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Es hatte dem Sohne des Waldes zu sehr mißfallen in dem fühlen, stillen þause mit der klösterlich dumpfen Luft.

Meantes Capitel.

Als Tante Malchen und Silvia auf dem Schlosse anlangten, fanden sie die Familie in einer halb freudigen, halb schmerzlichen Aufregung. Henri war vor einer halben Stunde gekommen, gänzlich unerwartet und auch einigermaßen uners wünscht. Der lebhafte braunlodige Knabe erzählte unter vielem Lachen, wie er, dem Wunsche feines Papa's folgend, nach überstandenem Carcer mit der Familie seines Onfels, des Bankier Sonnenstein, die projectirte Rheinreise angetreten habe, daß aber der Onkel mit seinen ewigen Residenzwißen, Cousin Alfred durch seine großen Manieren, die Cousine Emma mit ihrem unaufhörlichen Schmaßen so unausstehlich gewesen seien, daß er es schon nach den ersten Stationen nicht mehr habe aushalten können.

Glüdlicherweise hatte ich noch genug Geld in der Tasche, rief der Anabe; und da war denn die Sache leicht gemacht. In ach wie heißt es doch nur gleich, wo die Bahnen sich freuzen gleichviel – in Dingsda sprang ich aus dem Wagen, nahm ein Retourbillet, legte mich in ein Coupé, und da mein Zug früher abging, als der, in dem Sonnensteins saßen, so fuhr ich stolz an ihnen vorbei und schrie ihnen Halloh! in das Fenster hinein. Aber die erstaunten Gesichter! Bapa, die Gesichter hättest Du sehen sollen! Emma freischte, Alfred konnte nicht mit seiner Lorgnette fertig wers den, und der Onkel — schidt sich nicht, so von seinen Verwandten zu sprechen? Bah, Tante, der Onkel ist mit uns verschwägert, aber, Gott sei Dant, nicht verwandt – ein Freiherr von Tuchheim und ein Banfier von Sonnenstein

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Spielhagen, In Reih' und Glied. I

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berwandt! Das fehlte noch! Na, Tante, wir wollen uns nicht streiten. In dem anderen Dingsda, wo die Bahn aufhört - Gott, bringt mich denn seiner darauf – habe ich Extrapost genommen und bin die fünf Meilen herunters gerasselt wie ein Prinz. Na, Tante, da bin ich nun. Wege ichiden könnt Ihr mich nicht wieder, also macht gute Miene zum bösen Spiel.

Und der übermüthige Knabe umarmte zuerst den Bater, dann die Tante und zulegt auch noch Umélie's englische Gouvernante, Miß Ethel Jones, die eben in den Gartensalon trat, um anzukündigen, daß der Förster mit den Knaben angelangt und das Mittagmahl angerichtet sei.

Ein paar Stunden später, nach Tische, waren der Freis herr und der Förster nach den Ställen hinabgegangen, um die Einrichtungen, welche man zu der bevorstehenden Auf: nahme von hundert königlichen und prinzlichen Pferden hatte treffen müssen, zu besichtigen. Die junge Gesellschaft spielte unter Anführung der maderen Miß Jones auf dem Rasen vor dem Schlosse Reifen; Fräulein Charlotte und Tante Malchen saßen in der Veranda und schauten, häufig von ihrer Arbeit aufblidend, dem anmuthigen Treiben zu.

Fräulein Charlotte war heute noch ernster als gewöhnlich. Die bevorstehende Ankunft der hohen Gäste warf schon zum voraus einen Schatten auf ihre Seele, einen umfo tieferen, als sie sich über die Weise, wie man dieselben zu empfangen und zu bewirthen habe, mit ihrem Bruder durchs aus nicht hatte einigen können. Dies war nun freilich ein Thema, über welches sie mit Tante Malchen nicht wohl spres chen durfte; um so ausführlicher äußerte sie sich über eine zweite Sache, die ihr kaum minder schwer auf dem Herzen lag.

Ich wundere mich, sagte sie, daß mein Bruder diesen neuesten Streich, den uns der Henri gespielt hat, so ruhig hinnimmt. Er ist am meisten dadurch getroffen. Sie wissen, Malchen, wie sehr mein Bruder Henri's so oft und so leidenschaftlich ausgesprochenem Wunsche, Soldat zu werden, entgegen ist; ja, ich kann Ihnen sagen, daß er ihn haupt

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sächlich deshalb aus der Residenz mit ihren Wachtparaden und Rasernen entfernt, und nun kommt der Junge, als ob er es darauf angelegt habe, zu einem militärischen Schauspiel, das ihm vollends den Kopf verrüden wird. Ich hatte es mir schon so schön ausgemalt, wie die drei Knaben von nun an einträchtiglich mit einander leben und lernen würs den; in unserer unmittelbaren Nähe, gleichsam unter uns seren Augen. Es war einer der glücklichsten Gedanken, die mein Bruder je gehabt hat, und nun

Fräulein Charlotte stüßte den Kopf in die Hand und caute wehmüthig dem Treiben der Kinder zu. Tante Malchen versuchte einige Trostgründe aufzuführen, aber was sie sagte, mochte wohl nicht eben von Bedeutung sein, wenigstens war es nicht im Stande, Charlotte aus ihren Träumereien zu erwecken.

Wie doch beim Anblick dieser glüdlichen Geschöpfe die Beit meiner Jugend mir wieder in die Erinnerung kommt, sagte sie, und ihre sanfte Stimme zitterte ein wenig, während fie so sprach; meine Jugend und Ihre Jugend, liebes Malchen — sind wir doch zusammen jung gewesen, wie wir nun anfangen zusammen alt zu werden — wie oft haben auch wir auf diesem Plaße Reifen gespielt; meine Mutter liebte das Reifenspiel so — man könne dabei so viel Grazie entwickeln, meinte sie. Sie sagte es aber französisch, denn Sie erinnern fich, Malchen, wenn von Grazie die Rede war, wußte sie sich deutsch nicht auszudrüden. Aber Ihr Bruder Friß war doch der Gewandteste und Schnellste von der ganzen Schaar. Wenn er lief, so schienen die Füße kaum den Boden zu berühren, und über Gräben und Heden sprang er mit den Hirschen um die Wette. Er war eigentlich nicht hübsch, Ihr Bruder Frit, bis auf seine schönen blauen Augen aber ich habe doch schon manchmal gedacht, folche Knaben giebt es jeßt nicht mehr.

Tante Malchen's Augen waren, sobald Fräulein Charlotte auf die goldene Jugendzeit zu sprechen kam, feucht geworden, aber das Lob ihres geliebten Bruders entlockte ihr

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helle Freudenthränen. Daß er nicht hübsch gewesen sein solle, wollte ihr allerdings nicht zu Sinn, aber, du lieber Himmel, der Geschmack der Menschen ist ja auch so sehr vers schieden!

Die junge Generation ist schöner geworden, fuhr Fräus lein Charlotte fort. Walter ist viel hübscher, als sein Vater jemals war, und Silvia hat etwas ganz Eigenes in Ausdrud, Haltung und Manieren. Mir ist manchmal, als wäre fte eigentlich gar kein Menschenfind, sondern eine Nire oder sonst ein Feengeschöpf, das sich in Eure Familie eingeschlichen hat. Nun, nun, Malchen, Sie brauchen nicht so bestürzt auszusehen, sie wird sich ja nicht eines schönen Tages in einen Bach oder Baum verwandeln; aber sie ist ein merkwürdiges Kind. Sehen Sie nur, wie sie sich dort mit Henri neďt und ihre Locken nach hinten schüttelt! Welch' mertwürdig volles, lodiges Haar das Mädchen hat, und jeßt sieht fie auch wirklich beinahe schön aus, bis auf den übermüthis gen Zug, der, glaube ich, dem Leo gilt. Sie scheinen sich nicht eben zu lieben, Leo und die Silvia, wenigstens macht er jeßt ein Gesicht, so düster wie eine Gewitterwolke. Ift er gut, der leo? Ich kann mich in sein Gesicht nicht finden; ich verstehe es so zu sagen nicht, aber ich gebe zu, es liegt etwas durchaus Ungewöhnliches darin, etwas, vor dem man unwillkürlich Achtung empfindet. Es ist schwer zu glauben, daß dieses Anaben Leben wie anderer Menschen Leben das Hinfließen sollte; aber ich fürchte - ich fürchte -- besonders glüdlich wird es nicht sein. Doch lassen wir die düsteren Gedanken, die sich für diesen entzückend schönen Abend gar nicht passen. — Ach, das ist herrlich, das kommt wie ges rufen, wie lieblich das klingt!

Die Kinder, die unterdessen mit ihrem Spiel aufgehört hatten, waren in den Gartensaal, deffen geöffnete Thüren auf die Veranda führten, getreten, und Miß Jones hatte sie dort um den Flügel zu einem kleinen Quartett gruppirt. Miß Jones begleitete und seşte mit einer etwas rauhen Altstimme kräftig ein, wenn die Accorde nicht ganz rein heraus

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kamen, oder es mit dem Tacte nicht recht fort wollte. Dies war aber nur äußerst selten der Fau. Die jugendlichen Sänger waren von Anfang an ihrer Sache so ziemlich sicher und wurden es mit jedem Liede mehr.

Es war für Charlotte ein hoher Genuß, diese thaufrischen, unentweihten Stimmen zu hören, besonders bei einigen Volksliedern, wo sie den einfachen Tert und die schmudlose Melodie wie mit Morgensonnenschein verklärten. Aber kaum weniger gut gelangen einige moderne Compositionen, in denen wieder das sentimentale Pathos mit der hellen Klangfarbe des Tones einen eigenthümlich wehmüthigen Contrast bildete. Besonders ein Duett, das die beiden Mädchen sangen, war von einer ganz zauberischen Wirkung – die rührendste Klage um eine verlorene Liebe, die thränenreichste Sehnsucht nach einem auf immer dahin geschwundenen Glück.

Charlotte trodnete sich die Augen. Aber was ist das, sagte sie aufstehend, alle Welt scheint es heute darauf angelegt zu haben, mich melancholisch zu stimmen. Ich will einen Spaziers gang durch den Garten machen. Das wird mir ja wohl die Grillen vertreiben. Ich weiß, Sie sind keine Freundin von müßigen Promenaden, Malchen, so will ich Sie denn auch nicht auffordern, mich zu begleiten.

Es dämmerte bereits, als Charlotte jenseits des Rasenplages in einen der laubigen Gänge des Gartens trat. Die luft war frisch, ohne kalt zu sein; man spürte eben nur den Hauch des Herbstes. Der energische Duft des an der Erde modernden Laubes, das Säuseln des Windes in den braunen Blättern, das gelegentliche Fallen einer reifen Frucht, die ahnungsvolle Beleuchtung der hinter die Wälder sinkenden Sonne — Alles sprach von Scheiden und Meiden und erfüllte Charlotten's Herz mit immer größerer Wehmuth. Die Melodie des liedes, das sie soeben von den beiden hellen Mädchens stimmen gehört hatte, klang ihr fortwährend im Ohr, und seufzend wiederholte sie den Text: Ach, wie so bald verhallet

der Reigen!

uch, wie so bald! Ist es mir doch, als wenn es gestern

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