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Die zweite Dynastie.

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dem Einflusse der Kultur, sie werden aufgesogen und der alte Entwicklungsgang wiederholt sich. .

Als zweite Dynastie, welche Babylon beherrscht hat, führen die Königslisten ebenfalls eine Reihe von elf Herrschern an, denen 368 Jahre, also noch etwas mehr als der vorhergehenden Reihe, gegeben werden. Das wäre etwa die Zeit zwischen 2100 und 1750 oder 2000 und 1650. Wenn wir aus der Zeit der Hammurabidynastie bereits Tausende von Urkunden haben, so ist es auffällig, daß von dieser bis vor kurzem nichts als die Namen aus den Listen und auch jeßt nur einige gelegentliche Erwähnungen bekannt sind. Daß der Boden der Hauptstadt selbst uns schwerlich etwas liefern wird, werden wir noch sehen. Aber auch andere Ruinenstätten haben bis jeßt noch keine Reste dieser Zeit enthüllt.

Das kann zufällig sein, aber es scheint, als ob es in den Verhältnissen der Zeit begründet wäre. Eine große Zeit für Babylon und auch für Babylonien sind diese drei und einhalb Jahrhunderte sicher nicht gewesen. Wenn wir die elf als „Könige von Babylon" kennen, so brauchen sie deshalb noch nicht dort eine Stellung eingenommen zu haben wie ihre elf Vorgänger. So viel fann jeßt auch als sicher gelten, daß sie nicht aus Babylon selbst stammten, sondern dieses von außen her erobert haben. Und zwar ist als ihre Heimat das „Meerland" oder das jüdlichste Babylonien festzustellen. Es handelt sich dabei aber wohl weniger um einen nochmaligen Aufschwung Südbabyloniens, als um eine Eroberung vom „Meerlande" aus und unter Verhältnissen, wie wir sie unter Merodach-Baladan im 8. Jahrhundert kennen lernen werden. Daß über die Entwicklung der Stadt Babylon jelbst unter solchen Umständen nichts näheres festgestellt werden kann, liegt auf der Hand. Immerhin beweist die Folgezeit, daß die geistige Führung ihm nicht verloren gegangen ist.

Wenn wir eine Zeit politischer Schwäche für diese Dynastie vorauszuseßen haben werden, so bestätigt die folgende Epoche, daß ihr Ende durch eine Umwälzung, eine völlige Verheerung und Vernichtung der alten Kultur herbeigeführt worden sein muß, eine nicht geringere, vielleicht sogar größere als die, welche Sargon und Hammurabi vorgefunden hatten.

Babylon gilt dem Orient als die Stadt der Sprachenverwir: rung. Nicht nur die Bibel hat die Vielsprachigkeit seiner Bewohner in Form einer Legende gebracht, sondern der Orient selbst hat das betont. Immer neue Völkermassen haben sich im Laufe der Jahr

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Die Kassiten.

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tausende über das reiche Kulturland ergossen bis fast an die Schwelle der Neuzeit. Wie Arabien so hat auch Ostasien seine Völkermassen nach den Kulturländern abgestoßen. Die erste derartige Völkerflut, welche wir feststellen können, ist diejenige, in deren Besiß wir Babylonien in der Folgezeit, also seit dem 17. Jahrhundert, finden. Das Volk nennt sich Taschschu oder Kassiten, und wir müssen in ihm eine Erscheinung wie die „Türken“ oder Mongolen sehen, ohne daß selbstverständlich damit über ihre engere ethnologische Zugehörigkeit etwas festgestellt wäre.

Eine Eroberung durch ein unzivilisiertes Volk vollzieht sich stets unter schweren Erschütterungen des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Städte werden zerstört, oft bilden sich neue Staaten und werden wieder gestürzt, ehe eine einheitliche Zusammenfassung stattfindet. So ist auch Babylonien und Babylon in dieser Zeit des Umsturzes hart mitgenommen worden, und wir werden uns seine Lage beim Eintritt ruhigerer Zustände nicht weniger schlimm als vor der Hammurabizeit vorstellen müssen. Nur daß diesmal die Zeit seiner Vorherrschaft für immer vorbei war, von jeßt an kommen auch andere Staaten und Völker auf.

Es muß geraume Zeit gedauert haben, bis die Kassiten sich in Babylonien heimisch machten. Die Königsliste sekt zwar die Reihe unmittelbar mit einer neuen Dynastie von 36 Königen mit 576 Jahren (also etwa 1750 bis gegen 1100) fort, die erste größere Inschrift, die wir aus der Zeit dieser kassitischen Könige haben, kann aber nicht von einem der ersten dieser Herrscher herrühren und zeigt tropdem noch völlig veränderte Zustände. Es hat augenscheinlich lange Zeit gedauert, bis das Kulturland die wilden Sieger in seinen Bann gezwungen hatte und bis sie sich als „Babylonier" fühlten. Die Inschrift des Agu (es scheint ein Titel oder eine Familienbezeichnung zu sein. Kakrime zeigt diesen noch als den Herrn über ein Reich, das ganz andere Grenzen hat als die früheren babylonischen. Mit seiner Umfassung und Betonung nördlicher Länder läßt es noch erkennen, von wo diese Sieger gekommen waren, und wo die Wurzeln ihrer Kraft lagen. Zugleich zeigt dieselbe Inschrift aber auch den Übergang, den Beginn der Babylonisierung, indem der König darauf bedacht ist, der Hauptstadt Babylon ihr Ansehen zurückzugeben und seine Würde sich von ihrem Gotte Marduk übertragen zu lassen, also mit andern Worten sich den Über

1) AO. I, 12 S. 31.

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Fortführung der Marduk-Statue.

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lieferungen der alten Kultur zu fügen, ein Babylonier statt eines Kassiten zu werden.

In den vorhergehenden Wirren war Babylon von einem benachbarten Staate oder Volke einmal erobert und die Statue Marduks fortgeschleppt worden. Das Land wird als Chani bezeichnet, es ist in der Hauptsache gleich mit dem, was später Assyrien ist. Welcher Art aber die damaligen politischen Verhältnisse dort waren, ist nicht klar, es scheint als ob hier die Spuren der Mitani-Eroberung vorlägen. Die Fortführung der Statue bedeutet nach Anschauung und Auffassung des Orients die Gefangennahme des Gottes selbst, der damit seinem Lande den Rücken gekehrt hat. Dieses verliert dadurch das Recht auf selbständige Existenz, denn alle staatliche Ordnung, die Königswürde obenan, ist ja Ausfluß der göttlichen Wirksamkeit und besteht nur im Namen der Gottheit. Ohne deren Anwesenheit ist keine Stadt, kein Volf, kein Staat, keine Ordnung möglich.

Der Ausgleich mit der alten Kultur des Landes, die Einordnung der Sieger in die Daseinsbedingungen des eroberten Landes, war nach dessen Anschauungen und Einrichtungen nur möglich durch die Annahme der alten Kulte. Ein König von Babylon mußte von Marduk eingeseßt sein und wurde damit ein König der alten Kulturländer statt eines Barbarenfürsten. Darum mußte der Kassitenfürst erst die Mardukstatue zurückschaffen, ehe er die Königswürde und die Ansprüche, welche Marduk und seine die Geister der Kulturwelt regierende Lehre zu vergeben hatten, antreten konnte. Ob das Land Chani von ihm lehnsabhängig oder ihm nur befreundet war, ist nicht klar. Er berichtet nur, daß er Marduk nach Babylon zurückbringen ließ, und die uns erhaltene Inschrift ist diesem Ereignis ausichließlich gewidmet. Von nun an konnte der König der Kassiten und der benachbarten Länder als ersten seiner Titel den eines Königs von Babylon führen und sich als Herrn der Kulturwelt fühlen. Der nächste Kassitenkönig, von dem wir wieder eine Inschrift haben — er hat freilich schon eine geraume Zeit später regiert – nennt sich mit den alten Titeln wie einer der früheren Herrscher „König von Babylon, König von Sumer und Akkad“ und fügt erst als legten noch ein „König der Raschschu“ hinzu. Die folgenden lassen das überhaupt weg, sie fühlen sich nur noch als Babylonier. Wieder hat das Kulturland eine neue Rasse in sich aufgenommen.

1) AD. I, 1o S. 21.

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Babylonisierung der Kassiten.

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Entwicklung ein Gegenteie Bevölker

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Wenn die Babylonier selbst die ganze Dynastie mit ihrer langen Regierungsdauer als eine einheitliche Reihe ansahen, so folgten sie dabei selbstverständlich ihren genealogischen Anschauungen. In mehr als fünfhundert Jahren ändert sich in einem Kulturstaate viel. Auch wir können aus den Urkunden der Zeit ersehen, und schon die Königsnamen zeigen es, wie die Bevölkerung stark mit kassitischen Bestandteilen durchießt wird, die selbstverständlich zunächst das Herrenvolk bilden, bis mehr und mehr wieder babylonisches Wesen die Oberhand gewinnt und am Schlusse der Zeit die ganze Entwicklung soweit als abgeschlossen erscheint, daß im Lande selbst kaum mehr ein Gegensaß der Kasse besteht.

Gleichwohl ist diese Bevölkerung als fremdartiger empfunden worden als die der ältern näher verwandten semitischen. Der Gegensaß von Sprache und Rasse war zu groß. Jahrhunderte lang ist daher von ihr als von den „Raschschu“ gesprochen worden, und im 15. Jahrhundert, also nach mindestens 200 jährigem Bestehen der neuen Zustände, sagt man in Palästina „Kaschschu“, wenn man den König von Babylon als einen fremden Nebenbuhler der ägyptischen Oberhoheit hinstellen will. Als aber der Umschwung unter einer neuen Dynastie eintrat — mehr als zwei Jahrhunderte später — da war die Verschmelzung doch wohl schon soweit vorgeschritten, daß der Gegenjaß in Babylon selbst vielleicht als der von Parteien, aber kaum noch als einer von Rassen empfunden wurde.

Babylon hat sich also auch in der Kassitenzeit wieder als geistige Beherrscherin bewährt, aber mit der Einwanderung dieser Bevölkerung ist Babylonien und damit seine Hauptstadt für immer aus der herrschenden Stellung in Vorderasien verdrängt worden. Zunächst wird es auf das eigentliche Babylonien beschränkt, dann immer mehr zurückgedrängt, bis das Königreich Babylon nur noch das Stadtgebiet, das alte Stammland in Nordbabylonien umfaßt, und alle anderen Gebiete anderen Herren verfallen.

Das Ergebnis der Umwälzungen, denen die Euphratländer in der Zwischenzeit unterworfen worden waren, war das Vordringen Ägyptens bis nach Syrien und seine Beseßung ganz Palästinas mit Phönizien, sowie die Einwanderung „hethitischer“ Völker nach Mejopotamien, wo wir in der Kassitenzeit die Mitani finden, die zur Zeit ihrer größten Macht das ganze Gebiet des späteren Assyrien bis an die Grenze Babyloniens, den untern Zab, besessen zu haben

1) In den Tel-Amarna-Briefen. 4O. I, 2.
2) AO. I, 12 S. 21; II, 12 S. 15; IV,1 S. 5; vgl. oben S. 24.

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Assyrien.

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scheinen. Gegen ihre Herrschaft scheint sich aus der ältern Bevölferung zuerst in der uralten Stadt Assur der Widerstand erhoben zu haben, die bereits Hammurabi als untertänig und von ihm wiederhergestellt erwähnt. Im 15. Jahrhundert, also in der Mitte der Kassitenzeit, treten uns bereits selbständige Könige von Assur entgegen, welche bemüht sind beim Pharao, der jeßt statt des Herrn Babyloniens als der erste Herrscher des Orients gilt, sich die Anerkennung als gleichberechtigt mit dem König von Babylon wie dem der Mitani zu erringen. Die neue Macht hat dann im gleichen schnellen Emporwachsen, wie wir es oft finden (vgl. S. 7), sich ausgedehnt, zunächst die Mitani aus Assyrien jelbst verdrängt, dann aber das ganze von ihnen beseft gehaltene Gebiet an sich gebracht. Im 14. Jahrhundert vollzieht sich diese Eroberung, um 1300 besikt unter Salmanassar I. Assyrien alles Gebiet bis zum Taurus hin. Wenn daher in den Tel-Amarna-Briefen im 15. Jahrhundert noch die euphratensischen Großstaaten dem Besiße des Pharao in Palästina und Phönizien gefährlich werden können, jo sind es jeßt nur noch zwei, die sich in die Herrschaft dieser Länder teilen, und die nun der Natur orientalischer Staaten gemäß mit einander in Kampf geraten müssen, beide führen den Namen von ihrer Hauptstadt: Assur und Babylon, und beide sind von nun an diejenigen, welche fast ein Jahrtausend lang sich wechselseitig die Herrschaft streitig machen.

Der natürliche Gegensaß, ihre Stärke und ihre Schwäche in politischer Beziehung, beruht in der Lage beider. Wenn die Bedeutung des Euphratgebietes als Mittelpunkt mehrerer Kulturwelten sich aus seiner Lage erklären läßt, welche es eben tatsächlich in den Schnittpunkt aller Wege verseßt, die von der östlichen Welt nach der westlichen und von der nördlichen nach der südlichen führen, jo neigt Babylon mehr nach dem Osten und dem persischen Meere, Assur, das bald durch die günstiger gelegenen Städte Ralchi und Ninive ersekt wird, mehr nach dem Norden und Westen sowie dem Mittelmeere hin. Die Verbindung beider Meere und Welten bildet die Quelle der Stärke und Blüte der herrschenden Macht im Euphratlande, jeder von den beiden Staaten braucht also den Besiß des andern notwendig als Voraussegung seiner eigenen Überlegenheit, wie es in der Zeit der unumstrittenen Macht Babylons der Fall gewesen war.

1) AD. I, 22 S. 17. 2) AD. II, 12 S. 15.

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