Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

30

Formeln für das Jenseits.

AD. VI, 4

Die Bedeutung der Beschwörung war, wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben werden, für das diesseitige Leben eine ungemein große, sie rettete den Menichen vor dämonischen Mächten, die ihn in Krankheit, wilden Tieren und anderem Ungemach bedrohten. Allein, gegen alle und jede Not vermochten sie ihn doch nicht zu feien. Für jeden Erdenbewohner trat der Augenblick ein, in dem, troß aller Vorsichtsmaßregeln, ein böser Dämon von ihm Besik ergriff und ihm den Tod brachte. Mit diesem Ende des irdischen Lebens hörte aber das Bestehen des menschlichen Einzelwesens nicht auf. Das unsterbliche Ich ging nunmehr in das Jenseits, um dort ein neues Leben zu beginnen, welches nach der meistverbreiteten der ägyptischen Auffassungen dem irdischen in allem und jedem entsprechend sich gestaltete, nur eine längere Dauer besaß und sich unter etwas günstigeren Verhältnissen abspielte.

Wenn aber dieses neue Leben dem irdischen glich, dann bedrohten selbstverständlich den Verstorbenen in jener Welt die gleichen Gefahren, denen er im Diesseits ausgeseßt gewesen war. Auch dort lauerten böse Dämonen auf ihn und hausten schädliche Tiere, be sonders Schlangen, die gegebenen Bewohner für ein zeitweise unter der Erde gedachtes Totenreich. So gut wie alle Religionen denken sich den Verstorbenen als ein schwaches, machtloses, ängstliches Wesen. Hier im Leben zeigt die kraftvolle Persönlichkeit des Menschen seine Stärke und selbstbewußte Sicherheit; die Leiche, welche sich nicht mehr zu regen vermag, welche alle Schmach über sich ergehen lassen muß, erscheint bejammernswert, jeder Willkür preisgegeben. Mag man ihr noch so viele Beigaben in das Grab legen, sie mit Waffen zu Schuß und Angriff ausrüsten; immer bleibt sie ein Schatten des Lebenden und muß einsam und verlassen ihre Straße ziehen.

Nach ägyptischem Glauben ist es da wieder die magische Formel, die einzig und allein Hülfe zu bringen vermag. Ihr öffnen sich alle verschlossenen Tore, ihr beugen sich alle Götter, sie verschafft Speise und Trank, sie geleitet den rechten Weg, sie wendet das Gericht des Osiris zum Guten, sie läßt alle Feinde niederfallen, die Schlangen sich verfriechen, ermöglicht die Annahme der verschiedensten Gestalten, die Betätigung als höheres Wesen und als Gott. Wer sie kennt, wer ein richtig Sprechender ist, wie der ägyptische Ausdruck lautet, dem ist das ewige Leben sicher. Mag er hier auf Erden gewesen sein, was und wie er will, sie erwirbt ihm dort ein dauerndes glückliches Dasein.

AD. VI,

4

Macht der Zauberformeln.

31

Der Glaube an die allumfassende, alles besiegende Kraft der Zauberformel ist in allen Zeiten des Ägyptertums herrschend gewesen. Sie ist wichtiger als alles andere, ihren Renner muß der. Gott behüten und schüßen, wie auf Erden, so nach dem Tode. Mag die Gottheit wollen oder nicht, der Zauberer vermag sie jederzeit und zu allem zu zwingen. Selbst die Vernichtung der Gottheit ist in seine Hand gegeben, er kann sie samt allen ihren Attributen verschlingen und dadurch die höchste Macht gewinnen. Er fann auf diesem Wege alle Gottheiten in sich vereinigen und der höchste und mächtigste aller Götter werden, Himmel und Erde nach seinem Gefallen regieren, ihnen Gefeße geben, während er selbst über alle Gefeße erhaben ist.

Um den Toten zu befähigen, eine derartige Macht auszuüben, wurden ihm magische Formeln auf den Weg in das Jenseits mitgegeben. Man konnte dieselben freilich bereits bei Lebzeiten auswendig lernen, da man aber nicht wissen konnte, wie schnell der Tote das hier Gelernte vergessen werde, so erschien es geratener, ihm die Worte geschrieben zu weihen. Infolgedessen bedecken derartige Terte die Wände der Grabkammern und Särge, werden auf die in das Grab gelegten Statuetten eingeschnitten, auf die der Mumie beigelegten Papyri aufgeschrieben. Die Zahl der für die jenseitige Welt vorhandenen Formeln war bereits in

bereits in der Zeit, in der Ägypten in das Licht der Geschichte eintritt, eine sehr große. Im Verlaufe der Entwidlung des Landes blieb sie in stetem Wachsen, da der Ägypter, wenn er neue Formeln erfand, sich dann doch nicht entschloß, die älteren gleichen Zwecken dienenden abzuschaffen, dieselben vielmehr weiter bestehen ließ und neben den neuen anwendete.

Die Ägypter hegten in diesen Fragen ebenso wie sonst in religiös-magischen Dingen den Glauben, man werde seinen Zweck umso sicherer erreichen, je mehr Mittel man ihm zu Liebe verwertete, und je öfter man sich des gleichen Mittels bediente. So brachte man die geflügelte Sonnenscheibe, welche das Böse von dem Denkmale, das sie trug, fern hielt, auf diesem nicht nur einmal, sondern an mehreren Stellen an. Dem Verstorbenen gab man die verschiedenen Amulette, welche die Unsterblichkeit verschafften und erhielten, in möglichst großer Auswahl und jede einzelne Form in möglichst zahlreichen Eremplaren in das Grab.

In gleicher Weise nahm man einerseits an, die Wirkung einer Zauberformel werde erhöht, wenn man sie in gleichem Wortlaute mehrfach aufsagte, andererseits werde es aber auch nüßlich sein, eine

32

Formelsammlungen.

AD. VI, 4

möglichst große Zahl verschiedenartiger Formeln 311 verwenden, um einen bestimmten Zwecken sicher zu erreichen. Man benußte dabei vielfach möglichst alte Formeln, noch in einer Zeit, in der man ihre Sprache nicht mehr recht verstand und hielt das Hersagen solcher dunkeln und geheimnisvollen Worte, für ganz besonders wirkungsvoll.

Die große Menge der Zauberformeln legte es naturgemäß der Spätzeit nahe, Sammlungen zusammen zu stellen, aus denen man fich jeweils für das augenblickliche Bedürfnis die nötigen Stücke auswählen konnte; man gab dann dem Toten diese Schriften als von allem nüglichen Besiß mit in das Jenseits. Drei große derartige Werfe sind in zahlreichen Abschriften erhalten geblieben. Das älteste bilden die Texte, welche die Wände der Grabpyramiden der Könige der 5. und 6. Dynastie (um 3000 v. Chr.) bedecken, sich aber bis in die späteste Zeit hinein an Grabwänden und in Papyris wieder finden. Zeitlich folgte ihnen die am Anfange des Mittleren Reiches (um 2500 v. Chr.) entstandene Kompilation der „Ältesten Teyte“, welche vor allem bei der Ausschmückung von Särgen Verwendung gefunden hat. Endlich entstand gegen Ende des Mittleren Reiches (um 2000 v. Chr.) das Totenbuch, dessen Inhalt in geradezu unzähligen Abschriften Grabwände, Särge und Papyri bedeckt.

In den späteren Zeiten des Ägyptertums ward es sehr beliebt, neue magische Formelsammlungen auf Grund von Auszügen aus dem alten Material, besonders aus dem Totenbuch, anzulegen. Auf dieje Weise entstand eine lange Reihe von Terten, welche bisweilen in zahlreichen Abschriften vorliegen. Zu diesen Schriften gehören das Buch vom Athmen, das zweite Buch vom Athmen, das Buch „Es blühe der Name“, und manche andere. Aus ihnen gewinnt man ein Bild der spätesten Gestaltung der ägyptischen Religionsentwicklung, vor allem insoweit diese die Unsterblichkeitsvorstellungen berührt. Man ersieht dabei, daß der Glaube des untergehenden Ägyptertums ebenso auf magischen Anschauungen sich aufbaut, wie der der ältesten Zeiten. Auch seinen Inhalt bilden Zauberformeln gegen böse Geister und für gute Götter. So ist die ägyptische Religion in all den Jahrtausenden ihres Bestehens das geblieben, was sie von Anbeginn an war, eine mit wechselnder Klarheit ausgearbeitete, für alle Lagen des Diesseits und Jenseits angewendete, für Götter wie Menschen gleich wichtige Magie.

Der

Alte Orient

Gemeinverständliche Darstellungen

herausgegeben von der

Qorderasiatischen Gesellschaft

Siebenter Jahrgang

1905

1. Meißner, (Prof. Dr. Bruno: Aus dem Babylonischen Recht. 2. Winckler, (Prof. Dr. Hugo: Die Euphratländer und das Mittelmeer.

Mit 3 Abbildungen. 3. Zimmern, Prof. Dr. Heinrich : Babylonische hymnen und Gebete in

Ausmaßl. 4. Weber, Dr. Otto: Dämonenbeschwörung bei den Babyloniern und

Affyrern.

[ocr errors][merged small]
« ͹˹Թõ
 »