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Dämonenvertreibung.

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beispielsweise nach dem Totenbuche Kapitel 42 das Haar des Menschen dem Schuße des Gottes des Urgewässers Nu, der Kopf dem des Sonnengottes Ra, die beiden Augen dem der Göttin der Liebe Hathor, die beiden Ohren dem des schafalköpfigen, die richtigen Wege weisenden Gottes Ap-uat.

War die Schußgottheit unaufmerksam gewesen oder hatte sie nicht die nötige Kraft zu entwickeln verinocht, war es infolgedessen einem Dämon gelungen, Besig von dem Menschen zu ergreifen, so war es die Aufgabe des Magiers oder Priesters, ihn wieder aus diesem Siße zu vertreiben. In besonders wichtigen Fällen, wenn sich der Pharao selbst in das Mittel legte, übernahm, wie die Bentrescht-Stele zeigte, ein Gott die ganze Behandlung. Man brauchte diesen nur zu der erkrankten Persönlichkeit zu bringen, um des Erfolges sicher zu sein. Im allgemeinen verlief die Sache jedoch nicht so einfach. Die Götter standen nicht zu Jedermanns Verfügung, und so mußten für gewöhnlich die Menschen ihre Kunst versuchen, wollten sie den Besessenen von seinēm Peiniger befreien.

Glaubt im heutigen Ägypten eine Frau von einem Dämon besessen zu sein, so segt sie sich auf die Straße und hält den Kopf mit beiden Händen fest. Andere Frauen hocken sich um sie herum, schlagen auf alle möglichen Instrumente, heulen und schreien aus Leibeskräften. Das erträgt der Dämon auf die Dauer nicht, nach einiger Zeit pflegt die Kranke zu versichern, sie sei geheilt, die Kur ist damit beendet. Nicht viel anders wird es häufig im Altertum zugegangen sein. Für diese Tatjache liegen zwar keine ausdrück lichen Belege vor, wir sehen aber, daß man bei Begräbnissen, bei denen nach alter Anschauung die bösen Geister von dem Toten Besiß zu ergreifen trachteten, durch Geschrei, wilde Bewegungen, Schlagen mit Palmwedeln diese Dämonen zu verscheuchen suchte. Vor allem das Klappern des Sistrums, eines der meistgenannten ägyptischen Musikinstrumente, verfolgte diesen Zweck.

Musik und Lärm vertrieben die Geister, von denen nach alter wie nach moderner Ansicht der Niltalbewohner die ganze Welt wimmelte. Noch heute wagt der Ägypter aus dem Volke nicht, Nachts sein Haus auszufehren, da er dabei einen Ginn stoßen, beleidigen, zur Rache reizen könnte. Man seßt sich Freitags nicht an die Schwellen der Türen und Tore, da dann an diesen Stellen gern die Geister Plaß nehmen. Man darf nicht pfeifen, namentlich nicht bei Nacht, da Pfeifen, unähnlich anderen Tönen, die Geister anzieht. Betritt man einen Raum, insbesondere einen Abtritt, oder gießt man Wasser

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Beschwörungsformeln bei der Arzneibereitung.

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aus, jo hat man zu rufen „Mit Erlaubnis Ihr Gesegneten“, um die Ginns aufmerksam zu machen, damit sie ihrer Wege gehen fönnen und ihnen nichts Unangenehmes zugefügt wird. Entsprechende Gebräuche beherrschten das Altertum. Bereits damals mußte man stets Rücksicht auf die unendlichen Scharen der geheimnisvollen Dämonen nehmen, die den Menschen umgaben, ungesehen und nicht faßbar, aber mächtig und gefährlich.

Brachte der Lärm nicht die Genesung, so mußte man zu einer richtigen Beschwörung greifen, bei deren Aussprache sich der Magier, wie bereits erwähnt, gern für einen Gott ausgab, um dadurch höherer Macht teilhaftig zu erscheinen. Selbst in den Fällen, in denen es geraten erschien, dem Erkrankten eine Arznei einzuflößen, glaubte man dieser erst dadurch die richtige Wirkung verschaffen zu fönnen, daß man bei ihrer Zubereitung magische Formeln hersagte. Die Kraft der Formel drang dann in die Arznei ein und wurde von dem Erkrankten mit dieser aufgenommen. Von entsprechenden Grundgedanken ausgehend schreibt der heutige Ägypter die Zauberformel mit Tinte nieder, läßt diese Schrift sich in Wasser löjen und gibt die Flüssigkeit dem Kranken. Die magischen Worte sollen dann in seinem Innern ihre Kraft bewähren.

Der bereits erwähnte Papyrus Ebers enthält neben zahlreichen Rezepten auch eine Reihe der bei ihrer Herstellung zu sprechenden Formeln. Nach ihm empfiehlt es sich beispielsweise bei der Bereitung jedweder Arznei zu sprechen: „Es löse, es löse Isis, es ward. gelöst Horus durch Isis von allem Leid, welches ihm zufügte sein Bruder Set, als er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, Große der magischen Formeln, löje mich, befreie mich aus der Hand aller schlechten, böjen, roten Dinge, aus der Hand der Krankheit, die von einem Gotte, und der Krankheit, die von einer Göttin stammt, von einer männlichen Todesart und einer weiblichen Todesart, von einem männlichen Übel und einem weiblichen Übel, das sich in mir ausbreitet, geradeso wie Du löstest, geradeso wie Du befreitest Deinen Sohn Horus. (Tue dies) da ich hineinging in das Feuer und herausging aus dem Wasser und nicht fiel in die Schlingen jenes Tages ... Oh, rette mich aus der Hand aller schlechten, böjen, roten Dinge, aus der Hand der von einem Gotte ausgehenden Krankheit und der von einer Göttin ausgehenden Krankheit, von einer männlichen Todesart und einer weiblichen Todesart."

Zur Erklärung dieser Worte ist nur zu erwähnen, daß rot die Farbe des Gottes Set, des Herrn der' Wüste, war und daß infolge

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Anspielungen auf Götterlegenden.

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dessen vielfach den Ägyptern alle roten Geschöpfe, auch rothaarige Menschen als bösartig galten. Der Ausdruck rot deckt sich im Sinne bisweilen mit unserem satanisch. Die Mythe, derzufolge man in das Feuer und aus dem Waffer ging und nicht in Schlingen fiel, ist unbekannt; ihre Anführung soll aber jedenfalls andeuten, daß der Sprechende eine magische Macht besißt, die ihn aus allen Fährlichkeiten zu retten vermag.

Wirkungsvoller als derartige allgemeine Formeln waren naturgemäß Spezialformeln, welche man nur bei bestimmten Krantheiten, also gegen bestimmte Dämonen, und bei der Herstellung und Darreichung bestimmter Mittel verwerten konnte. So sprach man beispielsweise, wenn man bei Entzündungen die Milch einer Frau, die ein männliches Kind geboren hatte, anwendete, die Worte: „Oh mein Sohn Horus, es brennt auf dem Berge. Ich (Isis) komme herbei .... ich allein. Kein Wasser ist da, wo ich bin. (Aber) mein Mund ist (taucht ein) in dem Wasser. Meine Lippen sind in der Flut. Ich komme, um das Feuer zu löschen.“

In diesen Formeln kehrt ebenso wie in zahlreichen anderen typisch die Eigenheit wieder, daß auf eine Götterlegende Bezug genommen wird, welche in der jeweiligen Lage als Präzedenzfall eine Rolle spielen soll. Geradeso wie in der legendaren Zeit unter entsprechenden Verhältnissen die helfenden Götter fich tätig erwiesen, so sollen sie es jeßt wiederum tun; wie damals die bösen Dämonen weichen mußten, so soll es auch jeßt der Fall sein. Den guten Geistern soll demnach die Legende zur Aufmunterung, den bösen zur Abschreckung dienen. Es wird hierbei von ähnlichen Gedanken ausgegangen, wie bei der Zusammenstellung der Schicksalskalender; hier wie dort bilden die mythischen Begebenheiten der Vorzeit das Muster, nach dem sich die heutige Menschen- und Geisterwelt zu richten hat, deren Vorbild dauernd die Ereignisse des Daseins beherrscht.

Die Zahl der Götterlegenden war im Niltale eine ungemein große. Um ihrer selbst willen sind sie aber im Altertum nicht gejammelt worden, wir kennen sie fast ausschließlich durch ihre Erwähnung in magischen Formeln. Diese Tatsache hat für unsere Kenntnis der Berichte einen großen Nachteil im Gefolge. Man feßte selbstverständlich voraus, daß die Götter und Dämonen den Verlauf der betreffenden Begebenheiten fannten, die teilweise in ihre eigenen Lebensschicksale hinein gespielt hatten. Es genügte daher ein kurzer Hinweis, um ihnen den gewünschten Präzedenzfall in das Gedächtnis zurück zu rufen. So kommt es, daß nur selten eine

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Legende in ihren Einzelheiten erzählt wird, wie die von der Vernichtung des Menschengeschlechts oder von der List, durch welche die Göttin Isis den geheimnisvollen Namen des Sonnengottes erfuhr und dadurch die höchste Macht gewann. In der Regel finden sich nur furze Andeutungen, aus denen man eine sonst unbekannte Legende nicht wieder herzustellen vermag, und diese Andeutungen sind umso knapper gefaßt, je bekannter den alten Ägyptern selbst die jeweiligen Legenden waren.

Aus diesen Gründen erklärt es sich, daß die verbreitetste aller ägyptischen Mythen, die Erzählung vom Leben, Sterben, und Auferstehen des Djiris, an welche die wichtigste der ägyptischen Unsterblichkeitslehren anknüpfte, nirgends in den hieroglyphischen oder hieratischen Terten im Zujammenhange sich aufgezeichnet findet. Erst in der Zeit des ausgehenden Ägyptertums, im zweiten Jahrhundert n. Chr. ist dies geschehen, aber nicht durch einen Ägypter, sondern durch einen Griechen, Plutarch. Aus zerstreuten Angaben der Denkmäler kann man jedoch ersehen, daß die Legende in annähernd der gleichen Fassung, in der sie der Spätzeit vorlag, bereits etwa drei Jahrtausende früher im Niltale geglaubt worden war.

Nicht nur gegen die Fährnisse, mit denen die Krankheit bringenden Dämonen Leib und Leben des Menschen bedrohten, halfen Beschwörungen, auch gegen die Gefahren, welche wilde Tiere verursachten, brachten sie Schuß. In diesen Tieren hatten, wie in allen Lebewesen, dämonische Gestalten ihren Aufenthalt, eine Anschauung, welche bei der Entwicklung des ägyptischen Tierfultes eine große Rolle gespielt hat. Bei dieser Glaubensforin, die man häufig als eine besondere Absonderlichkeit der alten Ägypter angesehen hat, die aber im Kreise der Religionen in feiner Weije vereinzelt dasteht, galten zunächst bestimmte Tierindividuen als Verkörperungen bestimmter Götter. In dem Apis-Stier hatte eine Form des Ptah von Memphis ihren Siß, in dem Krokodil eines Fayûmsees eine solche des Sebat, in dem Widder von Mendes eine solche des Osiris von Mendes, der ursprünglich mit dem Totengotte Osiris nichts zu tun gehabt hatte. Daneben tritt eine Verehrung ganzer Tiergattungen auf. Nur bei wenigen Arten war eine solche Hochachtung im ganzen Lande verbreitet, wie vor allem bis in die Zeit der Griechen hinein für die Raßen. Gerade bei diesen hat das Gefühl einer besonderen Bedeutung der Geschöpfe 10gar den Sturz des Heidentums und all die Jahrhunderte fremdartiger Religionsübung im Niltale überdauert. Noch jeßt wurzelt

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Formeln gegen Tiere.

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es tief in den Vorstellungen der Araber an den Ufern des Nils. Zwar ward in ihrem Kreise der Versuch gemacht, die Kaßenliebe darauf zurückzuführen, daß der Prophet Muhamed diese Tiere bevorzugt habe, aber das ist eine späte Behauptung, die der Erscheinung ein islamitisches Gepräge geben sollte. Tatsächlich zeigen zahlreiche Berichte der Araber über die in Kaşen verkörperten Genien, daß es sich hier um das Fortleben uralter ägyptischer Glaubenslehren handelt.

Meist fand eine Tiergattung nur in einzelnen Bezirken des Landes Verehrung und damit meist auch Schonung, wie die Widder uud Krokodile. Bei leßteren hatte eine solche Auffassung naturgemäß große Unannehmlichkeiten im Gefolge. Da an den Stellen der Verehrung die heiligen Tiere nur in Ausnahmefällen getödtet werden durften, so vermehrten sie sich hier in schneller Weise. Die Vernichtungskämpfe, welche andere Gegenden, an denen feine gleichen Glaubensbedenken gegen Krokodilsjagden vorlagen, veranstalteten, brachten wenig durchgreifenden Nußen. Bis in die Zeit der Römer herab galt das Krokodil als selbstverständliche Erscheinung in jeder Nillandschaft; es wurde behauptet, aus Furcht vor den Tieren wagten die Hunde nur laufend aus dem Nile zu trinken.

Bei diesem Überhandnehmen derart gemeingefährlicher Tiere mußte man sich nach Hilfe umjehen und fand dieje in zahlreichen magischen Formeln. Die Hirten besaßen solche, um ihre Herden beim Trieb durch die Furten am Strome zu schüßen; die Bootsleute kannten andere, deren Aussprache genügte, um alle Krokodile im Fluße zum Versinken zu bringen. Wieder andere halfen gegen den Biß der Tiere und retteten vor ihrer Verfolgung. Wie gegen die Strokodile, so gab es Formeln gegen andere Tchädliche Geschöpfe vom Raubtiere herab bis zu den Wespen. Die größte Zahl richtete sich gegen die Schlangen, welche noch jeßt trop aller Fortschritte der Kultur in Ägypten sehr häufig sind, von denen es im Altertum aber geradezu gewimmelt haben muß. Arzneimittel, um den Menschen, der von einer Giftschlange gebissen worden war, mit Aussicht auf Erfolg zu behandeln, gab es im Altertum selbstverständlich nicht. So gewährte denn die Beschwörung den einzigen wirksamen Schuß. Sie zwang die Tiere in ihren Löchern zu bleiben, verhinderte sie an der freien Bewegung und am Beißen. Wenn troßdem ein Biß erfolgte, dann kannte man Formeln, um die Verbreitung des Giftes im menschlichen Körper zu hemmen und um auf diese Weise das Leben des jonst sicher Verlorenen zu erhalten.

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