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Der Alte Orient.

Gemeinverständliche Darstellungen

herausgegeben von der

Borderasiatischen Gesellschaft.

7. Jahrgang, Heft 2.

Wegen der vielfach erweiterten Neudrucke empfiehlt es sich, fortab nach Jahrgang, Şeft und Seitenzahl zu zitieren und eine zipeite oder weitere Auflage mit hochstehender Ziffer anzudeuten, also z. B.: AD. IV, 22 S. ...= Alter Orient, 4. Jahrg., 2. Heft, 2. Aufl. Seite ....

Es ist eine Erkenntnis der neuen Zeit, die Geschichte der Menschheit nicht nur durch das Schwert und durch die Hand des Mächtigen, der es führt, entscheiden zu lassen. Erst in der Neuzeit ist auch die Einsicht der Forschung so weit gediehen, um das vor ihre Brillengläser zu halten, was die praktische Notwendigkeit von jeher geschäßt und entsprechend bewertet hatte. Die Beziehungen der Völker zu einander, welche den Gang der Geschichte bestimmen, haben stets und überall bestanden, auch wo keine ruhmreichen Kriege geführt wurden, der Austausch der Güter aller Art, der materiellen wie der geistigen, hat stattgefunden auch ehe der Eroberer seinen schweren Fuß über die Grenze sekte. Die Eroberungszüge sind Beutezüge, welche den Pfaden folgen, die der Verkehr längst vorher getreten hatte.

Es ist feine Entwicklung eines Kulturstaats möglich, ohne daß er über die engeren Grenzen eines Landes hinausgriffe. Durch Werke des Friedens, oder durch den Krieg – er muß sich ausdehnen, in die Nachbarwelt hinübergreifen, ihr von dem Seinen gebend und von dem Ihren nehmend. Die Praxis hat das stets gewußt und die Politik aller Zeiten hat dem Rechnung getragen. Die Darstellung der Geschichte der Menschheit macht bis auf den Beginn der Neuzeit den Eindruck, als wäre sie in der Kinderstube geschrieben worden. Das ist sie auch, denn sie hat sich bis dahin in den Anschauungen der Kinderstube der Menschheit überhaupt bewegt. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gibt es keine Ges schichtswissenschaft, welche sich von den ihr durch die Überlieferung des Altertums gesepten Schranken freigemacht hätte.

Das Altertum hatte aber keine Wissenschaft gekannt, oder doch wenigstens nicht bis zur anerkannten Geltung entwickelt, welche sich über den findlichen Standpunkt zu erheben vermocht hätte, der das Ich zum Mittelpunkt der Welt macht und in bequemer Weiterfolgerung dazu kommt, das Fernere geringer zu schäßen oder auch je nach dem Maßstabe der Unkenntnis zu verachten. Auch der moderne 4

Mangel an Nachrichten über wirtschaftliche Beziehungen

AD. VII, 2

Mensch ist ja noch weit davon entfernt, den Eigentümlichkeiten fremder Kulturen mit Verständnis zu begegnen, und erseßt gern die Unbequemlichkeit des Nachdenkens durch scharf geäußerte Abneigung.

So hat das Altertum, soweit es Geschichtsdarstellungen, d. h. zusammenfassende Schilderungen der Beziehungen von Völkern, gab, sich auf die Erzählung der Zusammenstöße mit der Waffe, die Verherrlichung des Krieges beschränkt; von den oft viel tiefer greifenden Einwirkungen der verschiedenen Kulturreiche auf einander, welche als Handel und Verkehr begegnen, sind Schilderungen, zusammenfassende Nachrichten, nie auf uns gekommen und auch nie mit der Absicht der geschichtlichen Überlieferung entstanden. Deshalb konnte eine Geschichtsauffassung, welche von den Quellen des Altertums abhängig war und ihre Durchbildung an diesen Quellen entwickelte, sich so lange nicht von deren Mängeln befreien, als nicht die ausgleichende Gewalt der Tatsachen und das Hinübergreifen der Notwendigkeiten des Lebens in die graue Beschränktheit der Theorie, auch der Geschichtsauffassung den Blick für die tiefer liegenden wirtschaftlichen Vorbedingungen der Beziehungen der Völker zu einander, gleichviel ob friedlich oder feindlich, geistig oder materiell, schärfte.

Gerade dieser Seite der Geschichtsforschung wäre der moderne Mensch geneigt, ein großes Gewicht beizumessen und von ihr weitergehende Aufschlüsse über das zu erwarten, was der Zweck der Geschichtsdarstellung ist: einen Einblick in die bestimmenden Mächte im Werdegange der Menschheit. Aber was das Altertum für mitteilenswert erachtete, das waren mehr oder weniger schwungvolle — und je schöner desto weniger brauchbar, Denn die Schönheit der Darstellung gehört meist in den Bereich der Dichtkunst - Berichte über ruhmvolle Kriegstaten, selbstverständlich stets vom Sieger oder in dessen Sinne, geschildert, denn dem Unterlegenen erstand selten ein Verkünder seiner Größe, und wenn es einmal geschah, dann war seinem edelmütigen Beginnen das Schicksal noch seltener hold. Ist doch selbst von dem, was der Erfolg von sich rühmen konnte, nur ein geringer Bruchteil der Vernichtung durch die Zeit entgangen!

Der Krieg greift für gewöhnlich nur in die nächsten Nachbarländer hinüber und darum erfährt man durch Kriegsberichte, wenn sie gelegentliche Nebenbemerkungen über Kulturzustände der Völker bringen, nur von den an die betreffenden erobernden Staaten anstoßenden. Nur der großen Ausdehnung des Römerreiches verdanken wir verhältnismäßig viel Einzelheiten über die verschiedenartigsten Völker des Erdballs, immer sind es aber nur AD. VII, 2

der Völfer; der Handel dringt weiter als der Brieg.

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Grenznachbarn wie Germanen und Briten; das was hinter ihnen liegt, entzieht sich schon der Schilderung und ist auch dem Geschichtsschreiber nicht der Beachtung wert. In ihrer Dürftigkeit und Verständnislosigkeit für fremdes Volkstum ist die Germania eines Tacitus ein Zeugnis für diese Entwicklungsstufe der antiken Geschichtsauffassung – und dieses Erzeugnis ist für uns eins der kostbarsten Denkmäler unserer Geschichte.

Aber wir wissen, daß der Kaufmann weiter vordrang als der Eroberer und selbst der Forscher. Gerade so wie in der Neuzeit längst der Handel seine Wege in unbekannte Weltteile gefunden hatte, die der namenlose Kaufmann und Krämer gezogen war, ehe der anspruchsvolle Entdecker kam, so ist der Handel des Altertums in Gegenden gedrungen, von denen die Überlieferung nichts weiß. Die Münzfunde aus Altertum und frühmittelalterlicher Zeit sind die Zeugen von Beziehungen und Verkehrswegen, von denen keine Geschichte sonst meldet. Die römischen Münzen in den Weichjelgegenden, islamische an den baltischen Küsten, zeugen von Straßen, . welche nicht nur der Kaufmann, sondern auch der Krieger ging, der in den Kulturländern Dienste suchte 1, wenn er vereinzelt kam, Beute, wenn er in Schwärmen auftrat im Geschiebe einer Völkerwanderung

So erfahren wir nur durch mittelbare Zeugnisse oder durch gelegentliche Nebenbemerkungen von den weiteren Beziehungen der Völker zu einander, in denen wir oft wirksamere oder doch nicht weniger bedeutsame Kräfte der Völkerbewegungen sehen möchten, als in manchem genau oder besser gesagt wortreich beschriebenen Feldzuge. Der Boden, den nicht der Fuß des Kriegers oder Eroberers betrat, der wurde auch nicht beschrieben, und die großen Züge und Reichsgründungen, welche ganze Erdteile umfaßten, sind doch immer vorübergehende und seltene Erscheinungen gewesen. Einen Alerander und Timur hat kaum jedes Jahrtausend, aber nicht jedes Fahrhundert gesehen, und Nachrichten, welche über die unmittelbare Nachbarschaft eines Kulturvolkes des Altertums hinausgreifen, erhalten wir darum nur in seltenen Ausnahmefällen.

Das was die altorientalischen Staaten uns namentlich nahe rückte, war die nie ganz verloren gegangene Überlieferung von ihren Einwirkungen auf weltgeschichtliche Bewegungen, welche bis in unsere Zeit nachwirken. Die Beziehungen des Volkes Israel mit Assur

1 Wie die Waräger in Byzanz, die türkischen Völker in Baghdad.

Riß der Überlieferung zwischen Hellas und Orient.

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und dem Babylon Nebukadnezars und damit eine Beeinflussung des Voltes und der Verhältnisse, welche die Ursprünge unserer Religion maßgebend bestimmt haben, sind es gewesen, welche den Anstoß gaben zu einer eingehenderen Durchforschung der altorientalischen Geschichtsquellen, und an diese Beziehungen und ihre tieferen Zusammenhänge pflegt noch jeßt die Beschäftigung mit altorientalischer Geschichte anzuknüpfen.

Hatten die kleinen Völker Israel und Juda ihre Geschichte, jo weit jie politischer Natur war, räumlich und zeitlich im engeren Rahmen der altorientalischen durchlebt, sodaß die Beziehungen zu den großen Kulturstaaten in ihrer eigenen Überlieferung lebendig zum Ausdruck kommen mußten - ein großer Teil der biblischen Überlieferung, darunter der religiös so wichtige der Prophetentätigkeit, ist gerade ihnen gewidmet – jo gilt das nicht von dem Verhältnis der altorientalischen Kulturstaaten zu den Völkern, an deren Kulturen unsere eigene mit vollem Bewußtsein anknüpft und von deren politischen Schicksalen und deren Geisteserrungenschaften wir in ununterbrochener Überlieferung unsere eigene herleiten. Zwischen, den klassischen Völkern und den alten orientalischen Kulturen klafft in der Überlieferung ein großer Riß, der noch nicht wieder hat ausgefüllt werden können.

Soweit die nie unterbrochene Überlieferung reicht, stellen die Kämpfe des Griechentums gegen die Berser und dann die große Eroberung des Ostens durch Alexander die Beziehungen der beiden Welten dar, die wir als zwei Gegensäße ansehen. Die Perserkriege bilden den Glanzpunkt der hellenischen politischen Geschichte. Das Griechentum hat in der Weltgeschichte mehr durch seine fünstlerische und geistige Begabung als durch Organisationskunst seinen Ruhm begründet, darum muß die Abwehr der persischen Angriffe in seiner Kriegsgeschichte das erseßen, was bei anderen als Gründung von Staaten und Reichen erscheint. Diese Angriffe liegen in den ersten Jahrhunderten der griechischen Geschichte, so weit wir sie überhaupt kennen, und die dadurch hervorgerufenen Kämpfe haben einen starken Anstoß gebildet für den Teil der griechischen Geschichtsschreibung, auf den wir als Quellen nun einmal angewiesen sind. Athens Glanzzeit fällt mit diesen Kämpfen zusammen und die uns erhaltene griechische Geschichte steht zum überwiegenden Teile unter dem Einflusse athenischer Anschauungen.

Aber ehe das Griechentum unter die „Hegemonie" Athens trat und ehe ein Griechentum überhaupt im eigentlichen Hellas, auf

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