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Seite, und wo er mich nicht vermeiden kann, thut er jedess mal, als ob er mich vorher noch nie gesehen hätte. Das hat mich denn von vornherein mißtrauisch gegen ihn gemacht, denn ich meine immer, Niemand verstedt fich, als wer's muß. Und dann habe ich so Manches von ihm gesehen und noch mehr von ihm gehört, was mir nicht gefallen hat. Ich habe bisher geschwiegen, aber da Sie so viel schon ges ahnt haben, mögen Sie auch noch das Andere wissen.

Friß Gutmann erzählte nun ausführlich, wie Holzfäller, Kohlenbrenner, Fuhrleute, Bettler ihm wiederholt mitgetheilt hätten, daß sie dem Schulmeister da und dort – und immer des Abends, manchmal mitten in der Nacht – bes gegnet wären, im Walde, auf der Landstraße, im Wirthshause, wie er sich mit ihnen in Gespräche eingelassen und dabei so sonderbare Reden geführt habe; wie schon jeßt in der Gegend das Gerücht gehe, daß der Schulmeister bon Tuchheim mehr könne, als andere Leute, und vor Allem das Geheimniß befiße, von einem Orte zum andern zu tommen, ohne daß er deshalb seine Beine zu bemühen brauche. Mit solchen Geschichten trägt sich unser abers gläubisches Volt nur zu gern, und ich halte den Schulmeister für schlau genug, daraus für sich den möglichsten Vortheil zu ziehen.

Hier wurden die Redenden durch die jungen Mädchen unterbrochen, welche mit den Hasen, die keinen Rohl mehr freffen wollten, und mit dem Falken, der noch gerade so aussah, wie vor vier Wochen, nichts mehr anzufangen wußten und ießt in den Garten stürmten, ihnen voraus in mächtigen Sprüngen Ponto, der große, langhaarige Lieblingshund des Försters, den sie mit Kränzen aus verblühten Astern und verwelktem Weinlaub gar seltsam ausstaffirt hatten, und der jeßt bei seinem Herrn vor den Quälgeistern Schuß suchte.

An eine Fortsegung des Gesprächs war nun nicht mehr zu denken, auch wußte Charlotte jegt, was sie zu thun hatte. Dreißigftes Capitel.

Es war vier Wochen nach dieser Unterredung. Der Winter war iegt völlig hereingebrochen und hatte die Reize der Tuchheimer Landschaft mit rauher Hand weggewischt. Am grauen Himmel zogen schwer und träg unheimlich auss sehende Wolken vor dem eisigen Winde, der über die kahlen Felder und durch die raschelnden Hecken fegte. Dann war auch Schnee gefallen für diese Gegend ungewöhnlich viel Schnee; in dem Walde sollte er fo hoch liegen, wie man es sich seit Menschengedenken nicht erinnern konnte. Die Bauern klagten, daß die Hasen und wilden Kaninchen bis in ihre kleinen Gärtchen tämen und ihnen den Kohl unter dem Schnee wegfräßen; die Füchse hatte man in sternklaren Nächten bellen hören, noch nie waren ste fo raubgierig und frech gewesen. Es fehlte auch sonst nicht an bösen und bösesten Zeichen. Kurz vor dem Eintreten des Frostes hatte es ein schreckliches Gewitter gegeben, das auf einem der Tuchheim'ichen Güter zweimal freilich ohne zu zünden - in die Gebäude einschlug. Um den vollen Mond hatte sich drei Nächte hinter einander ein Regenbogen gezeigt; die Krähen waren noch mitten in der Nacht lärmend geflogen, und die Käuzchen hatten so geschrieen, daß es ganz grausig anzuhören gewesen war.

Diese und ähnliche Geschichten erzählte man überall in der Gegend, und sie fanden meistens nur zu geneigtes Gehör. Es war eben eine schwere, hungrige Zeit; warum sollte der Himmel nicht ein Einsehen in die Noth seiner Menschenkinder haben und seinen Zorn über so schlimme Zustände an den Tag legen?

So sprach man in den Gemeinden hin und her; aber wer recht genau zugehört hätte, würde vernommen haben, daß in diese lauten Stimmen noch andere hineinsprachen, beiweitem nicht so verständlich, wenn auch vielleicht eifriger, Leidenschaftlicher, und daß der Ton dieser Stimmen noch ein gut Theil unheimlicher war, als das Bellen der Füchse vom Walde und das Gefrächz der Dohlen, die um den alterges bräunten, epheuumrankten Kirchthurm von Tuchheim flogen.

In einer schmalen Seitenpforte dieses Thurmes stand an einem Spätnachmittage im Anfang des December der Schullehrer Tusky. Er war in Amtsgeschäften hier, das zeigte ein großes Schlüsselbund, welches er in der Hand hielt und mit dem er von Zeit zu Zeit ungeduldig klirrte. Dennoch zögerte er, die schmale Pforte zu öffnen. Seine scharfen Augen schweiften oft über die Grabsteine und Kreuze des Friedhofes zu einem Gitterthürchen, das von der Seite des Pfarrhofes hineinführte; dann richteten sie sich wieder nach dem Himmel, über den ungeheure Wolfenmassen sich gegen Abend wälzten und den blutrothen Streifen, welcher den Horizont umsäumte, bald erdrüđen mußten.

Nur zu, nur zu, murmelte er, löscht es aus, das fable, scheinheilige Licht! das freche Licht, das sich nicht schämt, tagaus, tagein auf diese vermaledeite Erde zu scheinen; auf all diese Lumpen, all' diese Narben und Wunden! Nur zu, nur zu! Ballt euch nur immer zusamnien, zeigt euch in eurer uns widerstehlichen Kraft! Entfesselt den Sturm, den ihr in euren Riesenleibern tragt! Fegt sie weg die Kirchen und die Paläste, und meinetwegen fegt auch die Hütten weg, in denen diese Sclaven wohnen, die ihr Loos verdienen, weil sie es tragen! Macht aus der Erde einen großen Friedhof, aus jeder Menschenwohnung ein Grab, aus jeder Ruine einen Leichenstein! Schwarze Wolke, die du den Arm so drohend auss stredst, bist du der Engel, der vom Himmel fährt und den Schlüssel zum Abgrund hat, und den Drachen greift, die alte Schlange

, welche ist der Teufel und der Satan, und ihn tausend Jahre bindet und in den Abgrund wirft und den Abgrund versiegelt? – Tausend Jahre! Also doch wieder nur ein Tag, auf den ein Morgen kommt, der Ades wieder beim Alten findet! Das ist das Furchtbare, das ist, was uns die Sehnen durchschneidet, den zum Schlage erhobenen Arm machtlos sinten läßt. Was du auch thust, es ist doch Alles vergebeng. So wie du ringst

, haben Andere, haben ganze Völker vor dir gerungen; sie sind an's Kreuz geschlagen, ste sind mit Feuer und Schwert zur Ruhe gebracht — zur Todesruhe. Und nun zu wandeln, der einzige Lebendige unter diesen Leichen! Ihnen in die hohlen Augen zu sehen, ihre seltsam schleppenden Bewegungen zu beobachten, wie sie gehen und arbeiten und sprechen, und weinen und lachen, gerade als ob sie lebten. - Ja, fie lachen wirklich, diese seltsamen Gespenster! Ich habe heut' eine Dirne lachen hören, die ihr Schaß verlassen hat, und die auf der weiten Welt nicht weiß, wohin mit dem Kinde, das sie unter dem Herzen trägt.

Ein Windstoß fegte um die Rirche und wirbelte den lodren Schnee in dichten Massen von dem hohen, fteilen Dache. Ein paar Krähen, die auf dem First gesessen und geschrieen hatten, waren in die Luft geschleudert, und suchten, hin und her taumelnd, die Kirche wieder zu erreichen. Tusty's Blide blieben an den schwarzen, beweglichen Punkten haften.

Und was haben die von ihrem Leben? murmelte er, das arme, hungernde, frierende Geschlecht! Und doch kämpfen fte wacker gegen den Sturm, und wenn sie wieder auf dem Dache balanciren, schreien sie noch in freudigem Stolz. 3ft denn wirklich das nackte Leben ein Etwas, das sich der Mühe, das fich so vieler Mühe verlohnt? Was ist das für ein selt= famer Krampf, der unser Fleisch zusammenschrumpfen macht, wenn wir dem Tode in's Auge bliden? Sagt er uns nicht deutlich, daß wir mit der elenden Wirklichkeit noch immer nicht zu Ende sind, so sehr wir es uns auch einbilden? Daß diese Wirklichkeit, elend wie sie ist, doch die Basis einer grenzenlosen Möglichkeit ist, auf die wir nicht verzichten dürfen?

Er fuhr aus seiner brütenden Stellung auf und ftredte den Arm drohend gegen den Horizont aus:

Auf die wir nicht verzichten dürfen! rief er, auf die wir nicht verzichten wollen! Hörst du's, bleiches Gespenst des Tages! Schleich dich hinein in die Ewigkeit, belastet mit dem Raube, den du an uns begangen, mit all' den glüds lichen Stunden, die du uns nicht gewährt hast! Dein Bruder Dieb kommt morgen und beginnt sein Tagewerk, stil, ges schäftig, als ob es das ehrlichste Handwerk von der Welt wäre! Aber wir wollen ihm auf die Finger sehen!

Aus den schwarzen Wolken begannen jeßt Schneeflocken zu fallen; erst einzeln, dann schnell dichter und dichter. Tusky trat aus der schüßenden Pforte hinaus auf den Friedhof und blickte nach der Gitterthür.

Wo er nur bleibt, murmelte er; er müßte längst hier sein, und ich hätte ihn so gern gesehen!

Plößlich hörte er einen Schritt hinter sich. Er wendete sich um und erkannte Leo.

Gott zum Gruß, mein Junge! rief er, Du hast mich lange warten lassen. Woher so spät?

Ich komme vom Schloffe, sagte Leo, der Tusky's herzliche Begrüßung nur sehr flüchtig erwiedert hatte.

So tritt herein, sagte Tusky; es spricht sich drinnen beffer, als hier im Schneegestöber. Stomm!

Er schloß die Pforte auf und wieder zu, nachdem sie Beide und ein verkrüppelter alter Mann, der plötzlich irgends woher aus einer Mauernische auftauchte, eingetreten waren. Der Alte war ein armer, halb blödsinniger, taubstummer Mensch, dessen Rest von seelischem Leben sich um die Kirche bewegte, auf deren Friedhof die Seinigen schon seit einem Menschenalter moderten. Er war in jungen Jahren ein guter Musikant gewesen, und jegt in seinen uralten Tagen war es sein größtes Glück, wenn er die Bälge treten und fich dabei Melodien träumen durfte, die sein Ohr nicht mehr pernahm. Tusky schritt voran die wohlbekannten Gänge und Stufen bis zu dem engen Raum vor der Orgel, hier ents zündete er die Stumpfen von ein paar diden Lichtern, die von dem Altare auf die Empore gewandert waren. Der Schein fladerte an den Orgelpfeifen hinauf und erhellte noth

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