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Herber: ,,Ueber die menschliche Unsterblichkeit." Werte zur Philoso: phie u. Geschichte. Th. 8. S. 81.

„Unsterblich nämlich, und allein unsterblich ist, was in der Natur und Bestimmung des Menschengeschlechts, in seiner fortgehenden Thätigkeit, im unverrüdten Gange derselben zu seinem Ziel, der möglichst besten Ausarbei. tung seiner Form, wesentlich liegt; was also seiner Natur nach fortdauern, auch unterdrückt immer wiederkommen, und durch die fortgeseßte, vermehrte Thätigkeit der Menschen immer mehr Umfang, Haltung und Wirksamkeit erlangen muß: das rein Wahre, Gute und Schöne. Aus diesem Samen find Göttergestalten hervorgegan. gen, Heroen und Wohlthäter der Menschheit entsprossen und entsprießen nody; sie haben auch auf uns gewirft; wir haben Beruf und Macht, in ihrem Werk fortzuwirken und dadurch den schönsten und edelsten Theil unserer selbst, in unserm Geschlecht zu verewigen. Es sei mir vergönnt, diesen Gedanken, der keine Poesie, sondern die idylichteste Wahrheit ist, mit Weniger zu entwideln. Ich bin gewiß, daß in jedem edlen Ges müth, das mid höret, sich auch ein Land der Unsterblichkeit aufthun werde, indem jedem sein Herz saget: hier wohnt wahre menschliche Uns fterblichkeit, hier oder nirgend. Außer ihr ist Schatten und Orfus.

Das Edelste, was wir besigen, haben wir nicht von uns selbst; unser Verstand mit seinen Kräften, die Form, in welcher wir denten, handeln und sind, ist auf uns gleichsam herabgeerbt. Wir denten in einer Sprache, die unsere Vorfahren erfanden, in einer Gedanken: weise, an der so viele Geister bildeten und formten, zu der auch in andern Sprachen die schönsten Genien des Menschengeschlechte beitrugen, und uns damit den edelsten Theil ihres Daseins, ihr innerstes Gemüth, ihre erworbenen Gedankenschäte huldreich vermachten. Täglich genießen und gebrauchen wir tausend Erfindungen, die aus alten Zeiten, ja zum Theil von den fernsten Gegenden der Erde zu uns gekommen find, und vhne die wir ein freudenloses, dürftiges Leben führen müßten. Marimen und Sitten sind auf uns geerbt, die nicht nur das Gefeß der Natur, das dunkel in uns liegt, erhellen, sondern uns auch erwär. men und Kraft geben, uns über Bedrüdniß und Gewohnheit hinaufzu. schwingen, Vorurtheile abzuschütteln, und, indem wir andere Gemüther von demselben Lichte des Wahren, Guten und Schönen durchdrungen fühlen, uns mit ihnen in Freundschaft und Thätigkeit weit inniger zu vereinigen, als geist, und sinnlose Körper sich je vereinigen könnten. Diese Kette von Wirkungen ist zu uns gelangt, sie hat uns umfaßt und umschlungen; wider Willen müssen wir an ihr halten und im Guten oder Bösen, thätig oder hindernd, auf Welt und Nachwelt fortwirken. Dieß ist das unsichtbare, verborgene Mediuin, das Geister durch Gedan. ten, Herzen durch Neigungen und Triebe, die Sinne durch Eindrücke und Formen, bürgerliche Gesellschaften durch Gefeße und Anstalten, Ge. fchlechter durch Beispiele, Lebensweise und Erziehung, Liebenbe durch Liebe, Freunde durch harmonische Freundschaft fnüpft, also daß wir in diesem bindenden Medium auf die Unsern, auf andere, auf die Nach. fommenschaft wirken müssen und fortwirfen werden. Dies ist das Innere der wahren menschlichen Unsterblichkeit; jedes äußere Bild von ihr ist nur ihr Name, ihre Bezeichnung.

Lassen Sie uns, um dieß inne zu werden, nur an die lebendigsten Augenblide unseres Lebens, insonderheit unserer Kindheit und Jugend gedenken; gingen wir nicht, da wir sie genossen, stets aus uns heraus, und theilten uns mit? oder wir empfingen von andern, fühlten sie in uns, uns in ihnen. Da bergaßen wir unsere eingeschränkte, fterbliche Form; wir waren im Lande ewiger Wahrheiten, einer reinen Güte, eines unsterblichen Genusses und Daseins. So gingen in uns als Jüng: linge die Gedanken derer über, die am meisten auf uns gewirkt haben; ihre Töne flossen in uns, wir fahen ihre Gestalten, berehrten ihre Schat: ten, und die Wirkung, die auf uns durch ihr inneres Wort gemacht warb, gedieh zur Form unserer Seele. Noch denken wir mit den er danten jener Großen und Weisen, die dem Körper nach längst verlebt find; nicht bloß was, sondern wie sie es dachten, hat sich und mitges theilet; wir verarbeiten és weiter und senden es fort auf andere. Schiene gleich Manches im dunkeln Grunde unseres Gedankenmeeres todt und begraben zu liegen; zu rechter Zeit steiget's doch hervor und organisirt fich zu und mit andern Gedanken: denn in der menschlichen Seele ist nichts tobt; alles lebt oder ist da, daß es zum Leben geweckt werde; und da das Reich menschlicher Seelen im innigsten Susammenhange ist, so belebt, so erwedt Eine die andere. Noch in einem höheren Grade wirken so auf uns die Leidenschaften, Lebensweisen und Sitten der Menschen, insonderheit derer, mit denen wir täglich umgehen, die wir hassen oder lieben, verabscheuen oder verehren. Gegen jene einpört sich unser Gemüth, die Eindrüde dieser gehen sanft in unsere Natur über. Wir gewöhnen uns an des andern Wort, Wiene, Blid, Ausbruck, so daß wir folche unvermerkt an uns nehmen und auf andere fortpflanzen. Dieß ist das unsichtbare, magische Band, das fogar Geberben der Men, Ichen verknüpft; eine ewige Mittheilung der Eigenschaften, eine Palingenesie und Metempsychose ehemals eigener, jeßt fremder, ehemals fremder, jeßt eigener Gedanken, Gemüthøneigungen und Triebe. Wir glauben allein zu sein und find's nie: wir sind mit uns selbst nicht allein; die Geister anderer, abgelebter Schatten, alter Dämonen, oder unserer

Erzieher, Freunde, Feinde, Bildner, Mißbildner, und tausend zudringen: der Gesellen wirken in uns. Wir können nicht umhin, ihre Gesichte zu sehen, ihre Stimmen zu hören; selbst die Krämpfe ihrer Mißgestalten gehen in uns über. Wohl ihm, dem das Schidsal ein Elysium und keinen Tartarus zum Himmel seiner Gedanken, zur Region seiner Em: pfindungen, Grundfäße und Handlungsweisen anwies; sein Gemüth ist in einer fröhlichen Unsterblichkeit gegründet.

Um hierüber mit mir Eins zu werden, bemerle man folgendes:

1. Je reiner und edler etwas in unserer Natur ist, desto mehr gehet's aus sich beraus, entsaget seinen engen Schranfen, wird mittheilend, unendlich, ewig. Eine Form, die uns zusammendrüdt, drüdt, wenn wir sie andern auflegen, diese um fo inehr zusammen, eben weil es nicht ihre Form ist; dahingegen, was andern Luft und Lust macht, was ihnen freien Athem und ein Elysium gibt, in welchem freiwillige Blumen blühen, dieß ist reiner unsterblicher Aether. Dahin gehören z. B. belle, wahre Gedanken, jede Erweiterung der Wissenschaft, bei welcher wir uns selbst vergessen und nur in den Geseßen des Gegenstandes denken; Regeln der Vernunft, Sitten und Rechte, in denen jeder, auch wider Willen, das Algemeingeltende, Wür. dige anerkennt, und in ihnen gleichsam Formeln der Ewigkeit lieset. Wo Saiten dieser Art erllingen, tönen alle reinen menschlichen Gemüther init; wir freuen uns ihrer, bis unvermerkt sie das Saitenspiel unseres inneren Sinnes werben. So haben alle Wohlthäter des Menschenge. schlechts herabgewirket: so wirken Eltern, Lehrer, Geseßgeber, Freunde auf uns, und wer sonst den Gang unserer Gedanken, den Plan unseres Lebens zur reinsten edelsten Humanität förbert. Und o wie glüdlich sind vor allen andern die Heroen und Genien der Menschheit, wenn ihnen bei ihrer Macht und Weisheit, und bei ihrer Weisheit und Macht auch Güte zu Theil ward! Welche tausend Mittel haben sie in ihrer Sand, auf die schönste und gewisseste Art unsterblich zu werden. Möge der Unterdrückte, der Hülflose, der Verwaisete ihre Namen kennen oder nicht, so lange er durch ihre Veranstaltung Schuß, Hülfe, Aufmunterung, Unterhalt, Freude genießet, so lange leben sie in ihren Anstalten selbst unsterblich. Die bessere Bildung, die der Verwahrlusete empfing, die gute Aufnahme, die der Verlassene findet, jede Brauchbarkeit, zu der er gebildet wird, jeder Dant, jede Freude in ihm, fammt allen guten Wir. kungen, die Er auf's neue fortsendet, alles ist ihr Werf, ihre Veran: lassung und Stiftung. Die Früd;te, die sie zum reinen Ertrage der Menschheit fäeten, sind von unsterblicher Art, von immer wuchernden Zweigen. Dagegen das, was sich in und mit unserer sterblichen Gestalt verzehrt, das geht hinab in den Orkus.

2. Zum Uebergange dieses Beitrages in den gesammten ewigen Schaß der Menschheit gehört nothwendig eine Ablegung unseres Ich, d. i. eine Entäußerung sein selbst und seine Vorurtheile, die an diesem Selbst haften. Wollten wir, wenn wir's auch fönnten, Welt und Nachwelt mit unseren Schwächen beschenken? Nein! Der Nektar der Unsterblichkeit, der Lebenssaft, durch welchen das Wahre und Gute feimet, ist ein reiner Saft; alles mit Persönlichkeit Vermischte muß in den Abgrund; in den Gefäßen und Triebwerfen der großen Weltınaschine muß es so lange geläutert werden, bis der Bodensaß sintet. Die Wahrheit ruhet auf sich selbst; wenn ihr Würfel auch sechsmal umgewälzet würde, er ist und bleibt immer ein Würfel; dagegen die Pyramide, die auf ihre Spiße gestellt würde, entweder zertrümmern oder mit unges heurer Mühe umhergewälzt werden müßte, bis sie ihre ruhige Grundlage fände. Leicht wird diese Selbstverläugnung, sobald man einmal die Luft der hohen Region genossen, und in das Gebiet des Beharrlichen, des Wahren verlegt ward. Gern leget man die sterbliche Hülle der Persön. lichkeit ab, wo sie Welt und Nachwelt nur an untere Unvollkommenheit erinnern würde. Der erste Begriff eines allgemeinen Geseßes sagt schon, daß es von Privatleidenschaft entfernt sein müsse: so will auch jede reine Form des Guten und Schönen fein Porträt, sondern ein ideal sein. Wer über sich selbst der strengste Richter zu sein vermag: nur der ist ein Sohn der Götter, seiner Natur nach und in seinen Werken unsterb: lich. Vielleicht habe ich einmal Gelegenheit, etwas über die Dämonen, Heroen und Genien der Alten zu sagen, deren Göttergestalten überhaupt mir wie abgezogene Begriffe und Kategorien erscheinen, unter welche sich alles Unsterbliche in Menschengedanken, Werken und Charakteren gleichsam sinnlich ordnet.

3. Da aber jedes Ding nur auf Eine Weise das beste seiner Art sein kann, mithin nach ewigen Gefeßen die Formen der Dinge wieder. kommen müssen, und kein Inneres ohne ein Reußeres, kein Gedanke und Wille ohne Bezeichnung sein kann; so sieht man, daß im Garten der Unsterblichkeit auch die Kunst des Ewigwahren, Guten und Schönen unentbehrlich ihre Stelle finde. Zwischen allen Abwegen ist nur Eine Straße, die gerade und wahre; und wenn nach vielen Jugendübungen das Meisterwert erscheinet, so dürfen wir nicht zweifeln, daß es den Charafter des Beharrlichen und Dauernden an sich trage. Geweihete Augen erkennen ihn darin, und wenn der Neid eine Wolfe, die Barbarei einen dichten Nebel darüber würfe – die Wolfe fällt, der Nebel schwin: det, und das Licht des ewigen Werks strablet Jahrhunderte weiter. Un: glaublich ist's, wie wenig eigenthümliche Formen im Reich der Gedanken und Menschenwirkungen erscheinen, wenn man die Geschichte prüfend hinab berfolgt. Weit weniger Regenten beherrschen die Welt der Wissen. schaften, der Künste, der Erfindungen, Gefeße, Marimen, als Monarchen Länder beherrschen; mancher derselben regierte Jahrhunderte lang in einem süßen Jrrthum fort. Zulegt aber fand sich doch das verscharrete Gold wieder auf; nach dem langen Winter begann die ewige Kraft der Natur einen neuen schönen Frühling. In der Geschichte aller Zeiten und Völler ist das Schönste und Beste jeder Art mit einem Siegel der Unvergänglichkeit, mit dem Gepräge und Charakter des Immerwieder. Pehrenden bezeichnet: ein glüdlich getroffenes Marimum oder Minimum feiner Art, eine aufgelösete Formel, die einzig fo aufzulösen war.

Jrre ich nicht, so muß, wenn wir gesund find, diese Betrachtung uns einen neuen Geschmad am Leben, eine neue Hochschägung des Ran: ges, auf welchem wir stehen, und den Wunsch einflößen, in ihm sowohl Ewigkeit zu genießen, als für das Fortbauernde in der Menschheit in der besten Art zu wirken. Theilnehmen müssen wir; wir stehn im Strom der Zeit, wo eine Welle die andere treibet; nüßlich oder schäd. lich müssen wir also auf die Zukunft wirken, wie die Vergangenheit auf uns wirfte; der Kampfpreis des Lebens ist, daß wir auch in Nacht und Nebel das Ziel treffen, wo der Kranz hängt, daß wir die Saite treffen, Wo wohiklingende Konsonanzen in's Unendliche hinauf. und hinunter: tönen. Wären diese gleich dem gemeinen Ohre unhörbar; fie find ben: noch da, fie tönen weiter und erweden neue harmonische Mitlaute. Nicht durch Schriften wirken wir allein auf die Zukunft; viel mehr können wir's durch Anstalten, Reden, Chaten, durch Beispiel und Lebens. weise. Dadurch drüden wir unser Bild lebendig in andere ab; diese nehmen'ß an und pflanzen es weiter. So erhob sich der Baum der Humanität über die Bölfer; unzählige Hände trugen zu seiner Wartung und Pflege bei: wir genießen seine Früchte und müssen zu feiner weitern Kultur mithelfen. Wie weit diese reiche, umfaßt unser Blick nicht; aber unsere Hand sei emsig, unser kurzes Leben werde durch Theilnehmung und Theilgebung verlängert und ewig. Mich dünft, in diesem hohen und richtigen Gefühl werde man leicht des Namens bergessen, mit dem unsere Person bei Leibesleben genannt ward; nicht unser Bild wollen wir unsern Mitgenossen und der Nachwelt vermachen, sondern unsern Geist, unser Szerz, die besten Bestrebungen unseres Daseins, die edelste Form, die wir von andern in uns, auf andere aus uns brachten."

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