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Harvard University
Library of the German Dept.

Schlesinger Bequest.

WID-LC 10 Oct, 1902
PT
2519
A15
Eq
X

1895 evol. 6

Alle Rechte vorbehalten.

KARVARD UNIVERSITY

LIBRARY

MAY 2 77083

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

72 Xiao

Erftes gapitel

Es war an einem Spätsommerabend. Die Sonne stand schon hinter den Wäldern, aber ihre Strahlen erreichten noch den wolkenlosen Zenith, von dem ein Meer weichsten, mildesten Lichtes auf die müde Erde herabsank. Kein leisester Hauch regte die stattlichen Wipfel der prachtvollen Eichen und Buchen. In der lautlosen Stille vernahm man deutlicher das Zirpen der Schwalben, die mit ihren Jungen um den Giebel des Försterhauses kreisten. Die Glode aus dem Dorfe Tuchheim, das jenseit des Hügelrüdens und wohl eine halbe Stunde von der Försterei entfernt lag, flang so hell herüber, man konnte mit Bequemlichkeit die Schläge zählen.

Es ist sieben Uhr, sagte einer von den zwei Männern, die vor der Hausthür auf der Bank links unter der alten Linde saßen, indem er eine große Uhr in einem Doppelgehäuse von Tombad aus der Tasche seiner schwarzen Weste nahm und vor die kurzsichtigen Augen hielt; steben Uhr, ich muß fort.

Nicht doch, lieber Anton, erwiederte der Andere. Malchen hat darauf gerechnet, daß Ihr zum Abend hier bleibt; Du hörst, wie sie in der Rüche rumort; ich habe die Witterung von Eierkuchen - nicht wahr, Ponto?

Und er legte die braune Hand auf den Kopf eines schönen, langhaarigen Hühnerhundes, der sich schweifmedelnd an seine Kniee schmiegte.

Anton antwortete nicht; er ließ das Haupt wieder auf die Brust sinken und starrte auf den Boden. Von Zeit zu

Spielhagen, In Reih' und Glieb. I.

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Zeit bustete er leise. Der Förster dampfte mächtig aus einer kurzen Meerschaumpfeife; seine scharfen blauen Augen blidten nach einem Raubvogel, der in ungeheurer Höhe seine Kreise durch den sonnig hellen Hether zog.

So saßen sie eine kleine Weile..

In Anton's düsterem Gesichte zuckte es unruhevol. Ein Entschluß, der ihm schwer werden mochte, schien sich aus seiner Seele loszuringen. Er hüstelte stärker als zuvor, schaute verstohlen nach dem Bruder hinüber, seßte ein paarmal zum Reden an, hüstelte wieder und sagte endlich:

þöre, Friß!

Was giebt's, Anton? erwiederte der Förster, ohne seine Augen von dem kleinen beweglichen schwarzen Punkte in der Höhe abzuwenden.

Du könntest mir einen Gefallen, einen großen Gefallen erweisen.

Von Herzen gern, sagte der Förster.
Wie stehst Du ießt mit dem gnädigen berrn?

Nun, ich denke, nicht schlechter als gemöhnlich – wegs halb? erwiederte der Förster, die rechte, zusammengebaute Hand an die Bade legend und über den ausgestredten Daumen nach dem Raubvogel visirend, den er ießt deutlich als einen Bussard erkannte.

Ich — ich möchte Deine Vermittlung in Anspruch nehmen in einer Sache, deren Entscheidung allein oder doch fast allein von ihm abhängt, und an der mir, das heißt nicht sowohl meinetwegen als im Interesse Leo's, sehr viel gelegen ist. Aber Du hörst nicht, was ich sage.

Doch, doch, Bruder, erwiederte der Förster.

Der Buffard, seiner Beute sicher, fiel wie ein Stein in gerader Linie herunter und verschwand hinter dem Walde. Der Förster wandte sich zu dem Bruder und wiederholte:

Doch, doch! Ich bin ganz Dhr. Du hast ein Anliegen bei dem gnädigen Herrn — sagtest Du nicht so?

Der alte Gemeindeschreiber Müller in Tuchheim ist gestern gestorben, erwiederte der Andere in einer Aufregung, die seine bleichen Wangen mit einer hektischen Röthe übergoß und ihm das Athmen hörbar erschwerte; es wird eine Neuwahl statts finden; die Stelle bringt über fünfzig Thaler ein; wenn der Freiherr mir seine Stimme giebt und sich für mich beim Lands rath verwendet, ließe es rich wohl machen, daß ich in diese Stelle rüdte.

Der Förster nahm die Pfeife aus dem Munde, blidte den Bruder verwundert an, schüttelte dann den Kopf und sagte:

Gemeindeschreiber in Tuchheim! Ei, ei, Anton, Du würdest es dabei so wenig aushalten als bei irgend einer andern Hantierung. Du würdest nach vier Wochen was sage ich — nach vier Tagen, kommen und brummen: Mag Der oder Jener Gemeindeschreiber sein; der Teufel hole die langweilige Arbeit, die mich von meinen Büchern abzieht. Nun, Anton, ich wollte Dich nicht kränken. Du bist ein gescheidter Kopf und hättest was Besseres verdient, als in dem elenden Nest, dem Feldheim, zu verkümmern; aber Du hast Dich nicht in's Leben finden tönnen, Anton, nicht in die Mens ichen schiden können. Sie haben's auf dem Schlosse gut mit Dir gemeint, wie mit uns Allen. Du haft Dir dein Lager selbst machen wollen; es ist nicht meine oder eines Andern Schuld, daß es lo hart gerathen ist.

Der Förster klopfte seine Pfeife aus, während er das sagte, und weil er dabei lauter sprechen mußte, um gehört zu werden, kam es wohl, daß seine Worte rauher klangen, als sie gemeint

Die hagere Gestalt des bleichen Mannes an seiner Seite zudte zusammen; er schloß die Augen wie in einem plößlichen physischen Schmerz.

Es ist hart, sehr hart gerathen, sagte er tonlos.

Nun, nun, beschwichtigte der Förster, wir haben Feder unser Theil zu tragen. Wie wir's tragen das ist die Hauptsache. Dabei hängt gar viel von uns ab: ob wir's auf die leichte oder schwere Achsel nehmen, und ob wir ein wenig Geduld haben oder partout mit dem Kopfe durch die Fangneße wollen. Aber, um auf Deine Idee zurückzukommen –

Bemühe Dich nicht, rief der Andere aufspringend; ich

waren.

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habe genug gehört; ich brauche Deine Vermittlung nicht; ich brauche des Freiherrn Gnade nicht; ich werde meinen Weg zum Grabe allein finden, wie ich meinen Weg durch's Leben allein gegangen bin. Es ist mir schwer genug geworden, daß ich den Mềund geöffnet habe; ach, ich wußte es ja, welcher Cheilnahme ich mich von den Menschen zu versehen hatte, hätte es wenigstens wissen können. Es ist gut, ich werde Dich nicht wieder belästigen.

Und er segte hastig die Müße auf, steďte mit zitternden Händen die hölzerne Tabatsdose und das Taschentuch ein und suchte mit den Augen nach dem Stod, der von der Bank, an welcher er gelehnt hatte, unter den Tisch gefallen war.

Aber Anton, sagte der Förster ärgerlich, ist das nun ges handelt und gesprochen – ich will nicht sagen wie ein Bruder, sondern wie ein Christenmensch und ein vernünftiger Mann? Komm', komm', Anton! Wir haben uns vor vierzig Jahren in den Haaren gelegen, wenn Du immer die Erempel richtig rechnetest und ich dafür die meisten Vogelnester wußte. Da waren wir eben dumme Jungen und verstanden es nicht besser; sollen wir uns heute noch zanken, wo wir graue Haare haben und Reiner zwischen uns den dritten Mann spielen tann, wie der Vater sagte, wenn er uns Beide beim Kragen nahm?

Die tiefe Stimme des Mannes klang ordentlich weich, als er jo sprach und dem Bruder die braune, träftige Hand entgegenstredte. Den fostete es eine sichtbare Ueberwindung, die dargebotene Versöhnung anzunehmen.

Ich wollte, der Vater hätte mich todtgeschlagen, oder ich wäre nie geboren, sagte er, während er vor der Bank, auf welcher der Förster saß, mit heftigen Schritten auf und ab ging. Was hat mir das Leben gebracht? Kummer, Sorge, Strantheit! Ich bin ein schwächliches, häßliches Kind gewesen. Der Vater hat mich stets verachtet; 3hr Ade habt es gethan, obgleich Ihr es natürlich nie habt Wort haben wollen. Aber ich fühlte es wohl; ich wußte es wohl, und das hat mich frühzeitig so îcheu und so feig, fo versteckt und so stolz gemacht. Und doch hatte ich Euch lieb, ich hatte die Menschen lieb. Sie haben es

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