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Das Drama „Jesus der Christ“ ist durchweg für die Darstellung geschrieben; es soll daher im Interesse eigenthumsberechtigter Nachkommen das Eigenthumsrecht dieses Volksbühnenstüces hiermit den

Bühnen gegenüber gewahrt bleiben.

Vorwort.

Die vorliegende Dichtung, Ostern 1855 vollendet, blieb bisher ungedruckt, theils in Folge meiner mehrjährigen Abwesenheit vom Vaterlande, theils weil es mir von Interesse schien, bevor ich sie den Weg der sogenannten litterarischen Dramen gehen ließe, sie auf dem mühsameren, doch ihrer Natur entsprechenderen Wege vom Munde zum Ohr mit dem Zeitbewußtsein zu vermitteln. So gelangte sie, zuerst 1855 in Zürich, zulet 1864 in Heidelberg, bereits mehrfach durch mündlichen Vortrag zur fenntniß des Publikums. Denn obwohl ihr durch die Ungunst der Verhältnisse die Bühne die Volksbühne fehlt, will fie an sich keineswegs ein litterarisches Drama sein. Die dramatische Poesie, welche darauf verzichtet, darstellbar zu sein, giebt mit der ästhetischen Vollendung ihres reinen Begriffs zugleich den eigenthümlichen höchsten Vorzug des Dramas auf: wie das Leben selbst, thatsächlich, ergreifend zu Herz und Sinn der Menschen zu treten. Das Drama , Jesus der Christ" ist in allen Theilen aufführbar und für die Volksbühne bestimmt in dem Rahmen und wesentlich in der Weise, wie noch heute in einigen Orten Deutschlands die sogenannten Passionsipiele sie aufzeigen. Eine solche Bestimmung ist keine Spezialität. Nur die Volksbühne vereinigt in sich die mögliche Befriedigung der höchsten

ethischen wie ästhetischen Ansprüche des Dramas, und wir werden sie auf der Höhe unserer nationalen Stunstentwicklung haben, so gewiß einst auf solcher Höhe die Griechen sie hatten und so gewiß auch in Deutschland die allmächtige Kirche in ihrer Blüthezeit sie einführte, obwohl nur zu ihren Zwecken und darum ohne Stunstvollenduitg.

Die dramatische Kunst, ihrem höchsten und vollkommenen Begriffe nach, ist, wie auch das Streben der Airche bewährte, feine Dienerin des Vergnügens und der Zerstreuung; fie hat schon im alten Athen über die höchsten göttlichen und menschlichen Wahrheiten zu Gericht gesessen und ist solches unter allem Volk und in allen Zungen zu thun berufen, soweit sie daran fest hält, unbeengt und unbeirrt von Einzelrichtungen der Zeit und der Parteien das menschliche Wesen in seiner Einheit anzuschauen, in seiner Reinheit aufzufassen, in seiner Wahrheit künstlerisch wiederzubilden; ja sie begreift erst dann sich selbst recht, wenn sie überall das rein Menschliche zu ergründen und es als den idealen Kern politischen, religiösen und gesellschaftlichen Geschehens aufzuzeigen bestrebt ist. In diesem Sinne darf die Dichtung ohne Frivolität auch dem höchsten Gegenstande des Christen sich zuwenden.

Mit den geistverwandten Arbeiten der Gegenwart, insbesondere mit den epochemachenden Werfen über die Quellen und die Geschichte des Christenthums von Strauß und Bauer, welche zum Ausgangspunkte der Zeitbewegung auf diesem Felde geworden sind, hat das vorliegende Lebensbild Jesit die Tendenz gemeinsam, den unversöhnlich mit dem Prinzip des Menschenverstandes streitenden Wunderboden des Christenthums zu durchbrechen und dasselbe in die menschliche, in der Vernunft gravitirende Einheit des Denfens aufzuheben: des Näheren jedoch ist seint Standpunkt von dem jener

fritischen Arbeiten um jo weit verschieden, wie es die Kunst von der Wissenschaft ist.

Auf dem kritisch-analytischen Wege nur wird der Geist der Weltgeschichte die Erkenntnißfrage über den unzweifelhaft natürlichen Ursprung und Aufbau der Christus-Religion endgiltig lösen und diese von dem evangelischen Wunderschwang befreien: allein auf dem poetisch-synthetischen Wege bleibt ein, mindestens für unsere Zeit, faum minder werthvolles Ziel zu erreichen, die Erfassung nämlich jenes in der Bibel gegebenen und in das Volfsbewußtsein übergegangenen Christusbildes – des Kernes der herrschenden Religion als eines (jo in Jesus, wie in seinen Nachfolgern, den Glaubenschriften) nur durch den Irrthum des noch neuen Geistes über sich selbst für übernatürlich gehaltenten Lebens. Und eben dies ist nicht sowohl die Absicht wie die Selbstempfindung, in welcher das vorliegende Lebensbild geschrieben wurde. Es will — nicht durch Gründe, sondern durch Zusammenstellung der Hauptzüge der evangelischen Geschichte selber zu organischem Leben erkennen lassen, daß der biblische Christus, mit Ausschluß nur der gar zu offenbarlich märchenhaften Todtenerweckungen, durch Sendung, Thaten und Worte überall nicht als Wundergeburt, sondern als Frucht der menschheitlichen Geistesentwicklung sich ausweist, daß der Menschensohn" nur aus Unerfahrenheit über den Menschengeist für den personifizirten Gottgeist gehalten wurde – es will die Einheit der Bibelüberlieferung im großen Ganzen (und so des Christenthums) mit Natur und Vernunft als herstellbar aufzeigen unter der Bedingung, daß man die „Offenbarung“ in dem vollen Lichte der Einheit, wie dies der Charakter und die Aufgabe des Dramas ist, und nicht in dem gebrochenen unlebendigen Lichte des Buchstabens und der Buchstabenlehre anschaue.

Nur wenn Widervernunft und Widernatur, welche bisher an das höchste Sittliche und Heilige unserer Erkenntniß unauflöslich sich fetteten, aus den Grundbegriffen der Religion schwinden, nur wenn das Christenthum, das sich selbst für ein Wunder ausgiebt und das in der That als eine weltergreifende Geistesflamme in die Menschheit eintrat, fich, ohne an geistiger Straft oder an fittlicher Würde einzubüßen, als erwachsen aus dem alltäglichen und geschichtlichen Boden des wahren wirklichen Menschenlebens darstellt, nur dann vermag dasjelbe eine Religion der Menschheit zu werden.

Möge denn das dramatische Lebensbild „Jesus der Christ“, indem es jenen uns mythisch überlieferten Jesus von Nazareth als wahrhaften, von dem in uns Allen nunmehr erschlossenen Gottesgeiste zuerst heilig und feurig ergriffenen Menschensohn zeigt, das Seine thun, um in den Herzen Derer, die sich nach Christi Namen nennen, den Glauben 311 versöhnen mit dem sich selbst bezeugenden Lebenslichte der Vernunft und zu dem einigen, freudigen und gesunden Leben der Zukunft des Christ den Weg zu bahnen!

Stuttgart, 20. März 1865.

Albert Dulk.

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