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Rassam’s nächtliche Grabungen in Dujundjik.

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dies Arbeitsfeld, das die Franzosen unbegreiflicherweise vernachlässigten, zu untersuchen und wenn möglich durch einen glücklichen Fund den Engländern zu sichern. Günstige Gelegenheit und eine mondhelle Nacht, nichts weiter war dazu nötig. Hören wir seine eigene Schilderung!

„, Nachdem ich einige Tage auf eine mondhelle Nacht gewartet, wählte ich eine Anzahl meiner alten zuverlässigen arabischen Arbeiter aus, auf deren Verschwiegenheit zu trauen war, dazu einen vertrauenswürdigen Aufseher, und befahl ihnen, sich 2 Stunden nach Sonnenuntergang an einem bestimmten Punkt des Hügels zu versammeln. Als alles so weit war, kam ich selber und bezeichnete ihnen drei verschiedene Punkte, an denen sie graben sollten. Das selbst befanden sich bereits etliche Laufgräben von einer früheren Gelegenheit her, aber im vorliegenden Falle wieš ich die Arbeiter an, sie quer zu durchstechen und tiefer hinabzugehen; nachdem ich die Arbeit persönlich bis Mitternacht geleitet, ließ ich sie allein weiterarbeiten (nachdem ich befohlen, bei Tagesgrauen aufzuhören) und ging zu Bett. Am nächsten Morgen prüfte ich die Laufgräben und da ich einige günstige Anzeichen von assyrischen Resten fand, verdoppelte ich für die zweite Nacht die Zahl der Arbeiter und ließ sie die ganze Nacht hindurch angestrengt schaffen. Wie gewohnt, leitete ich die Arbeit bis Mitternacht und ging dann zu Bett; noch aber hatte ich keine zwei Stunden geschlafen, als mein getreuer albanischer Aufseher angerannt fam mit der frohen Kunde von der Entdeckung einiger zerbrochener Skulpturen. Unverzüglich eilte ich an Ort und Stelle, stieg in einen der Gräben hinab und sah im Mondschein den untern Teil von zwei Basreliefs, deren obere Hälfte zerstört war von den Sassaniden oder anderen Barbarenvölkern, die nach der Zerstörung des Assyrerreiches den Hügel in Besiß hatten. Diesen Schluß aus der Erfahrung legte die Prüfung des Fundaments und des Backsteinwalles nahe, der die Basreliefs trug; so wies ich die Arbeiter an, den Unterteil der Bildwerke bloszulegen, der deutlich bewies, daß die Tafeln zu einem neuen Palaste gehörten; allein beim rundherumgraben stießen wir auf Knochen, Asche und andern Schutt, und keine Spur von andern Stupturen war weiter zu finden. Am dritten Tage war die Geschichte meiner nächtlichen Nachgrabungen in der Stadt Mojul ruchbar geworden, was mich gar nicht überraschte, wenn ich sah, wie alle die Angehörigen der Arbeiter, die an dem nächtlichen Werk beteiligt waren, wußten, daß irgendwo heimlich gegraben wurde; ferner mußten die in der Nacht nicht beschäftigten Arbeiter doch gesehen haben, wie ihre Kameraden die Zelte verließen und am nächsten Tage nicht zur Arbeit kamen. Nicht allein befürchtete ich, der französische Konsul möchte die Geschichte hören und mir das Graben verbieten auf einer Stelle, die er als seinen Grund und Boden reklamieren würde, sondern, schlimmer als alles, ich fürchtete in den Verdacht der Schapgräberei zu kommen bei den türkischen Behörden und der Bevölkerung von Mosul, die schon immer gedacht hatten, wir wollten uns bereichern durch die Entdeđung fabelhafter Reichtümer; demzufolge vermehrte ich in der dritten Nacht abermals die Zahl der Arbeiter und beschloß selbst zur Beaufsichtigung der Arbeit bis zum Morgen in den Gräben zu bleiben. Man kann sich wohl denken, wie ich auf den Tagesschluß lauerte, da es in meinen Gedanken außer Zweifel war, daß irgend welche assyrische Bildwerke in der Nähe dieser zertrümmerten Platten existierten, die wir Nachts zuvor gefunden hatten. Ich

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Der Sardanapalspalast.

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wurde in meinen Erwartungen nicht betrogen, denn die Leute hatten in der dritten Nacht noch keine drei Stunden gearbeitet, da entdeckten sie beim Drauflosgraben auf eine Böschung ein tadellos vollkommenes, prächtiges Basrelief, auf dem ein assyrischer König dargestellt war (der sich nachmals als Affurbanipal oder Sardanapal erwies), auf seinem Wagen der Löwenjagd obliegend. Der Jubel der Arbeiter überstieg alle Grenzen; sie famen alle zusammen und fingen an zu tanzen und aus vollem Halje zu singen, und weder Bitten noch Drohen meinerseits hatte die geringste Wirkung bei ihnen. In der Tat, ich weiß nicht, was mehr Freude machte: die Entdeckung eines neuen Palastes oder die Freude meiner treuen und dankbaren Arbeiter mitanzusehen. Wir arbeiteten bis zum Morgen weiter und deckten in dieser Zeit drei vollständige Skulpturen auf, so daß ich nun nicht den geringsten Zweifel mehr hegte, einen ganz neuen Balast vor mir zu haben. Die Nachtarbeiter wurden abgelöst und mit frischen Kräften am Hellen Tage das Werk weitergeführt. Nun brauchte ich ja nicht mehr zu befürchten, daß mir meine Kivalen in die Quere kommen würden, weil ich, der Gepflogenheit gemäß, diesen Palast der britischen Nation gesichert hatte. Jm Laufe des Tages legten wir das ganze Löwenjagdzimmer Assurbanipals frei, das sich jeßt im Erdgeschoß des British Museum befindet. In der Mitte dieses langen Zimmers oder Ganges lagen Haufen von beschriebenen Tontafeln, unter denen, glaube ich, die berühmte Sintfluttafel gefunden wurde. Zweifellos war dies das Archiv des Assurbanipal.“

Die in obigen Worten geschilderte Entdeckung war eine der bedeutsamsten, die bisher in Nineve zu verzeichnen war. Unbegreiflich ist es, wie Botta und Layard nach der Bloslegung anderer Bauten an den Ruinen dieses großen Sardanapalspalastes, die stellenweise faum einen Fuß unter der Oberfläche lagen, hatten vorübergehen können. Es war die höchste Blüte der assyrischen Kunst, die in diesem Palast zu Tage trat. Diese Reliefs sind ausgezeichnet durch ihre hohe technische Vollendung, die Schärfe der Zeichnung, die sorgfältigste Ausführung aller Kleinigkeiten bei gleichzeitiger Großartigkeit der Gesamtdarstellung. Einzelne dieser Reliefbilder sind zu den größten Meisterwerken der Kunst aller Völker und Zeiten zu rechnen. Ich erinnere nur an die sterbende Löwin, eine der ergreifendsten Darstellungen physischen Schmerzes und ohnmächtiger Wut, die es gibt; oder an die aus der Falle freigelassenen Löwen mit dem unheimlich realistischen Ausdruck blutlechzender Graujamfeit. Auch unter den Bildern jagender Rosje sind Darstellungen, deren ein Thorwaldsen sich nicht zu schämen brauchte. Und dieser Grad von Kunstvollendung und diese noch heute zu unseren Herzen sprechende Darstellung wird nicht beeinträchtigt durch die

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1) Für Abbildungen der Altertümer verweisen wir auf Hommel, Hilprecht, die Berliner Vorträge von Frdr. Deliksch, Bezold's Ninive und Babylon

u. a. m.

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W. K. Loftus. Rückblick.

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beinahe gänzliche Unkenntnis desjenigen Kunstgesezes, ohne das wir heute uns gar keine darstellende Kunst denken können, der Perspektive!

Die anderen Zimmer des Sardanapalspalastes, die Rassam danach aufdeckte, waren ebenfalls in einer überaus prächtigen Weise mit Szenen aus den vielen Kriegen Assurbanipals geschmückt. In der zusammengestürzten Ecke eines Saales fand sich ein leider schlecht erhaltenes Brisma mit den Annalen des Königs, das glücklicherweije später durch ein Duplikat erlebt werden konnte. Im April 1854 war die Durchforschung des ganzen Palastes beendet, und Rassam kehrte nach England zurück. Sein Nachfolger wurde William A. Loftus, der im Süden, in Babylon, mit vielem Glück gearbeitet hatte. Auch in Nineve hat er Erfolg gehabt und die englischen Sammlungen um manche Tontafel und manche Skulptur vermehrt. So ist z. B. das schöne Reliefbild, das den König und die Königin mit dem Weinbecher in der Hand beim Schmause darstellt, ein Fundstück des Lord Loftus. Leider fand sich nach Rawlinsons Abreise von Baghdad in London feine rechte Stimmung zur Fortseßung der Ausgrabungen in Nineve und stelach, so daß auch Loftus bald jeine Arbeit einstellte.

Damit ist die erste Hauptperiode der assyrischen Ansgrabungen auf dem Boden des alten Nineve zum Abschluß gekommen. Ehe wir zur Schilderung der zweiten Periode übergehen, ist es wohl angebracht, einiges über die Aufnahme dieser einzig dastehenden Entdeckungen durch das große Publikum zu sagen. Dabei ist freilich nicht zu vergessen, daß gleichzeitig mit den Forschungen und Funden in Assyrien eine andere nicht minder erfolgreiche Ausgrabungstätigkeit im alten Babylon Hand in Hand ging. Aber die Wunder von Nineve, die Layard und Rassam ans Licht gebracht, übten doch die größte Anziehungskraft aus.

Schier unermeßliche Inschriftenschäße waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Louvre und British Museum zusammengehäuft. Darum war es nicht zu verwundern, das vor der Enträtselung der babylonisch-assyrischen Keilschrift auch die abenteuerlichsten Gerüchte über Volk und Geschichte der Tigrisländer in Umlauf kamen. Erst das geniale Zusammenwirken des irischen Theologen Edward Hincs und des Colonels Sir Henry Rawlinson und die Übereinstimmung ihrer Arbeitsergebnisse mit den völlig selbständig gewonnen Resultaten Opperts und Talbots lieferten der gelehrten Welt – bis auf einige Nörgler, die endlich Eberhard Schrader zum Schweigen brachte -- den Beweis, daß die Assyriologen Der alte Orient. V, 3.

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Aufnahme der Resultate durch das Publikum.

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imstande waren, die Keilschrift nicht länger zu raten, sondern zu lesen. Von vielen Seiten wurde es daher mit Freuden begrüßt, daß die Verwaltung des British Museum unter der Leitung von Rawlinson und der Mitarbeit von Edwin Norris und des genialen George Smith begann, die Inschriftenschäße zu veröffentlichen. Das große fünfbändige Werf „The Cuneiform Inscriptions of Western Asia" ist trop vieler guter Neuausgaben einzelner Texte und trop der großen Werfe über neuere Funde das, Standard Work“ der Assyriologie geblieben, aus dem wir gelernt haben, und aus dem noch viele kom= mende Generationen lernen Iverden.

Erst die allerneueste Zeit mit ihrem tiefgehenden, durch die Berliner Vorträge von Friedrich Delizich wachgerufenen Interesse an assyriologischen Dingen ist Zeuge einer ähnlichen Bewegung, wie die war, welche damals durch England und Frankreich und auch durch das an den Entdeckungen jelbst nicht beteiligte Deutschland hindurchging. Alle Zeitungen berichteten über die neuen Funde, ja selbst die Modenzeitungen für die Frauen brachten Bilder der Monumente oder das Porträt eines Sir Henry Layard und anderer Forscher. Sobald jedoch die neue Sache die ernste Wendung nahn, daß sie nicht mehr ein Tuinmelplaß für jeden federgewandten Feuilletonisten blieb, sondern ein Gebiet ernstester wissenschaftlicher Arbeit wurde, dem die Dilettanten nach und nach den Rücken wenden mußten, ließ der Sturm der Begeisterung gewaltig nach. Ja troß des Vorhandenseins guter populärer Werke von evangelischen wie von katholischen Autoren ist Schreiber dieser Zeilen in den Räumen des Berliner Museums vor einem Dußend Jahren oft genug Zeuge gewesen der absoluten Verständnislosigkeit, mit welcher Angehörige der gebildetsten Stände den assyrischen Altertümern gegenüberstanden. Man hat mir gesagt, daß es nach dem Ausklingen der ersten allgemeinen Begeisterung in England und Frankreich nicht anders gewesen sei. In unseren Tagen scheint ja eine Besserung sich anzubahnen, nachdem von allerhöchster Stelle ein so nachhaltiges Interesse und liebevolles Verständnis für die assyriologische Forschung bekundet worden ist. Friedrich Delißsch hat durch seine Vorträge die Mitwelt freilich etwas unsanft aus ihrem Schlendrian aufgerüttelt, aber er hat sie gezwungen, sich wieder einmal und dieses Mal wegen der Antastung vitaler Interessen etwas gründlicher und nachhaltiger mit den feilschriftlichen Ergebnisjen zu beschäftigen, als man es in der Zeit tat, von der wir in diesem Heftchen berichten.

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G. Smith findet die Sintfluttafel.

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Doch zurück zum Gegenstand unserer Schilderung! Die zweite Periode ninevitischer Ausgrabungen sollte auf ganz absonderliche Weise eingeleitet werden. Als Rawlinson's Assistent bekundete der bereits genannte George Smith eine überaus glückliche Begabung in der Zujammenfindung der zu einander gehörigen, in wüstem Durcheinander nach England gebrachten Seilschriftbruchstücke. Er besaß einen großen Scharfblick für die Verschiedenheit der „Hand“ der einzelnen Tafelschreiber und ein enormes Gedächtnis für die Zeichenformen überhaupt. Diese Gaben in Verbindung mit einer großen Energie machten es ihm möglich, noch als Erwachsener die Lücken jeiner wissenschaftlichen Ausbildung zu ergänzen.

zu ergänzen. Sein Wunsch war, durch die Inschriften das Verständnis des alten Testamentes fördern zu helfen. So begann er systematisch das ganze faum übersehbare Tontafelmaterial zu durchmustern; er gewann eine Übung, auf den ersten Blick den Hauptinhalt einer Tontafel zu erfassen, wie sie nur sehr wenige nach ihm wieder erreicht haben. Er sonderte das große Material in sechs Abteilungen, in deren jeder dann ein leichteres Durchfinden und Zusammensuchen der Bruchstücke möglich war. Ende 1872 geriet er über ein größeres Bruchstück der, mythologischen Abteilung“, das sofort seine ganze Aufmerksamkeit fesselte: es war der babylonische Sintflutbericht! Er gab sofort seinen Fund bekannt und erregte damit das größte Aufsehen. Mit unermüdlichem Eifer suchte er nach weiteren Bruch stücken. So fand er endlich Teile von zwei anderen Eremplaren desselben Berichts und noch einige kleine Stückchen der zuerst gefundenen Tafel. Er konstatierte zugleich, daß die Sintfluttafel die elfte jei einer zwölf Tafeln umfassenden epischen Dichtung, deren Helden er provisorisch IZ-DU-BAR las. Heute wissen wir, daß dieser ideographisch geschriebene Name Gilgamesch zu sprechen ist. Weil Smith diesen Helden mit dem Nimrod der Bibel für identisch hielt, hat die ganze Dichtung den nicht völlig zutreffenden Namen „Nimrod", oder „IZ-DU-BAR-Epos" behalten, der endlich in neuester Zeit der richtigen Bezeichnung „Gilgamesch-Epos“ Plaß macht. Im Dezember 1872 las Smith in der Gesellschaft für

1) Es bedeutet geradezu eine absichtliche 3rreführung des Publikums, wenn in dem Babel-Bibelstreit aus dem Umstande, daß manche Gelehrte die provijorischen, aber fest eingewurzelten Lesungen GIS (oder IZ)-DU-BAR ruhig weiterverwenden, statt der endlich gefundenen phonetischen Namensform Gilgamesch. Kapital geschlagen wird für die laienhafte Phrase von der großen Unsicherheit der Keilschriftlesungen (so troß wiederholter Belehrung Ed. König von neuem in der 10. Auflage seiner Schrift Bibel und Babel S. 65).

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