Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Dann zog er mit dem Fuße einen Stuhl heran, sekte sich der Frau Urban, ihre Hände in den seinen haltend, ges genüber, schaute sie mit ruhig-mitleidigen Augen an, wie ein humaner Arzt einen schwer Kranken, und fuhr fort:

Was in meinen fräften steht. Sprechen Sie, als ob

als ob die legten fünfundzwanzig Jahre nicht gewesen wären. Ich habe mich wohl ein wenig berändert - Sie auch, Jettchen aber im Grunde bin ich doch der Alte geblieben.

Frau Urban lächelte - diesmal aber ein beinahe glüds liches Lächeln. Sie hatte eine so gütige Stimme seit langen Fahren, seit Walter aus ihrem þause war, nicht wieder gehört. Und jeßt wußte sie auch, weshalb sie gekommen war.

Er ist wohl nicht hier? sagte fte.
Mer?
Walter.

Walter? nein, erwiederte Rehbein; er wird heute erst spät nach Hause kommen. Sie hätten ihn gern gesehen, nicht wahr?

Ach ja, ich hätte ihn sehr, sehr gern gesehen. Ich habe ihm so wichtige Dinge zu sagen. Aber ich darf nicht lange vom Hause bleiben.

So sagen Sie's mir! rief Rehbein eifrig; ich bin Wals ter's Freund, er fol Ades von mir erfahren. Nun, fassen Sie sich ein Herz! Mit einem warmen Eifen bügelt es sich am besten.

Und Frau Urban faßte sich ein Herz und erzählte.

Sie hatte heute Abend vor einer Stunde etwa in dem Wohnzimmer, das an ihres Mannes Arbeitscabinet stieß, im Dunklen gesessen, als ihr Mann nach Hause kam, in Begleitung eines anderen Herrn, den Frau Urban sogleich an der Stimme als den Gymnasialdirector Morig, Walter's Borgeseßten, der mit ihrem Manne sehr befreundet war, erkannte. Die Thür des Zimmers hatte halb aufgestanden; die Herren hatten Niemand in dein dunklen Zimmer vers muthet und in Folge dessen eine Unterhaltung, die ste schon auf der Straße angefangen haben mochten, fortgefeßt. Frau Urban hätte sich gern zurückgezogen, aber sie wagte es nun nicht mehr, und dann hörte sie wiederholt Walter's Namen nennen – da war es ihr gewesen, als ob eine geheime Gewalt fie festhalte; sie regte sich nicht, sie athmete kaum; nichtsdestoweniger hörte oder verstand sie nicht alles von dem, was nebenan gesprochen wurde; aber was sie hörte und verstand, war genug, um ihr Herz mit einem tödtlichen Schreden zu erfüllen. Sie hörte den Director sagen: Der Mensch ist mir schon lange fatal gewesen, aber es war ihm nicht beizukommen; nun bin ich froh, daß er endlich einmal vor aller Welt bekannt hat, weß Geistes Rind er ist. Dann las er, wie es ihr scien, Stellen aus einem Buche vor, und dazwischen hörte fte die Herren rufen: Er ist ein Gots tesleugner, das ist klar! und andere Anschuldigungen der schredlichsten Art. Endlich sagte der Director: Ich darf also ruhig gegen ihn vorgehen und Ihres Schußes ficher sein? Und ihr Mann antwortete: Das dürfen Sie. Ich kenne den Burschen länger als Sie, und meine Aversion ist womöglich noch größer als die Ihre. Was ich thun kann, ihm den Hals zu brechen, soll mit Freuden geschehen.

Das war das Leßte, was die vor Angst und Schreden Halbtodte hörte. Gleich darauf verließen die beiden Herren wieder das Zimmer, und sie hatte sich, faum wissend, was site that, aufgemacht, ihren lieben Walter vor der schredlichen Gefahr, die ihn bedrohe, zu warnen.

Ach Gott, schluchzte ste, ich weiß ja nicht, was er ges than hat; aber es ist gewiß lange nicht so schlimm, wie sie es machen; er ist früher ftet8 so gut gegen mich gewesen, und ich habe immer den lieben Gott gebeten, daß er ihn in seinen gnädigen Schuß nehme; es ist unmöglich, daß er so ganz vom lieben Gott verlassen ist und so etwas grausam Schlechtes begangen hat.

Frau Urban faltete die Hände und schaute mit thränens den Augen bald ihre Schwester, bald ihren Schwager an. Frau Rehbein saß in ihrem Lehnstuhl ein Bild geistis ger Hilflosigkeit. Es fiel ihr ein, daß sie so vieles in Walter's Buche nicht verstanden, und daß doch möglichers weise gerade darin die Schlechtigkeiten, von denen die ges lehrten þerren gesprochen, verborgen sein könnten. Uebers dies war ja ein Roman, wenn man die Sache ernsthaft nahm, doch immer ein mehr oder weniger gottloses Buch. Und sie hatte zu der Entstehung des Buches noch beigetras gen! Am Ende wurde sie gar in den Fall vermidelt!

Ihr armes Gehirn konnte eine solche Fülle entfeßlicher Vorstellungen nicht fassen; sie brach in Weinen aus und rief:

Ach, Rehbein, hilf uns doch nur, daß fte uns nicht auch einsteden, wie Dich damals bei dem Communistenprozeß!

Rehbein wollte auffahren, aber er besann sich und sagte:

Ihr seid ein paar — nun, es ist ganz gleich; aber Ihr versteht nichts von diesen Dingen; Walter wird zu verants worten wissen, was er gethan hat; er arbeitet ftets auf eigene Rechnung, und die Fal — nun, es ist ganz gleich — wenn fte ihm den Hals brechen wollen, werden sie sehen, mit wem ste es zu thun haben. Ja, ja, mein braver Hölcnrachen, das wäre so ein Bissen für Dich! Aber Du sollst vergeblich Deine Zähne schleden!

Die beiden Frauen saben den Aufgeregten erstaunt an; Rehbein rieb sich die Stirn; die Sache ging ihm viel näher, als er es sich merken lassen wollte und durfte. Er wäre am liebsten gleich fortgerannt, um Walter aufzusuchen; aber vors erst mußte er doch Frau Urban nach Hause bringen, die sich ießt erhoben und sich wieder in ihr nasses Umschlagetuch ges widelt hatte. Frau Urban wollte seine Begleitung nicht ans nehmen, aber Rehbein bestand auf seinen Willen; so verließen ste denn zusammen das Haus, nicht ohne eine gewisse eifers süchtige Regung in dem Busen der braven Schneidersfrau erwedt zu haben.

Frau Rehbein hätte ganz ruhig sein können. Es war ihrem Gatten allerdings ein wenig wunderlich zu Muthe, während er an der Seite feiner schüchternen, stummen Bes gleiterin lautlos dahinschritt. Er dachte der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren, als er mit seinem Jugendfreunde, dem armen Studenten der Theologie Urban, dasselbe Mansardenzimmer bewohnte. Ach, damals waren sie so innige Freunde gemesen: der arme Schneidergeselle und der arme Student! und sie hatten so viel über die Liebe im Augemeinen und über die hoffnungslose Liebe des schüchternen Gesellen zu Jettchen, der ältesten der zwei Töchter des wohlhabenden Hofschneidermeisters, seines Brodherren, disputirt! so viel, daß Ürban sich ganz in die Lage des Freundes verseßen zu föns nen behauptete, ihm bei dem gestrengen Herrn Hofs jchneidermeister, dessen Kindern er Privatstunden gab, das Wort zu reden versprach und sein Versprechen so gut hielt, daß der Gesell mit Schimpf und Schande zum Hause hins ausgeworfen wurde, während der Student als Hahn im Korbe zurüdblieb und Jettchen's Bräutigam und, als er bald darauf eine Pfarrstelle bekam, Fettchen's Gatte wurde, ein paar Tage, bevor das Vermögen des Herrn Hofschneidermeisters in Folge einer mißlungenen Speculation zum Rauchfang hinausging. Da war denn der schlaue Fuchs gefangen gewesen, aber die arme blöde Taube nicht minder; und der weggejagte Gesell und verrathene Liebhaber hatte Lieschen, die zweite Tochter, die gänzlich hilflos zurüdgeblies ben war, geheirathet aus purem Mitleid.

Das Ades zog in bunter Reihenfolge durch das geschäftige Gehirn des braven Rehbein; er dachte auch jenes Frühlingsabends, als er Fettchen von einer ihrer Freundinnen abs geholt und ihr unterwegs seine Liebe gestanden hatte. Das waren dieselben Straßen sogar, durch die sie gegangen waren; an dieser Brüde, im Schatten der Reiterstatue, hatten fie fich den ersten Ruß gegeben, und gerade so wie heute hatte das mals der Mond durch leichtes Gewölt vom Himmel geschaut, hatten seine Strahlen in dem dunklen Wasser des Flusses ges glißert. Rehbein wußte das Alles noch sehr gut; er konnte sich der Worte erinnern, die er, die sie gesprochen; er dachte der Seligkeit, die ihn damals erfült, des Jammers, der ihn erfaßte, als sein Jettchen ihm untreu wurde und ihm den Absagebrief schrieb, den ihr der verrätherische Freund dictirt; aber dann war ihm doch wieder, als ob das Alles einem Ans dern passirt wäre. Und es war auch ein Anderer gewesen,

ein junger Leidenschaftlicher Mensch, der in einem Baar geliebter Augen den Himmel auf Erden sah. Du Lieber Gott! Wie hatten sich diese Augen verändert! Was war aus dem schlanken, blassen, hübschen Mädchen geworden! Rehbein war durch seine Frau, die mit der Schwester ein paarmal beim Herausgehen aus der Kirche ein heimliches Rendezvous gehabt hatte, auf diese Veränderung vorbereitet gewesen; aber so groß hatte er sie sich doch nicht gedacht. Nein, Frau Rehbein konnte ruhig sein! Es war nicht Liebe, was ihres Gatten Herz ießt erfüllte, sondern Mitleid, Mitleid mit dem armen schwachen Weibe, das dem brutalen Egoismus ihres Gatten so hilflos zum Opfer gefallen war, wie eine Taube dem þabicht; und nicht blos Mitleid mit ihr, Mitleid mit dem schwachen Geschlecht überhaupt, auf dessen zarten Schuls tern, wie Rehbein meinte, der schwerere Theil des über das Menschengeschlecht verhängten Elends laste.

Ja, ja, murmelte er, nachdem er sich von Frau Urban noch in einiger Entfernung von ihrer Wohnung mit freunds lichen Worten verabschiedet hatte und nun eiligen Schrittes durch die fast leeren Gassen der Wohnung des Doctor Paulus zustrebte, wo er Walter zu finden hoffte; ste sind die wahren Sclaven der modernen Zeit, besonders in den unteren Ständen; aber auch überall sonst, wo Rohheit, und wäre es auch unter den feinsten Formen, herrscht. Wer hätte so viel Interesse daran, daß Bildung und Aufklärung, die Liebe und das Verständniß der Freiheit sich überallhin verbreiten, als gerade die Frauen? Und doch sind sie es, die sich am wils ligsten unter das Foch der Tyrannei beugen, am eifrigften unter die Fahne des Obscurantismus schaaren. Sie suchen Schuß und Trost da, von wo all' ihr Unheil fommt, und find glüdlich, wenn sie ihre Söhne in das Lager ihrer schlimmsten Feinde treiben und so die Noth verewigen helfen. Und dennoch! Welche edle Regungen leben in diesen zers

« ͹˹Թõ
 »