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Der alte Orient.

Gemeinverständliche Darstellungen

herausgegeben von der Qorderasiatischen Gesellschaft.

6. Jahrgang, Heft 1.

Wegen der vielfach erweiterten Neudrucke empfiehlt es sich, fortab nach Jahrgang, Heft und Seitenzahl zu zitieren und eine zweite oder weitere Auflage mit hochstehender Ziffer anzudeuten, also z. B.: AO. IV, 22 S. ...= Alter Orient 4. Jahrg., 2. Heft, 2. Aufl. Seite ....

Babylonien nennen wir denjenigen Teil der Euphratländer, welcher vor allen der Siß der Kulturentwicklung Vorderasiens gewesen und als solcher noch bis in die späteren Zeiten anerkannt worden ist. Es ist das Gebiet am untern Flußlauf, das etwa von da an gerechnet werden kann, wo Euphrat und Tigris sich am nächsten treten. Im Islam heißt es Irak, dem alten Babylonier fehlt eine im gleichen Sinne allgemein geographische Bezeichnung, als politischer Begriff wird es als Sumer und Affad zusammengefaßt. Ein der Bezeichnung Babylonien entsprechender Name fehlt in der Zeit der selbständigen Blüte babylonischer und assyrischer Kultur. Diese Benennung ist erst aufgekommen, als die gesamten Länder Vorderasiens zu den verschiedenen Provinzen oder Satrapien des großen Perserreichs geworden waren, und als nach der damaligen Hauptstadt die Provinz selbst kurzweg bezeichnet wurde. Daher ist auch der Name Babylonien für die Landschaft durch die griechische Überlieferung im Anschluß an die persische Bezeichnungsweise uns noch geläufig.

Darin kommt also zunächst ein Verhältnis zum Ausdruck, welches den politischen Zustand eines nicht nur jungen, sondern überhaupt schon hinter der eigentlichen und selbständigen Entwicklung des alten Kulturlandes liegenden Zeitraumes darstellt. Die allgemein geographischen Bezeichnungen beruhen in sehr vielen Fällen auf der historischen Nachwirkung älterer Kulturepochen, deren Gebiete von der späteren Zeit als einheitliche Begriffe anerkannt und mit dem alten Namen bezeichnet wurden. So spricht sich auch in der Bezeichnung Babylonien ein Urteil der Weltgeschichte aus, das seinen Grund nicht nur in der Bedeutung der Hauptstadt der persischen Satrapie „Babylon“ hat, sondern auch in der geschichtlichen Entwicklung, welche noch nach zwei Jahrtausenden in der Perserzeit diese Hauptstadt zum natürlichen Mittelpunkte der Euphratländer bestimmte. In diesem Falle ist das Urteil der Weltgeschichte, welches diese Bezeichnung geprägt und bewahrt hat, einmal jelten gerecht gewesen, denn es spricht sich darin das aus, was in zweitausendjähriger Kulturentwicklung der vordere Orient anerkannt hat. Die ältesten Stadtfönigtümer.

AD. VI, 1

Mit der Erkenntnis, welche uns Babylon in dieser Bedeutung zeigt, sind wir um etwa zwei Jahrtausende rückwärts über die Grenze vorgerückt, welche eben durch die Prägung der Bezeichnung gefennzeichnet wurde, und welche vor der Wiedererschließung der altorientalischen Geschichtsquellen ungefähr für die Geschichte des alten Orients überhaupt gegolten hatte. Diese zwei Jahrtausende stellen aber in der vorderasiatischen Geschichte noch nicht das älteste Altertum dar und führen uns vor allem noch nicht in die Anfänge „babylonijchen“ Kultur- und Gesellschaftslebens. Die ältesten Urkunden, welche wir haben, zeigen uns eine Zeit, wo Babylon noch nicht war, oder doch noch keine Rolle als Mittelpunft von Kultur, Kultus und Staat spielte, und wo andere Städte diese Stelle einnahmen und andere Götter als Marduk die Herren der vorderasiatischen Welt ernannten und von der großen Götterversammlung mit der Leitung der Weltgeschäfte betraut waren.”

Die Inschriften aus Lagasch (Telloh), Nippur und die sonst mehr und mehr bekannt werdenden der ältesten Zeit (um 3000) zeigen uns Stadtkönigtümer Babyloniens im Kampfe miteinander und die gelegentliche Zusammenfassung mehrerer von ihnen zu größeren Staatenbildungen oder Reichen. Das sind aber ausschließlich Städte, die zwar auch in der späteren Zeit noch als Siß angesehener Kulte galten und in denen wir darum wichtige Kulturmittelpunkte zu sehen haben, ihr Ansehen beruht jedoch gerade auf der damals – und früher! – errungenen Bedeutung, während sie in der späteren Zeit die führende Stellung, die sie damals inne haben, oder um die sie fämpfen, unwidersprochen an Babylon abgetreten haben, von dem in dieser Zeit noch nichts verlautet. Es sind Städte wie Ur, Uruk, Larsa, Kisch, Lagasch, Nippur, Agade, Sippar, Upi (Opis) und manche andere. Selbst das in nächster Nähe von Babylon gelegene und später oft mit ihm zusammengenannte Kuta begegnet in jenen Inschriften, von Babylon dagegen verlautet, wenigstens bis jeßt, noch nichts.

Soweit wir bis jeßt sehen können, stellt das noch ziemlich arge Chaos der Nämpfe dieser Stadtfönigtümer die Erscheinungen dar, unter denen sich die Aufnahme neuer Bevölkerungsbestandteile : vollzieht, infolge einer der vielen Völkerwanderungen, die Babylonien betroffen haben. Innerhalb der einzelnen Königreiche oder Staaten

1) AD. I, 1o S. 8. II, 12 S. 11.
2) Wie es der babylonische „Schöpfungsmythus" schildert.
3) AD. II, 12 S. 11. I, 12 S. 14.

AD. VI, 1

Alter der Staatenbildungen.

kann man dabei einen Unterschied feststellen, der bis in die späteren Zeiten empfunden worden ist, und offenbar in noch älteren, also noch vorgeschichtlichen Verhältnissen begründet gewesen ist, soweit er nicht auch durch einen, allerdings bis jeßt wohl kaum erfennbaren Gegenjaß der Landschaft gegeben war. Deutlich wird nämlich noch in späterer Zeit, also unter der Herrschaft Babylons und dann Assyriens, zwischen Süd- und Nord babylonien unterschieden, und der Gegensaß dieser beiden Landschaften wird als ein Gegensaß in urältester Zeit getrennter und darum als selbständiger Länder 1 angesehener Einheiten bezeugt durch die Verteilung der Kulte der einzelnen großen Götter, welche sich in beiden wiederholen. Innerhalb desselben einheitlichen Landes wäre das unmöglich. Auch begegnet in einer der älteren Inschriften jeßt „König von Sumer“ (d. i. in diesem Sinne Südbabylonien) als selbständiger Titel, schließt also Nordbabylonien ebenso aus, wie es auch in späterer Zeit gelegentlich einmal bezeugt ist.

Diese Zeiten bilden den Anfang unserer jeßigen Geschichtsfenntnis und es ist fraglich, ob wir sobald wesentlich darüber hinaus reichende geschichtliche Urkunden erhalten werden. Das darf uns aber nicht verleiten auch die Entwicklung der Dinge ihren Anfang hier nehmen zu lassen. Im Gegenteil müssen wir uns stets gegenwärtig halten, daß alle die Zustände, die uns in jenen Zeiten bezeugt entgegentreten, sich aus langer davorliegender Entwicklung von Staaten und Kulturen ergeben haben.

Wir fönnen deshalb jeßt nicht mehr, wie man früher glaubte, aus der Entwicklung, welche bereits die Inschriften bezeugen, folgern, daß die Verschiebung des Schwerpunktes der Kultur in regelmäßigem Fortgange von Süden nach Norden, also stromaufwärts erfolgt sei. Tatsächlich ist das zwar richtig, aber die erste Reichsgründung mit dem Mittelpunkte in Südbabylonien, die der Könige von Ur, ? welche den allgemeinen Titel „König von Sumer und Akkad“ führen, kann nicht als der Anfang solcher Staatenbildungen angesehen werden und ist nicht die erste, welche wir in Babylonien überhaupt feststellen können. Troßdem sehen wir aber in der Wahl der Hauptstadt Ur, welche die Kultstätte des von der ältesten Anschauung und Lehre Babyloniens an die Spiße gestellten Mondgottes ist, die Anknüpfung an ältere Überlieferungen, welche für diese

1) Im Sinne von AD. III, 22 S. 12.
2) AD. I, 12 S. 7.

Süd- und Nordbabylonien.

ND. VI, 1

Kultstätte eine ebenjo bedeutende Rolle erfordert, wie wir sie uns für Babylon später vergegenwärtigen wollen. Aber nicht der Anfang, sondern das Ende der Blütezeit Südbabyloniens, ein lektes Aufleben nach einer Zeit der Wirren, welche die Kämpfe der „Stadtfönigtümer“ darstellen, bildet das Reich von Sumer und Affad, dessen Könige wir in den drei Dynastien 1 von Ur, Isin und Larsa kennen.

Wir wissen jeßt aus den amerikanischen Ausgrabungen in Nippur, daß die Zeit unmittelbar vor der Dynastie von Ur die Herrschaft nordbabylonischer Könige gesehen hat, welche Südbabylonien mit besaßen und den ganzen vordern Orient sich unterworfen hatten. Wir können weiter jest feststellen, daß deren Blüte mitten in die Reihe der Fürsten fällt, welche wir für Lagaich (Telloh) aus den französischen Ausgrabungen kennen. Die Zeit der Stadtkönigtümer mit ihrer gegenseitigen Bekämpfung nord- wie jüdbabylonischer

Fürsten ist also durch eine Reichsbildung unterbrochen worden, welche von Nordbabylonien ausging, und der das jüdbabylonische Reich von Sumer und Afkad mit seiner Pflege alter oder ältester Überlieferungen als eine Art Reaktion, wenigstens unter diejem Gesichtspunkte. der Anknüpfung an ältere Überlieferungen oder Zustände, folgte.

In einem unterscheiden sich nämlich die Urkunden dieser nordbabylonischen Herrscher und heben sich jofort äußerlich von den jüdbabylonischen ab: sie sind nicht sumerisch, sondern in semitischer, babylonischer Sprache abgefaßt und scheinen damit in einem bewußten und ausgesprochenen Gegensaße zu den jüdbabylonischen Inschriften sowohl der vorhergehenden als der folgenden Zeit zu stehen. Auch die Inschriften der Stadtkönige aus Nordbabylonien, die wir bis jeßt haben, und die der Zeit unmittelbar vor diejen Königen angehören, sind bereits im ,,Semitisch-Babylonischen" abgefaßt, und die Sprache sowie die Schrift und die technische Ausführung der Inschriften zeigt einen eigenen und in völligem Gegensaß zu den südbabylonischen Denkmälern stehenden Charakter.

Die Zeit, um die es sich handelt, ist die der ersten Fahrhunderte nach 3000 v. Chr. Die ältesten Inschriften, welche wir bis jeßt überhaupt haben, fallen etwa kurz vor und um 3000 und wir können die nordbabylonischen Herrscher, welche ein großes vorderasiatisches Reich beherrschten, um 2800 anseßen.

1) AO. II, 1o S. 12. 2) Es sind namentlich solche von Königen von Kisdı.

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