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G. Smith's erste Reise nach Nineve.

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biblische Archäologie unter dem Vorsig Rawlinsons und in Gegenwart Gladstone's eine Abhandlung über das Epos vor und gab die erste Übersekung der babylonischen Sintfluterzählung. Mit einem Schlage war durch diesen Vortrag das eingeschlafene Interesse für neue Ausgrabungen in Assyrien geweckt. Noch ehe die Staatsregierung die Sache in die Hand nehmen konnte, boten die Befißer der großen Zeitung „Daily Telegraph" dem Finder des Sintflutberichtes 1000 Guineen zur Ausrüstung einer Erpedition, falls er bereit wäre, persönlich die Ausgrabungen zu leiten. Die Regierung nahm das hochherzige Anerbieten an und gewährte Smith den nötigen Urlaub. Am 20. Januar 1873 reiste er nach Mosul ab, wo er nach 6 Wochen anlangte. Da man versäumt hatte, in Konstantinopel rechtzeitig für einen Firman zu sorgen, hatte der Forscher hinreichend Zeit, auch die Hauptruinenstätten Babyloniens zu besuchen, deren systematische Durchforschung sich ihm als eine Notwendigkeit aufdrängte. Am liebsten hätte er selber sofort dies Werk begonnen, statt in dem gründlich durchwühlten Nineve nach ein paar fehlenden Tonbrocken zu suchen. Nach Mosul zurückgekehrt, begann er am 9. April in Nimrud die Ausgrabungen. Es war alsbald klar: die von Rawlinson längst vorausgejagten „Tage der Kleinigkeiten" hatten begonnen. Nur übersehene Bruchstücke, feine neuen Paläste und großen Bildwerke wurden gefunden. Es lohnt nicht der Mühe, diese einzelnen Funde von Nimrud aufzuzählen. Am 7. Mai begann Smith in Qujundjik die Nachforschungen nach den noch vermißten Tafeln der königlichen Bibliothef. Meist wurde nur unter seiner persönlichen Leitung gegraben. Es war eine mühsame Arbeit, den schon unterminierten Boden aufs neue mit Schächten und Gräben zu durchziehen. Durch Zusammenbruch früherer Laufgräben war das ganze Bild des Hügels völlig verändert. Es war ein trostlojer Wirrwarr von Löchern, Schutt, Rifjen und einsturzdrohenden Mauerresten, in welchem Smith arbeiten sollte. Es blieb ihm nichts übrig, wollte er nicht an die Beseitigung aller Schuttmassen denken, als sich auf die zwei Punfte zu beschränken, wo die Bibliothek gefunden war, und deren nächste Umgebung anf das sorgfältigste abzusuchen. Mit recht geringen Erwartungen ging er ans Wert, doch es sollte alles erfolgreicher ablaufen, als er erwartet hatte. Am 14. Mai reinigte er eines der am Tage gefundenen Tafelbruchstücke aus dem Sardanapalspalaste und erkannte voll Freude, daß es zur ersten Spalte der Sintfluterzählung gehörte. Smith berichtete seinen Erfolg sofort tele

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G. Smith's zweite Reise nach Nineve.

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graphisch nach London, aber er war tief gefränkt, daß dieser Nachricht seine Abberufung folgte mit der wenig plausiblen Motivierung, „daß mit der Entdeckung des fehlenden Bruchstückes des Sintfluttextes der Gegenstand, den sie (D. h. die Herren vom Daily Telegraph) im Auge gehabt, erledigt sei.“ Am 9. Juni entließ Smith seine arabischen Arbeiter und war 40 Tage später wieder auf englischem Boden.

Bald landeten auch durch Betreiben des britischen Gesandten in Konstantinopel die wertvollen Reste der Sardanapalsbibliothek in London, wo sie sofort von George Smith genau durchmustert wurden. Da ergab sich denn die große Bedeutung dieser neuen Funde, und die Museumsverwaltung faßte den Entschluß, den noch nicht abgelaufenen Firman des Sultans auszunußen und den Forscher auf Staatsfojten noch einmal nach Nineve zu senden. Bereits in den ersten Tagen des Jahres 1874 war der Gelehrte wieder in Mosul. Er war jedoch sehr überrascht, nach den wenigen Monaten seiner Abwesenheit die Lage jo völlig verändert wiederzufinden. Der Pascha von Mojul war einem neuen Gouverneur in Baghdad unterstellt, der sich das Recht zuschrieb, die Bewegungen der Fremden zu überwachen, ihre Aufseher zur Rechenschaft zu ziehen und durch eigene Schreiber über die Ausgrabungen Buch zu führen. Der leßte Umstand besonders wurde für Smith eine Quelle fortwährenden Ärgernisjes infolge falicher Berichte und daraus herrührender Quertreibereien. Nichtsdestoweniger ging er mit der größten Energie seiner Aufgabe nach, indem er die Zahl der Arbeiter auf 600 vermehrte, um den bald zu Ende gehenden Firman noch nach Kräften zu verwerten. Seine Arbeiten zogen daher einen möglichst weiten Bezirk in ihren Bereich und waren auf Beseitigung der enormen Schuttmassen von der Oberfläche des Hügels gerichtet, die von früheren Ausgrabungen her sich aufgetürmt hatten. Als er mit Ablauf des Firmans seine Nachgrabungen einstellte, widerfuhr ihm, was noch keinem bis dahin geschehen war: der neue Gouverneur ließ ihn nicht fort, es sei denn, daß er zuvor die Hälfte aller gefundenen Altertümer als Anteil für das Ottomanische Museum in Konstantinopel herausgäbe. Ein Depeschenwechsel mit dem britischen Gesandten in Konstantinopel half auch über diese Schwierigkeit hinweg, so daß er endlich Anfang April 1874 Mosul verlassen konnte und nur die Hälfte der Duplikate den Türfen auszuliefern brauchte.

Die Ausbeute dieser zweiten Reise war wie die der ersten keine so sehr augenfällige; erst das genaue Studium der gefundenen

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Ergebnisse der beiden Expeditionen.

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Tafeln ergab, daß sie doch von hoher Bedeutung für die Wissenschaft waren. Insgesamt hatte George Smith nicht mehr als drei Monate in den Ruinen von Nineve gearbeitet, und doch in dieser kurzen Zeit über 3000 Tafeln der königlichen Bibliothef zu Tage gefördert von jeglicher Gattung der assyrischen Literatur. Das wichtigste Ergebnis war die Auffindung sehr vieler Tafelbruchstücke, deren zugehörige Teile bereits mit früheren Erpeditionen nach London gekommen waren. Von den neugefundenen Texten standen an Wichtigkeit obenan die Fragmente des babylonischen Weltschöpfungsepos, der Sintfluterzählung und anderer Teile des großen Gilgameschepos. Dazu fam die Legende von den sieben bösen Geistern, die mythische Erzählung von der Jugend des Sargon von Agade und eine ganze Reihe hochwichtiger astronomischer und astrologischer Terte; ferner prachtvolle Hymnen an Iftar und an Gilgamesch. An historischen Inschriften sind erwähnenswert die schöne Adad-nirariTafel aus Mala-Scherqat, Inschriften von Salmanassar I. aus Nineve, das Fragment der sog. synchronistischen Geschichte von Assyrien und Babylonien im 13. Jahrhundert, das achtseitige Prisma enthaltend den Feldzug Sargons gegen Asdod (Jes. 20) und vieles Andere, zumeist herrührend aus dem Hügel Qujundjik. Die Ausbeute an Bildwerken und Kunstgegenständen war nur gering, da ja Smith deren Aufsuchung gar nicht in sein Programm aufgenommen hatte. Dies Programm aber, aufzusuchen was Frühere an Inschriften und Tontafeln übersehen oder liegen gelassen hatten, war von ihm in glänzender Weise zu Ende geführt.

Nach der Rückkehr in die Heimat begann für den eifrigen Gelehrten eine Zeit angestrengten Sichtens und Forschens, das sich vornehmlich auf alle mythologischen und historischen Terte erstreckte, die irgend eine Beziehung zum alten Testamente hatten oder zu haben schienen. Es war eine fieberhafte Tätigkeit, die der unermüdliche Mann entwickelte, eine Tätigkeit, die sicherlich mit dazu beigetragen hat, die Widerstandskraft seines Körpers zu untergraben. Schnell nach einander erschienen die zwei wichtigen Werke , Assyrian Discoveries" (London 1875) als Bericht über seine beiden Erpeditionen und „The Chaldean Account of Genesis" (London 1876) nebst vielen Übersekungen babylonischer Terte. Das Teßtgenannte Werk wurde in wenigen Monaten 5 mal neu aufgelegt. Der bescheidene, aus jo schlichten Verhältnissen durch eigene Kraft vom Kupferstecher zum berühmten Gelehrten emporgestiegene George Smith war der Held des Tages in England und weit über dessen Grenzen hinaus.

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G. Smith's leßte Reise. Sein Tod.

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Die große Wichtigkeit seiner Arbeiten für die biblischen Wissenschaften war der Antrieb, daß die Museumsverwaltung beschloß, abermals in Nineve durch ihn Ausgrabungen unternehmen zu lassen. Im März 1876 reiste er, mit dem notwendigen Firman versehen, zum dritten Male nach dem Drient. Als er nach Baghdad fam, fand er dort trübe Zustände: Cholera und Pest hatten in gleicher Weise unter der jeßhaften wie nomadisierenden Bevölkerung Mesopotamiens zu hausen begonnen. Aller Verkehr und alle Ausübung der Gastfreundschaft, von deren Bedeutung für den Orientreijenden wir uns faum den rechten Begriff machen, waren in hohem Grade erschwert, ja stellenweise gänzlich eingestellt. Unter solchen Umständen war es unmöglich, die Ausgrabungen zu beginnen. Smith jedoch versuchte immer wieder, das Unmögliche möglich zu machen

zu seinem eigenen Verderben. Oft ohne Obdach, im Freien fampierend, allen Regeln der Orienthygiene zuwiderhandelnd, oft tagelang nur von Brotfrusten lebend, dabei fieberhaft arbeitend mit seinem bereits durch die übereifrige wissenschaftliche Betätigung geschwächten Körper, brach er endlich zusammen und starb auf dem Rückweg nach der Heimat am 19. August 1876 zu Aleppo. Wie ein Bliß aus heiterem Himmel traf die Todesnachricht nicht nur seine zahlreichen Schüler in England, die ihn wie einen Propheten verehrt hatten, nein auch in Deutschland, wo unter Friedrich Delißsch ein neues, tatkräftiges Assyriologengeschlecht heranzuwachsen begann, erregte sein Tod die tieste Trauer. Delißich hat dem verstorbenen Freunde ein schönes Denkmal geseßt durch die Veröffentlichung der Aufzeichnungen aus jeinem leßten Tagebuch in dein dauernd wertvollen Werke „Wo lag das Paradies?". In Smith hat England einen seiner besten Gelehrten verloren, einen Self-made-man im edelsten Sinne des Wortes, der, wie Hilprecht schön und treffend jagt, durch harte Arbeit und Zucht des Geistes die Lücken ausgefüllt hat, die ihn von der „republic of letters“ trennten. Nur das Eine fehlte ihm: er hat es nie gelernt, sich fremden Sitten und Gebräuchen anzubequemen und im Verkehr mit den Söhnen des Ostens jene Liebenswürdigkeit zu zeigen, die einst einem Sir Henry Layard aller Herzen gewann.

Es war darum ein überaus glüdlicher Griff, als man versuchte, Hormuzd Rajsam, der zwar seit langen Jahren nicht mehr auf dem Felde seiner Triumphe, sondern auf dem gefährlicheren Boden der Diplomatie gewirkt hatte, seiner ersten Liebe, der Erforschung Assyriens, wiederzugewinnen. Nächst Layard war keiner so wie er aufs innigste vertraut mit Leben und Anschauungen des Orients; dazu kam seine

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H. Rasjam's Erpeditionen.

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praktische Erfahrung in der Technik der Ausgrabungen und sein unübertroffenes Finderglück. Seit 1869 lebte er, von den Strapazen seiner politischen Laufbahn ausruhend, in England als Privatmann. Ohne Zaudern leistete er dem Rufe Folge. Es war freilich eine höchst fatale politische Situation, die er kurz vor dem russisch-türfischen Kriege in Konstantinopel vorfand. Der damalige Großvezier Edhem Pascha, der Vater des jeßigen Direktors der kaiserlich ottomanischen Museen Erzellenz Hamdi Bey, machte Rassam den Vorschlag, alle gefundenen Altertümer an das Museum zu Konstantinopel abzuführen und nur die Duplikate nach England mitzunehmen. Dafür solle England das Privilegium erhalten, allein in türfischen Landen Ausgrabungen zu veranstalten. Rasjam kehrte mit diesem ihm durchaus ungenügenden Bescheid und nach einem Zeitverlust von vier Monaten nach England zurück. Da erhielt die Angelegenheit eine unerwartet günstige Wendung dadurch, daß Rajams alter Freund, der Entdecker Nineve's, Sir Austen Henry Layard, zum britischen Gesandten in Konstantinopel ernannt ward. Eine für Rassam bessere Wahl fonnte gar nicht getroffen werden. Layards persönlicher Verwendung beim Sultan gelang es, für Kassam einen Firman mit den früheren Vergünstigungen zu erwirken. Ehe jedoch der Forscher dieser Vorteile froh werden sollte, hatte er in Layards Auftrage sich noch einer diplomatischen Sendung nach KleinAsien und Armenien zu unterziehen, die er bis Ende 1877 glück= lich vollführte. Wenige Wochen danach begann Rassam die nur durch öfteres Stocken der Barmittel unterbrochene Reihe seiner Ausgrabungen, die sich in 4 Campagnen über ziemlich 5 Jahre erstreckten, nämlich vom 7. Januar 1878 bis Ende Juli 1882. Solange Layard seinen einflußreichen Posten bekleidete, war das Gelingen der Arbeiten gewährleistet; sein Geschick wußte alle Schwierigkeiten zu überwinden. Namentlich der zweite Firman war ein außerordentlich günstiger, da er für die Zeit von 3 Jahren gleichzeitige Ausgrabungen an verschiedenen Orten gestattete. Diese noch keinem Forscher bewilligten Freiheiten wurden denn auch von Rassam ausgenüzt in einer Art und Weise, welche mit Hilprecht im Interesse der Wissenschaft nur auf das lebhafteste bedauert werden kann. Es war schon mehr Plünderung als Erforschung, was nun begann, schon mehr Sport als Wissenschaft. Zum Glück ist durch den feingebildeten, kunstverständigen Hamdi Bey vorgebeugt worden, daß nach Ablauf der Rassam’schen Privilegien ein derartiges Brandschaßungssystem nie wieder zur Anwendung fommen kann. Man

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