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Zweigen der Bäume, fein Rauschen in den Büschen. Aber beute Morgen waren es andere Dinge, die ihn beschäftigten

Familiensorgen, Pläne für die Zukunft seiner Kinder, zu denen er seit gestern Abend noch den Sohn seines Bruders rechnete.

Wie lange konnte denn der arme Anton noch leben! Es war ja ein Jammer, wie seine Kräfte in den legten paar Wochen abgenommen hatten: die Wangen hohl, die Augen so groß und starr, und die Stimme jo klanglos, so rauh! — Der arme Anton! ia, ia — er hat wohl Recht: wenig Freude ist ihm geworden in seinem Leben! Was wollte er nicht Alles entdeckt haben: Luftballons, die dem Steuer folgten, Schiffe, die unter dem Wasser fuhren, Bomben, mit denen man ganze feindliche Regimenter auf einmal vernichtete! Und was von allen diesen großen Dingen war zu Stande gekommen? Nichts, weniger als Nichts! Was war aus dem Projectenmacher selbst, der es mit so Vielem im Leben versucht, der immer gerechnet und sich immer verrechnet hatte, geworden? Ein alter, kranker Mann, der in einem elenden Dorfe das bittere Brod der Almosen aß! „Ein tief unglüdlicher Mensch, und dem in feiner Weise zu helfen, weil er, ohne irgend die Kraft, welche zur Durchführung eines Planes erforderlich ist, zu besigen, von seinem allzeit geschäftigen Geiste ruhelos, wie ein von den Furien Gejagter, umhergetrieben wird". - Das hatte der Freiherr mehr als einmal gesagt, und iegt sollte er ihm eine Bitte vortragen, die von Jemand, der den Charakter des Anton so genau kannte, gar nicht gewährt werden konnte!

Der Förster seufzte. Er feßte seinen Stolz darein, von feinem gnädigen Herrn niemals etwas zu erbitten, weil er auch den Schein meiden wollte, als glaube er ein Recht zu haben, Bitten zu stellen und die Bitten, die er stellte, erfüllt

zu sehen.

Gerade von dem Bunkte aus, auf welchem der Förster jeßt stand, konnte er den Versteck fehen, in welchen er in jener Schredensnacht — anno dreizehn — die Herrschaft gerettet hatte – eine von Düstern Tannen umstarrte Schlucht, durch die ein Waldbach in schäumenden Cascaden brauste. Dieser Ort, zu jener Zeit eine fast undurchdringliche Wildniß, war seitdem sehr viel lichter geworden. Der Förster nahm die Müße ab und fuhr sich nachdenklich mit der Sand über die Stirn; eß fiel ihm dabei ein, daß sein paar auch nicht mehr so dicht war, als vor vierunddreißig Jahren.

Das war lange her, und doch war es, als ob es gestern gewesen wäre! Damals, gleich nach Beendigung der Krieges, war es, wo der alte Freiherr selig das Friedensfest auf dem Schlosse feierte und die vier freiherrlichen Kinder mit den vier Försterkindern die Quadrille tanzten. Das waren vier Baare! immer zwei und zwei genau von demselben Alter, ja einander so ähnlich zum wenigsten in dem gleichen Quadrille-Costüm - daß zum größten Ergößen der Gesellschaft - die Förstermädchen den ganzen Abend hindurch von einigen Gästen als die Fräulein vom Hause und diese wieder als jene angesprochen wurden. — Auch von mir sagten fie, daß ich in Sang und Haltung etwas von dem Freiberrn hätte. Nun, so viel ist gewiß, daß wir unser Leben lang Einer des Andern Röcke haben tragen können, und was den General und Bruder Anton anbetrifft, die glichen sich wirklich damals zum Erstaunen. Das war das lektemal, das wir beisammen waren, da haben wir unserer Jugend den Rehraus getanzt. Seitdem ist jeder seinen eigenen Weg gegangen; wollte Gott, es wäre immer und überall der rechte gewesen!

Des Försters Gesicht wurde noch nachdenklicher, als er jeßt, die Augen fest auf den Boden geheftet, langsam weiter schritt; ja in den herabgezogenen Mundwinkeln und einem gelegentlichen Zuden der festgeschlossenen Lippen drüdte sich ein gewisser Unmuth aus, ein unterdrüdter Zorn, wie man ihn bei einer bösen Erinnerung empfindet, die unversehens in uns aufsteigt.

Der Förster stand vor einer Stadetthür, die aus dem Park in den eigentlichen Schloßgarten führte. Er drüdte die Klinke auf und trat hinein. Mit braunem Sand bestreute, sorgsam geharkte Gänge schlängelten sich zwischen reizenden Boskets seltener, zum Theil ausländischer Büsche und zwischen Beeten, auf denen Spätsommerblumen in reicher Fülle blühten, mälig bergauf. Die Durchblicke auf den Wald hinab und weiter in die Ebene waren hier häufiger und augenscheinlich mit reiflicher Ueberlegung und großem Verständniß gewählt. Die landschaftlichen Bilder, die man so in den natürlichen Rahmen schlanker Baumstämme und wehender Wipfel gebracht hatte, waren oft von zauberischer Wirkung. Da die Anlagen den ganzen oberen Theil des Bergkegels einnahmen und die Wege in der Weise geführt waren, daß man, um bis zum Schloß zu gelangen, den ganzen Kreis durchmessen mußte, so hatte man in den verhältnißmäßig kleinen Raum eine unglaubliche Mannigfaltigkeit reizender und sinniger Gartenanlagen zu concentriren verstanden. Hier führte eine Brüde aus Baumstämmen und Aesten, denen man die Rinde gelassen hatte, über einen Einschnitt, in dessen Tiefe eine Quelle murmelte; dort sah man von dem Rande eines aus unbehauenen Steinen aufgemauerten Altans auf dieselbe Brüde hinab. Auf einer anderen Stelle verengte sich der Weg, bis er zulegt in ein Felsenthor mündete, aus desseu feuchtem Halbdunkel heraus man auf eine lichte Höhe trat, von der man den freiesten Blick in das weite Land hatte. Auch fehlte es nicht an dämmrigen Lauben, an fühlen Grotten und ein paar kleinen Springbrunnen, deren liebliches Plätschern die duftige, warme Stille des Gartens nur noch stiller zu machen schien

Der Förster hatte sich, troß dem er nun bereits seit einem halben Jahrhundert hier auss und einging, an all diesen Herrlichkeiten noch immer nicht satt gesehen, und so blieb er denn wiederum heute an mehr als einer Stelle bewundernd stehen; auch büdte er sich manchmal, eine Pflanze cufzurichten, die der Wind in der Nacht umgelegt hatte, oder um den Duft der hier und da noch blühenden Rosen einzuathmen. Er hatte es nicht eben eilig, denn der gnädige Herr verließ immer erst gegen zehn Uhr sein Arbeitszimmer, um eine Promenade durch den Garten zu machen, wo er dann –

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Spielhagen, In Meih' und Glied. I

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wie der Förster aus langjähriger Erfahrung wußte -- stets am zugänglichsten und leutseligsten war.

Indem er noch bei sich überlegte, wie er wohl das wuns derliche Gesuch des Bruders am schidlichsten anbringen fönne, sah er fich plößlich von einem kleinen Blumenregen überschüttet. Aftern, Georginen, Nachtviolen fielen ihm auf Haupt und Schultern, und ein filberhelles Lachen ertönte gar lieblich zu der anmuthigen Ueberraschung.

Der Förster blidte empor. Ueber ein hölzernes Gea länder, das eine steilere Stelle des höher gelegenen Weges einfaßte, schaute das rosige Gesicht eines Mädchens von etwa dreizehn Jahren, dessen braune Schelmenaugen vor Bers gnügen über den eben vollführten Streich wie Sterne funkelten.

Guten Morgen, Herr Gutmann, rief die Kleine, hast Du mir Silvia nicht mitgebracht?

Nein, Fräulein Amélie, erwiederte der Förster, ich bin in Geschäften hier.

Ach, Du böser Berr Gutmann! Dann fannst Du wieder nach Bause gehen, Flagte die Kleine. Meine schönen Blumen! Wenn ich das gewußt hätte! Da würde ich sie einem Andern geschenkt haben.

Ich glaubte, Sie hätten sie mir an den Kopf geworfen, erwiederte der Förster lachend; aber freilich, wenn Sie sie mir geschenkt haben, muß ich sie wohl auch wieder auf sammeln?

Damit das Kind immer unbändiger wird wann werden Sie lernen, mit Kindern umzugehen, lieber Gutmann? sagte hier eine sanfte Frauenstimme; und eine Dame, die hinter dem Kinde gestanden hatte und jeßt, dasselbe mit dem einen Arm umschlingend, an das Geländer trat, grüßte freundlich still zu dem Förster herab.

Der Förster nahm die Müße ab.

Guten Morgen, gnädiges Fräulein, sagte er, wie geht's ? Beffer geschlafen nach dem Thee?

Danke, ja - der Thee bekommt mir vortrefflich; ich fühle mich ordentlich wieder jung.

Man sieht's, sagte der Förster. Sie sehen so wohl und frisch aus, wie —

Wie vor dreißig Jahren, nicht wahr? unterbrach ihn die Dame lächelnd.

Der Förfter erröthete durch seine kupferbraune Gesichtsfarbe hindurch.

Sie bleiben immer dieselbe, sagte er einfach und doch mit einer geriffen Lebhaftigteit.

Sie find immer derselbe: ritterlich und galant. Adieu. Sie finden den Bruder auf dem Belvedere. Er erwartet Sie schon

Fräulein Charlotte grüßte in ihrer stillen, anmuthigen Weise noch einmal herab; Ämélie marf Außbände, und die beiden Gestalten verschwanden von dem Geländer.

Der Förster sekte seinen Weg nicht eher fort, als bis er die Blumen alle aufgesammelt und in ein Sträußchen zierlich geordnet hatte. E: hätte wissentlich so wenig eine Blume wie ein Thier zertreten. Und dann war ihm, als ob die Blumen ursprünglich für Fräulein Charlotte bestimmt gewesen wären, und Ades, was mit Fräulein Charlotte in einer näheren und entfernteren Beziehung stand, hatte für ihn noch eine ganz besondere Wichtigkeit und Bedeutung.

Vor dreißig Fahren! Sonderbar! Er hatte heute Morgen so viel an jene Zeit gedacht, und nun mußte er auch noch durch ihren Mund daran erinnert werden! Ja, sie war dies selbe noch, die sie damals war, dieselbe unveränderlich gütige, gnädige Dame; es waren noch immer dieselben freundlichen, sanften Augen, dasselbe milde, berzige Lächeln! Es gab eine Zeit, wo diese Augen, wo dies Lächeln dem armen Friß Gutmann manche unruhige Stunde, manche schlaflose Nacht gemacht hatten; eine Zeit, wo er im Begriffe stand, dieser Augen wegen nach Amerika und bis an's Ende der Welt zu wandern

Þerr Gutmann war so in's Träumen gerathen, daß er ordentlich zusammenschrať, als er sich plößlich auf dem Belvedere - einem der schönsten Punkte des Gartens, don

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