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In einem andern Liede 1 ist ausdrücklich von der Wehklage die Rede, an dem Tage, da Tammuz in große Trübsal fiel (Sommersonnenwende), in dem Monat, der sein Lebensjahr nicht zur Vollendung kommen läßt, Šamaš (hier = Ninib) habe ihn in die Totenwelt sinken lassen auf den Pfad, da es aus ist

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Abb. 31: Tod des Tammuz durch den Bär (vgl. S. 88 Anm. 8) und Klage um Tammuz.

Felsenrelief im Libanon.
Nach Landau Beitr. IV. Vgl. Renan, Expedition en Phénicie, Pl. XXXVI.

mit den Menschen, oder, wie der Tafelschreiber resigniert hinzufügt, „der die Menschenkinder zur Ruhe bringt“.

Der Schluß der Höllenfahrt der Ištar bezeugt eine solche Todes- und Auferstehungsfeier. Genauer unterrichtet sind wir über die Festfeier im Kult der Baalat von Byblos in späterer Zeit durch Pseudo-Lucian, de dea Syria, und für Kleinasien und Rom durch die Berichte vom Kybele-Attis-Fest, vor

1) Hölle und Paradies 1. c. 10.

allem im Briefe des Astronomen Firmicus Maternus an die Söhne Konstantins, über den Irrtum der heidnischen Religionen 1. Von den Felsenreliefs in el-Ghine im Libanon im Bereiche des Adonisflusses (nahr Ibrahim), die den Tammuz-Mythus darstellen (Abb. 31), wird S. 116 die Rede sein. Bei den Judäern scheint das Fest sehr beliebt gewesen zu sein, besonders in Zeiten, da man fürchtete, ,,Jahve habe das Land verlassen", Ez 9, 9, und anderweit nach Tröstungen ausschaute. Ez 8, 14 weinen die Frauen am Stadttor um Tammuz (die Kehrseite ist die Auferstehungsfeier). Das Fest der Himmelskönigin, das nach Jer 44, 17 ff. zu allen Zeiten in Israel gefeiert wurde, ist mit dieser Todes- und Auferstehungsfeier identisch?; es ist das Fest Jer 7, 18 vgl. 44, 17 ff., bei dem von der Jugend Feuer angezündet (Sonnenwendfest) und der „Himmelskönigin“ Kuchen gebacken werden. Als Josia sein tragisches Ende gefunden hatte, beweinte man ihn nach Sach 12, II vgl. 2 Chr 35, 25 mit Hadad-Rimmon, d. i. Tammuz-Liedern, die vielleicht zugleich von der Hoffnung auf seine Wiederkunft sprachen ?. Der Erzähler der Josefs-Geschichten läßt Tammuz-Motive anklingen in der Geschichte von dem ins Unglück sinkenden und als Segenspender emporsteigenden Volksheroen (S. Kap. Josefsgeschichte).

Was in den Josefs-Geschichten etc. als poetische Verwendung mythologischer Motive erscheint, ist in dem von Ezechiel und Jeremia getadelten judäischen Tammuz-Kult Rückfall ins Heidentum. Nahe beieinander wohnen die Gedanken. Wir erleben es heutzutage bei uns, daß germanische Wotan - Poesie zur Rückkehr zum Wotan-Kult in der Sommersonnenwende führen kann. Aber in Israel kommt noch eine andre Beziehung in Betracht. Man kann vielleicht nirgends so deutlich wie hier sehen, wie verwandt die israelitische und auch die christliche

1) Weiteres über den babylonischen, phönizischen und phrygischlydischen Kult S. 114 ff. In dem wertvollen Buche von Hepding, Attis seine Mythen und sein Kult, ist der Zusammenhang des Systems nicht erkannt, sonst würde der Verfasser z. B. nicht eine Trennung des Kultes der großen Mutter von dem des Attis (S. 12 f.) für möglich halten; auch die Verwandtschaft mit den entsprechenden griechischen Kulten ist hier unterschätzt.

2) Tammuz ist im Mythus des Naturlebens die sterbende und aufkeimende Saat (s. BNT 23 ff.). „Weil Tammuz' Gebeine in der Mühle gemahlen worden“, darf man bei den „Ssabiern“ zu gewissen Zeiten nichts Gemahlenes essen (Chwolsohn II, 204). Das Kuchenbacken ist der Gegensatz bei der Freudenfeier.

3) Wie man in Ägypten zur Mumie sagt: du bist Osiris, d. h. du wirst wieder leben, so gilt hier: du bist Tammuz. Am Grabe des Achilles in Elis halten die Frauen die gleiche Feier nach Pausanias VI, 23, 1.

Religion mit der altorientalischen Mysterienweisheit ist und zugleich, wie hoch sie über ihr steht, indem sie neuen Schatz in die irdenen Gefäße der Naturbetrachtung legt. Die Sprüche der tiefsinnigsten Erlösererwartung bei den Propheten, vor allem Jes 53 der Spruch von der Auferweckung des in den Tod gesunkenen Lammes, sind in ihren Motiven eng verwandt mit den Motiven des sterbenden und zum Leben erwachenden Jahrgottes, s. zu Jes 53, und die Apokalypse benutzt die gleichen Motive zur Verherrlichung des siegreichen, das Weltregiment antretenden Christus, wie ich BNT 13 ff. zu zeigen versucht habe.

IV. Das Pantheon. Das babylonische Pantheon erscheint bei oberflächlicher Betrachtung als eine unentwirrbare Anhäufung von Göttergestalten und Dämonen. Das oben geschilderte Weltbild bietet den Ariadne-Faden für das mythologische Labyrinth. Jede Gottheit entspricht einer astralen Erscheinung oder einem mit dem Gestirnlauf in Zusammenhang gebrachten Vorgang oder Gegenstand des Naturlebens. Die in der Natur waltenden göttlichen Kräfte erscheinen in Menschengestalt. Denn wie der Mensch nach altorientalischer Anschauung als Bild Gottes geschaffen ist, so muß die Gottesvorstellung anthropomorphisch sein?. Eine niedere Anschauung, die die Gottheit selbst in der Tierwelt oder in Bäumen und Pflanzen sucht (Totemismus, Fetischismus), ist für die historisch bekannte altorientalische Welt ausgeschlossen. Wenn in Ägypten (wie in Mexiko) die Götter als Tiere erscheinen, so entspricht das der babylonischen Darstellung, in der die Götter auf Tieren stehen (s. 2. B. Abb. 7 u. 40). Man könnte darin Zeugen einer prähistorischen Kulturstufe sehen, die von der „Lehre“ überkleidet worden ist. Aber zwingend ist das nicht. Wir sehen in den Tieren das Abbild der Gestalten am Himmel, in denen sich die göttlichen Kräfte offenbaren 2.

Im ältesten Babylonien finden wir Stadtkulte. Der Kultort entspricht dem Ort am Himmel, s. S. 51 f. 56. Aber indem Teile und Ganzes sich entsprechen, spiegeln zusammengehörige Kultstädte das gesamte Himmelsbild wieder 3.

1) Im Mythus vom Vogel Zu will Zu die Schicksalstafeln rauben. Er wartet, bis der Tag anbricht, bis Bel sich mit reinem Wasser gewaschen, auf seinen Thron gesetzt und die Krone aufgesetzt hat.

2) Wie man dazu kam, Tierbilder an den Himmel zu versetzen, ist eine prähistorische Frage. Wir können nur die Erscheinungen feststellen.

3) Ob in diesem Falle die Gottheiten des Weltsystems im fertigen Staatengebilde auf die Hauptorte in dem S. 50 geschilderten Sinn gleichsam verteilt wurden, oder ob umgekehrt, was ja näher liegt, die Hauptkultorte mit ihren Gottheiten die Bildung des Systems beeinflußt haben, läßt sich bei der Dunkelheit der alten Verhältnisse natürlich nicht entscheiden. Der älteste Staat, den wir kennen, war das südbabylonische Sumer (wohl identisch mit Kingi). Die Städte, die dieses Staatsgebildei umfaßte, haben wie Ur in historischer Zeit ihre politische Bedeutung verloren, soweit sie überhaupt eine solche besessen haben (Eridu, Nippur). Aber ihre religiöse Bedeutung wurde nie vergessen. Diese Hauptorte sind:

Erech mit dem Tempel des Anu (E-ana) und der Ištar,
Nippur: Bel,
Eridu: Ea,
Ur: Sin,

Larsa: Šamaš.
Man sieht, daß in diesen fünf Hauptorten von Sumer die beiden obersten
Göttertriaden lückenlos vertreten sind?.

Das zweitälteste politische Gebilde, das wir kennen, ist das nordbabylonische Akkad. Ehe das zur Geltung gekommen ist, müssen politische Umwälzungen großen Stils vor sich gegangen sein, von denen wir nichts wissen. Dies zeigen die verschollenen Städte, von denen uns z. B. die Tempellisten von Telloh berichten, ferner die dunkle Vergangenheit von Borsippa, der Schwesterstadt Babylons, die mit ihrem Nebo-Kult in alter Zeit Babylon überragt haben muß. Wahrscheinlich ist Akkad erst durch die ersten semitischen Wanderungen in die Höhe gekommen. Leider haben hier noch nicht viel Ausgrabungen stattgefunden. Das Wichtigste haben uns die Grabungen von Sippar vermittelt. Aber es scheint, daß auch hier die Kultorte das astrale System wiederspiegeln, und zwar das System der Planeten-Gottheiten ?

Sin,
Sippar:

Samas,
Akkad:

Ištar,
Babel:

Marduk -Jupiter,
Borsippa:

Nebo - Merkur,
Kutha :

Nergal - Saturn, Kiš (?) (Harsagkalama): Ninib - Mars (Zamama) 3. Auffällig ist, daß Sin fehlt. Vielleicht sind die mesopotamischen Gebiete mit dem Mondkult (Haran) hereinzuziehen. Ein Kultort des Ninib, des Partners Nergals, ist bis jetzt in Nordbabylonien nicht sicher nachzuweisen in Südbabylonien wird er in Nippur bevorzugt). Von der obersten Göttertrias findet man in den bisher bekannten nordbabylonischen Kultorten nur Anu, den Gott von Durilu, der Grenzfestung gegen Elam, s. S. 94 f.

Eine völlig neue Periode babylonischer Theologie ist mit der , ,,Erhebung Marduks“ unter der Hammurabi-Dynastie angebrochen. Babylon wurde Metropole des geeinigten babylonischen Reiches und zugleich der geistige Mittelpunkt des gesamten vorderen Orients. Die synkretistische Gestalt des Marduk von Babylon, die mit allen Hauptgöttern und Hauptkulten in Beziehung gesetzt und in diesem Sinne durch Mythen und Hymnen verherrlicht wird, gibt dieser politischen Tatsache das religiöse Relief.

1) Zur Zeit Lugalzaggisis kann man wirklich von einem Staate Sumer sprechen.

2) Lagaš mit dem Ninib-Kult spielt nur eine kurze Zeit eine Rolle zur Gudea - Zeit.

3) Auch in Babylon ist ein Ninib-Heiligtum, s. Cod. Hammur. II, 56 ff. Wir geben nun eine kurze Charakteristik der Hauptgestalten des babylonischen Pantheons, insbesondere in ihren Beziehungen zum astralen System.

Anu. Anu ist der Vater oder König in der Götterfamilie (ab, šar ilâni), der summus deus im eigentlichen Sinne. In der ZûLegende z. B. spricht er zu den „Göttern, seinen Kindern“. Der Anfang des Epos Enuma eliš zeigt die Götterversammlung als eine Familienzusammenkunft, bei der dem klügsten Sohne (Marduk) gewissermaßen vom Vater, der allerdings hier nach einer ältern (vorweltlichen Götteremanation Anšar, nicht Anu ist, das Regiment abgetreten wird. Auch da, wo der Stadtgott als Götterkönig gilt, wird Anus Würde anerkannt. So sagt Hammurabi in der Einleitung seiner Gesetzessammlung:

„Als Anu', der Erhabene, der König der Anunnaki, und Bel, der Herr von Himmel und Erde, welche festsetzten die Schicksale des Landes, Marduk, dem Herrschersohn Eas, die Herrschaft über die irdische Menschheit zuerteilt hatten usw."

Der Sitz Anus (An == ,, Himmel") ist der Nordhimmel. Am Nordpol des Himmels ist sein Thron, auf dem er sitzt, von dem er z. B. im Adapa-Mythus aufsteht? Nach dem Gesetz der Entsprechungen gehört ihm auch der Nordpunkt der Weltteile, weshalb er im System als Sin und Ninib erscheinen konnte 3. Wenn Ištar auf der VI. Tafel des Gilgameš-Epos im Zorn zum Himmel Anus emporsteigt, wenn die Götter aus Schrecken über die Sintflut ,, empor zum Himmel Anus“ steigen und an den kamati (das ist wohl die Mauer der obersten der Kreisstufen, die den Tierkreis hinaufführen) niederkauern, so wird man an ein Emporsteigen auf den Tierkreisstufen zu denken haben +.

Die kanaanäische Benennung dieser obersten Gottheit ist ilu (d. i. 3x), z. B. in Dur-ilu, der Stadt Anus. Von ihr stammen die hebräischen Gottes

1) Es ist das Zeichen An wohl zunächst ilu zu lesen, d. i. ,,kanaanäisch“ el; aber dieser ilu-êl entspricht dem babylonischen Anu, s. unten ilu rabû von Der = Anu.

2) Die volkstümliche Vorstellung in Israel denkt sich das ähnlich; vgl. Jes 40, 22: Gott thront über dem hûg der Erde, daß ihre Bewohner Heuschrecken gleichen.

3) S. zu diesen mythologischen Identifizierungen S. 27. 100 und zum Gottesberg im Norden, s. Ps. 48, 3, wo „Norden“ zweifellos zu „Berg“ gehört, und zu Hi 37, 22.

* In der Götterdämmerung der nordischen Mythologie steigen die Götter auf den sieben Regenbogenstufen empor. Regenbogen und Tierkreis entsprechen einander, s. zu 1 Mos 9, 13. Die Stufen, die zum Palast Gottes führen, sieht Jakob im Traum, s. zu i Mos 28.

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