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Eine Heilungslegende.

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scheinlichsten und phantastischsten Berichte an seine Tätigkeit anknüpfte. Eine der einst in dem Tempel aufgestellten Stelen, welche sich jeßt in Paris befindet, enthält in einer jüngeren Aufzeichnung eine derartige Legende, die sich um 1200 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses abgespielt haben soll.

Der König Ramses hatte sich ihr zu Folge einmal wieder nach Asien begeben, um die Tribute der dortigen Völker in Empfang zu nehmen. Da brachte ihm der Fürst des sonst unbekannten Landes Bechten als besonders wertvolles Geschenk seine älteste Tochter, welche dem Könige so wohl gefiel, daß er sie, nach der Rüdkehr nach Ägypten, zur königlichen Gemahlin erhob. Einige Jahre später sandte der Fürst von Bechten einen Boten nach Ägypten, um dem Pharao mitzuteilen, daß ein Übel in die Glieder der Bentrescht, der Schwester der Königin, eingedrungen sei, und um den König zu bitten, einen Schriftgelehrten zu schicken, der nach dem Mädchen sehen sollte. Der König erfüllte den Wunsch, es gelang dem Schriftgelehrten festzustellen, daß Bentrescht sich in dem Zustande eines Wesens befand, in welchem Dämonen weilen. Um aber diesen Dämon zu bekämpfen, dazu fühlte er sich zu schwach. So schickte denn der Fürst von Bechten abermals nach Ägypten und ersuchte den Pharao, ihm einen Gott zu schicken.

Der Pharao ging zu Chunju, dem schön Kuhenden in Theben, und sprach. „Oh mein schöner Herr! Ich komme zu Dir wegen der Tochter des Fürsten von Bechten. Wende Dein Antliß zu Chunsu, dem Ausführer der Pläne, dem großen Gotte, dem Vernichter der Böjen, damit er gehe nach Bechten.“ Da nickte der Gott zustimmend mit dem Kopfe, und der König sprach weiter: ,,Es möge Dein Amulett mit ihm sein, wenn ich ihn nach Bechten gehen lasse, um die Tochter des Fürsten von Bechten zu erretten.“ Da nickte der Gott zustimmend mit dem Kopfe und verlieh sein Amulett viermal dem Chunsu, dem Ausführer der Pläne, zu dem man ihn gebracht hatte.

Nunmehr entsandte der Pharao den Gott in feierlichem Zuge nach Bechten, wo er freudig empfangen wurde. Der Gott ging zu der Stätte, an der Bentrejcht war, gewährte ihr sein Amulett und sie ward jofort gesund. Der Dämon aber, der in ihr war, sprach zu dem Gotte: „Du kommst in Frieden, großer Gott, Vernichter der Bösen, Dein Land ist Bechten, seine Bewohner sind Deine Diener, ich bin Dein Diener. Ich werde an den Ort gehen, von dem ich herfam, um Dein Herz zu befriedigen, da Du deswegen

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Strankheiten durch Dämonen veranlaßt.

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hierhergekommen bist. Du mögest aber befehlen, daß der Fürst von Bechten mit mir ein Fest feiert.“ Dies geschah, dem Dämon warð ein großes Opfer dargebracht und dann ging er an den Ort, der ihm beliebte, auf Befehl des Chunsu, des Ausführers der Pläne.

Der Fürst von Bechten freute sich jehr über die Heilung und überlegte sich, daß es vorteilhaft sein würde, den Gott, der soeben seine Macht deutlich gezeigt hatte, nicht nach Agypten zurück zu senden, sondern im Lande zu behalten. Drei Jahre neun Monate gelang ihm dies, dann aber gab ihm der Gott durch eine Erscheinung im Traume zu erkennen, daß er jeßt zur Heimat reisen wolle. Der Fürst folgte dem Winke und entließ den Gott reich beschenkt. Chunsu, der Ausführer der Pläne, gelangte wieder nach Theben und begab sich hier in die Behausung seines Auftraggebers, des Chunsu, des schön Ruhenden, und gab diesem alle Geschenke, welche er von dem Fürsten von Bechten erhalten hatte, ohne von ihnen irgend etwas für sein eigenes Haus zurück zu behalten.

Aus diesem Terte geht die durch zahlreiche Inschriften und Papyri bestätigte Tatsache hervor, daß die alten Ägypter in derselben Weise wie die Mehrzahl der Völker des Altertums annahmen, eine Krankheit wurde dadurch veranlaßt, daß ein Dämon in den Menschen einzudringen vermochte. Nicht eine Störung des Organismus hat die Gesundheit geraubt, ein böser Geist hat den Kranken ergriffen, die Krankheitserscheinungen sind dessen Werk. Infolgedessen konnte das, was man jept etwa als medizinische Behandlung bezeichnen würde, nur das eine oder andere Symptom der Krankheit lindern oder vertreiben. Wirklich genejen konnte der Patient aber nur, wenn es gelang, die eigentliche Ursache aufzuheben und den Dämon zu bewegen, den Leib, in dem er seinen Wohnsit aufgeschlagen hatte, wieder frei zu geben. Somit ist nicht die Arznei, welche die Symptome befämpft, in erster Linie von Bedeutung, sondern die Beschwörung, die sich an den Dämon wendet.

Eine Beschwörungsforinel vermag nur der richtig ausgebildete Magier auch in richtiger Weise anzuwenden, und, da im alten Ägypten wie in zahlreichen anderen Ländern Magier und Priester zujammenfallen, so ergibt sich hieraus ohne weiteres eine innige Verbindung zwischen der Heilkunst und dem Priestertum. Der Oberpriester von Sais führt den Amtstitel „Oberarzt“. Mit dem

1) Vgl. hierzu auch 4. Wiedemann, Die Toten und ihre Reiche im Glauben der alten Ägypter (Jahrgang II Heft 2 des „Alten Orients“).

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Ifis als Heilgottheit.

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Neith-Tempel derselben Stadt war eine medizinische Schule verbunden. Zu dem Sonnentempel zu Heliopolis gehörte eine Art Klinik, in welcher der Legende zufolge bereits die Götter Heilung suchten, als sie sich iin Kampfe um das Erbe des Osiris Wunden beigebracht hatten. In Theben und an anderen Orten im Niltale bestand ein ähnlicher Zusammenhang zwischen den Heilanstalten und den Heiligtümern.

Zahlreiche ägyptische Gottheiten galten als heilende Wejen. Bei einigen bildete diese Beschäftigung einen umfangreichen Teil ihrer göttlichen Tätigkeit, wie bei dem eben erwähnten Chunju von Theben, bei dem Herrn der göttlichen Worte Thoth, oder bei der Großen der magischen Formeln Isis. Lektere Göttin war im Verlaufe ihres Daseins gezwungen gewesen, sich viel mit der Heilmittellehre zu beschäftigen. Ihr sterbender Gatte Osiris hatte ihr einen Sohn Horus hinterlassen, den die Mörder des Vaters mit allerhand Gefahren, mit wilden Tieren und mit Strankheiten bedrohten. In diesem Kampfe bediente sich Isis nur selten eigentlicher Heilmittel in unserem Sinne des Wortes, meist nahm sie zu allerhand selbsterfundenen magischen Formeln ihre Zuflucht.

Unter diesen Umständen ist es leicht erklärlich, daß man vor allem von den Beschwörungen zu erzählen wußte, welche die Göttin bei Kinderkrankheiten anwendete, und nun mit diesen auch irdische Kinder heilen zu können hoffte. Eine hierher gehörige Formel, welche in einem Berliner Papyrus aus der Zeit um 1500 v. Chr. erhalten geblieben ist, lautet: „Oh Du, die Du die Zeit verbringst mit Ziegelstreichen für Deinen Vater Osiris, oh Du, die sprichst gegen Deinen Vater Osiris: erlebe von Pflanzen und Honig! Laufe aus, Du Afiatin, die daher fam über die Wüste; Du Negerin, die daher kam über das Land! Bist Du eine Dienerin, dann mögest Du (aus dem Kranken) kommen im Erbrechen; bist Du eine vornehme Persönlichkeit, dann mögest Du kommen in seinem Harne. Komme im Schleime seiner Nase, fomme im Schweiße seiner Glieder! Meine beiden Hände liegen auf diesem Kinde, die beiden Hände des Isis liegen auf ihm, wie sie (Isis) legte ihre beiden Hände auf ihren Sohn Horus."

Wie einst Isis ihre Hände auf Horus legte, um ihn zu heilen, so tut sie es demnach im gegebenen Augenblicke unsichtbar bei dem franken Kinde, während sichtbar der Magier das im ägyptischen Zauber- und Heilwesen sehr häufig erwähnte Handauflegen vornimmt und die Formel wiederholt, die einst Isis erfand. Er ver

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Verschiedene Heilgottheiten.

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mutet, der frankheitbringende Dämon sei die ungeratene Tochter des Osiris, welche vor Zeiten Grabziegel für den Gott strich und verwünschend ihm gegenüber von Stoffen sprach, die bei der Toteneinbalsamierung eine Rolle spielten. Wer diese Tochter war, läßt sich nicht mit Sicherheit erweisen, doch liegt es nahe, an die bei Plutarch erwähnte Königin Ajo zu denken, welche von Äthiopien fam und sich bei der Verschwörung gegen Osiris beteiligte. Wenn aber der Magier auch in ihr die Schuldige zu erkennen glaubt, vollkommen sicher ist er seiner Sache doch nicht und so richtet er denn gleichzeitig die Beschwörung allgemein gegen allerhand dämonische Mächte. Mögen dieselben aus Asien oder aus Äthiopien herangenaht sein, zu den niederen oder zu den höheren Geistern gehören, in jedem Falle sollen sie den Kranken verlassen, indem sie mit seinen körperlichen Ausscheidungen ihren Weg aus ihm heraus sich suchen.

Während sich Isis fast berufsmäßig mit Krankenbehandlung beschäftigte, widmeten sich andere Gottheiten mehr gelegentlich zu Nußen und Frommen der leidenden Menschheit dieser Aufgabe. Sie pflegen dann gleichfalls als die Großen der magischen Formeln bezeichnet zu werden, und so begegnet man dieser Benennung mehrfach bei der löwenföpfigen Göttin Mut von Theben, dem Okapiköpfigen Feinde des Osiris Set, u. a. m. Der gleiche Titel bildet für sich allein den Namen des Großen der magischen Formeln", welcher den Sonnengott auf seiner Fahrt durch die Unterwelt geleitete. Ihn tragen auch die menschlichen Formelkenner, welche dem König bei besonders wichtigen Festlichkeiten zur Seite stehen, bei denen er vor das Antlig der in Tiergestalt verkörperten Gottheit tritt.

Bei der Vorliebe, welche der alte Ägypter für die Personifizierung jedes Begriffes hegte, ist es nur natürlich, wenn es auch einen Gott „Magische Formel“ gab. Dieser tritt bereits in den Terten der Pyramiden auf und wird bis in die spätesten Zeiten hinein nicht selten erwähnt. Abgebildet wird „die magische Formel, der große Gott“ als eine Sphing, welche die Geißel, den Hirtenstab und das Szepter der Ehrwürdigkeit in den Tagen hält und hierdurch ihre herrschende Stellung kundgibt. In anderen Fällen wird dieser Sondergott als eine Form bekannter Götter, des Osiris, des Nils usw. aufgefaßt. Dann handelt es sich um spätere Versuche, die alte Sondergottheit zu verdrängen, um den synfretistischen Bestrebungen entgegen zu fommen, welche in der Religionsauffassung des Neuen Reiches, von etwa 1700 v. Chr. an abwärts,

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Schußgottheiten der Körperteile.

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eine große Rolle spielen. Ursprünglich war der Gott eine vollständig selbständige, in sich geschlossene Gestalt.

Die genannten Gottheiten konnten gegen jede Krankheit zu Hülfe gerufen werden. Das wachjende Spezialistentum bei den ägyptischen Ärzten, von dem noch die griechischen Schriftsteller zu berichten wissen, bot Veranlassung, häufig bei den Göttern eine ähnliche Arbeitsteilung vorauszuseßen und die medizinischen Funktionen der verschiedenen Götter in Systeine einzuordnen. Celsus, gegen den Origines seine Streitschrift richtete, als er die Vorzüge des Christentums dem Heidentum gegenüber klar darlegen wollte, berichtet: „Die Ägypter nehmen an, es gäbe 36 Götter der Luft, welche sich in den in ebenso viele Teile zerfallenden menschlichen Körper teilen. Je nach dem erkrankten Körperteile hatte man den einen oder den anderen dieser Dämonen anzurufen, und wenn das richtig geschah, gesundete der Kranke.“ Die ägyptischen Texte bestätigen diese Angabe und zeigen, daß diese Zuteilung der Körperteile des Menschen an Götter den Tod überdauerte und daß die jeweiligen Dämonen nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits ihre heilbringende und schüßende Tätigkeit ausübten. Mehrfach sind in den Papyris Listen der Körperteile erhalten geblieben, wobei jedem Teile der Name seiner Schußgottheit beigefügt ist. In ihrem Grundgedanken stimmen diese Verzeichnisse überein, in ihrer Durchführung im einzelnen zeigen sie aber zahlreiche Verschiedenheiten. Aus diesem Widerspruche geht klar hervor, daß es sich bei der Zuteilung des Nörpers an verschiedene Schußgottheiten nicht um den einmaligen Einfall eines systematisierenden Priesters handelt, sondern um eine Anschauung, welche lange Zeit weite Kreije beherrschte und dementsprechend verschiedenartige Entwidlung und Ausgestaltung fand. Die Anfänge der Lehre lassen sich bereits in den Pyramidenterten erkennen, sie hat dann auf die Formeljammlungen des Totenbuches eingewirkt, in den magischen Texten der Blütezeit Ägyptens wird ihrer gedacht, und daß sie in der Periode des Hellenismus nicht vergessen war, bezeugen die angeführten Säße des Celsus.

Die Gottheiten, welche lekterer im Anschluß an seine Worte aufführt, sind die 36 Dekane, die Dämonen der 36 Teile, in welche der Ägypter bisweilen den Tierkreis am Himmel zerfallen ließ, anstatt ihn, wie wir nach babylonischem Vorbilde es tun, in 12 Sternbilder zu zerlegen. In den älteren Listen treten statt dessen gewöhnlich größere Götter auf (vgl. oben S. 18). So untersteht

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