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Orientalische Reiche werden oft sehr schnell zujammenerobert, um ebenjo ichnell wieder zu verfallen. Der Verfall eines Reiches, einer politischen Zujammenfassung von verschiedenen Landschaften oder Ländern, bedeutet daher oft nur eine Verschiebung des Schwerpunktes der Macht, einen Wechsel der Dynastie, nicht der Kultur. Ob nord- oder jüdbabylonische Herrscher ist vom allgemeinen Standpunkte der babylonischen Kultur gegenüber der übrigen vorderasiatischen Welt daher bis zu einem gewissen Grade unerheblich, wenngleich es im Innern vielleicht tiefgehende Unterschiede bedeuten kann.

Auch das Reich, das wir sonach mit dem Ausgangspunkte in Nordbabylonien als erstes der geschichtlich bezeugten bis jeßt feststellen können, ist in dem Sinne der Einheitlichfeit seines Fürstenhauses vielleicht nur von kurzer Dauer gewesen. Wenn wir seinen Begründer um 2800 und die ersten Könige von Ur in Südbabylonien schon um 2600 oder noch früher anseßen, so ist damit schon ausgesprochen, daß wir uns seine Blütezeit nicht allzu lange vorstellen können. Aber in einem Jahrhundert ändert sich überall in der Geschichte der Menschheit sehr viel, es kann Emporkommen, Blüte und Sturz einer ganzen Kulturepoche umfassen, und das Zeitalter der Blüte Athens ist in mancher Beziehung durchaus nicht raschlebiger gewesen als das des alten Orients.

So können wir von einem Zeitalter sprechen, das für uns nur durch die Regierung zweier Könige dargestellt wird, über welche hinaus die Blüte ihrer Dynastie nicht oder doch nicht lange gedauert hat. Wir können das aber nicht nur auf Grund ihrer eigenen Denkmäler tun, sondern uns dabei auf das Urteil des alten Babylonien selbst berufen. Auch diesem sind beide in dieser Bedeutung erschienen und als die Vertreter einer Blütezeit babylonischer Macht gefeiert worden. Die Taten Sargons von Agade und seines Sohnes Naram-Sin sind noch in später Zeit als Vorbilder babylonischer Größe angesehen worden, man hat — im eigentlichen Sinne babylonischer Weltanschauung – die Vorzeichen, unter denen sie ihre Erfolge errungen, noch spät als wichtige Beobachtungen aufgezeichnet, 1 Sargons Geburtslegende war eines der Epen, das wohl unter den allgemein bekannten erzählt wurde, und der Stammvater der legten und ruhmvollsten Dynastie Assyriens hat seinen Königsnamen deutlich mit Rücksicht auf jenen um zwei Jahrtausende ältern Vorgänger gewählt, denn er wird gelegentlich als „Sargon der

1) Sodaß sie uns in der Abschrist der Bibliothek Assurbanipals erhalten sind – ebenso wie das Geseß Hammurabis.

Die babylonische Kultur im Zeitalter Sargons.

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Zweite“ in Urkunden aus seiner Regierungszeit bezeichnet. Wenn man das im Sinne babylonischer Weltanschauung auffaßt, so hat es einen viel tieferen Sinn, als bei uns, wo es etwa ein Ideal oder ein politisches Programm ausdrücken könnte. Der König ist die Verkörperung der Gottheit, die Wahl des Namens drückt daher aus, daß der Gott sich wieder in derselben Form offenbart hat, daß aljo eine Wiederkehr desselben Zeitalters unter der Regierung des neuen Herrschers bevorsteht und von den Göttern vorgesehen ist. Denn diese haben den König dazu „mit Namen gerufen“. 1

Die Aufbewahrung der alten Sargonsüberlieferung durch Assurbanipal und unsere Funde haben uns instand geseßt, diese bis jekt älteste bekannte Zeit der Großmachtstellung eines babylonischen Reiches einigermaßen zu beurteilen. Ehe die Funde gleichzeitiger Inschriften dazu kamen, erschienen die Angaben der ersteren so märchenhaft, daß man sie nicht als geschichtlich ansehen konnte. Jeßt kann kein Zweifel mehr sein, und Sargon und Naram-Sin erscheinen als Herrscher mit einem weiteren Machtbereich als die assyrische Dynastie, welche die Überlieferungen ihrer Vorbilder neu beleben wollte. Wir können daraus ersehen, wie Sargon sein Reich zusammeneroberte, genau wie sein assyrischer Epigone, und haben darin das erste Zeugnis für die Ausdehnung babylonischer Herrschaft über den vordern Orient: das erste Zeugnis dafür, aber feinerlei Andeutung, daß es auch die erste Unterwersung gewesen sei. Ganz im Gegenteil erscheinen alle die Länder, wie wir auch aus kulturgeschichtlichen Gründen vorausseßen müssen, als der natürliche Interessenbereich Babyloniens, gerade so wie sie im 9. bis 7. Jahrhundert zu Assyrien stehen.

Gegenüber der vorhergehenden Zeit erscheint die Begründung eines solchen Reiches als eine neue geschichtliche Epoche und als solche ist sie von der babylonischen Überlieferung selbst gepflegt worden. Die altorientalische Auffassung mit ihrer Erklärung aller irdischen Vorgänge und Einrichtungen aus dem großen Himmelsbuche2 verlangt den Einklang zwischen Himmelserscheinungen und weltlichen Einrichtungen. Am deutlichsten kommt das zum Ausdruck im Kalenderwesen, welches der in das praktische Leben, wenn nicht am tiefsten, so am deutlichsten eingreifende Teil der astralen Weltlehre ist. Der Kalender muß daher auch stets im Einklang mit Religion, Götterlehre und damit der Grundlage des Staatswesens stehen.

1) Vgl. S. 39 Anm. 2) AD. III, 22 S. 12. 39.

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Ein neues astronomisches Zeitalter.

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Die älteste Zeit der babylonischen Kultur mußte ihre Himmelsbeobachtung auf eine Rechnung gründen, welche die FrühjahrsTagesgleiche noch im Tierkreiszeichen der Zwillinge hatte. Gerade um die Zeit, welche uns hier beschäftigt, war aber dieser Punft bereits in das des Stieres vorgerückt. Gleichviel ob man sich über Wesen und Bedeutung dieses Vorganges klar gewesen ist oder nicht, jo konnten der Kalender und die Feste, mit allen auf die alte Rechnung begründeten Lehren, nicht mehr stimmen und eine Staatsordnung, welche ihre Berechtigung aus solchen Lehren herleitete, mußte deshalb die Grundlagen ihrer Beweisführung neu durchiehen. Am Himmel stand es ja geschrieben, daß ein neues Zeitalter angebrochen war, daß nicht mehr der Mondgott Sin die Welt regierte, dem die ,,Zwillinge“ gehörten, sondern daß er die Herrschaft einem neuen Gott abgetreten hatte, dessen Zeichen der Stier war. Ein neuer Staat, ein neues Weltreich bedingt auch stets Neuordnung der inneren Verhältnisse, und daß diese auch im Kulte und allem was damit zusammenhing, zum Ausdruck kommen mußten, war selbstverständlich, wenn der Kult die Begründung aller Welt- und Gesellschaftsordnung darstellte.

Eine völlig neue Weltordnung, die auf das Wesen eines andern Gottes zugeschnitten ist, braucht aber auch eine andere Hauptstadt, denn da die Erde ein Abbild des Himmels ist, so muß eine mit der göttlichen Weltordnung im Einklang stehende Regelung der irdischen Dinge auch ihren Mittelpunkt an der Kultstätte des Gottes finden, dem die Himmlischen die Leitung der Weltgeschichte übertragen haben. (Wir müssen uns selbstverständlich gegenwärtig halten, daß das alles die Begründung des Tatsächlichen im Sinne der babylonischen Weltanschauung ist, daß es aber natürlich nicht die Erklärung der Ereignisse geben will.)

Es war Sargon I., der Begründer eines neuen Reiches, dessen Zeit in eine neue Weltperiode fiel, der dieser neuen Zeit auch auf Erden ihre Anerkennung schuf, indem er eine neue Hauptstadt entstehen ließ und diese Hauptstadt war der Siz des Gottes des neuen Zeitalters, Marduks. Es ist nach einer freilich nicht ganz vollständig erhaltenen, aber doch zweifellojen Angabe der Ominasammlung, welche auf den Ereignissen seiner Regierung beruht, Sargon gewesen, der Babylon gegründet hat.

Seine Schöpfung war nicht eine der vielen vergänglichen Grün

1) AD. III, 22 S. 32.

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Die Gründung Babylons.

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dungen, welche aus gleichen Erwägungen heraus und mit gleichen Ansprüchen entstanden sind, sondern sie ist tatsächlich durch den Gang der Entwicklung gerechtfertigt worden. Hier haben Geistesleben und materielle Entwicklung zusammengewirkt

, und die gewaltige Macht der geistigen und geistlichen Herrschaft im Orient spricht sich in der Anerkennung Babylons als Mittelpunkt der vorderasiatischen Welt für die folgenden zwei Jahrtausende in einer Weise aus, welche zu einer immer wiederholten Prüfung der Bedeutung dieser geistigen Macht in einer Zeit anregt, die das Hauptgewicht ausschließlich auf die materiellen Tatsachen zu legen geneigt ist. In der Blüte der Gründung Sargons hat die altbabylonische, astrologische Weltanschauung einen Triumph gefeiert, wie kaum irgend eine geistige Lehre einen größeren. Auch das ist lehrreich!

Sargon der unter diesem Vorzeichen (das angeführt wird) die Regier(ung nach dem Gebiete von] Babylon verle[gte), die Erdmassen in der Umgebung (?) des Thuna-Tores wegräumte ... (nach dem Muster?] von Agade eine Stadt baute, jie [Babi]lu benannte" so lautet mit Kenntlichmachung der abgebrochenen Stellen die Angabe über die Begründung der neuen Hauptstadt, welche allein mit Rom sich in den Ruhm teilt ein „Hirn der Welt“ gewesen zu sein. Das Wort, das ,,Regierung“ bedeutet, kann als sicher gelten, wäre es aber freilich mehr, wenn das dazu gehörige Zeitwort (,,verlegte“) wenigstens vollständig erhalten wäre. Als sicher fann aber trozdem gelten, daß hier von der Gründung von Babylon die Rede ist. Das findet seine Bestätigung in der Angabe einer späteren Chronit. Denn diese bezeugt, daß in Babylon noch im 12. Jahrhundert der Palast Sargons bekannt und erhalten war. Das Vorhandensein dieses Palastes ist aber ein so vollgültiges Zeugnis für die „Begründung“ der Stadt durch Sargon, wie es keine Inschrift und Chronik verläßlicher geben können. Auch wird in einer Urkunde aus seiner Regierung ein Jahr als dasjenige bezeichnet, wo er den Kult oder etwas ähnliches der Anunit (d. i. der Göttin seiner Stadt Agade) und einer anderen nordbabylonischen Gottheit in Babylon einführte und den König von Kuta (der Nachbarstadt Babylons) gefangen nahm.“ Das steht also fest, Sargon hat Babylon „gegründet“.

Es ist dabei unerheblich, ob schon früher an Ort und Stelle eine Ansiedlung bestanden hat. Nach der Angabe über das „Tor Thuna“ ist das wahrscheinlich. Es ist überhaupt bei der Vorausjeßung einer uralten Kultur in Babylonien sehr wahrscheinlich, daß

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Machtausdehnung Sargons don Agade.

eine Ansiedlung an jedem irgendwie günstigen Orte im Flußgebiete bestand. Die Stadt Babylon d. h. das Babylon, das von nun an als Hauptstadt Babyloniens und als Kultstätte des die neue Welt regierenden Gottes Marduk mit seiner Vorderasien beherrschenden Lehre bestanden hat, ist aber eine Gründung Sargons gewesen, denn er hat ihm, wie die Angabe ausdrücklich bezeugt, den Namen gegeben.

Die neue Hauptstadt des Reiches, deren Gründung als dritte der Großtaten Sargons angeführt wird, also wohl in den ersten Teil seiner Regierung fällt, ist schnell zum Mittelpunkte der vorderasiatischen Welt geworden. Sie hat das schnelle Entstehen eines Reiches gesehen, das Gebiete umfaßte, welche in späterer Zeit nicht in so enger Verbindung mit Babylonien gestanden haben. Die astrologische Lehre hat also im irdischen Erfolge eine gewichtige Bestätigung gefunden, sodaß sich Sargons Hauptstadt auch der Nachwelt als der von der Gottheit bestimmte Siß der Welthertschaft erwiez.

Die Ominaaufzeichnungen, die sich zum Teile mit den Angaben in den Datierungen gleichzeitiger Urkunden decken, berichten zunächst von einer Unterwerfung Elams, dann von einer solchen des „Westlandes“. Darauf steht die Angabe über die Gründung von Babylon, worauf noch zweimal die Eroberung des Westlandes erwähnt wird. Bei der leßten davon scheint es zu einem Aufstande der ,,Großen“ Sargons gekommen zu sein. Die nächste Angabe ist ganz weggebrochen und hierauf folgt diejenige, welche am meisten geeignet ist, unsere Verwunderung zu erregen. Auf diesem Zuge „überschritt er das Meer des Westens, blieb drei Jahre im Westen, stellte dort eine einheitliche Herrschaft her, errichtete seine Standbilder und brachte Beute nach Hause“. Diese Angabe, die früher vor allem den Eindruck erwecken mußte, daß man es hier mit einigen fabelhaften oder mythischen Legenden zu tun habe, zeigt uns jeßt die politische Machtstellung babylonischer Herrscher in einer Bedeutung, wie sie selbst die Assyrerkönige zur größten Blütezeit nicht besessen haben. Sargon (II.) von Assyrien und seine Nachfolger haben die Oberhoheit über Cypern besessen und von ihnen hat Sargon II. sein großes Vorbild nachgeahmt, indem er ein Gießt im Berliner Museum befindliches) Standbild dort in Rition aufstellen ließ. Nebukadnezar scheint seinen Einfluß auf einen Teil der griechischen Inseln ausgedehnt zu haben. Aber wo sollen wir das Land suchen, in dem Sargon I. drei Jahre zubrachte und geordnete Zustände herstellte? Kann das das nahe gelegene Cypern sein oder muß man weiter suchen? Völliges Dunkel

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