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Längst vor Entdeckung der Urkunden hat Dodwell Babylonien als Ursprungsland erkannt. Ideler, Histor. Untersuchungen S. 147 hielt Ägypten für die Heimat. Das ist verständlich, denn dem Abendlande ist das altorientalische Wissen durch Ägypten vermittelt worden. Nach Entdeckung der indischen Urkunden riet man auf Indien (Bohlen). Der Strafzug gegen China hat wieder die alte Hypothese von China als Ursprungsland aufgefrischt. Die Fäden, die vom vorderen Orient über Eran nach Indien und China führen, werden nach und nach bloßgelegt. Ebenso werden sich die Zusammenhänge des altmexikanischen Kalenders mit Babylonien klären. Für den babylonischen Ursprung der chinesischen Astronomie s. S. 12.

Plinius, hist. nat. VII, 56 spricht von uralten babylonischen Beobachtungen, die auf gebrannten Ziegelsteinen aufgezeichnet waren (e diverso Epigenes apud Babylonios DCCXX annorum observationes siderum coctilibus laterculis inscriptas docet). Simplicius sagt in seinem Kommentar zu dem Werke des Aristoteles de coelo (p. 123a), Callisthenes, der Alexander den Großen nach Asien begleitete, habe seinem Lehrer Aristoteles eine Reihe astronomischer Beobachtungen aus Babylon geschickt, die nach der Versicherung des Porphyrius einen Zeitraum von 1905 Jahren vor Alexander umfaßt hätten. Diodor spricht II, 145 von 473000jährigen Beobachtungen der Babylonier und Cicero, de divinatione I, 19 (vgl. auch II, 46) spottet über den Hochmut der Babylonier, daß sie 470 000-jähriger (CCCCLXX milia annorum) astraler Beobachtungen sich rühmen. Die Riesenzahlen hängen wohl mit den Angaben des Berosus über die Urkönige der vorsintflutlichen Zeit zusammen, s. Kap. Urväter. Thales reiste nach dem Orient, um die Sonnenfinsternisse zu berechnen. Pythagoras war ein assyrischer Söldner. Nach Jamblichus, vita Pyth. läßt sich Pythagoras von Thales bewegen, nach Ägypten zu reisen, um bei den Priestern in Memphis und Theben Unterricht zu nehmen. Dort hat er chaldäische Weisheit gelernt. Ptolemäus hat seine Exzerpte nach seinen Zitaten von Hipparch, aber Hipparchs Weisheit stammt aus Babylonien. Der ptolemäische Kanon, der durch Jahrhunderte fortgesetzte Terminbeobachtungen kodifiziert, beginnt mit dem Eintritt des Widderzeitalters und der entsprechenden Reform des babylonischen Königs Nabonassar. Syncellus, Chronogr. 207 (vgl. unten S. 68) aber sagt: „Seit Nabonassar schrieben die Chaldäer die Bewegungen der Sterne auf.“

Da die altorientalische „offenbarte" Lehre den Zweck hat, die gesamten Erscheinungen der Welt als Ausfluß des gesetzmäßigen Waltens der Gottheit zu erweisen, so muß aus den Bewegungen und aus der Konstellation der Gestirne der Wille und die Tätigkeit der Götter erkannt werden. Der Priester eines Heiligtums observiert den entsprechenden kosmischen TÉLevos und schließt aus der Bewegung der Gestirne auf den Willen der Götter und auf den Lauf des Geschickes.

Ptolemäus verrät uns in seinem Werke „Über den Einfluß und Charakter der Gestirne" III, 3 näher das Geheimnis: „Was sich aus der Natur der Dinge begreifen läßt, kommt aus der Beobachtung der Konfiguration der verwandten Örter. Zuerst beobachte man den Ort des Zodiakus, der dem vorgelegten Gegenstand verwandt oder angehörig ist. Dann betrachte man die Gestirne, welche an seiner Stelle eine Macht oder Herrschaft besitzen. Ferner achte man auf das Wesen jener Gestirne, auf ihre Stellung gegen den Horizont und den Tierkreis. Endlich schließe man auf die Zeit im allgemeinen aus ihrer Morgen- und Abendstellung gegen die Sonne und gegen den Horizont.“ Diodor II, 31: „Auf die Geburt der Menschen sind die Planeten von größtem Einfluß im guten und im bösen Sinne. Aus deren Beschaffenheit und Aussehen erkennen sie hauptsächlich, was dem Menschen widerfahren muß. Sie (die Chaldäer) sollen vielen Königen Voraussagungen gemacht haben, so Alexander, als er Darius besiegte, und nach ihm Antigonos und Seleukos Nikator. In allem aber scheinen sie das Richtige getroffen zu haben.“ Der Astronom Julius Firmicus, der die Söhne Konstantins vor heidnischen Irrtümern warnt, richtet nach seiner Astron. I, 4, 14 f. Gebete an die Planeten für das Wohl des Kaisers und seines Hauses. Kaiser und Papst haben im Mittelalter den Astrologen befragt. Am Hofe Rudolfs II. lebte Tycho de Brahe, der in seinem Calendarium naturale magicum die Sterndeuterei wissenschaftlich verteidigte. Der Philosoph Bacon nennt die Astrologie die vornehmste der Wissenschaften. Philipp Melanchthon schrieb 1545 ein empfehlendes Vorwort zu der Schrift des Astrologen Schoner über das dem Kaiser Maximilian gestellte Horoskop. Kepler bekämpft abergläubischen Mißbrauch, aber die Lehre von der Einheit der Sterne mit dem Erd- und Menschengeist steht ihm fest. Noch heute werden in Persien und in der Türkei, in Indien und China die Astrologen bei wichtigen Ereignissen befragt. Im 19. Jahrhundert hat der Astronom Pfaff in Erlangen den Zusammenhang der Gestirne „mit dem Leben der Erde und dem Tun und Leiden ihrer Geschöpfe“ verteidigt und der Leipziger Philosoph und Physiker Fechner hat in seiner Psychophysik die alte Anschauung in neuer Form gelehrt. Bei der Geburt des Kronprinzen von Italien hat jüngst auf Veranlassung eines Neapeler Blattes der Astrolog Papus aus der Planetenstellung die Geburtsstunde geweissagt. Zur Astrologie bei den Juden vgl. vorläufig BNT S. 50 ff.

XI. Die heiligen Zahlen. Da die Bewegungen der Gestirne und die Konstellationen, durch die sich der Wille der Gottheit kundgibt, und ebenso die ,,Entsprechungen der Teile des Kosmos in Zahlen zum Ausdruck kommen, so ergibt sich für die altorientalische Religion eine mathematische und für die Mathematik eine religiöse, d. h. astrale Grundlaget. Hierin liegt die Bedeutung der mystischen Zahlen. Alle Zahlen sind heilig. Wenn hier und dort

1. Darum überbringt Oannes der Menschheit die wadyuara, s. S. 44. Hier liegt auch die Grundlage der Lehre des Pythagoras.

bestimmte Zahlen hervortreten, so ist das dem Einfluß eines bestimmten religiösen Kalendersystems zuzuschreiben.

Die grundlegenden Ziffern des astralen Systems sind, wie wir früher sahen, fünf und sieben, die Zahlen der Dolmetscher des göttlichen Willens. Sie ergeben die Grundzahlen des Duodezimal- bez. Sexagesimal-Systems: 5+ 7 == 12; 5 x 12 = 601. Syncellus ? sagt, die Babylonier hätten einen sossos von 60 Jahren, einen neros von 10 X 60 Jahren und einen saros von 60 X 60 Jahren gehabt. Die Keilschriftziffern bezeichnen mit dem Zeichen für 1 (ein senkrechter Keil) außer der Einheit die 60 und die 3600 60 x 60. Aber die Beschaffenheit der Keilschriftziffern zeigt, daß in Babylonien ebenso das Dezimalsystem bekannt war. Beide Systeme sind in ihrer Entstehung für uns prähistorisch.

Wir tragen im folgenden einiges Material für Anwendung der Zahlen zusammen.

0: Die Einführung der Null bedeutet eine große Geistestat*. Ob sie bereits den Babyloniern bekannt war, läßt sich nicht sagen. Spuren sind vorhanden, z. B. bei Schreibung der 600 (Neros?).

2: Sonne und Mond, Zweiteilung des Jahres: Sommer und Winter, Samen und Ernte, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Im Weltall entspricht ihr die Zweiteilung, wie wir sie in der ältesten attischen Poesie (Uranos und Gaia bei Äschylos etc.) finden.

3: Dreiteilung des Weltalls, entsprechend Dreiteilung des Tierkreises, Dreiteilung des Jahres. Drei große Gestirne als Beherrscher des Tierkreises. Daher die beiden Göttertriaden Anu, Bel, Ea; Sin, Šamaš, Ištar. Dazu tritt die Trias der göttlichen Emanationen: Apsů, Tiâmat, Mummu; Ea, Damkina, Marduk; andererseits Ea Vater, Marduk Sohn, Nabû Willens

1) Die 12-Teilung des Tierkreises nach dem Sonnenlauf, bez. die 24-Teilung des Tierkreises nach dem Mondlaut (V R 46, wohl nach den 24 Tagen des siderischen Monats, in denen der Mond sichtbar ist), sind nicht für den Ursprung des Duodezimal-Systems heranzuziehen, s. unter 12.

) Chronogr. ed. Goar p. 17.

3) Vgl. Winckler, Himmels- und Weltenbild der Babylonier AO III, 2-3. Zur Heranziehung von Parallelen aus außerbabylonischen und nichtorientalischen Völkern vgl. die grundsätzliche Bemerkung S. 4f. 55. Vorliebe für ungrade Zahlen ist allgemein: numero deus impare gaudet.

* S. Gustav Oppert Berl. Gesellsch. für Inthropologie 1900, 122 ff.

6) Vgl. die Triaden der ägyptischen Religion: Keb, Nut, Schu, Abb. I; Hathor mit Sonne und Mond. Altiranisch: Mond, Sonne, Tištrya (Sirius). verkünder. In der Zeitmessung würden ihr drei Jahreszeiten entsprechen: Frühling, Sommer, Winter (so bei Homer), wobei wahrscheinlich der Winter zu 6 Monaten gerechnet ist, ferner die Teilung der Monate in 3 X 9 bez. 3 X 10 Tage und der Nacht in 3 Wochen.

4: Die Viertelerscheinungen des Kreislaufs der Sonne und der Phasen des Mondes und der Venus. Ihnen entsprechen die vier Planeten (ohne Venus) als Repräsentanten der vier Weltecken: Jupiter, Mars, Merkur, Saturn!

5: Die Ergänzung zur 7 für die Grundzahl des DuodezimalZiffersystems (Zwölfteilung des Kreislaufs von Sonne und Mond) und zugleich neben 12 die zweite Grundzahl der als Einheit

(keilinschriftlich mit I) bezeichneten 60. 5X12 = 60. Sie ent

steht durch Verwandlung des EM

Heptagramms in das Pentasit

gramm. Dabei sind zwei Rechnungen möglich. Entweder die beiden Unglücksplaneten schei

den aus, wobei der Saturn durch NEME+"

IE'B +

Sonne, der Mars durch Mond vertreten wird, oder Sonne und

Mond scheiden aus der Reihe PIC

der sieben, s. die Zeichnungen S. 34. Den sieben Planetenfarben entsprechen dann fünf? In der

Zeiteinteilung erscheint die fünf Koptische Darstellung des Weltkreislaufs

(hamuštu) in der Fünferwoche, nach Kircher, Oedipus Aegyptiacus II, 2, 193; III, 154.

die nach dem Zeugnis der sog. kappadokischen Keilschrifttafeln

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Abb. 22:

*) Vgl. die vier Gespanne bei Sacharja (6, i ff.), die nach den vier Himmelsgegenden ausgesendet werden, vgl. MVAG 1901, 327, die vier Thronträger als Repräsentanten der vier Weltecken in der Merkaba Ezechiels etc.; vgl. auch das koptische Bild des Weltkreislaufs Abb. 22 und vgl. hierzu S. 22, Anm. 4; S. 28, Anm. 2.

2) Es entsprechen blau Merkur, schwarz Saturn, gelb Jupiter, weiß Venus, rot Mars, s. Hommel, Aufs. und Abhandl. 383 ff. und vgl. mein BNT zu Apk. 24f. Die fünf Farben der Chinesen, die bei den Mandschu und Mongolen verdoppelt (wie die entsprechenden fünf Elemente der Chinesen, s. S. 17, Anm. I, vgl S. 48, Anm. 1) den zehntägigen Zyklus bilden, dienten nach Vettius Valens bei Salmasius, de annis climactericis et de antiqua astrologia 1648, S. 260 „bei den Alten zur Bezeichnung der fünf Planeten“, s. Stern, Gött. gel. Anz. 1890, 2031. Zu den Planetenfarben bei den „Ssabiern“ s. Chwolsohn II, 401. 658. 839.

in Babylonien neben der Siebenerwoche (šebû'a) in Gebrauch war'. Spuren einer solchen Fünferwoche liegen vielleicht auch im Kalendarium VR 48 vor, wo am 5. und 25. Tage die Berührung des Weibes verboten ist. Zwölf Fünferwochen (hamušat) geben einen Doppelmonat zu 60 Tagen, 70 Fünferwochen geben ein Mondjahr zu 350 (statt 354) Tagen, 72 ein Sonnenjahr zu 360 (statt 365°/4); 73 geben ein Sonnenjahr einschließlich der 5 (5/4) Ausgleichstage, vgl. die 5 Gātā-Tage nebst Schaltmonat aller 120 Jahre im altpersischen Kalender und die 5 ,,unnützen Tage" im mexikanischen Kalender. Damit erklärt sich die Bedeutung der 70 mit Variante 72 oder 73 als Zahl für den Gesamtkreislauf. Wie den Siebenerwochen in der Apokalyptik Jahrwochen von 7 und 70 Jahren entsprechen, so entspricht der Fünferwoche das Lustrum?. Das Sexagesimalsystem ergibt den Zeitraum von 60 Jahren = 5 X 12 (im Orient von gleicher Bedeutung wie das „Jahrhundert“ des Dezimalsystems). Vor allem aber spielt die 5 im Mythus und Festspiel eine große Rolle als Zahl der „überflüssigen“ Ausgleichstage: Epagomenenfest, Fest der Tyrannenvertreibung etc., vgl. S. 86.

6: Die Zahl der Doppelmonate = 12 Fünferwochen. Diese finden sich noch im römischen Kalender (Kalendergesetzgebung des Numa Pompilius, die durch die Etrusker aus dem Orient stammt), und in den je zwei Monate umfassenden Jahreszeiten“ der vorislamischen Araber 3. Aus der Siebenerreihe der Planeten verschwindet dabei die Sonne (bez. der Saturn). Die Farbenliste II R 26, 48 zählt 6 Farben: zu den 5 Planetenfarben, die wir früher fanden, kommt als sechste grün, die dem Monde zugehörige Farbet

7: Die Zahl der Planeten, einschließlich Sonne und Mond. Diese Siebenzahl hat sicherlich zur Einführung einer Siebenerwoche geführt". Die 7 ist die Zahl des Opferers, der Sühne,

1) S. Winckler, F. II, 95 ff. 354 ff.

2) Da 7, 25: „nach zwei Zeiten und einer halben“ wird die Vollendung eintreten, d. h. in 11/2 hamuštu-Jahrwoche, s. Winckler. KAT 3 335; Ex oriente lux I, 1, S. 18; vor allem F. II, 95 ff.

3) S. Wellhausen, Skizzen III, 101.

*) II R 26, 48 zählt sechs Farben; grün als Mondfarbe s. Stucken MVAG 1902, 159 ff.

5) Vgl. S. 14. Anm. 3; S. 38 f. und zu i Mos 2, 3. Dio Cassius führt die Zuteilung der Wochentage an die Planeten bekanntlich auf die Ägypter zurück. Für Vorderasien bezeugt den Zusammenhang die Nabatäerschrift Maqrîsi, s. S. 38f. Zu der siebentägigen Woche vgl. auch mein Kampf um Babel und Bibel. S. 33. 43 f.

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