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Die Bronzetore von Balawat.

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kann es ja schließlich Rasjam nicht verdenken, daß er eine nie wiederkehrende Gelegenheit so rücksichtslos wahrnahm. Sein Auftrag von der Verwaltung der Museen lautete freilich nur dahin, sich auf die Hügel von Nineve zu beschränken, und möglichst viele Bruchstücke von der Bibliothek Assurbanipals zu gewinnen. Der persönliche Ehrgeiz des Sportmans war jedoch mit dieser Aufgabe nicht zufrieden, deren Wichtigkeit er freilich nicht ermessen konnte, denn er entbehrte des dazu nötigen philologischen Verständnisses, ja er war außer stande, auch nur eine Zeile Neilschrift zu lesen. Er selber hat in einem vor wenigen Jahren erschienenen Buche ganz offen eingestanden, daß das Entdecken von Palästen ihm mehr behagte als solche wissenschaftliche Aufgabe.

Eine seiner ersten Taten war die Entdeckung der herrlichen Bronzetore von Balawat, etwa fünf Stunden östlich von Nineve. Da der Hügel von Balawat, auf den er durch zwei alte dort gefundene Bronzestücke hingewiesen war, als Begräbnisplaß diente, war er von dem im Firman freigegebenen Ausgrabungsgebiet ausgeschlossen. So wenig jedoch wie 20 Jahre vorher an die Abmachungen Rawlinsons in Qujundjik kehrte sich Rassam hier an die Vorschriften der türkischen Regierung. Als er in dem für die Mohammedaner geheiligten Boden zu graben begann, entstand furchtbare Erregung unter den benachbarten Stämmen und es wäre beinahe zu ernsten Kämpfen gekommen. Es war wenig Hoffnung, zum Ziele zu kommen, allein durch kluge Ausnußung jedes Vorteils, durch Geschenke und Bestechung, durch Aufklärung der abergläubischen Grabbesißer gelang es Rasjam schließlich doch, die Ruinen zu untersuchen. Gleich der erste Fund waren ein Paar große Bronzeplatten, welche mit größter Schnelligkeit geborgen nnd verpackt wurden, um ihr Zerbröckeln zu verhüten. Sechzig Fuß von der ersten Fundstelle entfernt stieß man auf ein zweites mit getriebener Arbeit reich geziertes Paar Bronzeplatten, das aber so sehr vom Klima gelitten hatte, daß es völlig zerfiel. Wohlbehalten wurde nur der erste Fund fortgeschafft, in dem man den Überzug der großen Holztore eines assyrischen Palastes erkannte. Unter dem Namen der Bronzetore von Balawat bilden diese Funde einen der Hauptschäße des British Museum. Weitere, in den Hügel getriebene Stollen führten zu den Resten eines kleinen Tempels, an dessen Eingang ein kolossaler Marmorkasten stand. Er barg zwei prachtvolle Alabastertafeln mit gleichlautender Inschrift von Afjurnasirpal. Diese Entdeckungen erregten bei den Arabern große Aufregung und gaben Anlaß zu den wunder26

Abschluß der Forschungen in Nineve.

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barsten Gerüchten. Bald hieß es, eine Kiste voll Gold oder gar die Bundeslade Mosis mit den 10 Geboten sei gefunden. Es entstanden danach derartige Unruhen, daß es Rajjam doch für geraten hielt, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen, überzeugt, daß weitere Ausgrabungen für die nächste Zeit in Balawat unmöglich seien. Zur gleichen Stunde, wo die Bronzetore gefunden wurden, waren in Qujundjik und Nimrud 500 Arbeiter beschäftigt. Hatte Smith einst erwartet, in dem unerforschten Teil des Sanheribpalastes noch an 20 000 Tontafeln zu finden, so mußte Rassam zufrieden sein, in fünfjähriger Arbeit in beiden Bibliotheksräumen kaum 2000 Tafeln und Bruchstücke zusammenzubringen. Dagegen fand er ein fast völlig intaktes zehnseitiges Prisma mit den Annalen Assurbanipals und vier wunderschöne gleichlautende Tönnchen-Zylinder Sanheribs. Die Ergebnisse in Nimrud enttäuschten auch niedrig gestimmte Erwartungen: es war nur ein Nachstoppeln der üppigen Ernte vor 40 Jahren. Etliche Reliefs, ein paar Nörbe voll bunt glasierter Ziegelstücke, ein paar Tontafeln, ein Altar, ein paar Sessel – das war so ziemlich alles, was zu Tage kam.

Einen Erfolg hoffte Rasjam doch noch zu erringen, die Erforschung des Nebi-Junus – aber auch dieser Traum ging nicht in Erfüllung. Seit Layard war es sicher, daß dort Gebäude von Adadnirari III., Sanherib und Ajarhaddon verschüttet liegen, aber Rassam fam troß aller Versuche, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen und von ihren Gärten aus Stollen in den Hügel zu treiben, nicht zum Ziele. „Sanherib-Konstantinopel“, d. i. eine 1852 von den Türken dort ausgegrabene Alabasterinschrift, ist bis heute das einzige größere Inschriftstück aus diesem unerforschten Hügel.

1882 kehrte Rassam nach England zurück, reich entschädigt durch seine Funde auf babylonischem Grund und Boden für die geringen Erfolge in den Ruinen Nineves. - Seitdem ruht die Forschung in Assyrien. Zwar haben Mr. Budge vom British Museum und andere Forscher, unter ihnen auch Hilprecht und zulezt erst Friedrich Delibsch nach Rassam's Zeit die Ruinen Assyriens besucht. Noch viele Trümmerhügel dieses alten Reiches liegen unberührt, manch köstliches Kleinod würde dort an den Tag kommen, wenn Spaten und Hacke ihr Werk täten. Allein bisher hat niemand den Mut gehabt, neue Ausgrabungen zu veranstalten. Erst die allerleßten Wochen haben die erfreuliche Kunde gebracht,

1) Vergl. Delipid) „Im Lande des einstigen Paradieses“ S. 26.

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daß die „Deutsche Orientgesellschaft“ entschlossen ist, in diesem Jahre noch die Arbeit in der Nähe Nineves und zwar in Kala-Scherqat wieder aufzunehmen, also an einer Stelle wo große Erfolge mit Sicherheit zu erwarten sind – handelt es sich doch um die alte Rivalin Nineves, die Reichshauptstadt Assur. Wünschen wir, daß es unseren wackern deutschen Forschern beschieden sei, eine neue, glänzende Epoche der Erforschung Assyriens zu eröffnen! –

Fünf größere Städte des alten Landes Assyrien waren wiederentdeckt: Assur (Kala-Scherqat), Ninua (Qujundjik und Nebi Junus), Kalchi (Nimrud), Dur-Sargon (Chorsabad) und Imgur-Bel (Balawat). Dadurch wurden die Annahmen über die „große Stadt" Nineve (vgl. 1. Moh. X. 11. 12), welche Chorsabad und Nimrud mit in deren Bereich zogen, und ihr damit eine Ausdehnung wie dem heutigen London einschließlich seiner Vorstädte zuschrieben, widerlegt. Daß 4 Städte, die in einer fast geraden Linie von vielen Meilen Länge selbst stundenweit von einander entfernt liegen, eine einzige Stadt bilden sollten, ist nach der durch die Ausgrabungen festgestellten Lage der einzelnen Orte kaum noch festzuhalten. Zu diesem Zeugnis kommt das Wort der Inschriften selbst hinzu. Die Zylinderinschrift Sargons erzählt uns von der Erbauung der neuen Stadt Dur-Sarrukin, die einstmals als kleiner Ort Magganubba hieß, nahe bei Nineve am Fuße des Berges Mujri; bis dahin war Kalchi (Nimrud) die alte Residenz gewesen. Relach war also eine von Nineve unterschiedene Stadt. So will auch die Stelle 1. Mos. X verstanden sein; der Ausdruck „das ist die große Stadt“ ist höchst wahrscheinlich eine in den Text geratene Randbemerkung, durch die das unverständliche rehoboth ir erklärt werden sollte im Sinne: „das ist der gesamte große Stadtbezierf“.. Diese Glosse ist dann, statt hinter rehoboth ir eingefügt zu werden, an der falschen Stelle in den Tert aufgenommen.2

Das Alter der Stadt Nineve ist nicht zu bestimmen, eristiert hat sie ichon im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Um 2800 nennt Gudea ihren Namen, vom Könige Dungi (ca. 2700) ist in Nineve jelbst eine Inschrift gefunden. Schon vor 1800, ehe es ein assyrisches Großreich gab, war der Tempel der Istar von Nineve weit berühmt. Sicherlich ist die alte Stadt durch die großen Völkerbewegungen

1) Siehe die Karte Billerbecks Nr. I in Beiträge zur Assyriologie Bd. III.

2) Billerbeck will in ribit Ninâ den Brückenkopf der Stadt (also Mosul) lehen, was sehr annehmbar ist und die Worte „das ist die große Stadt“ als an falscher Stelle eingefügte Glosse noch besser bestätigen würde.

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Älteste Nachrichten über Nineve.

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in Vorderasien, die uns Winckler so meisterhaft geschildert hat, oftmals in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn erst die hethitische Schrift einmal entziffert sein wird, wenn wir dann wissen, welche Rolle hethitische Elemente bei der Bildung des assyrischen Volkes gespielt haben, dann dürfte sich auch wohl einiges sagen lassen über die älteste Geschichte der Stadt Nineve. Einigermaßen Verläßliches können wir erst mitteilen aus der Zeit, wo Nineve eine Bedeutung gewann für das emporblühende Assyrerreich, wo es nicht mehr bloßer Mittelpunft einer kleinen Landschaft war. Im 15. Jahrhundert ist Duschratta, der König von Mitani, Herr in Nineve. Wahrscheinlich hat er die Stadt erobert, denn er schickt dem ägyptischen Pharao Amenophis das Bild der Istar von Nineve als Huldigung zu. 1 Als nach allınählicher Verdrängung der Mitaniherrschaft Assyrien sich unter Salmanassar I. (ca. 1300) jeine Großmachtstellung gesichert hatte, wird freilich Nineve noch immer nicht als die erste Stadt des Reiches genannt. Nalchi (Nimrud, Kelach) ist die Residenz des Königs. Von einer bedeutsamen Hebung der Stadt hören wir erst unter Ajjurnasirpal III. (884–860), der vom Amanus Cedern holen ließ für seine Prachtbauten in Nineve. Wie schon aus der Geschichte der Ausgrabungen ersichtlich, ist erst unter Sargons Nachfolger Sanherib (705—681) das meiste für die Stadt getan worden. Erst damals wurde sie offizielle Haupt- und Residenzstadt des Reiches.

Über die Baugeschichte einzelner Gebäude in Nineve sind wir durch Inschriften immer nur sporadisch unterrichtet. Wie alt z. B. der Istartempel ist, geht hervor aus der Nachricht, daß bereits SamsiAdad (bisher meist Samsi-Rammanu gelejen), der Sohn des IsmeDagan, nach Delizich 1821 v. Chr. (641 Jahre vor Assurdan) anzujeßen, diesen Bau, E-MAS-MAS genannt, restauriert hat. Der nächste, der sich als Wiederhersteller dieses uralten Heiligtums nennt, ist Salmanassar I. um 1300, der auch dem Marduk und Rabu einen Tempel in Nineve baute. Auch Tiglatpilesers I. umfangreiche Bautätigkeit dürfte Nineve jehr stark mit in ihren Bereich gezogen haben. Von seinem Sohne Samsi-Adad, dem zweiten seines Namens, dem ersten aber, der den Nönigstitel führte, wissen wir genau, daß er den jstartempel „baute" d. i. wiederherstellte. Ob unter ihm wirklich Nineve Residenz war, ob sein ihm vorausgegangener Bruder

1) Eine Übersicht über die Stadtgeschichte bei A. Jeremias, Art. Nineve und Babylon in Hauck's Realencyfl. f. prot. Theol. 3. Aufl. XIV.

2) Ob das der von Gudea erbaute Tempel war, ist m. E. nicht sicher zu entscheiden.

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Wechselnde Bedeutung Nineves.

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Assur-bel-kala auch schon dort residierte, ist m. E. immer noch nicht sicher zu entscheiden, auch nicht durch die in Qujundjik gefundene Inschrift des Assur-bel-kala, die aus einem Palaste dieses Königs stammt. Von größerer Bedeutung war Nineve unter dem mächtigen und grausamen Assurnasirpal als Ausgangspunkt für mehrere seiner Feldzüge. Von ihm mag auch die Bedeutung des Arsenals zu Nineve am besten gewürdigt sein. Hier empfing er auch den Tribut des Jlubani von Suchi.1 Gleichwohl verlegte Assurnasirpal seine Residenz nach Kalchi, wo der großartige Nordwestpalast auf sein Geheiß entstand. Nicht ganz fünf Jahre hatte er in Nineve residiert. Ebenso hat auch Salmanassar II. nicht dauernd dort Hof gehalten. Dagegen scheint Salmanassar IV., der Belagerer Samaria's, die alte Istarstadt wieder bevorzugt zu haben. Dorthin hat er wohl den Hosea, Israels legten König, gleich nach dessen Gefangennahme, mitgeführt (vgl. 2. Kön. 17, 3. 4). In der nachfolgenden Zeit unter Sargon steht Nineve ebenfalls zurück. Der König residierte fast immer in Kalchi in dem erneuerten Nordwestpalaste des Assurnasirpal. Erst gegen Ende seiner Regierung, 706, war der neue Herrensik Dur-Sarrufinu (Chorjabad) „oberhalb der Quellen und der Stadtflur von Nineve“ (1. o.) vollendet. Sanherib, sein Nachfolger, wählte endlich die alte natürliche Hauptstadt der ganzen Landschaft zu seinem Königssik. Daß der vielfache Wechsel der Residenz unter den verschiedenen Regenten durch politische Strömungen bedingt war, hat uns Windler in „Heilschriften und altes Testament" 3. Aufl. S. 73 u. Ö. in vorzüglicher Weise klargelegt. Sanheribs Wahl, die auf Nineve fiel, richtete ihre Spiße gegen Babylon: nun sollte Nineve die erste Stadt der Welt sein. Freilich, sie ist es troß aller Prachtbauten Sanheribs nicht geworden, denn die üppige Blüte der assyrischen Macht war eine im innersten Kern ungesunde Erscheinung. Der König ist der Erbauer des großen Südwestpalastes in Qujundjik und der Begründer des von seinem Sohne Ajarhaddon nachmals erweiterten Palastes im Nebi Junus, unweit dessen er einen großen zoologischen und botanischen Garten, „das Paradies“ genannt, anlegte. Ferner sind sein Werk die um die eigentliche Stadt Nineve herumgeführten starken Mauern, deren deutliche Spuren noch heute sichtbar sind. Dazu kommt eine lange von Kisiri beginnende Kanalanlage, die er bis Nineve durchführen

1) Über die Bedeutung Nineves als Knotenpunkt der wichtigsten Verkehrsstraßen vgl. die Karte Nr. III von Billerbeck in Beiträge z. Assyriol. (BA) III.

2) Über Nineve als Festung vgl. Billerbeck in BA III p. 118 ff.

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