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mich, der er das gute Englisch verdankt, in welchem er mich heute so grenzenlos beleidigt hat.

Und die erzürnte Miß fächerte ihr erhißtes Gesicht mit dem Zeitungsblatt, das sie vom Tisch genommen hatte.

Doctor Paulus hatte schon lange die tiefe Erschöpfung bemerkt, unter der Charlotte litt. Er erhob sich und nahm Miß Jones, der er wichtige Nachrichten von Walter zu bringen habe, mit. Charlotte ließ sich von Amélie auf ihr Zimmer begleiten.

Als die Thür sich hinter ihnen schloß, erhob Silvia in dem kleinen, rothen Cabinet neben dem Zimmer, in welchem diese Unterredungen stattgefunden hatten und das nur durch eine Portière aus schwerem Damast von demselben getrennt war, ihr Haupt von der Marmorplatte des Tischchens. Sie mußte nicht, wie lange sie so geseffen hatte; es mochte eine Stunde, es mochte den ganzen Vormittag gewesen sein. Sie wußte nur, daß, während sie hier saß – glüdlich wenigstens darin, daß sie allein war sein Name an ihr Ohr schlug und sie aus ihren Träumen erweckte. Und dann hatte sie über ihn sprechen hören in Ausdrüden, die ihr bald das Blut im Herzen stoden machten, bald in mächtigen Wellen nach dem Gehirn trieben. Und wer waren die Sprechenden! Fräulein Charlotte, die milde Charlotte, - Doctor Paulus, der gerechte Paulus! Wenn die Milde und die Gerechtigkeit so sprachen, wie mochte die Härte sprechen und die Unges rechtigkeit! Und was würden nun erft die Feinde thun! Er hatte Feinde vollauf; aber er hatte keinen Freund, nicht Einen, der für ihn das Wort nahm und ihn gegen alle diese Anklagen vertheidigte! Nicht einmal fie selbst, die ihn besser kannte

nicht einmal fie hatte den Versuch gemacht, jene Beschuldigungen in ihr Nichts zurüdzuschleudern!

Silvia machte ein paar rasche Schritte nach der Pors tière und griff in die Falten; dann ließ ste die Hand wies der finken.

Was könnte es mir helfen? Sie würden mich nicht einmal begreifen, geschweige denn mir Recht geben. Wann

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hätten sie je begriffen, was das Maß des Gewöhnlichen nur eben überschreitet! So ist es von jeher gewesen; sie haben ihn nie verstanden, sie haben nie geahnt, was in der Seele des düsteren Anaben vorging, wenn er ihrer Gesellschaft die Einsamkeit vorzog, wo er ungestört Zwiesprach halten durfte mit seinem Genius. – Wie sagte sie? ein schwarzbraunes Zigeunerkind, das in den Gassen von Feldheim umherschlich?

und ich war, wie sie Adle; ich schalt ihn: Zigeunerjungen! ich habe ihn genedt und gequält und verhöhnt! Und doch hatte ich eine Ahnung von seinem Werthe, von seiner Größe. Ich neidete ihm seine Geisteskraft; ich mußte noch nicht, daß es gegen die grenzenlose Bemunderung nur ein Mittel giebt: grenzenlose Liebe!

Silvia drüdte die Hand gegen die Augen; ihr Athem ging tief und schwer, unendliche Wehmuth füllte ihren Bus sen, aber sie zerdrückte die hervorquellenden Thränen.

Nein, nein! — die wahren Leidenschaften sind die des Ropfes, nicht des Herzens das sind seine Worte. Er würde die Geliebte opfern, wenn er seiner Sache damit zu nüßen glaubte! — ja, ja, er würde und er müßte! Wer darf ihn tadeln! Soll ich ihn mit dem Maßstab der gewöhnlichen Menschen messen, wie jene dtagsseelen?

Silvia dachte des Abends, als sie Leo nach so langen Fahren zum erstenmale wieder gesehen: hier in diesem kleinen Raume! Er hatte sie im Anfang durch seine Herbheit abs gestoßen, ganz wie ehemals, und doch wieder wie mit einem Zauber angezogen; sie hatte das Gefühl gehabt, daß sie vor ihm niederknieen und ihn anbeten müsse. Und dann war die Furcht über sie gekommen, ob er nicht ein falscher Brophet fei, mie so viele vor ihm, und sie hatte ein Zeichen von ihm gefordert, wie die frommen Juden, die nicht glauben konnten und doch das tiefste Bedürfniß dazu hatten, vom Heiland. Sie hatte ihn gefragt: was denke ich in diesem Augenblice? und er hatte ihr geantwortet: daß auch Du Deinen Weg durch's Leben würdest zu finden wissen, wenn Du ein Mann wärest.

Es war kein Wunder, nur der Scharfblic des Psychos logen, gleichviel, er hatte Recht: ich würde meinen Weg zu finden wissen. Ich kann und darf nicht sein, was ich sein könnte und möchte; er kann es und soll es. Und vermag ich nicht, ihm zu helfen, so will ich ihm wenigstens den Muth erhöhen, ießt, wo selbst die, die sich seine Freunde nannten, ihn verlassen.

Silvia eilte auf ihr Zimmer und schrieb an Leo, ruhiger, einfacher, als sie je an ihn geschrieben. Er sollte in einer Zeit, wo ihm der Gleichmuth der Seele gewiß so nöthig war, nicht auch noch durch sie verwirrt werden.

Als Silvia den Brief durchlas, wurde sie selbst von der Kühle, die darin wehte, seltsam berührt. Es war so gar nicht ihre Weise sich auszudrüden; nicht die leiseste Spur von der Unruhe, dem Zorn, der Wehmuth, der Bewunderung, der Sehnsucht - von dem Frühlingssturm, der durch ihre Seele brauste.

Ein schmerzliches Lächeln zudte um ihre Lippen, während sie mit starren Bliden auf die Adresse des Briefes sah.

Es ist ja nur, was er will. Reine Leidenschaft des Herzens, nur eine Leidenschaft des Kopfes; nur die Leidenschaft der Wahrheit und Gerechtigkeit, der einen großen Idee der Freiheit, der er dient, und der ich dienen möchte, indem ich ihm diene.

Neunundfünfzigftes Capitel.

Einige Tage später war Henri in dem Cabinet des Prins gen. Der Prinz ging mit lebhaften Schritten auf und nieder; Henri, der in einiger Entfernung stand, verfolgte ihn mit den Augen, deren für gewöhnlich kalter und stechender Aus

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Spielhagen, In Reih' und Glieb. I

drud heute noch besonders finster war. Auf des Brinzen Gesicht lag es wie ein tiefer Schatten.

Sie haben es auch gewiß danach angefangen, sagte der Prinz.

Berzeihen königliche Hoheit, erwiederte Henri. Ich habe keinen Augenblic gezögert, die delicate Mission, die königs liche Hoheit mir anzuvertrauen die Gnade hatten, zu übernehmen. Ich darf es wohl als einen glüdlichen Zufall bes zeichnen, daß ich das Mädchen von früher her kannte, und also keine besondere Schwierigkeit hatte, mich bei ihr einzuführen. Ich machte die Rechte einer alten Bekanntschaft geltend; ich sprach als Freund; ich ließ – natürlich mit der nöthigen Discretion – durchschimmern, daß ich nicht ohne Volmachten tomme. Alles vergeblich.

Ja, aber was will ste denn eigentlich? fragte der Prinz.

Ich glaube, sie weiß das genau selbst nicht, erwiederte Henri. Vorläufig jammert sie ohne Zweifel troß alledem über ihre verfehlten Hoffnungen, obgleich sie Plug genug ist, einzusehen, daß es hier nichts zu repariren giebt. Indessen, das wird sich legen; ihr Charakter neigt sich zu müßiger Sentimentalität. Und die angenehme Lage, in welche Eurer föniglichen Hoheit bekannte Liberalität fie ja ohne Zweifel verseßen wird, ist doch immer eine Art von Uequivalent.

Da sind wir ja wieder bei dem Punkte, von dem wir ausgegangen sind! rief der Prinz eifrig. Natürlich soll sie haben, was sie verlangt; aber wenn das Ding nicht sofort unter die Leute kommen fou, muß sich ein Liebhaber finden, dessen Vorhandensein den Lurus, den sie wird treiben wollen, erklärt, das heißt also: ein reicher liebhaber.

Ich fürchte, die junge Dame wird königlicher Hoheit den Gefallen nicht thun, erwiederte Henri.

Aus Rancüne?
Einestheils und anderntheils
Anderntheils ?
Rönigliche Hoheit wird, fürchte ich, wieder einmal fins

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den, daß ich nicht der eifrige Diener gewesen bin, ber ich mich zu sein rühmen möchte.

Wieder einmal? rühmen möchte? Sie sind die seltsamste Mischung von Unhöflichkeit und Geschmeidigkeit, die mir noch vorgekommen ist. Ich werde Sie nie zu meinem Ministers präsidenten machen; Sie sind unerträglich.

Und doch würde ich einen ganz erträglichen Ministers präsidenten abgeben, erwiederte Henri mit einer Verbeugung.

Der Prinz lachte. Ich glaube es; nur nicht für mich;

aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Weghalb glauben Sie, daß fich das Mädchen sträuben wird, fich einen anderen Liebhaber gefallen zu lassen?

Weil ich entdedt zu haben glaube heute Morgen in ihren wirren, leidenschaftlichen Reden daß sie einen Andern liebt, sagte Henri.

Heute Morgen très-bien! Weiter! und wen! Den Lippert etwa?

Nein, königliche Hoheit! denselben Doctor Leo Gutmann, den ich königliche Hoheit neulich als den Verfasser gemiffer Broschüren bezeichnen mußte.

Treffe ich schon wieder auf den Menschen? rief der Prinz. Sie wollten ihn ja einsteđen lassen? Haben Sie nicht mit Hen gesprochen?

Noch nicht, königliche Hoheit.
Und weshalb nicht?

Ich war und bin keineswegs sicher, daß Herr von Hey meine Infinuationen wird verstehen wollen, und ich hatte felbstverständlich keine Eile, mich, das heißt in diesem Falle Eure königliche Hoheit, einem Refus auszuseßen.

So ist denn außer der Depeschengeschichte darf man selbstverständlich nicht rühren – gar nichts da, womit man dem Falunken beikommen könnte?

Höchstens feine Vergangenheit, die politisch ziemlich ans rüchig ist; indessen ist jeßt nach der Amnestie bei der Thronbesteigung Sr. Majestät auch damit nichts zu machen.

an die

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