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Zweiter Zug nach dem Westen.

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follte, bis er sich entschloß, an Muschezib-Marduk und an dem verräterischen Babel Rache zu nehmen. Jedenfalls haben die schweren Mißerfolge des Assyrers im Westen zu neuen Unruhen und Verwickelungen geführt. Hier machte sich nun auch der Einfluß des jungen energischen Ägypterfönigs Tirhaka geltend, in dem die syrischen und philistäischen Staaten einen mächtigen Rückhalt gegen ihren assyrischen Oberherrn zu haben glaubten.

Die Nachrichten über diesen Zug sind recht dürftig, und wir müssen von den verschiedensten Seiten das Material herbeiziehen, um ein einigermaßen klares Bild von ihm zu gewinnen und es ist nötig, auch hier mehr im einzelnen die verschiedenartigen Elemente aufzuzeigen, aus denen sich für uns das Gesamtbild dieses Unternehmens ergibt. Senacherib selbst erzählt, daß er ,,..... na, Königin der Araber in der Wüste“, samt ihrem Gemahl?] Hazael niedergeworfen habe, daß diese dann nach Adummatu geflohen, welche Stadt in der Wüste“ (Senacherib dann erobert habe). Ergänzt wird der Bericht durch die Notiz Asjarhaddons dahin, daß Senacherib Adumu, eine Festung von Aribi, erobert und ihre Götter nach Assyrien gebracht habe. Damit sind die direkten Angaben der assyrischen Quellen erschöpft. Als Ergänzung können wir die Nachrichten von dem Zug Asjarhaddons nach Ägypten heranziehen, der nichts anderes als eine Ausführung der Pläne Senacheribs ist, wodurch als Endziel und Hauptzweck dieses Unternehmens die Niederwerfung Ägyptens wahrscheinlich gemacht ist. Dieser Schluß wird über allen Zweifel bestätigt durch die Nachrichten, welche die Bibel wie auch Herodot uns überliefern. Namentlich in dem kurzen Bericht des legteren, der sog. Sethoslegende (II, 141), die unter allem legendarischen Aufpuß einen zweifellos historischen Kern birgt, tritt Ägypten deutlich als das eigentliche Ziel des Unternehmens hervor und auch die vorhergehende Eroberung Arabiens wird angedeutet. Hierher gehört auch der Bericht der Bibel in 2. Könige 18, 13, 17—19 (vgl. Jej. 36-37), dessen Zuverlässigkeit im Detail freilich schweren Bedenken begegnet, von dem aber einzelne Angaben zweifellos alles Vertrauen verdienen, so die dem Ganzen zugrunde liegende Tatsache einer Bedrohung Jerusalems durch den Assyrerfönig, die Erwähnung des Ägypterfönigs Tirhaka als desjenigen, der durch seinen Anmarsch Senacherib an einer ernsthaften Belagerung Jerujalems hindert und schließlich die Nachricht, daß ein elementares Ereignis, der Ausbruch einer Pest im assyrischen Lager, den Großkönig zur Rückfehr nach Assyrien nötigt. Eine weitere Stüße für unsere Annahme,

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gegen Arabien, Jerusalem, Ägypten.

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daß sich an die Eroberung Nordarabiens die Demonstration gegen Jerusalem angeschlossen habe, gibt uns die Analogie von Senacheribs Vorgängern Tiglat-Pilejer und Sargon, bei denen die Unternehmungen gegen Palästina und Arabien in engstem Zusammenhang mit einander stehen.

Der Verlauf des Feldzugs mag nun etwa folgender gewesen sein: Senacherib zog durch die syrisch-arabische Wüste, mit der Eroberung von Adumu hat er die Unterjochung des Reiches Aribi gesichert

. Von dort aus ist er gegen Palästina gezogen. Von Lafisch aus entjendet er eine starke Abteilung nach Jerusalem, um dieses zur Übergabe zu zwingen, ohne Erfolg; das drohende Herannahen des Ägypterkönigs Tirhaka nötigt ihn, seine Streitkraft zusammenzuziehen und diesem entgegenzuführen. Der Ausbruch einer Seuche in seinem Lager aber veranlaßt ihn, mit dem verschont gebliebenen Rest seiner Truppen eiligst nach Ninive zurückzukehren. Diese Hauptstriche werden wohl das Bild dieses Unternehmens im wesentlichen richtig andeuten. Die Ausmalung im einzelnen, wie sie in der Bibel und bei Herodot z. T. mit lebhaften Farben gegeben wird, läßt sich nur schwer nach ihrem historischen Gehalt würdigen und bleibt daher hier lieber ganz außer Betracht.

Jedenfalls war auch dieser Zug wiederum in der Hauptsache ein Mißerfolg Senacheribs. Außer den Göttern von Adumu, die später durch Hazael von Assarhaddon zurückerbeten wurden, hat er nichts gewonnen, Jerusalem mußte er im Stich lassen und auch die unterworfenen Araberstämme haben das Joch der assyrischen Herrschaft gar bald wieder abgeschüttelt. Und doch gereicht dieser Feldzug der politischen Einsicht und Weitsicht des Assyrerfönigs zur höchsten Ehre. Der Plan, Ägypten unter assyrische Oberhoheit zu zwingen, war eine Lebensfrage für die Aufrechterhaltung der assyrischen Vormachtstellung im vordern Orient, nur im Besit Ägyptens konnte Assyrien hoffen, den Lebensnerv Babyloniens dauernd zu unterbinden. Im Altertum schon war es ebenso wie heute, daß der der Stärkste war, der das Zentrum und die Hauptfanäle des Welthandels in jeiner Hand hatte. Die beiden Hauptwege für die Vermittlung des Handels zwischen der östlichen und westlichen Hälfte der alten Welt führten über Babel nach Syrien oder um Arabien herum nach Ägypten. Im Besitz von Ägypten als dem Schlüssel zum Mittelländischen Meer sowohl als zum stillen Ozean wäre Assyrien in der Lage gewesen, den Welthandel Babylon zu entreißen und damit ihm die stärksten Wurzeln seiner Kraft zu beschneiden, die unversiegliche

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Zerstörung Babels.

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Quelle stets sich ergänzender Machtmittel zu verstopfen. Diesen hochfliegenden Plan von unabsehbarer Tragweite auszuführen, ist Senacherib nicht beschieden gewesen, wie so oft schon hat er auch diesmal erfahren müssen, daß sein Wollen in keinem Verhältnis zu seinen Kräften stand.

Aber das Verhältnis zwischen Babylonien und Assyrien drängte zu einer entscheidenden Auseinanderseßung, und alsbald nach seiner Rückkehr rüstet sich Senacherib zu einem neuen Schlag gegen Babel, der nun endlich auch wirklich einen vollen Erfolg bringen sollte. In Babylonien saß immer noch jener Muschezib-Marduk auf dem Thron, jener hergelaufene Geselle, von dem Senacherib immer mit besonderer Geringschäßung spricht, der aber doch vier Jahre sich behaupten konnte dank der mit den Tempelschäßen Babels erkauften Unterstüßung Elams. Als aber Senacherib im Jahre 689 heranrückte, da versagte die elamitische Hilfe vollständig. Uinmanmenanu, die Seele der babylonisch-elamitischen Koalition in der Schlacht bei Chalule, war am 15. Nijan dieses Jahres vom Schlag gerührt und der Sprache beraubt worden. Muschezib-Marduk jah sich also seines sichersten und mächtigsten Verbündeten beraubt und so fiel die Stadt alsbald dem assyrischen Könige in die Hand. Nun war ja Babel oft schon erobert worden, aber immer noch war die ehrwürdige Stadt Marduks durch den Glanz ihres Heiligtums und durch ihre Tradition als die Hüterin und Verwalterin der von der Gottheit rührenden höchsten irdischen Gewalt gefeit gewesen gegen blinde Zerstörungswut. Bei Senacherib hatten religiöse Bedenken feinen Einfluß auf seine Entschließungen und politischen Maßnahmen. Er hat zeitlebens in der Hierarchie jeinen erbittertsten Feind, das hartnäckige Hindernis seiner politischen Pläne gesehen, und da er im Bunde mit der Hierarchie seine Ziele nicht verfolgen wollte, im Kampf gegen sie aber nicht zu seinem Ziele gelangen konnte, so blieb ihm nur der Ausweg, über alle Traditionen der ganzen Weltgeschichte hinweg, unter völliger Auflösung aller bisher gültigen „göttlichen“ Ordnung sein Reich auf dem Rechtsgrund seiner Macht sich aufzubauen. Darum konnte er die heilige Stadt nicht schonen, deren Eristenz schon ein Widerspruch gegen die von ihm erklärte Neuordnung der obersten Hoheitsrechte Assyriens war, darum mußte auch Ejagila, die Wohnung Marduks vom Erdboden verschwinden, wenn Assur unwidersprochen und dauernd sein Reich aufrichten sollte. Freilich, damit war es nicht getan. Die Zerstörung Babels hatte alle Greuel wildester Raserei und sinnloser Grausamkeit im

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Die leßten Jahre.

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Gefolge. Unter den Einwohnern wurde ein furchtbares Blutbad angerichtet, Groß und Klein ward hingemordet, keinen ließ er übrig, mit ihren Leichnamen füllte er die Straßen der Stadt. Die Götterbilder wurden zerbrochen, die Stadt selbst wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Kanäle verschüttet, und damit ja niemand mehr die Stätten dieser Stadt und die Tempel der Götter mehr ausfindig machen könnte, seşte er die ganze Stadt unter Wasser.

Der Schilderung der Zerstörung Babels danken wir übrigens eine wichtige und interesjante historische Notiz. Senacherib erzählt, daß er bei diejer Gelegenheit die Götter Ramman und Schala, welche Marduknadinache von Babel 418 Jahre vorher, also i. I 1007, aus Efallate geraubt und nach Babel geschleppt hatte, wieder an ihren Ort zurückgebracht habe. Die neuesten Funde, namentlich die bei den Grabungen der Deutschen Orientgesellschaft in Affur aufgefundene große Inschrift Salmanassars I., haben aber ergeben, daß diese Angabe nicht völlig genau, sondern um rund 60 Jahre zu niedrig gegriffen ist 1.

Für die Zeit von der Zerstörung Babels bis zu Senacheribs Tod, 689—681, ichweigen die offiziellen assyrischen Urkunden völlig. Die babylonische Chronik weiß nur zu berichten: Acht Jahre lang war in Babylon kein König. In Übereinstimmung damit befindet sich der ptolemäische Stanon, der diese ganzen Jahre als „fönigslose“ bezeichnet, während die babylonische Königsliste für diese Zeit richtig Senacherib als König von Babylon aufführt. Staatsrechtlich korrekt ist für den babylonischen Standpunkt die erste Auffassung, es war ein Interregnum, konnte gar nicht anders sein, solange die Stadt und der Tempel Marduks in Trümmern lagen. Vorläufig wie gesagt sind wir für diese ganze Zeit ohne jede direkte Nachricht, nachdem auch der zweite Zug Senacheribs nach dem Westland, den man seither in diesem Zeitraum untergebracht hat, anderweitig eingereiht werden muß. Es ist ja freilich von vornherein nicht anzunehmen, daß der unternehmungslustige König während dieser langen Zeit die Waffen völlig sollte haben ruhen lassen, aber vorläufig fehlt uns jeder Anhaltspunkt, der uns helfen könnte diese Lücke auszufüllen.

Dagegen haben wir wenigstens einen Fingerzeig, der uns die Entwicklung im Innern während dieser Periode andeutet. In einer Version des Eponymenkanons wird für das Jahr 687 anstatt

1) Bergl. Beijer in OLZ. 1904 Sp. 150.

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Expedition nach Nagitu.

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wollen für seine Armada zu erflehen, ein goldenes Schiff und einen goldenen Fisch warf er in die Fluten und alsbald zog die Flotte aus zur Eroberung des Landes Nagitu. War schon der Anfang der Seefahrt schwierig, die Landung war auch kein leichtes Stück; die Flotte kam an ein Ufer, „welches zum Anlegen, zum Ausschiffen der Pferde und zum Fußanseßen eines Menschen nicht geeignet war“, aber schließlich gelang die Landung an der Mündung des Euläus und dort warteten auch schon die Feinde, die die hilflojen Manöver am Ufer längst beobachtet hatten. Troß diejer Schwierigkeiten gewannen die Affyrer den Sieg; „wie ein Heuschreckenschwarm“ stürzten sie aus ihren Schiffen sich auf die Gegner, die eine starke Macht zusammengebracht hatten, Chaldäer, Leute von Nagitu, Nagitu-Di’bina, Dilmun, Billate, Chupapanu, „eine zahllose Heeresmacht“. Dieser Sieg macht den Assyrern alle Ehre, wenn nicht angenommen werden muß, daß die feindlichen Haufen aus ungeschulten, hergelaufenen Elementen zusammengewürfelt waren. Dem enticheidenden Sieg folgte das übliche Sengen und Brennen, Plündern und Morden. Ünermeßliche Beute an Menschen und Vieh, Waffen und Kriegsgerät, auch die Götter von Bit-Jafin werden von dem König nach Babjalimeti verbracht, , nicht einen Übeltäter" ließ er im Land zurück. on Merodachbaladan ist in dem ganzen Bericht mit feinem Worte die Rede, vielleicht ist er schon zu Anfang entflohen und hat sein Heer schon am Ufer des Euläus führerlos preisgegeben. Jedenfalls ist er auch diesmal wieder den Assyrern nicht in die Hände gefallen und damit auch der vermutliche eigentliche Zweck des Feldzugs nur unvollkommen erreicht. Aber sein Land war verwüstet und das junge Staatswesen vernichtet. War auch Merodachbaladan selbst entkommen, so war er doch für unabsehbare Zeit zu völliger Ohnmacht verurteilt, wir hören auch fernerhin nicht mehr, daß er irgend etwas gegen Assyrien oder Babylonien unternommen hätte.

Wir sahen oben, daß Merodachbaladan elamitischer Vasall geworden war, daß also der Zug Senacheribs sich gleichzeitig auch gegen elamitische Gebietsteile wandte. Während der König von Elam, Challuschu, nun Merodachbaladan von Süden sich selbst seiner Haut gegen die Assyrer wehren ließ, nahm er, von den Babyloniern ins Land gerufen, die Gelegenheit wahr, in Babylonien einzufallen. Dort regierte noch der von Senacherib eingesepte Assurnadinschum. Challuschu zog in Sippar ein und ließ die Einwohner der Stadt töten, aber „Schamasch zog aus E-barra nicht aus“, berichtet die Chronit, d. h. der Elamit schonte das Heiligtum des Sonnengottes.

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