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Alle von uns bisher behandelten Fälle betrafen grammatische Angleichung. Es sind aber, glaube ich, auch zwei Fälle begrifflicher Angleichung im Hebr. zu konstatieren, die ihrer Natur nach bisher noch nicht erkannt wurden, und auf die ich daher noch aufmerksam machen möchte. Die begriffliche Angleichung ist zweierlei Art:* 5

durch Ähnlichkeit,

Angleichung durch Kontrast.

Ein Fall von der letzteren Art ist wohl das Imperfekt von läkaḥ: 10 jikkaḥ. Eine derartige Assimilation des l an einen folgenden Konsonanten ist dem Semitischen durchaus fremd.** Es liegt vielmehr in jikkaḥ eine Analogiebildung nach seinem Gegensatz jitten von nātan vor. Letzterem Verbum folgt auch das Qalpassiv von lakaḥ: juķķaḥ nach juttan, dagegen begreiflicher Weise nicht das Niphal, da 15 dessen Bedeutung „hinweggenommen (= hinweggerafft) werden“ nicht als Gegensatz von „gegeben werden" empfunden wurde.

Ein Fall von Angleichung an Wörter verwandter Bedeutung liegt wohl in der Bildung einzelner Formen von halak (lék, jelck und hôlik) vor. Unter den zahlreichen Erklärungsversuchen gilt der von 20 PRAETORIUS*** gegebene als der beste, wonach das Hiphil *hahlik durch Quiescieren des h zu *hâlik und dann weiter zu hôlik wurde. Aber, fragt man sich, warum ist in mahbilim (Jer. 23, 16), mahgim (Jes. 8, 19) u. ä. die Lautfolge ah nicht zu â, ô geworden? Es dürfte vielmehr eine Bedeutungsanalogie vorliegen: halak ist ein Verb der 25 Bewegung, und da einige andere ihm sinnverwandte Verba (järad „hinabsteigen“, jāšab „sich niedersetzen“, jāså „hinausgehen“) Verba primae wij waren, so trat bei hālak eine Analogiebildung nach diesen Verben zunächst im Imperativ Qal ein.† Nachdem nun der Imperativ nach Analogie von rèd, ščb und șé statt *hålek lek gebildet 30 worden war, konnte auch das Imperfekt und weiterhin das Hiphil der Analogie jener Verba folgen.

* WUNDT, a. a. (., S. 446.

** Fälle, wie syr. âzzin für âzlin (so noch ģeschrieben) und nessaḥ für *neslak dürfen natürlich mit jikkaḥ nicht verglichen werden, ebenso wenig die Assimilation des 35 I im arab. Artikel an einen folgenden Zungenlaut. *** ZAW 2, S. 310-312.

† Hierfür spricht, dass das Moabitische in der Mēša - Inschrift den Imperativ zwar schon lk, (2. 14), das Imperfekt aber noch hlk (2. 15 u. 16) bildet.

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Hymnen und Gebete an Marduk.

Von
Dr. theol. Johannes Hehn.
a) Die Genealogie Marduks.

5 Marduk ist anerkanntermassen die wichtigste* Gottheit des babylonischen Pantheons. Die babylonische Religion ist naturalistischer Pantheismus; der Babylonier erklärt die Naturvorgänge nicht aus mechanischen Gesetzen, sondern er sieht in ihnen unmittelbare

Auswirkungen der Gottheit.** Durch die verschiedenartigen Natur10 erscheinungen differenziert sich die eine grosse Gottheit in verschiedene Gottheiten.

Man hat Marduk bisher allgemein als den Gott der Früh- und Frühlingssonne erklärt*** und auf diese Erklärung alle Mitteilungen

der Babylonier über die Tätigkeit Marduks zurückgeführt. Zu einem 15 klareren Verständnis der eigentümlichen Bedeutung Marduks kom

men wir m. E. jedoch, wenn wir in erster Linie die Gedankengänge ins Auge fassen, wie sie die babylonische Theologie über Marduk ausgebildet hat, und nicht gleich zurückgehen auf diesen scheinbar

das ganze Geheimnis lösenden Endpunkt. 20 Die Keilschrifttexte heben bei der Erwähnung der Tätigkeit

Marduks immer in erster Linie dessen Genealogie hervor, weil beide in engster Beziehung zu einander stehen.

Marduk ist der erstgeborene Sohn des Ea (aplu rêštû ša ilẾa), der erstgeborene Sohn des Abgrundes (aplu rêštû ša apsî), während Ea 25 der šar apsê ist. Apsû ist aus dem sumerischen ab-zu (ZU. AB) ins

Semitische übergegangen und bedeutet „Haus der Weisheit“; Ea,

* cf. ZIMMERN, KAT3 S. 370; A. JEREMIAS, Art. „Marduk' in Roschers Lex. d. griech. u. röm. Mythologie.

** cf. WINCKLER, Himmels- und Weltenbild der Babylonier, Lpzg. 1901, S. uif.; 30 ders., Die babylonische Kultur in ihren Beziehungen zur unsrigen, Lpzg. 1902, S. 19; DELITZSCH, Babel und Bibel2, Lpzg. 1903, S. 49 u. 77 f.

*** KB VI I S. 562 verlässt JENSEN diese zuerst von ihm aufgestellte Erklärung und erklärt Marduk für einen Lichtgott, das Licht unabhängig von der Sonne,

„Gott des Wasserhauses“* (die Beziehung zwischen „Wasser und „Weisheit“ werden wir unten erörtern), ist der Bêl nîmeķi, der „Herr unergründlicher Weisheit“. Unter den zahllosen Stellen, die das bezeugen, sei hier nur erwähnt Šurp. II, 149 - 154 (IV R 52, III, 33–39):

il Ê-a lip-tur šàr apsi,
apsû lip-tur bît ni-me-ki
Eridu lip-țur bît apsî lip-tur
i Marduk lip-țur šàr ilgigê
il Şar-pa-ni-tum lip-țur šar-rat Ê-sag-il
Ê-sag-il u Bâbilu lip-tu-ru .

10 šú-bat ilâni rabûte IVR 18, 37a dingir EN.KI lugal ZU. AB-kid = il Êa šàr ap-si-i; IV R 56, II, 9: ilỆa šàr apsi, bân kullati, bêl gimri; IV R 57, 18b (No. XIV). Das ist also die grundlegende Auffassung von Marduk, wie sie uns in der babylonischen Mythologie vorliegt: Er ist der Sohn des Herrn un- 15 ergründlicher Weisheit. Damit hängen die Epitheta eng zusammen, die Marduk beigelegt werden, um ihn als Weisheitsgott zu bezeichnen: er ist der rapša usni, der weitsinnige, der pît usni, der igigallu, der helläugige (Nebuk. III, 3), der bân nîmeķi, der Vater der Weisheit, er ist der naklu, muntalku (No. I, Obv. 7), der kunstvolle, weise 20 Gott, der alle Weisheit besitzt (hammâta kullat nîmeķi No. I, Obv. 4).

b) Marduks Wirksamkeit Von grösster Bedeutung für die Erkenntnis des eigentümlichen Wesens Marduks ist die Tätigkeit des Gottes. Er ist derjenige, welcher das unter dem Bilde des Ungeheuers Tiâmat dargestellte 25 Urchaos überwindet und zum Kosmos gestaltet. Warum überträgt die babylonische Mythologie gerade Marduk die Gestaltung des Chaos zum Kosmos? Weil er der Sohn des Herrn unergründlicher Weisheit ist und deshalb in das sinn- und gesetzlose Durcheinander Klarheit und Gesetzmässigkeit bringt; er schafft Ordnung auf der Welt. Sein 30 Sieg über Tiâmat bedeutet den Triumph der Intelligenz, des geistigen Lichtes, über die sinnlose Bildungskraft und elementare Gewalt. No. I Rev. 23 heisst Marduk der Sohn des mummu; dieses mummu, mit dem hier und auch sonst (Merod.-Bal.-Stein III, 5) Ea bezeichnet wird, ist nach JENSEN, KB VI 1 S. 302 f. als „Form“, „Gestalt“ o.ä. zu erklären 35 und bezeichnet Ea als die Urform, oder das Urbild, nach dem alle anderen Formen und Gestaltungen gebildet sind. (Auch im N. T. wird Christus als „Bild Gottes“ (2 Cor. 4, 4; Phil. 2, 5-11; Hebr. 1, 2—4) dargestellt, der Vater ist das Urbild, der Sohn das Abbild). Mar

* Über die Lesung des Ideogr.(?) f. Ea cf. JENSEN, KB VI 1 S. 345; ZIMMERN, 40 KAT3 S. 358 Anm. 6; ferner JENSEN a. a. 0. S. 560.

duk bildet darum auch den Menschen (KB VI 1 S. 34 Z. 15; 40, Z. 20; No. VIII, 1-4; XIV, 17), vgl. Gen. I, 26f. para, inga – das göttliche Bild ist Vorbild für die Gestaltung des Menschen. Ea ist

Protektor aller Künstler; mummu hat dieselbe Wurzel wie urmânu 5 Künstler, '-m-m, JENSEN a. a. O. Das bît mummu war eine Art babylonischer Hochschule; sie war so genannt, weil die Wissenschaft in der Gottheit als der Uridee ihren letzten Ursprung hat. II R 58, 5, 4 wird ilNU.DIM. MUD erklärt als Ēa šá nabnîti; nabnîtu = Form, Gestaltung JENSEN, KB VI 1 S. 303. Da NU= „Bild“, DIM = banû, 10 MUD= banû fa alâdi Sc 51, so ist Ea damit bezeichnet als die alles

gestaltende, aus sich erzeugende Form. Der Ausdruck mummu bân kâla = das alles bildende, gestaltende Urbild hat denselben Sinn (Merod.-Bal.-St. Col. III, 5; BA II, 261). Es möchte mir scheinen,

dass nicht der Kampf zwischen Tag und Nacht, Winter und Früh15 ling zu dem Mythus von der Besiegung der Tiamat durch Marduk

geführt hat, zumal sich dieser Kampf in Babylonien nicht so furchtbar darstellt wie bei uns, ich glaube vielmehr, dass man die Ordnung, die das Weltall durchherrschende Gesetzmässigkeit, er

klären wollte. Die Herstellung dieser Ordnung führt der Babylonier 20 auf ein mit ganz besonderer Weisheit begabtes Wesen zurück;

es ist der Sohn des Urgrundes aller Weisheit. Die Umgestaltung des Chaos zum Kosmos erscheint ihm als eine gewaltige Arbeit, als ein furchtbarer Kampf mit den Mächten der Unordnung, der Gewalt,

der Finsternis, der Zerstörung. Merkwürdig oder unglaublich ist das 25 nicht: die Wissbegierde eines jeden Volkes sucht sich schliesslich die

zu lösen. Der Babylonier sagte sich nun, dass es ein unendlich weiser und mächtiger Gott sein müsse, der die gewaltigen Massen

der Weltkörper in seine ewigen Gesetze gezwungen habe. Das Licht 30 als Bild der Weisheit, die Finsternis als Bild der Unordnung und

Zerstörung ist dem Babylonier ebenso geläufig wie dem A. T. Marduk tritt deshalb in die Erscheinung durch das Licht, das Symbol der Weisheit, während das Chaos Finsternis ist.

Mit dieser Tätigkeit Marduks ist eng verknüpft seine Bedeutung 35 als Förderer und Schützer des Kulturlebens. Diese Auffassung

von Marduk unterscheidet das kulturelle Centrum Vorderasiens, Babel, charakteristisch von dem mit dem Bogen abgebildeten, kriegslustigen Asur, der nichts anderes ist als die Projizierung des militärischen

Geistes der Assyrer in die babylonische Götterwelt. Marduk wird 40 zwar auch oft als gewaltiger Held geschildert, der die Feinde nieder

wirft z. B. No. I, 33; No. IV; No. V; IV R 26, 4 (No. VI); No. III, 10, allein es soll damit bloss die Überlegenheit des Lichtes über die Finsternis, der Weisheit und Vernunft über die rohe Gewalt, sowie die Macht Beiträge zur semit. Sprachwissenschaft. V.

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zum Ausdruck gebracht werden, welche der Gott besitzt, um sein Volk zu schützen. Die Pflege des Kulturfortschrittes dagegen liegt im innersten Wesen Marduks begründet. Er weckt als Frühlingsgott das Leben in der Natur und schafft so die Grundlage für die Kultur. Sein Fest ist im Frühling und hat den Namen tabû = Auf- 5 erstehungs* -Fest. Marduks Gemahlin ist Şarpanitu = die silberglänzende (Morgenröte), woraus man in Assyrien, vielleicht mit Rücksicht auf Marduk als Frühlingsgott, Zêrbânitu = die samenspendende, machte. Marduk als Schöpfer des Natur- und Kulturlebens kommt in den Hymnen und Gebeten sehr vielfach vor. Er öffnet die 10 Gebirgsquellen,** leitet die Ströme im Gebirge, *** lässt das Getreide üppig gedeihen, † verteilt die Nahrung,tt sorgt für das Wild des Feldes, für das Wachstum der Pflanzungen, tii er spendet den Überfluss, ** sorgt für Erwerb und Vermögen ,*** er ist ein guter Ratgeber,***er hat gegründet die Gesamtheit der Wohnstätten,t* erhält 15 die Städtet 1* und ähnliche Ausdrücke lassen keinen Zweifel darüber, dass man Marduk nach dieser Richtung eine besondere Tätigkeit zuschrieb.fti*

Der Charakter Marduks als des Gottes des Kulturfortschritts wird noch besonders dargestellt durch seinen Sohn Nabû, welcher 20 der Lehrer und Förderer der Tafelschreibekunst ist, womit er als Förderer der idealen Güter der Menschheit überhaupt bezeichnet wird. Im Grunde ist Nabû und Marduk eins.**t Nebo ist demgemäss auch der Gott des Handels entsprechend dem griechischen Hermes, dem römischen Merkur. **** Er ist ebenso wie sein Vater Marduk 25 der rapša usni, seine Gemahlin ist Tašmệt = Erhörung, die personifizierte Bereitwilligkeit zur Aufnahme der Weisheit, vgl. die Tafelunterschriften aus der Bibliothek Asurbanipals.

Von Marduk verschieden, möglicherweise von ihm erst später

* Das Wort so von JENSEN gedeutet KB VI 1 S. 306; vgl. ZIMMERN, KAT3 S. 371. ** K 3459 Vorders. I, 6 (No. II), K 3505 Vorders. 7 (No. III).

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* K 3505 Vorders. 5; K 3459 Vorders. I, 8; No. XIV, 30. ** K 3459 Vorders. I, 7. it K 3459 Vorders. I, 10f.; DT 109 Vorders. I, 2 (No. XXIV).

** K 3459 Vorders. III, 11. **** No. I, Vorders. 5; 27; K 3459, I, 2. ** No. I, Vorders. 8.

* K 3505, Vorders. 6. 11* Allerdings werden ähnliche Eigenschaften auch anderen Göttern zugeschrieben; so heisst Nusku mukîn mahasi, muddišu parakkê, weil er als Licht- und Sonnengott eine 40 gewisse Einheit mit Ea und Marduk bildet Mag. II, 3.

*** vgl. ZIMMERN, KAT3 S. 399.

***† Die Übereinstimmung der Eigenschaften Marduks und Nebos mit Apollo und Hermes ist geradezu frappierend, vgl. ROSCHER, Lex. S. 422 ff. 2360 ff.

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