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Sophatisch zu feßen, wobei sie eine hübsche, mit Blumen gefüūte Porzellanpase, die auf dem Tische stand, umwarf. Die Base brach entzwei, das Wasser strömte auf die Dede, von dort auf die blant gescheuerten Dielen. Frau Doctor Urban rief: D mein Gott! lächelte dann wieder und bat die Ankömmlinge, fich doch über eine solche Kleinigkeit nicht zu beunruhigen. Dabei wuchs ihre Unruhe fichtbar mit jeder Minute und erreichte den höchsten Grad, als fich in dem Zimmer nebenan ein fester Schritt in knarrenden Stiefeln bernehmen ließ. Eilends erhob sie sich von dem Sopha, auf das sie sich kaum niedergelassen hatte, sagte mit ängstlicher Stimme: Mein Mann, o mein Gott! und lächelte dann wieder.

Doctor Urban hatte seinen Priestertalar mit einem bequemen schwarzen Hausroc vertauscht, in welchem sich seine große und starke Gestalt noch stattlicher ausnahm. Seine grauen Augen schossen für einen Moment einen falten, stras fenden Blick auf seine Gattin, in welcher er die Urheberin des Unglüds mit der Base sofort erkannte, und versuchten dann, indem sie sich auf den Förster und die Knaben mands ten, einen freundlicheren Ausdruck anzunehmen.

Ein seltener Gast trat über meine Schwelle kann ich wohl mit dem Dichter sagen! Aber auch so wilkommen, mein werther Herr Gutmann! Willkommen, mein guter Walter, mein braver Leo! ich höre, daß Sie bereits gute Fortschritte im Griechischen gemacht haben.

Doctor Urban reichte den also Angeredeten einem nach dem andern die Sand, wandte sich darauf zu seiner Frau. und sagte, mit einer Bewegung nach der zerbrochenen Vase, in einem Tone, dessen Scherzhaftigkeit nicht eben erquidlich war:

Du hättest unseren lieben Gästen wohl eine andere Ers frischung anbieten können, als kaltes und, wie ich glaube, nicht einmal frisches Wasser.

Die kleine Dame versicherte mit zitternder Stimme, daß fie dazu noch gar nicht einmal Zeit gehabt habe.

Der Pastor runzelte die Stirn und sagte lächelnd: Wozu

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hättest Du auch Zeit, meine Liebe! — Der Förster sagte, daß er und die Knaben gefrühstückt hätten, ehe sie von Hause weggegangen seien, und daß sie überdies um ein Uhr das Mittagessen auf dem Schlosse erwarte.

Ja, ja, der gnädige Herr meint es gut mit Ihnen und den Fhrigen, erwiederte der Pastor und bat dann, wenn man doch einmal von leiblicher Nahrung nichts wissen wolle, in sein Zimmer zu treten, wo die beiden Knaben wenigstens geistige Speise genug finden würden.

Mit diesen Worten öffnete Doctor Urban die Thür zu dem Zimmer, aus dem er gekommen war. Es war ein ftattliches, ringsumber an den Wänden mit hohen Büchers geftellen ausgestattetes Gemach. Auf einem einfachen Teppich in der Mitte stand ein viereckiger, mit grünem Tuch übers dedter Tisch. Ein mit schwarzem Leder bezogener Polsterstuhl und drei Rohrstühle waren an den Tisch gerüdt. Grüne Vorhänge dämpften das durch die hohen Fenster hereinfallende Licht.

Ach! wie prächtig muß es sich hier arbeiten lassen, rief Leo entzüdt.

Meinen Sie, mein junger Freund ? sagte Doctor Urs ban, indem er dem Knaben zum Zeichen des Wohlwollens die breite Hand auf die Schulter legte. Nun, nun, das freut mich. Da können Sie sogleich beginnen. Hier ist Tinte, Feder, Papier; hier ist ein Lexikon, hier ist Schiller's Geschichte des dreißigjährigen Krieges. Getrauen Sie sich mohl, eine halbe Seite daraus in's Lateinische zu überlegen?

Ja, sagte Leo.
Und Sie, mein Freund ?

Ich wil's versuchen, sagte Walter, der sehr roth geworden war, mit einem verlegenen Blid zu Leo hinüber.

Brav, brav, sagte Doctor Urban; und wir, lieber Gutmann, wollen unterdessen in meinem Cabinet ein wenig plaudern.

Der Pastor nahm den Arm des Försters und führte ihn in das anstoßende Gemach, das kleiner als das Bi

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bliothetzimmer und mit größerem Comfort, ja mit lurus ausgestattet war. Hier nöthigte er ihn in einen Lehnstuhl, während er selbst auf einem zweiten, ihm gegenüber, Plaß nahm und sagte:

Nun lassen Sie uns einmal recht vertraulich mit einander reden, mein lieber Herr Gutmann; wohlmeinende, verständige Männer verständigen sich ja leicht, und in Anbetracht des nahen Verhältnisses, in welches wir zu treten im Begriffe find, thut Offenheit ja vor allen Dingen noth. Verstatten Sie mir also zuvörderst die Frage: Was ist für unseren Freiherrn der Beweggrund, sich eine so große Vers antwortlichkeit und - verzeihen Sie, daß ich ganz gerade mit der Sprache herausgehe – eine so große Last, als die Sorge für zwei fremde Knaben im besten Falle ist auf sich zu nehmen?

Der Förster blidte etwas verwundert auf. Ich vers stehe Sie nicht ganz, Þerr Pastor, sagte er.

Freilich, freilich, meinte Doctor Urban; die Frage ist auch so, wie ich sie gestellt habe, ein wenig wunderlich.

Ich kenne ja die große Huld, welche Ihnen der Freiherr von je bewiesen hat! Ich wollte eigentlich sagen: Glauben Sie, daß der Freiherr, außer durch das Wohlwollen, welches er nun einmal gegen alle die Ihrigen empfindet, fich diegs mal noch durch ein anderes Motiv leiten läßt? Sie können gegen mich offen, vollkommen offen sein, lieber Herr Gutmann.

Ich habe durchaus nicht die Absicht, nicht gegen Sie offen zu sein, sagte der Förster, unwillkürlich über diese sonderbare Geheimnisfrämerei lächelnd; aber ich will nie wieder eine Büchse abschießen, wenn ich weiß, was ich vor Ihnen verbergen soll.

Doctor Urban lächelte und sagte: Was haben wir uns auch schließlich um die Motive zu kümmern, wenn die vands lungen so edel, so ich möchte sagen: greifbar gut sind. Ich für meinen Theil gestehe ganz offen, daß ich dem Freiherrn großen Dant weiß, wenn er mir die ländliche Akademie, die ich schon lange intendire, endlich einmal in's

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Wert richten hilft. Womit soll man die Muße eines jahres
langen und — was soll ich es Ihnen verschweigen
unfreiwilligen Aufenthalts auf dem Lande ausfüllen? Die
Predigten - nun, du lieber Himmel! - das macht sich
zulegt von selbst, und die Seelsorge – ja, großer Gott, die
Seelsorge! lieber Herr Gutmann, da kommt man zuleßt zu
der Einsicht, daß es auch hier am besten ist, wenn man
es eben gehen läßt, wie's Gott gefällt. Kinder, deren Ers
ziehung meine freie Zeit ausfüllen könnte, habe ich nicht;
meine Frau macht wenig Ansprüche an mich; sagen Sie
selbst, ob ich zum Vorstand einer kleinen Gelehrtenschule
auf dem Lande nicht geradezu prädestinirt bin. Das wäre
also, was mich bestimmt hat, sogleich auf den Vorschlag
des Freiherrn einzugehen. Der junge Springinsfeld, der
Henri, wird uns freilich das Leben wohl im Anfang etwas
sauer machen; indessen in der Gesellschaft zweier tüchtiger
Jungen wird der hohle Uebermuth wohl bald verfliegen.
Ihr Walter gefällt mir recht, Herr Förster, recht sehr; ein
braver Anabe mit offener Stirn, wie ich sie liebe. Und der
Leo er heißt doch Leo ? ich wundere mich, daß ich
nie vorher von ihm gehört habe - – der Freiherr sagte mir,
daß er schon ein halber Gelehrter sei, und Ádes durch eis
genen Fleiß, zum wenigsten doch nur unter Anleitung des
Vaters, der, soviel ich weiß, selbst keine gelehrte Bildung ges
nossen hatte. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Ihr Herr
Bruder muß nach Adem, was ich von ihm höre, ein unges
wöhnlicher Mann sein. Aehnelt er Ihnen? Der Knabe hat
durchaus keinen Familienzug, ich meine, feinen Gutmann'schen
Familienzug. Nach den dunkeln Augen zu schließen, könnte
er eher in die freiherrliche Familie gehören.

Doctor Urban warf bei diesen Worten einen schnellen
Blid auf den Förster und fand sich sehr getäuscht, als er
in dem braunen, offenen Gesicht desselben durchaus keine
Miene der Verlegenheit oder der Bestürzung wahrnehmen
tonnte.

Die Unterhaltung gerieth hier in's Stođen und wollte, trokdem der Pastor noch verschiedene Themata an.

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schlug, nicht wieder in Gang kommen. Endlich erhob man fich, nachdem man zuleßt über einige Einzelnheiten, die bei der Uebersiedelung der Knaben in das Pfarrhaus in Frage kamen, flüchtige Rüdsprache genommen hatte. Die Exercitien der Knaben fah Doctor Urban dann im Vorbeigehen an, fand Leo's Arbeit vortrefflich, und Walter's – der sie sich von Leo hatte dictiren lassen - ganz gut, und verabschiedete sich in der Thür des Bibliothekzimmers von seinen Besuchern mit verbindlichstem Lächeln und ausgesuchten Höflichkeitsphrasen.

Auf dem Hausflur huschte die Frau Bastorin an ihnen vorüber. Sie hatte jegt ganz roth geweinte Augen. Offenbar wollte sie den Fortgehenden einige freundliche Worte des Abschieds sagen; aber Rührung oder Aengstlichkeit ließen sie nicht dazu kommen. Sie begnügte sich zu lächeln, Allen wiederholt die Hände zu drüden, nochmals zu lächeln, und entfernte sich dann eilends.

Auf dem Hofe wurde den Knaben endlich die Brust wieder frei genug, um sich gegenseitig die Fülle der ges machten Beobachtungen mittheilen zu können. Walter fand, daß die Frau Pastorin eine gute alte Dame und der Doctor gar nicht so schlimm sei, wie er ihn sich vorgestellt hatte; leo sagte, daß er die Bibliothek auf ein paar tausend Bücher schäße, und versicherte dem Onkel mit strahlenden Augen, daß er sie alle durchlesen werde. Der Förster ließ die Knaben plaudern. Doctor Urban hatte einen unangenehmeren Eindrud auf ihn gemacht, als je zuvor, und er sagte sich, daß die arme Frau Urban, die er heute zum ersten Male in ihrer Häuslichkeit gesehen hatte, eine sehr, sehr unglücliche Frau sein müsse. Sodann hatte ihm die Weise, in welcher der Doctor mit ihm gesprochen hatte, gar nicht gefallen. Weshalb hatte sich der gelehrte Herr so viel Mühe gegeben, den Freundlichen, den Herzlichen zu spielen?

Der wadere Mann seufzte tief, während die Anaben an seiner Seite eifrig schwaßten. Er bedauerte jeßt beinahe, daß er sich den Wünsden des Freiherrn so leicht gefügt.

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