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I. Mohl und H. E. Botta.

schrift, bediente. Von einer riesenhaften Bildhauerarbeit, die man vor jeiner Ankunft zum Staunen aller Bewohner von Mosul aus einem der Hügel zu Tage gebracht, hatte Rich leider nichts mehr zu sehen bekommen, da der Ülema in seiner abergläubischen Beschränkheit die Skulptur hatte so gründlich zerstören lassen, daß nicht ein Stück erhalten blieb. Mitten aus seinen verheißungsvollen Forschungen heraus rief der Tod den ersten erfolgreichen Pionier assyrischer Archaeologie ab. Alle jeine Funde und Karten kamen nach England und wurden der Grundstock der riesigen vorderasiatischen Sammlungen des British Museum in London. Von hier, von London aus, sollte der Antrieb kommen zu den Hauptarbeiten auf dem Ruinenfelde.

Dr. Julius Mohl, ein junger deutscher Orientalist, kam nach Paris, um bei dem großen Arabisten Sylvestre de Sacy das Studium des Arabischen eingehend zu betreiben. Von Paris aus besuchte er auch London und sah dort die von der East India Company aus dem Zweistromlande herübergebrachten Fundstücke. Sofort stand bei ihm die Meinung fest, daß an den Fundorten dieser Seilschriftbrocken unermeßliche Literaturschäße zu finden sein müßten. Nachdem er im Laufe der Jahre in Paris eine seiner Gelehrsamkeit würdige Stellung gefunden hatte, suchte er eifrig für weitere Nachforschungen Stimmung zu machen. Er selbst hatte wegen seines Amtes als Professor des Persischen und aus anderen Gründen keine Aussicht, selber im Orient weilen zu können. Aber feine Begeisterung sollte doch nicht spurlos verwehen. In Baul Emil Botta fand sich der Mann, den Mohl für seine Pläne gewinnen konnte. Im Alter von 37 Jahren erhielt Botta die Verwaltung des 1842 neubegründeten französischen Vize-Konsulats in Mosul. Von Hause aus Naturforscher, war er in seiner früheren Stellung als Konsul in Alexandrien bereits mit warmem Interesse den archäologischen Arbeiten im Pharaonenlande gefolgt und erschien jo dem Dr. Mohl als der rechte Mann, das auszuführen, was er selbst nicht in Person vollbringen konnte. Mit Flammender Begeisterung stellte Mohl es dem jugendlichen Vize-Konsul vor, daß es eine Notwendigkeit, ja eine Ehrenpflicht sei, die großartigen Vor

1) Erst 1836 sind die Pläne und der Text der von Rich gefundenen Heilschrifttafel veröffentlicht unter dem Titel Narrative of a Residence in Koordistan and on the site of ancient Niniveh. Siehe auch A. Jeremias, Artifel ,, Niniveh und Babylon“ in Hauck's Realencyklop. F. prot. Theol. 3. Aufl. XIV, (demnächst erscheinend).

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arbeiten eines Rich, die fast der Vergessenheit anheimzufallen drohten, weiterzuführen. So ist deutscher Einfluß, deutsche Begeisterung eines der treibenden Momente gewesen in der Geschichte dieser ruhmreichen Ausgrabungen. Freilich zunächst schien Botta, der mit ganzer Seele die Begeisterung Mohls teilte, fein allzugroßer Ruhm zu winken.

Am 25. Mai 1842 fam er in Mosul an. Dieje heutzutage nicht unbedeutende Stadt war damals ein ziemlich kleiner Ort mit elenden Häusern auf dem rechten (westlichen) Ufer des Tigris. Um die Hebung der Stadt scheint sich Botta (nach Roger's Urteil) nicht sehr gekümmert zu haben. Sein Blick und seine Gedanken schweiften hinüber nach dem jenseitigen Ufer des Flusses. Von den fernen Bergen her ließ fich stundenweit der Lauf des Choser verfolgen bis zur Einmündung seiner trüben Fluten in den Tigris. Die weitgedehnte Ebene, die er durchschnitt, wurde nur durch wenige armjelige Christendörfer belebt. Das einzige Auffallende in dieser Steppe waren die zahlreichen Ruinenhügel, die einzeln oder in gedrängter Masse das Auge fesselten. Da ragte am Choser der Nebi Junus empor, gefrönt mit einer dem Propheten Jonas geweihten Moschee, dem ungeübten Blick kaum als künstlicher Hügel erfennbar. Weiter nach Norden an der andern Seite des Choser lag Qujundjit, eine weit ausgebreitete Hügelbildung, von der aus Spuren einer Umwallung in oft unterbrochener Linie nach dem Nebi Junus zu führen schienen. Weiter in der Ferne, 14 englische Meilen nach NNO von Mosul, am oberen Chojer zeichnete sich am Horizonte ein Hügel ab, der nach dem darauf erbauten Dörfchen Chorjabad genannt war.

An welcher Stelle mit den Ausgrabungen beginnen? so mochte wohl Botta fragen angesichts dieses ungeheuren Ruinenfeldes. Er hatte gehofft, in Mosul irgend welche Ziegelstücke mit Keilschriftresten aufzuspüren, an deren Ursprungsort er mit den Nachforschungen hätte anfangen können, aber diese Hoffnung war nicht in Erfüllung gegangen. Endlich erfuhr der Forscher, daß die Bewohner der elenden Dörfer des Ruinenfeldes ihren Baukalk aus großen Steinplatten herstellten, die in den Hügeln verborgen seien. So wurde nach einigen Erwägungen im Dezember 1842 an dem Hügel Qujundjik der erste Spatenstich getan. Eine schwere Enttäuschung war Botta beschieden: die Arbeit vieler Wochen brachte nur zerbrochene Keilschriftziegel und wenige Reliefbruchstücke zu Tage. Nur ein Ergebnis war gewonnen, der endgültige Beweis war erbracht, daß die Hügel bei Mosul wirklich Ruinenhügel waren, unter denen die alten Bauten

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Botta's Funde in Chorsabad.

von Nineve begraben lagen. Troß aller Mißerfolge sammelte Botta jedes kleine Alabaster- und Ziegelstück, das gefunden wurde. Dies Beginnen erregte die Verwunderung eines Bauern aus Chorsabad, der mit anderen Neugierigen der Arbeit der Europäer zuschaute. Als er hörte, daß man nach beschriebenen Steinen suchte, forderte er Botta auf, nach Chorsabad zu kommen, wo es deren in Menge gäbe. Allein der Gelehrte wollte Qujundjik nicht auf diese bloße Rede eines einfachen Landmannes hin aufgeben. Erst als bis Ende März 1843 noch kein Erfolg sichtbar war, schickte er einige Arbeiter nach Chorsabad, selbst nur mit geringem Zutrauen der neuen Arbeit entgegensehend. Nachdem er sich endlich überzeugt, daß Ziegelstücke von dort wirklich Keilichrift und nicht, wie er befürchtet, arabische Križeleien aufwiesen, erst da erschien er persönlich auf diesem Arbeitsfelde.

Er kam gerade dazu, als die Arbeiter eine wohlerhaltene Mauer, offenbar einen Teil eines Gebäudes, von der Außenseite her bloslegten. Diese Mauer umschloß einen Raum, der angefüllt war mit einer Menge von zerbrochenen, durch Feuer zu Kalk gebrannten, dicht mit Inschrift bedeckten Reliefbildwerken auf Alabasterplatten. Weitere Gräben führten in anstoßende Räume mit besser erhaltenen Sfulpturen. Nur einen Tag blieb Botta an diesem ersten ergiebigen Fundort assyrischer Altertümer. Am 5. April 1843 schrieb er an Julius Mohl. Ein zweiter Brief über die inzwischen troß der Quertreibereien des Pascha von Mosul fortgeführten Ausgrabungen verschaffte Botta eine Unterstüßung von 3000 Frcs. von der französischen Regierung. Der charakterlose, habgierige Mohammed Pascha, dessen Name in wenig rühmlicher Weise mit den ersten Ausgrabungen bei Mosul verknüpft ist, suchte jedoch die weiteren Nachforschungen zu hintertreiben. Erst am 4. Mai 1844 nach Überwindung unsäglicher Schwierigkeiten wurde Botta durch einen Firman des Sultans in Konstantinopel die Erlaubnis zu weiteren Grabungen erteilt. Unter großen Beschwerden, besonders gefährdet durch das mörderische Klima, ward die Arbeit wieder aufgenommen, stets von neuem durch die Schikanen des Mohammed Pascha erschwert. Ein Gemach nach dem andern ward blosgelegt. In allen Räumen waren die Wände überkleidet mit großen Kalksteinplatten voll herrlicher Bildwerke und Keilinschriften. Einen ebenbürtigen Gehilfen hatte Botta von der Regierung zugesellt erhalten in dem Überbringer des Firmans, dem Maler M. E. Flandin, der mit geschickter Hand alle die prächtigen Fundstücke zeichnete; so wurden auch jene Re

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liefs, die an der Luft zerfielen, wenigstens im Bilde der Wissenschaft erhalten. Assyriens alte Kulturwelt feierte in Chorsabad ihre Auferstehung. Freilich war's immer noch nicht Nineve selbst, das man ausgegraben, sondern nur die große Burg des Königs Sargon mit ihren von Flügelstieren bewachten Portalen und Prunkgemächern. Dr. Mohl's Hoffnungen aber waren durch diese Entdeckungen in herrlichster Weise erfüllt und neidlos veröffentlichte er den Wortlaut aller Briefe, die ihm Botta schrieb.1 Eine tiefgehende Aufregung ergriff infolge dieser Berichte die gebildeten Kreise in ganz Frankreich, eine Aufregung, die noch wuchs, als 1846 in Havre die ganze Ausbeute der Botta'schen Ausgrabungen glücklich gelandet wurde, um in den Louvre überführt und der staunenden Welt gezeigt zu werden. Im Oktober 1844 hatte Botta seine Arbeiten in Chorjabad zum Abschluß gebracht, um alsbald auf Kosten der Regierung die Beschreibung der Ausgrabungen und die gesamten Zeichnungen Flandins in einem herrlichen Prachtwerke zu veröffentlichen, das in fünf Bänden erschien.

Doch größere Überraschungen als Botta's Entdeckungen sollten der Welt in Kürze bereitet werden.

Schon 1840 hatte 4 usten Henry Layard (geboren 1817 zu Paris als Kind englischer Eltern), der auf mancherlei Wanderungen mit orientalischen Sitten und Anschauungen vertraut geworden war, zuin ersten Male die Ruinen besucht, die einst Rich bestimmt als die Reste Nineves bezeichnet hatte, und seitdem hatte ihn der Wunsch nicht verlassen, an diesen Stellen selbst Ausgrabungen zu unternehmen. 1842 wurde er mit Botta bekannt, den er unermüdlich zum Beginn der Nachforschungen antrieb, wie er denn auch noch vor Mohl's Veröffentlichung der Botta’ichen Briefe zuerst in der Malta Times die Auffindung der Sargonsburg durch Botta bekannt machte. Im Herbst 1845, nicht lange nach Beendigung der französischen Arbeiten in Chorsabad, stellte Sir Stratford Canning, einer der edelsten Kunstmäcene aller Zeiten, Mr. Layard die nötigen Mittel zur Verfügung, um in Nineve und Nimrud Grabungen zu unternehmen. Noch war in Mosul der ränkevolle und gefürchtete Mohammed Pascha, genannt Neritli Oglu (Kretersohn) am Ruder. Sein Willkürregiment bekamen Eingeborene wie Fremde in gleicher Weise zu fühlen. Hätte dieser Tyrann von den Absichten Layards etwas erfahren, so würde er sie sicherlich von vornherein verhindert

1) Journal Asiatique, Serie IV. Vol. 2–5.

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haben. Deshalb verließ Layard die Stadt mit nur wenigen Begleitern unter dem Vorwande, wilde Eber jagen zu wollen, und fuhr stromabwärts bis Naifa, unweit der Ruinen von Nimrud. Ein bloßes Absuchen des Ruinenfeldes brachte ein kleines Reliefbruchstück in Layards Hände, welches offenbar durch Feuer gelitten hatte. Das war ihm der Beweis für das Vorhandensein ähnlicher Überreste wie in Chorsabad. Awad, Layards Quartiergeber in Naifa, führte ihn darauf zu einem Stück Alabaster, das etwas aus dem Boden hervorragte, aber unbeweglich festsaß; sofort ward nachgegraben, und es zeigte sich, daß man die obere Kante einer großen Steinplatte vor sich hatte. Nun begannen alle Arbeiter Layards, die inzwischen durch sechs Araber verstärkt waren, die Platte freizulegen und stießen dabei auf eine zweite Platte. An demselben Morgen wurden noch 10 solcher Platten aufgedeckt, welche ein Viereck bildeten init einem Eingang in der einen Ecke. Leider waren alle diese großen Alabastertafeln zu halk verbrannt und drohten an der Luft zu zerbröckeln. Der zweite Tag brachte den Forscher in ein neues Zimmer, in dem er auch einige prächtige Elfenbeinîchniķereien fand. Mehrere Tage wurden so immer neue Wände mit Inschriften blosgelegt, Bildhauerarbeiten aber wurden nicht gefunden. Layard kehrte nach Mosul zurück. Dort hatte der Pascha bereits durch feine Spione die falsche Nachricht erhalten, der Engländer habe einen großen Schaß entdeckt. Layard stellte sich dem Gestrengen vor und erreichte, wider Erwarten, die Bewilligung, eine ganze Reihe von Hügeln untersuchen zu dürfen. Leider war diese Untersuchung ergebnislos, jo daß er sich doch wieder nach Nimrud zurückbegab, wo die Arbeiter noch viele schriftbedeckte Wände freigelegt hatten. Endlich fand man am 28. November die ersten 2 Platten mit prächtigen Reliefs. Layard sah sofort, daß diese Kunstwerke an Vollendung denen aus Chorjabad weit überlegen waren. Am jelben Abend aber noch wurde zu seiner unangenehmen Überraschung die Fortführung der Ausgrabungen vom Pascha verboten. Ganz im Stillen aber forschte Layard trozdem weiter, bis er die Gewißheit hatte, daß der Hügel Nimrud die Reste ausgedehnter Bauten enthielt. Nun wandte er sich an seinen Gönner Sir Stratford Canning, um durch ihn einen Firman zu weiteren Grabungen zu erlangen. Zur gleichen Zeit ereilte auch den Mohammed Pascha die wohlverdiente Strafe der Absegung um seiner grausamen Bedrückung des armen Volkes willen. Ein freundlicher, vor allem aber gerechter Beamter trat in der Person des Hafis Pafcha an jeine Stelle.

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