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Das Buch ist weder eine Darstellung der psychologischen Genesis der moralischen Triebe, Gefühle und Vorstellungen, noch eine Geschichte der Ethik als Wissenschaft. Bevor man sich an die Erklärung der Genesis eines derartigen Erscheinungsgebietes mit einiger Aussicht auf Erfolg wagen darf, muss erst die vollständige und sorgfältige Durchforschung des Gebietes und die Feststellung der quaestio facti erledigt sein; diese Aufgabe ist aber bisher noch gar nicht versucht, sondern es sind nur mehr oder minder einseitige Vorstudien zu derselben unternommen worden. Weil uns bis jetzt eine wissenschaftliche Ethik fehlt, darum besitzen wir auch bis heut noch keine Geschichte der Ethik als Wissenschaft, sondern nur eine referirende zusammenhangslose Aufzählung der von verschiedenen Seiten gemachten Anläufe, oder aber aneinandergereihte tendenziöse Kritiken ausgewählter Moralisten. Vielleicht trägt grade dieses Buch dazu bei, sowohl den neuerlich hervorgetretenen genetischen Erklärungsversuchen umfassendere Ziele zu stecken und die eigentliche Bedeutung ihrer Aufgabe klarer zu machen, als auch den Philosophiehistorikern leitende Gesichtspunkte für eine kritische Geschichte der bisherigen Moralphilosophie an die Hand zu geben und dadurch zu einem solchen Unternehmen Muth und Lust anzuregen.

In einer Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins konnte die Anführung geschichtlich gegebener Formen nur den Werth einer verdeutlichenden Illustration haben; hier kam es nur auf Vollständigkeit der principiell möglichen Formen des sittlichen Bewusstseins, nicht aber auf vollständige Berichterstattung über die historisch wirklich gewordenen Formen desselben an, um so mehr als letztere selten rein und ungemischt genug auftreten, also die Sauberkeit der phänomenologischen Entwickelung durch allzueifriges Heranziehen jener leicht hätte beeinträchtigt werden können. Wo die Illustration durch geschichtliche Beispiele mir nützlich zur Klärung der gegebenen sachlichen Erörterungen schien, habe ich sie herangezogen, wo aber die geschichtlich ausgeprägten Formen sich nicht genau mit der jeweilig entwickelten Stufe des sittlichen Bewusstseins deckten, habe ich solche Anführungen lieber unterlassen, um nicht das Verständniss der Leser unnöthig zu verwirren. Die wichtigeren Moralphilosophen repräsentiren oft mehrere Stufen des sittlichen Bewusstseins in ihrer Verbindung, und musste auf dieselben alsdann wiederholentlich bei verschiedenen Abschnitten verwiesen werden: aber auch in dieser Hinsicht lag allseitige Vollständigkeit ausser der Absicht dieser Arbeit.

Das Gebiet der Sittlichkeit beginnt erst mit dem Anlegen des Maassstabes eines irgendwie gearteten sittlichen Bewusstseins an das menschliche Thun und Lassen, Sinnen und Trachten (vgl. Phil. d. Unb. 8. Aufl. I S. 230.—232); welcher Art also auch immer die unbewussten Vorbedingungen der Sittlichkeit sein mögen, so beginnt der Gegenstand der ethischen Fragen im engeren Sinne doch erst mit dem Erwachen des sittlichen Bewusstseins. Sind „sittlich und unsittlich“ Prädicate, welche erst das Bewusstsein den menschlichen Handlungen und Gesinnungen aufheftet, so hängen alle im Bereich des Ethischen aufzuwerfenden Fragen von der Art und Beschaffenheit des sittlich differenten Bewusstseins ab, welches die Prädicate „sittlich oder unsittlich“ vertheilt. Wie die Reform der theoretischen Philosophie dadurch von Kant eingeleitet wurde, dass er das Erkenntnissvermögen selbst zum Gegenstand seiner fundamentalen Untersuchungen machte, so ist eine grundlegende Reform der praktischen Philosophie nur dadurch zu erreichen, dass man das sittliche Bewusstsein selbst zum Gegenstand der Untersuchung macht.

So lange man annehmen wollte, dass das Bewusstsein die Prädicate „sittlich und unsittlich“ nach Laune oder Willkür vertheilte, würde es schlechthin unverständlich bleiben, wie bei solcher grundlosen Entscheidung das Bewusstsein zu der Einbildung kommen sollte, an diesen Prädicaten einen sich gleichbleibenden Begriffsinhalt zu besitzen; sobald eine Vertheilung dieser Prädicate nach festen und bestimmten Gesichtspunkten angenommen wird, besitzt das so verfahrende Bewusstsein eine Richtschnur des Urtheilens, gleichviel ob oder in welchem Grade es sich anfänglich derselben als Richtschnur der Bildung seiner Urtheile bewusst ist. Erreicht aber, wie es bei der aufstrebenden Entwickelungsrichtung des Menschheitsbewusstseins nicht ausbleiben kann, das Bewusstsein die höhere Reflexionsstufe, sich der Richtschnur seiner ethischen Urtheile auch bewusst zu werden, so erfasst es eben dadurch sich selbst als ein sittliches Bewusstsein und zwar als ein an diesem Princip hängendes, d. h. es gewinnt den Charakter als seiner selbst bewusstes, principiell bestimmtes sittliches Bewusstsein. Insoweit es sich nicht als principielles erfasst, ist es sich über sich und in sich selbst noch unklar; sowie es sich selbst versteht, erfasst es die Richtschnur seiner Urtheile als das Princip seiner selbst, d. h. als das Princip, dessen Erfassung und Bethätigung allererst es zum sittlichen Bewusstsein gemacht hat. Die Untersuchung der möglichen Formen des sittlichen Bewusstseins wird so zugleich zur Untersuchung der möglichen Gestalten, welche das Princip der Sittlichkeit im menschlichen Bewusstsein annehmen kann, und die Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins enthüllt sich zugleich als ethische Principienlehre. Aber sie unterscheidet sich doch wesentlich von allen bisherigen Untersuchungen „iber das Princip der Moral“ durch ihre empirische Ausgangsbasis, durch ihre inductive Behandlung, durch ihre wesentlich den Gegenstand erschöpfende Allseitigkeit und vor allen Dingen durch die Vorurtheilslosigkeit, mit welcher sie gänzlich dem Laufe der phänomenologischen Untersuchung anheimgiebt, ob es Sittlichkeit gebe oder nicht, ob dieselbe eine Realität oder eine Illusion sei, ob sie ein Princip babe oder nicht, ob eventuell dieses Princip einfach oder vielfach, egoistisch oder altruistisch, heteronom oder autonom, subjectiv, objectiv oder absolut sei u. S. W.

Bekanntlich steht die Moralphilosophie hauptsächlich deshalb in Misscredit, weil zwar das Moralisiren ein Manchem sehr zusagendes Geschäft ist, desto Wenigeren aber das Anhören oder Lesen von Moralpredigten gefällt, weil ferner die Moralphilosophie sich wesentlich mit einem raisonnirenden oder erbaulichen Moralisiren begnügt, das für den Einen iiberflüssig, für den Anderen nutzlos, für Alle aber langweilig ist. Die spitzfindige Casuistik der jesuitischen Moralphilosophie lässt das Publikum grade so kalt, wie das erbauliche Moralisiren von der Kanzel die Kirchen leer lässt, und seit nun gar durch die historische Auffassung der Rechtsentwickelung das rationalistische „Naturrecht“ in Verruf gekommen ist, sind die armen Moralphilosophen wirklich recht übel dran. Sieht man von den unvermeidlichen Drucklegungen obligater Kathedervorträge ab, so zeigt sich auch in der That, dass seit dem Bekanntwerden der Schopenhauer'schen Philosophie die moralischen Untersuchungen eine wesentlich andere Richtung als bisher eingeschlagen haben.

Wenn die Metaphysik von den verschiedenartigsten Principien ausging, so zeigten die principiell verschiedenen Systeme doch auch wenigstens sehr verschieden gefärbte Weltbilder; wenn aber die Moral von den verschiedenartigsten Principien ausging, so kamen die aus denselben abgeleiteten Deductionen schliesslich immer wieder bei den nämlichen landläufigen Moralvorschriften an. Dieses Verhältniss war nur für naivere Zeiten erträglich, musste aber mit wachsendem kritischem Bewusstsein immer beschämender werden, und so kam es .denn, dass seit Schopenhauer's Vorgang das Bestreben sich mehr und mehr darauf richtete, zunächst Klarheit in die principiellen Grundlagen der Moral zu bringen, ehe man zur Deduction eines Systems der Ethik überginge. Alle diese Versuche haben sich aber von grösserer oder geringerer Einseitigkeit nicht freizuhalten gewusst, und thatsächlich sind heute die Ansichten über das Princip der Moral zerfahrener als je. Die entgegengesetzten Standpunkte finden auf diesem

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Boden ihre Vertreter, und ein junger Mann, der aus dem Studium aller heut noch vertretenen Moralprincipien eine feste Grundlage für sein praktisches Verhalten zu finden gedächte, dürfte leichter als zu jedem anderen zu dem Ergebniss kommen, dass bei so zahlreichen Widerspriichen über die Grundlage der Moral eine solche wohl iiberhaupt illusorisch sein möchte, jedenfalls aber irrelevant für das praktische Verhalten der Menschen.

Letzteres aber wäre ein Irrthum, welcher sich daraus herleitet, dass das Heraustreten der gebildeten Stände aus dem Bann der kirchlichen Moral erst ein theilweises und selbst da, wo es besteht, noch eine viel zu junge Erscheinung ist, um schon einen allzumerklichen Einfluss auf das Volksleben zu äussern. Immerhin zeigt ein solcher Einfluss sich sowohl in den höheren als in den niederen Gesellschaftsschichten, insbesondere der städtischen Bildungscentren, bereits deutlich genug und lässt schon jetzt sehr wohl erkennen, welche sittliche Verwahrlosung wir zu gewärtigen haben, wenn (wie höchst wahrscheinlich) die Loslösung des Volkes von der Kirche in zunehmender Progression fortschreitet, ohne dass die Zerfahrenheit der Meinungen über die Grundlage der Sittlichkeit ein baldiges Ende nimmt und einer überwiegenden Uebereinstimmung über das Fundament der Moral Platz macht.

Es wird sich nun aus unserer Untersuchung ergeben, dass die grossen geschichtlichen Gegensätze, von denen das Culturleben unserer Zeit zerrissen und in seinem Bestande bedroht ist, lediglich die historische Verwirklichung verschiedener Formen des sittlichen Bewusstseins oder der reelle Austrag des ideellen Kampfes zwischen verschiedenen Gestaltungen des Principes der Moral sind, dass z. B. das zurückgezogene Privatleben eines um den Gang der öffentlichen Angelegenheiten Unbekümmerten das egoistische Pseudomoralprincip, dass der Ultramontanismus das heteronome Pseudomoralprincip, dass die Socialdemokratie das social-eudämonistische

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