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dürftig die Balken und Leitern in der Nähe; aber in das Innere der Kirche drang faum ein schwacher Schimmer, und die Tiefe unter ihnen gähnte wie ein Grab.

Tusky hatte sich an die Orgel gelegt und mit geübter, ficherer Hand ein paar Accorde gegriffen, deren gewaltige Tonwellen sich machtvoll am Gewölbe brachen und in einem Augenblic den weiten Raum bis in den fernsten Winkel mit harmonischer Fluth erfüllten. Er schien ganz versunken in sein Spiel, ganz unachtsam des jungen Freundes an seiner Seite. Lep legte ihm die Hand auf den Arm.

Ich habe mit Dir zu sprechen, Conrad, sagte er.
Sprich!

Er neigte sich zu leo und nahm die linke Hand von den Tasten; mit der rechten griff er leise, verzitternde Töne.

Es ist das leştemal, daß wir hier unter dem Vorwande, Musit zu machen, zusammenkommen, sagte leo.

Warum?
Es scheint mir, als ob sie Alles wüßten.
Mit einer heftigen Bewegung wendete sich Tusky zu Leo:
Was wissen Sie? Wer weiß? rief er leidenschaftlich.

Ich habe es schon seit einiger Zeit gemerkt, erwiederte Leo mit dumpfer, hastiger Stimme; sie waren Ade so bes sonders freundlich zu mir, der Freiherr, die Mädchen, befonders das gnädige Fräulein. Sie hatte mich schon ein paarmal so angesehen, als ob sie mir etwas Besonderes sagen wollte; ich habe aber immer gethan, als ob ich nichts merkte, denn ich meinte, fie wolle nur meine Mitwirkung in den lebenden Bildern, die fie zu Weihnachten arrangirt und zu denen fie die ganze Nachbarschaft zusammengebeten hat.

Ich weiß, ich weiß, sagte Tušky; der Ertrag ist nas türlich für die Armen bestimmt eines ihrer elenden Pflaster, mit denen sie die eiternde Wunde zu verkleben suchen.

Ja, ja, sagte Leo. Ich war ihr immer ausgewichen, aber heute war es nicht möglich. Sie faßte mich plößlich bei der Hand und sagte: Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Dann saßen wir in ihrem Zimmer; ich weiß nicht recht, wie wir dahingekommen sind.

Nun? fragte Tusky ungeduldig, was sagte sie? Was wollte sie von Dir?

Ich weiß es selbst kaum, erwiederte Leo, indem er die Augen mit der Hand bedeckte. Sie hat eine so schöne Stimme; ich hörte anfänglich nur die Stimme. Sie sprach von meiner verstorbenen Mutter, von meinem Vater — ich erinnere mich nicht mehr, was; aber es klang so hold und lieb; ich hätte immer so zuhören können; ich vergaß ganz, wie wunderlich doch eigentlich dies sei, und warum sie just heute von dem Allen sprach. Da plößlich weckte mich Dein Name. Wie fie auf Dich gekommen ist, ich kann es nicht sagen; aber als sie jekt von Dir sprach, hatte ihre Stimme nicht mehr den sanften Klang von vorher, und ihr feines, bleiches Gesicht hatte einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Sie warnte mich vor Dir, fie sagte, sie könne mir nicht Alles mittheilen, was sie von Dir in Erfahrung gebracht habe, weil sie nicht wisse, wie weit Du mich in Deine Geheimnisse eingeweiht, oder ob ich im Stande sein würde, Dir gegenüber zu schweigen. Fa, fie verlange das nicht einmal; denn selbst in dem Fale, daß ich der Feind der Familie geworden wäre, daß ich mit Dir gegen ihr Wohl mich verschworen hätte, wollte, fie doch nicht, daß ich zum Verräther würde; auch die, schlechteste Sache sei nach der Seite hin heilig. Das verlange sie nicht, das wünsche fie nicht; aber sich von einer schlechten Sache, wenn man sie als schlecht erkannt habe loszusagen — sei Pflicht, und der Zweck dieser Unterredung mich uaf diese Pflicht aufmerksam zu machen.

Und was hast Du auf das Ades geantwortet? fragte Tusky.

Ich hatte keine Zeit, irgend etwas zu antworten, erwiederte Leo. Als sie ausgesprochen, legte sie mir die Hand auf die gesenkte Stirn. Als ich wieder aufschaute, war sie nicht mehr da. Dann habe ich mich heimlich aus dem Zimmer und aus dem Schlosse gestohlen.

Und was hast Du beschlossen?

Was kann ich beschlossen haben? Was soll ich beschließen? rief Leo, die Hände ringend, - als das Eine, daß ich nicht länger die Wohlthaten dieser Familie annehmen darf! D, Tusky, es drüđt mir schon lange das Herz ab, und es ist gut, daß es einmal zur Sprache kommt. Ich hätte es nie thun dürfen, und von Anfang an warnte mich eine Stimme davor; aber jeßt, jeßt trage ich es nicht länger.

So gehe hin, wirf Dich ihnen zu Füßen, wie der vers Lorene Sohn in der Bibel, sage zum Fräulein: Ich habe ges fündigt vor Dir, und zum Freiherrn: Ich kann nicht länger Dein Sohn heißen.

Zum wenigsten: Ich kann nicht länger wie ein Spion in eurem pause aus- und eingehen.

Dafür aber den Freund an euch verrathen.
Das habe ich nicht gethan.

Und wenn Du es thätest, Du würdest es bei Gott bald zu bereuen haben.

Tusky hatte Leo an beiden Schultern gepadt; die Adern an seiner weit vorgewölbten Stirn waren plößlich wie Aeste angeschwollen; seine Augen waren blutunterlaufen.

Ich weiß, daß Du sehr stark bist, sagte Leo ruhig; Du könntest mich hier ermorden, ehe mir Jemand zu Hilfe fäme; aber ich fürchte mich nicht vor Dir.

Tusky ließ ihn los und fügte den Kopf in die Hand. Der Zorneshliß war berschwunden, wie er aufgezudt war; die strengen energischen Züge trugen jeßt einen Ausdruck von Trauer und Schmerz, und seine harte Stimme klang weich, als er leise sagte:

Es ist ja nicht darum, die Sache würde auch ohne Dich und mich nicht untergehen; aber leo, ich kann es nicht ers tragen, es macht mich rasend, wenn Du davon sprichst

, mich zu verlassen - mich zu verlassen, um dieser reichen Sünder willen. Sie haben Alles in Ueberfluß: Licht und Wärme und Kleidung und Nahrung des Leibes und der Seele, Sonnenschein und Liebe — ich habe nichts als Dich. So lange ich lebe, Leo, habe ich nichts geliebt als Dich. Ich könnte mich für Dich von wilden Pferden zerreißen lassen, ich würde für Dich mein Blut tropfenweise hingeben. Das weißt Du, wenn ich es Dir auch noch nie gesagt habe; wenn ich mich auch morgen schämen werde, daß ich es Dir heute gesagt habe, und doch kannst Du mich verlassen? Das ist das Bitterste!

Ich kann und werde Dich nicht verlassen! sagte leo, indem er Tusky's beide Hände ergriff; ich schwöre es Dir, – nimmermehr; aber nimm diese Last von meiner Seele, diese last des schwärzesten Verraths, des entseßlichsten Uns dankes! Mag sie und ihre Vorfahren der Fluch der Menschheit treffen, gegen mich sind sie gut und gütig gewesen; das Brod, das ich esse, wird mir zu Gift.

Armer Junge, sagte Tusky, liebevol dem Jüngling das dunkle Haar aus der feinen Stirn streichend; armer, lieber Junge! aber das fonnte Dir nicht erspart bleiben. Wer im Dienste der Idee steht, muß bereit sein, das schwerste Opfer zu bringen, das Opfer der Gefühle, die man sonst als die edelsten preist. Es ist nicht unsere Schuld, daß wir mit solchen Waffen tämpfen müssen. Man hat uns die stolzen Loden abgeschoren, man hat uns unserer Kraft beraubt, man hat uns geblendet, man hat uns in die Tretmühle geschidt; man hat uns verhöhnt und seine freiherrliche Kurzweil mit uns getrieben. Wil man es dem armen, blinden Sclaven nun zum Verbrechen machen, daß er nicht in offener Feldschlacht seinen Peinigern entgegentritt, sie nicht wie früher schlägt mit eines Efels Rinnbađen? Wil man es Verrath nennen, daß, als sie ihn holen ließen, damit er vor ihnen spiele, er zu dem Knaben, der ihn bei der Hand leitete, sprach: Laß mich, daß ich die Säulen taste, auf welchen das Haus steht, daß ich mich daran lehne? -- Und Du weißt, Leo, das Haus war von Männer und Weiber, es waren auch der Philister Fürsten alle da.

Und er faßte

Spielhagen, In Reih' und Glied. I.

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die zwei Mittelsäulen und sprach: Meine Seele sterbe mit den Philiftern; und neigte sich fräftiglich. Da fiel das þaus auf die Fürsten und auf alles Volt, das drinnen war. Leo, Leo! Wenn ich der Simson wäre, den der Herr fich erkoren hat zur Errettung seiner Kinder; wenn er mich mit der kraft ausgerüstet hätte, die Säulen zu brechen, auf denen sie die Feste ihrer hochmüthigen Tyrannei errichtet haben; wenn das wäre, Leo, wolltest Du nicht der Knabe sein, der den Blinden leitet? Wolltest Du seine Hand plők: lich aus der Deinen lassen und schreien: Verrath, Verrath! Der blinde Geiger wil euch erschlagen?

Leo hatte das Haupt tief gesenkt; er starrte düster vor fich nieder. Die Worte des Freundes hatten al die wilden Phantasien, in denen seine Seele so gern schwelgte, wachges rufen, und ste berührten seine pochenden Schläfe mit ihren Geisterflügeln; dann legte sich wieder eine weiche, zarte Frauenhand auf seine Stirn, und eine sanfte, melodische Stimme sprach gute, milde Worte, die sein Herz mit Wehmuth erfüllten.

D, Conrad, bat er, laß uns fort, fort von hier, gleichviel wohin, und wäre es in das äußerste Elend. Du haft mir selbst gesagt, der Kampf, den wir fämpfen, ist über die ganze Erde entbrannt. Nun denn, so laß uns eine andere Stelle des Schlachtfeldes aufsuchen, eine andere Stelle

Wo die Kugeln weniger dicht fliegen, unterbrach ihn Tusky; nein, Leo, das hieße für mich den Kampf aufgeben. Die Frucht des Samens, den ich hier gesäet, kann Niemand ernten, als ich selbst. Niemand hat die Fäden in der Hand, als ich; gehe ich fort, fo fiele Alles auseinander. Und es sagt mir etwas, daß die Zeit der Ernte gekommen ist. Ueberal auf dem platten Lande gährt ein dumpfer Unmuth; schon beginnen sie in den Städten zu murren; es ist ein Feuer, das in dem Gebälte schwelt und schwelt, ein einziger kräftiger Windstoß, und das ganze þaus steht in Flammen. Was helfen da die Häufchen Erde, die sie ängstlich herbeis

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