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AD. VI, 1

Die erste Dynastie von Babylon.

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Hauptstadt anerkannt wurde, und wenn diese Könige auch ihre Machtansprüche von Marduk und dem Besiße seiner Stadt ableiteten. Sie nennen sich in erster Linie „König von Babylon“, ihre Dynastie wird in den babylonischen Listen als die erste ,,Dynastie von Babylon“ geführt, und der Beginn des Königreichs Babylon damit augenscheinlich von ihrem ersten Mitgliede Sumu-abi hergeleitet.

Die Herrschaft dieser Dynastie bedeutet für die Entwicklung Babyloniens den Sieg der schon seit lange im Gange befindlichen „,kanaanäischen“ Einwanderung. Wie der Sieg des Islam „Araber“, so haben die Ereignisse, welche diesen Königen zu ihrem Siege verhalfen, ihre Volksgenossen in das Kulturland geführt, als Abschluß einer mehrhundertjährigen Entwicklung.

Es sind im Ganzen elf Könige mit teilweise recht langer (darunter Hammurabi 55 Jahre) Regierungsdauer, welche als diese Dynastie zusammengefaßt werden. Der erste, Sumu-abi, steht merkwürdigerweise allein, die zehn folgenden sind stets Vater und Sohn gewesen. Im Ganzen wird von den Listen ihre Zeit auf ungefähr 300 Jahre angegeben, welche wir etwa als die lezten drei Jahr. hunderte des dritten Jahrtausends anzuseßen haben, sodaß also etwa 2300—2000 (möglicherweise auch etwas früher) als ihre Zeit zu gelten hat.

Dreihundert Jahre sind eine lange Zeit, und wo immer wir die Annalen der Weltgeschichte aufschlagen, haben solche Zeiträume genügt, um den wenigen Mittelpunkten, welche wirklich eine Welt um sich vereinigten, ihre Bedeutung zu verschaffen. Auch Rom hat faum dreihundert Jahre gebraucht, um die Weltbeherrscherin zu werden und hat dann nur noch um die Behauptung seiner errungenen Stellung zu kämpfen gehabt. Wenn daher Babylon auch bereits in der Zeit vor dieser Dynastie seine Anerkennung als gleichberechtigt unter den großen Kultmittelpunkten Babyloniens erworben hatte, so genügte diese Zeit völlig, um als politischer Mittelpunkt für die Zukunft die erste Stelle zu erringen.

Das Emporkommen dieser Dynastie stellt eine Erscheinung dar, wie sie auf demselben Kulturboden und sonst im Orient vorher wie nachher sich oft wiederholt hat. Schon die Sargonzeit zeigt, daß die alten Stadtkönige als Vajallenfürsten in ihren Stellungen blieben, und daß die Verwaltung der einzelnen Städte und Landschaften verhältnismäßig selbständig war. Es ist der Grundsaß der Lehnsverfassung, über den sich der alte Orient nie dauernd erhoben hat, und mit dem zum ersten Male in der Weltgeschichte Rom und dann

Der alte Orient. VI, 1.

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die Neuzeit gebrochen hat. Solche Stadtfürsten waren unter einem schwächeren Oberherrn natürlich stets geneigt, sich völlig unabhängig zu machen und wohl auch selbst nach der Stellung als Herr zu streben. So müssen wir uns auch wohl hier den Verlauf der Dinge denken. Die ersten fünf Könige von Babylon haben regiert während noch das Reich von Sumer und Akkad bestand, und sogar während dort ein Dynastiewechsel vor sich ging. Denn während dieser Zeit sind zum mindesten die Könige von Isin durch die von Larsa ersekt worden. Da ursprünglich ihr Gebiet unter der Oberhoheit der südbabylonischen Könige gestanden hatte, so wird man sich vorzustellen haben, daß die Zählung des Königs Sumu-abi als Haupt der Dynastie mit der Unabhängigkeitserklärung gleichbedeutend ist. Dann hätte das Königreich Babylon in dieser Stellung, und selbstverständlich mit immer weiter um sich greifender Macht an 150 Jahre innerhalb des Reiches von Sumer und Akkad und neben ihm bestanden. Vielleicht, daß aus den ehemaligen Vasallen auch gelegentlich Beschüßer ihrer früheren Herren wurden, denn gerade der Boden Babyloniens mit seiner in Ehrfurcht vor dem Hergebrachten lebenden Bevölkerung ist einem Hausmeiertum günstig, welches feine frische Kraft zum Schein in den Dienst ehrwürdiger Einrichtungen stellt. Die spätere Zeit des Kalifentums ist lehrreich dafür, wie überhaupt die ganze Lehre vom Kalifat.

So haben wir uns vorzustellen, daß die Könige von Babylon denen von Sumer und Akkad allmählich immer mehr abgewannen, und können uns nach dem Beispiele späterer Zeiten veranschaulichen, wie sie immer mehr vom vordern Orient unter ihren unmittelbaren Einfluß brachten, bis sie stark genug waren um den entscheidenden Schlag zu führen, bis der „König' den „Kaiser“ beseitigte und sich an seine Stelle seşte.

Der sechste König der Dynastie, Hammurabi, führte den großen Schlag, der die legten Könige des Südens beseitigte, und Babylon nunmehr für immer zu dem machte, wozu es Sargon bestimmt hatte – in Ausführung des Beschlusses der Götter, welche Marduk die Lenkung des Weltengeschickes übertragen hatten – zur Hauptstadt Babyloniens und damit zum Mittelpunkt derjenigen Kulturwelt, welche Lehre und Gesittung von der Religion der Gestirnwelt empfing.

In der langjährigen Regierung Hammurabis darf man den Höhepunkt dieser Zeit suchen. Der Sieg über den Süden erhob die Könige von Babylon zu anerkannten Herren des vorderasiatischen

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Babylon als Mittelpunkt Vorderasiens.

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Reiches. Auch Hammurabis Macht hat sich bis ans Mittelländische Meer erstreckt und ein Gebiet umfaßt wie das der späteren Könige von Assyrien. Vor allem hat vom Erfolg dieser Zeit Babylon den Vorteil gehabt, und das Schwergewicht der politischen wie wirtschaftlichen Entwicklung Gesamtbabyloniens liegt von nun an hier. Der Süden hat, von unbedeutenden Einzelfällen abgesehen, keine selbständige Rolle mehr gespielt, er bleibt eine Provinz des nordbabylonischen Reiches und der Besiß Babylons gilt von nun an als das Ziel für jeden Beherrscher der Euphrat- und Tigrisländer.

Die endgiltige Begründung der Stellung Babylons fällt also in diese Zeit, und unter seiner „ersten Dynastie“, welche ihrer Stellung die Anerkennung errungen hat, ist Babylon auch am mächtigsten gewesen, wie wir so häufig im Orient die höchste Blüte eines Staatswesens nach schnellem Emporsteigen festzustellen haben. Wie die Nachwelt sich auf Überlieferungen der Sargonzeit bei ihren Welteroberungsplänen berief, so hat deshalb auch später das Epigonentum Babylons diese Zeit Hammurabis und seiner Dynastie als jein Vorbild angesehen. Als am Schlusse der babylonischen Kulturperiode nach dem Sturze Assyriens Babylon noch einmal unter Nebukadnezar der Siß der herrschenden Macht in Vorderasien war, da ahmte man in Schrift und Sprache jene Zeit künstlich nach und brachte so zum Ausdruck, als wessen Erben man sich fühlte. Die Inschriften der Nebukadnezarzeit sehen zum Teil aus wie die künstlichen Nachahmungen mittelalterlicher Erzeugnisse bei uns.

Dieser Vergleich trifft zufällig auch in anderer Beziehung zu. Wenn man das Gesamturteil über die Bedeutung dieser Zeit und damit über die Erhebung Babylons zum Mittelpunkte der vorderasiatischen Kulturwelt fällen will, so kann man sie als ein Mittelalter bezeichnen. Der Machtbereich Babylons reicht nicht so weit, wie wir es in der Sargonzeit fahen. Wohl haben auch Hammurabi und jeine Nachfolger bis zum Mittelmeere hin geherrscht, aber die jenseits des Wassers liegende Welt ist wohl ihrem unmittelbaren – darum aber nicht mittelbaren! – Einflusse entrückt und Arabien wird von nun an ein unzugängliches und sich selbst überlassenes Land. Die Weltstellung Babyloniens wird eine viel beschränftere, seine politische Macht eingeschränkter.

Aber vor allem in geistiger Beziehung gilt die Auffassung dieser 20

1) AD. III, 2/32 S. 36. 2) AD. II, 1o S. 14.

Die Kulturverhältnisse der Hammurabi-Zeit.

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Zeit als Mittelalter. In Kunst und Lehre muß die Zeit Hammurabis als ein Rückschritt gegenüber den älteren und ältesten gelten. Die älteste babylonische, „sumerische“ Kultur ist unter dem Einflusse des Kanaanäertums vergröbert und hat ihre alte Reinheit nie wieder erreicht. Schon in den Kunsterzeugnissen tritt das in Babylonien wie gleichzeitig in Agypten offen zutage.

Auch in der Religion, d. h. also in der gesamten Weltauffassung bedeutet der Einfluß des „Kanaanäertums“ eine Vergröberung der alten Lehren. Die Götter werden von ihrem Sternhimmel herabgeholt und dem Empfinden des Volkes immer näher gebracht durch die Betonung ihrer rein irdischen Betätigung, der Naturfultus spielt im Kanaanäertum eine größere Rolle als in der alten Lehre. Umfaßt hat auch jene sie, aber der Unterschied in der Betonung der einen oder andern Seite stellt den Geist der Sache dar.

. Eine neue Eroberung durch neue Völkermassen erfordert die Neuordnung der staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen. Hammurabi betont, wie er dem in den früheren Unruhen verwüsteten und verödeten Lande ruhige und sichere Zustände zurückgegeben habe, wie er die alten Städte, die schwer gelitten hatten, zum Teil zerstört worden waren, hergestellt und ihnen ihre alte Blüte wieder gesichert habe. Die Einleitung zu seinem Geseßbuche schildert ihn in dieser seiner Rolle, und als Besieglung dieses seines Werkes will er die schriftliche Aufzeichnung dieses Geseßbuchs angesehen wissen.

Das literarische Leben des neuen Zeitalters hat ebenfalls in dieser Zeit Formen schon gehabt oder erst entwickelt, die von nun an vorbildlich bleiben. Die babylonischen Mythen und Epen sind damals bereits in der Gestalt vorhanden, in der sie von nun an bis auf die späteste Zeit gepflegt worden sind. Ihre Entstehung werden wir daher in eine frühere Zeit seßen müssen. Die Geburtslegende eines Sargon gibt uns den Fingerzeig, daß wir wohl in der Zeit suchen müssen, die wir ja auch nach den allgemeinen Vorausseßungen dafür erwarten würden. Die Schöpfungslegende, welche den Antritt der Weltherrschaft durch Marduk verherrlicht, stellt die Lehre dar, wodurch Marduk und Babylon bei der Begründung ihre Ansprüche verfochten haben müssen; Dichtungen wie das GilgameschEpos wissen von Marduk noch nichts. Es ist daher nur natürlich, daß neu gefundene Stücke davon aus der Zeit der ersten Dynastie

1) Vgl. Winckler „Die babylonische Kultur in ihren Beziehungen zur unsrigen“ S. 14 ff.

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Höhepunkt und Beginn des Rückganges.

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dieses Epos bereits in der aus Assurbanipals Bibliothek bekannten Fassung zeigen. Auch hierin ist also diese Zeit nicht schöpferisch, sondern verhält sich wie Mittelalter oder Renaissance zum klassischen Altertume.

Noch fünf Glieder der Dynastie haben nach Hammurabi etwas länger als hundert Jahre regiert. Das ist reichlich Zeit, um einen fest organisierten Staat blühen und vergehen zu sehen. Ihren Charakter hat diese Epoche unter Hammurabi bereits voll entwickelt gehabt. Wenn wir die Bevölkerung Babylons und Babyloniens nunmehr als völlig von der fanaanäischen Einwanderung überichwemmt und durchseßt angesehen haben, so ist die Folgezeit der Babylonisierung dieser Bevölkerung vorbehalten. Das Kulturland ähnelt sich alle Einwanderer an, Babylon hat diese Bevölkerungsschicht aufgesogen wie so manche vor ihr und nach ihr.

Die dreihundert Jahre der Dynastie haben genügt, um Babylons Stellung für immer zu begründen oder besser vielleicht zu erhalten. Denn wenn schon die Zeit der anerkannten Herrschaft von einer Erinnerung und Überlieferung zehrte, so ist von nun an die Hauptstadt der Welt nur noch ein geistiger Mittelpunkt ihrer Welt, kein politischer mehr. Die Hammurabizeit hat die Herrschaft endgiltig an Nordbabylonien gebracht, nach ihr hat Babylonien seine Rolle als erste Macht Vorderasiens ausgespielt und sich mit andern darein teilen müssen. Wenn nicht die Kultur, so ist die politische Macht stromaufwärts gewandert.

Für Babylon selbst bedeutet die Folgezeit also einen fortschreitenden Rückgang seines politischen Einflusses, der im Widerspruch steht mit seinen Überlieferungen und seinen Ansprüchen, die ihm aus der gesamten orientalischen Weltanschauung heraus gebühren. Es ist so das genaue Gegenstück zum mittelalterlichen Rom. Sobald Babylonien einmal nicht mehr der Mittelpunkt der politischen Macht war, mußte es mehr und mehr dem Einflusse anderer Mächte verfallen. Die Kulturverhältnisse des Orients kennen zwei solche: neue Einwanderer, also unzivilisierte lebenskräftige Völker oder benachbarte Kulturstaaten. Der Kampf mit den leßteren ist im wesentlichen die gleiche Erscheinung, aus der heraus wir die älteren Reiche und Babylons Machtstellung sich entwickeln sahen. Die Einwanderung neuer Volksmassen gibt meistens die Veranlassung zu einem Aufschwung in politischer Beziehung. Die Eroberer besißen die militärische Kraft, um das Land zu unterwerfen und sich zunächst auszudehnen. Dann verfallen sie ebenfalls

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