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Einleitung des Übersekers.

1. Die altnordische Litteratur (altnordisch in hergebrachter Weise als Bezeichnung der alten Sprache des westífandinavischen oder norwegischen Stammes gefaßt) ist im wesentlichen eine isländische. Die norwegischen Aristokraten, die in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, um sich der Gewaltherrschaft des Königs Harald Schönhaar zu entziehen, die Insel besiedelten“, hatten in diesem weltentlegenen Lande während der langen, düstern Winter Zeit und Muse genug, die aus der Heimat mit herübergebrachten Keime eines nationalen Schrifttums zu pflegen und zur Blüte zu entwickeln. Die Götter- und Heldensagen des Mutterlandes, die Berichte über die politischen Umwälzungen, die es erschüttert und die edelsten Familien zur Auswanderung genötigt hatten, die alten Rechtssaßungen und die Überliefcrungen über Ursprung und Geschichte der einzelnen Geschlechter erzählte der Vater dem Sohne, der Sohn dem Enkel, und dieser ganze Schatz ward von Geschlecht zu Geschlecht in treuem Gedächtnis aufbewahrt. Nicht minder war man bemüht, auch die denkwürdigen Ereignisse, die während und nach der Kolonisation auf Island stattfanden, und die Nachrichten, welche fremde Kaufleute und die eignen Landesfinder aus Norwegeu, Dänemark, Schweden und England mitbrachten, festzu= halten und den Nachkounmen zu überliefern.

Nachdem dann die Isländer zu Anfang des 12. Jahrhunderts nach dem Beispiel der Angelsachsen die zu geläufigem Schreiben auf Pergament untauglichen Kunen durch das lateinische Alphabet ersekt hatten, begannen sie in einer durchaus idiomatischen Prosa, die sich nicht wie die

i vor ihnen hatten hier nur einige irische Anachoreten gehauft, die bei der Ankunft der heidnischen Wikinger schnell das Weite suchten. Die Enda.

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älteste deutsche an lateinische Texte sklavisch anschloß, die reiche Fülle ges schichtlicher Überlieferungen in ihren Sagas aufzuzeichnen, und wurden so die Historiographen des Nordens. Der Begründer des isländischen Schrifttums, Ari Thorgilsson der Wohlunterrichtete (gestorben 1148), verfaßte ein Buch über die älteste Geschichte Islands, fortgeführt bis auf seine Tage, von dem uns leider nur ein kurzer, von ihm selbst besorgter Auszug erhalten ist; und er ist es auch ohne Zweifel gewesen, der den Grund zu einem in der Weltlitteratur einzig dastehenden Werke gelegt hat, der Geschichte der isländischen Kolonisation (Landnámabók). Ebenso sicher ist es, daß er bereits Forschungen auf dem Gebiete der norwegischen Geschichte, wenn auch wesentlich nur chronologische, angestellt hat, auf denen die spätern Schriftsteller fußen konnten.

Sein Beispiel fand nämlich zahlreiche Nacheiferung. Wie nicht anders zu erwarten, war es besonders die Geschichte Norwegens, die meist in Einzelbiographien der Könige, seltener in zusammenhängender Erzählung behandelt wurde; aber auch die Geschichte der norwegischen Schwesterkolonien (auf den Färöer und den Orkneys) und die dänische Geschichte fanden auf Jsland Bearbeiter. Von den Ereignissen des eignen Landes wurde die Einführung des Christentums, die das Allthing nach mancherlei Kämpfen im Jahre 1000 beschlossen hatte, zum Gegenstand ausführlicher Darstellung gemacht, und daran anschließend die Lebensgeschichten der hervorragendern Bischöfe; ferner die turz vorher erfolgte Entdeckung Grönlands und Winlands (des nordamerikanischen Kontinents). Die Sagas, welche von diesen Entdeckungen melden, gehören bereits zu der stattlichen Reihe der sogenannten Íslendingasøgur, d. h. Erzählungen, welche die Schicksale eines hervorragenden Isländers (öfter eines Dichters) oder eines angesehenen isländischen Geschlechtes berichten, freilich nicht immer mit geschichtlicher Treue, sondern mehrfach Wahrheit und Dichtung mischend, so daß manche von diesen Erzeugnissen geradezu als historische Romane bezeichnet werden können — wodurch sie übrigens ihren Wert als wichtige Quellen für die Erkenntnis altnordischen Lebens und altnordischer Sitte keineswegs einbüßen.

Fügen wir hinzu, daß außer der Geschichtschreibung, die in der Heimskringla des Snorri Sturluson (einer Sammlung von Biographien norwegischer Könige) ihren Höhepunkt erreichte, auch andre Wissenschaften gepflegt wurden, vor allem die Rechtskunde, für die ein äußerst lebhaftes Interesse vorhanden war, aber auch die Mathematit,

die Astronomie und die Grammatik", daß neben den originalen Schöpfungen eine reiche Überseßungslitteratur erblühte, durch welche die biblischen Schriften und die Legenden der katholischen Kirche, die Ritterromane des Westens und die Novellen des Orients auch den Ungelehrten zugänglich wurden, so wird schon aus dieser kurzen Skizze ersichtlich sein, daß die altisländische Prosa den Vergleich mit den gleichzeitigen und gleichartigen Erzeugnissen andrer Völker nicht zu sdheuen braucht.

2. Die altnordische Poesie steht an Umfang, nicht aber an Wert der Prosa nach. Auch auf diesem Gebiete haben die Jsländer den Norwegern die Palme abgerungen. Wohl hat sicherlich lange vor Bragi dem Alten (uin 800) in Norwegen eine reiche Dichtkunst geblüht, durch die die meisten metrischen Formen schon ausgebildet waren, wohl lebten dort im 9. und 10. Jahrhundert bedeutende Stalden, wie Thjodolf von swin, Thorbjorn pornklofi und Gywind Finnsjon, später aber scheint die poetische Kraft der Norweger gänzlich erloschen zu sein. Wie es meistenteils Isländer waren, welche die Geschichte des Nordens der Nachwelt überlieferten, so waren es meist auch isländische Dichter, welche die Thaten der Fürsten in ihren kunstvollen Lobgesängen (Drapas) feierten. So weit die skandinavische Zunge erklang, an den Höfen von Nidaros und Upsala, von Lejre und Dublin lauschte man ihrem Sange; ja selbst zu London haben sie vor den angelsächsischen Königen ihre Stimme erhoben. Gern gesehene Gäste waren sie überall, da sie in der Führung des Schwertes nicht minder geübt waren als in der Kunst des Liedes. Wo immer auf grauer Heide oder auf blauer Flut ein nordischer Heerfürst eine Schlacht schlug, da stand auch der isländische Sänger unter den Gefolgsleuten in vorderster Reihe.

Nur die berühmtesten Namen mögen hier genannt sein: Egil Skallagrimsson (gestorben 990), der ausgeprägteste Typus des wandernden, abenteuerlustigen Sfalden, der auf der Winheide dem englischen König Ädelstan den Sieg über die Schotten erringen half und aus den Händen des grimmigen Eirik Blutayt sein verfallenes Haupt durch ein gereimtes Loblied löste, das er während einer Nacht im Herker gedichtet hatte; Einar Skalaglamm, der in seiner Vellekla die siegreiche Schlacht im Hjorungawag (986) verherrlichte, in der er

1 Die ysländer waren die einzigen Germanen, die schon während des Mittelalters Laut- und Formenlehre der Muttersprache zu erforschen begannen.

selbst an des Jarls Hakon Seite gestritten; vallfred Ottarsson, der „Schwierigkeitsdichter“, ein treuer Anhänger König Olaf Tryggwasons, desjen Tod (1000) er in einem ergreifenden Gedichte beklagte; Gunnlaug Schlangenzunge, bekannt durch seine treue Liebe zu der schönen Helga, die ein andrer Dichter, Hrafn Onundarson, durch Hinterlist ihm abgewann, worauf sich die beiden Nebenbuhler im Zweifampf gegenseitig töteten; Sighwat Thordarson, der unter den Fahnen Olafs des Heiligen bei Nesjar kämpfte und dann den Sieg, durch welchen dieser die Krone von Norwegen gewann, im Liede feierte (1015), berühmter noch durch die „Weisen des Freimuts“, in denen er Olafs Sohn und Nachfolger Magnus, dem er einst selber den Namen gegeben, vor allzu großer Härte warnte; Thormod Bersason, welcher ebenfalls Olaf dem Heiligen diente und bei Stiklastad, als der geliebte Herrscher gefallen war, den er nicht überleben wollte, sich ins dichteste Stampfgetümmel stürzte, wo der Heldentod ihm ward, den er gesucht (1030); Th olf Arnorsson, ein äußerst formgewandter und fruchtbarer Poet, dessen Dichtungen wegen der klaren und anschaulichen Darstellung selbsterlebter Ereignisse (er focht 3. V. (1066) in der Schlacht bei Standfordbridge, wo Harald der Strenge den Tod fand) eine Hauptquelle der Historiker wurden; endlich der schon nben erwähnte Geschichtschreiber Snorri Sturluson (1178—1241), durch den auch die Skaldendichtung, die ein Jahrhundert lang nichts von Bedeutung hervorgebracht hatte, noch einmal zu kurzer Blüte sich entfaltete. Er dichtete auf den König Hakon Hakonarson und dessen Schwiegervater, den Jarl Skuli Bardarson, das berühmte Háttatal, ein kunstvolles Lobgedicht, von desjen 102 Strophen jede in einem andern Versmaß abgefaßt ist, damit das Ganze jüngern Skalden als Muster- und Beispielsammlung dienen könne.

Die Hoffnung auf solchen Nachwuchs war nicht vergeblich; Snorri machte wirklich Schule, besonders in seiner eignen Familie, aus der nur noch seine beiden Neffen, Olaf Thordarson Hwitaskald und Sturla Thordarson (gestorben 1284), erwähnt sein mögen. Mit dem lektgenannten, der den König vafon und seinen Sohn Magnus in schwungvollen Versen pries und bei diesem in hohen Ehren stand, schließt das Zeitalter der wandernden Hofsfalden. Das 14. Jahrhundert hat nur noch auf dem Gebiete der geistlichen Poesie Bedeutendes geleistet. Es genügt hier, die Perle dieser Dichtung, Eystein Asgrimssons ,,Lilja“, zu nennen, eine lyrische Messiade in 100 Strophen,

die wegen ihrer glänzenden Diktion und schwärmerischen Innigkeit deni Besten, was die Weltlitteratur in dieser Gattung geleistet hat, an die Seite geseßt werden darf.

3. Auch die Lieder der Edda, die sämtlich anonym überliefert sind, gehören insofern der isländischen Litteratur an, als die Sammlung derselben auf Island stattgefunden hat und die Sprache der Handschriften, die sie uns überliefern, die isländische ist, welche der altnorwegischen zwar bis auf den heutigen Tag im wesentlichen gleich blieb, aber doch schon früh einzelne dialektische Abweichungen zeigte, die den Kenner befähigen, isländisch und norwegisch genau zu unterscheiden. Gedichtet sind die Lieder jedoch nur zum Teil auf Jsland. Die ältesten unter ihnen, von denen aber keins über das 9. Jahrhundert zurücreicht, sind noch in Norwegen entstanden, so die Þrymskvipa, die Hövamól, die Grímnismól (die jedoch in Island stark interpoliert wurden), die Hárbarþsljóp, vielleicht auch Baldrs draumar und Skírnismol, von den Feldenliedern sicherlich die Vølundarkvipa, die vier Fragmente, die der Sammler in der Helgakvipa Hjörvarþssonar vereinigt hat, die Helgakvipa Hundingsbana II, die Hambismol und der in der prosaischen Edda erhaltene Grottasqngr. Das übrige aber, wenn wir die Rígsþula, die auf den schottischen Inseln entstanden zu sein scheint, und die Atlamol, die in Grönland verfaßt sind, abrechnen, wird isländischen Ursprungs sein, gehört jedoch sehr verschiedenen Zeiten an. Zu den ältern isländischen Gedichten dürfen wir die Voluspi zählen, die wohl noch ins 10. Jahrhundert zu seben ist, zu den jüngsten die Alvíssmol, die Grípisspô und den Oddrúnargrátr, die wahrscheinlich schon ins 12. Jahrhundert fallen. Ein uns unbekannter Isländer hat dann zu Anfang des 13. Jahrhunderts die ihm zugänglichen Lieder zu einem Corpus vereinigt, das uns jedoch im Original nicht mehr erhalten ist. Derselbe Mann fügte zweifellos auch die prosaischen Einleitungen, Schlußworte und Zwischensäße hinzu, die sich in den meisten Gedichten finden, ebenso die beiden selbständigen Prosastücke (Nr. 19 und 28 meiner Übersetung).

Die älteste und wertvollste Handschrift der eddischen Lieder ist der Codex regius (Nr. 2365) auf der großen königlichen Bibliothek in Nopenhagen, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf Island geschrieben ist. Es ist eine Pergamenthandschrift in Großoktav, die uns den größten Teil der in meiner Übersegung enthaltenen Gedichte und Prosastüđe in folgender Anordnung überliefert: 1, 11, 8, 9, 7, 6, 4,

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