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heiliger Gott, nein, das war nicht möglich! Er hatte ja freundlich gelächelt, als der Wagen davon route! tonnte mit der To Ster, der Schwester nicht so gräßlich spielen, sie nicht so fürchterlich täuschen wollen. Er hatte fte ja nie getäuscht! Nie? und diese ganze legte Zeit? wo offenbar so viel in seinem Ropfe, in seinem Herzen vorging, das er sorgfältig verbarg? War diese plößliche Reise nicht blos das Ende al der þeimlichkeit

, in die er sich nun schon monatelang gehült hatte?

So fauerte die Schattengestalt der Sorge an Charlotten's Lager; so huschte die Sorge immer hinter der Aermsten her, während sie trostlos durch die großen, leeren Zimmer irrte. Endlich kam der Morgen und mit dem Morgen neue Hoffs nung und neuer Muth. Was war denn so Bedenkliches geschehen?

Ich freue mich, daß der Vater so prächtiges Wetter zu seiner Reise hat; der Aufenthalt in der frischen Luft, der Wechsel der Umgebung, der Verkehr mit neuen Menschen, die Beschäftigung mit anderen Dingen das Alles wird ihm gewiß wohlthun. Und wie lange hat er nun schon an aen Rhein gewoût, den er Achtzehnhundertfünfzehn, als er dus Frankreich zurüdtam, zum legtenmale gesehen hat. Es wird ihm die schöne Zeit seiner Jugend wieder in Erinnes rung bringen; er wird wieder Freude am Leben gewinnen, er, der wie selten Jemand befähigt ist, die Schönheit der Welt zu empfinden.

Amélie stimmte der Tante mit Ueberzeugung zu. In der That sah fie, die von des Vaters Ángelegenheiten so wenig wußte, diese Reise nur in dem allerbesten Licht, ja fte knüpfte daran die schönsten Hoffnungen für die Zukunft. Wenn der Vater nur erst so weit wieder tam, wie sonst zu lächeln und zu scherzen und mit den schönen, braunen Augen freudig in das Leben zu bliđen, wie sollte er seine kleine Amélie ansehen können, und dabei wissen, daß fie unglüds lich war unglücklich durch ihn! Das konnte ja gar nicht sein.

Der Morgen berging; die warme luft, der helle Sonnens schein, der blaue Himmel lodten in's Freie. Charlotte ließ anspannen und machte mit ihrer Nichte eine lange Spaziers fahrt. Es war bereits ziemlich spät am Vormittage, als sie zurüdfehrten. Charlotte hörte, daß Doctor Paulus das gewesen sei. Der Herr Doctor habe ein Billet für das gnädige Fräulein dagelassen.

Die frohe Zuversicht, die Charlotte von ihrer Spaziers fahrt zurüdgebracht hatte, war sofort wieder verschwunden. Sie öffnete mit zitternder Þand das Billet. Es lautete:

Berehrte Freundin! Ich höre, daß Ihr Herr Bruder seit gestern Abend berreist ist, aber an den Rhein, nicht nach Tuchheim, wie man nach seiner heutigen Erklärung in den Zeitungen vermuthen sollte. Sie können sich denken, wie sehr es mich verlangt, Sie zu sprechen. Ich werde heute Nachmittag vier Uhr wiederkommen.“

Charlotte stand erstarrt. Also auch der kluge, umsichtige, immer muthige Mann war voller Unruhe, voller Sorge. Das fonnte man nur zu gut den hastig mit Bleistift hins geworfenen Zeilen ansehen. Und was war das für eine Erklärung, die der Bruder in die Zeitungen hatte rüđen lassen?

Sie griff nach den Morgenblättern, die auf dem Tische lagen. Sie suchte und konnte es nicht finden, und doch mußte es darin stehen. Und hier war es!

Charlotte war so verwirrt, daß fie faum verstand, was ste las. Sie mußte mehr als einmal abseßen; endlich bes griff ste, daß ihr Bruder in der Arbeiterangelegenheit, die ießt so viel von fich sprechen machte, eine in den schärfsten Ausdrücken abgefaßte Erklärung erlassen hatte, in der er sich ganz auf die Seite der Arbeiter stellte und sich von dem „ Aussaugung&- und Bedrüdungssystem der Fabrikherrn" feierlich lossagte.

Das also war es! Die gespenstische Sorge, von der fie heute Nacht derfolgt worden war, hatte Form und Gestalt angenommen. Der Bruder hatte mit dem Schwager uns

Spielhagen, In Reih' und Glieb. I.

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widerruflich gebrochen. Der Kampf, der schon lange hereins drohende Kampf, hatte begonnen für den Bruder, der mit für seine Verhältnisse ungeheuren Summen engagirt war, ein Kampf auf Tod und Leben.

Charlotten fiel das Blatt aus der Hand. Eine kleine Weile blieb sie gesenkten Hauptes stehen; fte fonnte nichts fühlen, nichts denken; dann stieg die Lebenswelle wieder auf aus dem tiefsten Grund der Seele, und Charlotte erhob das þaupt, nahm das Blatt abermals und las die Erklärung ruhig, aufmerksam, genau. Sie wußte nun, was sie zu thun hatte.

Sie hieß den Wagen wieder vorfahren und unterrichtete Amélie, die, eben ein Sträußchen Frühlingsblumen in der band und die Wangen noch von der Spazierfahrt geröthet, in's Zimmer trat, von dem, was geschehen war. Du mußt es doch einmal erfahren, so ist es besser jegt als später.

Die erbleichende Amélie wollte die Tante nicht allein lassen, aber Charlotte lehnte ihre Begleitung entschieden ab. Ich habe manche Besuche zu machen, auf denen Du mich nicht wohl begleiten fannst.

Amélie mußte sich darein finden; Charlotte stieg in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und befahl, zu Herrn von Sonnenstein zu fahren.

Siebenundfünfzigftes Capitel.

þenri wußte schon seit gestern Abend durch einen der Bedienten, der ihm schon lange Alles zutrug, was im freis herrlichen þause vorging, um die Abreise des Vaters. war sogleich zu Herrn von Sonnenstein geeilt; weder dieser, noch er selbst hatten für die Richtung der Reise des FreiHerrn eine Erklärung finden können.

Henri itberlegte an diesem Morgen, wie man es anzu. fangen habe, den Bater oder Ferrn von Sonnenstein zu einem entscheidenden Schritt zu zwingen, als ihn die Ers klärung des Freiherrn in den Morgenblättern alles weiteren Nachdenkens nach dieser Seite überhob. Sonnenstein mußte jeßt den hingeworfenen Handschuh aufheben. Henri war dessen froh. Gestern war geschehen, was auch das äußers liche Verhältniß zwischen seinem Vater und ihm, um dessen willen er bis jegt geschwiegen, vernichtet hatte; und was gab 6$ nun noch zu schonen?

Der junge Mann eilte wieder zu dem Bankier, den er mit dem Zeitungsblatte in der Hand und in großer Aufs

regung traf.

Das hätte ich nicht erwartet! rief þerr von Sonnens stein, während feine Augen unter den buschigen Brauen uns ruhig hin und her fuhren. Mir zuvorzukommen, mir, der ich die Macht und das Recht zugleich auf meiner Seite habe! Ich glaube, Henri, Dein Vater ist von Sinnen. Aber ich weiß, wer uns diesen Streich gespielt hat. In diesem Mos ment, wo das Feuer lichterloh brennt, noch Del hineingießen - das sieht ihm ähnlich. Das kann der ganzen Sache eine neue Wendung geben; es wird die Arbeiter vollends toll machen und uns auch in den Augen des übrigen Publikums unendlich schaden.

Henri hatte eine Ahnung, daß sein gestriger Streit mit dem Vater vielleicht mehr als alles Andere die Erklärung beschleunigt oder gar hervorgerufen haben müsse; aber es war ihm sehr recht, daß die Schuld auf den verhaßten leo zuritdfiel.

Ihr habt mir ja nie glauben wollen! rief er. Fhr habt es Euch selbst zuzuschreiben. Ich will nur hoffen, daß Du wenigstens durch den Schaden klug wirst und endlich den entscheidenden Schritt thust.

Der Banfier selbst hatte vielleicht eine Veranlassung, die das unleidliche Berhältniß mit dem Schwager zum Austrag brachte, herbeigewünscht; nun aber, im Augenblick der Ents scheidung, war ihm gar nicht gut zu Muthe.

Es wird einen heillosen Lärm machen, lieber Freund, sagte er kopfschüttelnd, und daran kann mir nichts gelegen sein, wie Du sehr wohl weißt. Ich habe mich um Euret-, ich meine um des Prinzen willen, der über kurz oder lang doch die Geschicke unseres Landes in der Hand haben wird, beinahe mit der liberalen Partei überworfen. Paulus und Consorten betrachten mich jeßt schon als einen Abtrünnigen; soll ich es nun auch noch mit dem Adel verderben? Und was die eigentliche Demokratie betrifft, nun — ich fann Dich versichern, mon cher, es ist kein Spaß, in einem Augenblid, wie dieser, wo man so ein Tausend krawallirender Arbeiter auf dem False hat, einen Mann, wie leo, sich zum Feinde auf Tod und Leben zu machen.

Der Bankier rieb sich bedenklich die dichten Augenbrauen. Henri trommelte ungeduldig auf dem Tische.

So ist es denn wirklich wahr! rief er, was Euch Eure Feinde nachsagen, daß Ihr feinen Muth habt, selbst nicht der Beste unter Euch! Hier, wo wir ießt halten, können wir nicht bleiben, also müssen wir weiter. Es ist ein ganz einfaches Erempel. Je länger Du zögerst, eine gerichtliche Entscheidung zwischen Dir und meinem Vater herbeizuführen, um so ficherer kannst Du sein, nicht wieder zu Deinem Gelde zu kommen. Du fürchtest die Folgen eines offenen Bruches mit meiner Fas milie. Gut, gieb mir Emma zur Frau; eine eclatantere Ges nugthuung kannst Du nicht haben, als wenn der leßte Tuchs heim Deine Tochter heirathet, und ich bekomme als Dein Schwiegersohn das Vermögen oder doch wenigstens einen Theil des Bermögens wieder, das ich als Sohn meines Vaters verloren habe.

Die Sache läßt sich hören, sagte Herr von Sonnenstein; aber Henri — ich sage nicht, daß es sein wird, indessen ist es doch eine Möglichkeit – wenn Emma Dich nun nicht wil? Das Mädchen ist in der legten Zeit wie ausgetauscht. Ich glaube, sie hat ein ernstes Attachement für den Doctor.

Nun, meiner Treu', das wäre in der That spaßhaft! rief Henri. Du glaubst wirklich, Onkel, Emma könne.

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