„Nach Abschluß des Kontraktes legte mein Wirt die Hand des Beduinen in die meinige und frug ihn, ,ob er mich und meine Habe während der Reise beschüßen wolle ? Auf sein gegebenes Ja' beneßte der Kaufmann seinen Zeigefinger mit dem Speichel und schrieb meinen Namen auf die Stirn des Beduinen, indem er sprach: ,Der Name dieses Fremden steht auf seiner Stirn geschrieben,

1) Im Jemen und im nördlichen Arabien wird nach Wrede diese Zeremonie nicht beobachtet.

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Aquagbere, daß sie sich nie mehr vor deinem Stamm erhebe, wenn ihm etwas zu Leide geschieht! Der Beduine erwiderte mit großer Lebhaftigkeit: ,Sie er: hebe sich nie mehr, weder in den Städten, noch in den Gebirgen! Mein Tod ist sein Tod! Und sein Tod der meinige! Es ist nur ein Gott und Mohammed ist sein Gesandter. Alles kommt von ihm! Hiermit endigte die Zeremonie und mein Wirt dersicherte mir später, daß ich nun dem Beduinen volles Zutrauen schenken könne.“

Vor dem Antritt der Reise mußte Arnaud auch sein Kostüm derart in Stand seßen, daß es nicht bei den Beduinen unnötiges und gefährliches Aufsehen erregte, er mußte selber ein Beduine werden. Vor allem fiel der „türkische Schnurrbart den nationalen Vorurteilen der Eingeborenen zum Opfer. In San'a heißt, jo sagt Ritter, der Mann mit Bart und Schnurrbart „widerwärtig“; derjenige aber, der das linn glatt hält und den Schnurrbart wachsen läßt, wie die verhaßten Türken, der gilt für einen abscheulichen Rebellen gegen menschliche und göttliche Geseße. Auch in der Süleidung mußte er sich der Landestracht anbequemen: diese besteht in einem groben Zeug von Schafwolle, das um die Hüften geschlungen wird, in einem Hemd von schwarzen Tuch, bis an die Aniee reichend, mit weiten Ärmeln versehen. Ein kurzes Beinkleid bis über die Aniee, ein schwarzer fettiger Lappen als Kopftuch mit einem baumwollenen Luntenstrick um den Kopf gewickelt, schlechte Sandalen an die nackten Füße gebunden und die Flinte über den Rücken gehängt, mit brennender Lunte, zu jedem Angriff bereit – das war das Kostüm, um sich womöglich jedem Sohn der Wüste gleichzustellen ... So zog Arnaud in das wilde, von Stammesfehden aufs äußerste beunruhigte Land, um die alte Sabäerstadt zu besuchen. Am 12. Juli brach er auf, 2 Tage lang auf dem Hochplateau und von da bis kurz vor Marib auf stets fallendem Gelände ziehend, bis er am 18. Juli Marib selbst erreichte.

Auf einem mächtigen Schutthügel liegt aus etwa 80 Häusern bestehend der moderne Flecken Marib. Der Weg dahin führt über die Ruinen des alten Dammes von Marib. Nur mit knapper Not entging hier Arnaud, als er auf kurze Zeit von seinen Begleitern getrennt, beschäftigt war, die Maße der Dammreste aufzunehmen, und was er an Inschriften fand, zu kopieren, der Ermordung durch zwei Beduinen, die schon ganz dicht hinter ihm standen, als ihn der warnende Zuruf jeines Führers zur Flucht trieb. Der Einzug in die Stadt glich keinein Triumphzuge. Die Beduinen, die sich dem kleinen Trupp angeschlossen hatten, konnten sich nicht genug darin tun, den Reisenden zu verhöhnen wegen seiner schwächlichen Gestalt,

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und als sie an das Tor des Ortes kamen, wo schon große Menschenmengen zusammengelaufen waren, lief ein Beduine voraus und schrie „wir bringen Euch den Mahdi“, d. i. etwa den „Narrenprinzen“. Beim Sherif des Ortes aber wurde er freundlich aufgenommen. Vom Volfe, dein er zunächst als Türke, der das Land ausspüren wolle, und dann als Nichtmuselmann verdächtig war, hatte er gleichwohl unendlich zu leiden. Am 19. Juli bejuchte Arnaud in Begleitung des Sohnes des Scherifs und eines jungen Arabers, der als Pilger schon in Indien gewesen und sich seitdem in der Heimat nicht mehr wohl fühlte, die Ruinen der alten Stadt. Die Beduinen folgten ihnen auf dem Fuße nach, begierig sich einen Anteil an den Schäßen zu sichern, die der Fremde heben würde. Durch eine List vermochte sie der Sohn des Scherif auf kurze Zeit zu verscheuchen; er rief ihnen nämlich zu, der Fremde jei gegen alle Kugeln gefeit, und feuerte einen Scheinschuß auf Arnaud ab. Mit dem Schreckensrufe „Ein Zauber, ein Zauberer!" entflohen die abergläubischen Wüstenjöhne. Aber auch die Hilfsbereitschaft des jungen Prinzen hielt nicht lange stand. Vor einem großen Quader, der mit einer Inschrift bedeckt war, gebot der Prinz dem Forscher, die jelbe abzuschreiben. Da Arnaud jofort erkannte, daß es nur eine Moranstelle sei, die auf dem Steine stand, weigerte er sich, um die kostbare Zeit für wichtigere Aufgaben zu sparen. Darüber ergrimmte der Prinz aber gewaltig, hieß den Gastfreund einen ungläubigen Hund, und verließ ihn. Nun fonnte Arnaud ungestört und nach eigenem Gutdünfen die Ruinen untersuchen, die freilich meist nur in großen Erdhaufen bestanden. Weitere Ausflüge konnten an diesem Tage nicht mehr unternommen werden, und jo kehrte Arnaud mit dem jungen Pilger, der ihm treu ergeben war, in sein Quartier zurück. Was hier an Verhöhnung und Mißhandlung seiner wartete, spottet jeder Beschreibung. Die wilden Abidahbeduinen waren aus der ganzen Umgegend in die Stadt gekommen, den Fremdling zu jehen. Sie vermuteten in ihin einen Ungläubigen und Zauberer, der über ihr ganzes Land Unglück und Jammer bringen würde. Wäre nicht der Scherif jo mannhaft für seinen Gast eingetreten, dieser wäre niemals lebend aus der Stadt gekommen. Die goldenen Worte, mit denen er die sich wie rasend gebärdenden Männer und Weiber im Zaume hielt, verdienen auch hier Erwähnung zu finden: „Weil er unser Gast ist, laßt ihn doch gewähren, wie es ihm gefällt. Geschieht uns übel, jo ist es durch Allahs Willen.“

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Am 20. Juli fonnte Arnaud auch die Pilaster und das Haram Billis mit ihren vielen Inschriften besuchen. Die ersteren sind mächtige Monolithen zum Teil ohne, zum Teil mit quadratischen Kapitelen, in gleichen Abständen voneinander aufgestellt. Das sog. Haram Biltis, der Palast oder Tempel einer jagenhaft hebräischen Königin Billis, die als die aus der Geschichte Salomos bekannte Königin von Saba gilt, ist ein Bau von elliptischer Gestalt, von dem nur noch Mauerreste stehen, die mit großen Inschriften bedeckt sind 1.

Am nächsten Tage mußte der Rückweg angetreten werden. Die Feindjeligkeiten der Beduinen machten einen erfolgversprechenden Aufenthalt völlig unmöglich. „Noch 2 Tage dieser Art“, sagt Arnaud, „und ich wäre vor Arger und Qualen gestorben“.

Mit einer großen Karawane, die kurz vorher in Marib eingetroffen war und nun mit Salz beladen nach San'a zurückkehrte, brach er auf. Am 2. Tage des Rücmarsches besuchte er die Ruinen von Sirwach, wo eine Anzahl Inschriften in aller Eile kopiert werden mußten, da die Karawane unterdessen weitergezogen und die Gegend gefahrvoll war. Am 4. Tage, als man die Höhe des Plateaus von San'a wieder erreicht hatte, eilte Arnaud mit einem Diener der Karawane vorauf, da er Kunde von einem geplanten Überfall erhalten hatte. Unterwegs aber verlor er auch diesen Begleiter, übernachtete allein in dem lezten Dorfe des Wadi Serr und mußte, da jener am anderen Morgen noch nicht erschien, allein den noch 5 Stunden weiten Weg bis nach San'a antreten. Kurz vor Sonnenuntergang traf er in Sanóa ein, zur Verwunderung aller. Niemand hatte geglaubt, daß er lebend aus Marib wiederkehren würde. Da sein Diener auch den ganzen folgenden Tag noch nicht fam, fürchtete Arnaud sehr für den Verlust seiner Papiere und Inschriften. Es war aber auch wie ein Wunder, daß sie überhaupt noch in seine Hände gelangten. Denn der Diener, der endlich am 27. Juli eintraf, war unterwegs von einem raubsüchtigen Scheich angehalten worden, der sein ganzes Gepäck durchsuchte, Oblaten in einer Blechbüchse für verherte Goldstücke erklärte und damit bewies, daß er

1) Die Pläne, die Arnaud von dem Damm und den Ruinen von Marib entworfen hatte, sowie die Erläuterungen dazu, waren lange Zeit vollständig verschollen. Erst im Jahre 1874 sind sie auf geradezu wunderbare Weise ans Licht gekommen. Vgl. hierüber Mohl im Journal Asiatique VII/3 S. 1 ff. Vgl. die Abb. bei D. H. Müller, Burgen und Schlösser, und die Arnauds Angaben vielfach korrigierenden Ausführungen E. Glasers bei Nielsen, Mondreligion S. 100 ff.

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