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Pilatus und Herodes.

In den Fasten.

Evangelium Luck Cap. 23. V. 6 – 12. „Da aber Pilatus Galilia hörete, fragte er, ob er aus Valilia wäre. Und als er bernahm, daß er unter Herodis Obrigkeit gehörte, übersandte er ihn zu Herodes, welcher in denselbigen Tagen auch zu Jerusalem war. Da er aber Jesum sabe, ward er sehr froh, denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte viel von ihm gehört, und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. Und er fragte ihn man: cherlei; er antwortete ihm aber nichts. Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen und verklagten ihn hart. Aber Herodes mit seinem Hofgesinde verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Kleid an und sandte ihn wieder zu Pilato. Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde mit einander; denn zuvor waren sie eineinander feind.“

Wenn wir uns bloß durch den Augenschein bestimmen lassen, so gewinnen wir allerdings von der vorliegenden Erzählung den Eindruck, daß sie einen Ruhepunkt in der Passion Jesu Christi bezeichne. Jeßt durfte er bereits auf einen bedeutenden Theil derselben zurüdschauen, als auf Etwas was dahinten war, und das Ende seines Stampfeslaufs, das Kreuz auf Erden, die Krone in der Höhe lag nicht mehr fern. Ueberwunden waren die Schmerzen, welche seine Jünger ihm durch Verrath und Flucht, durch Verleugnung und mißverstandene Liebe bereitet hatten; überwunden aber auch das Gewebe von Falsdheit und Truglist, von Stumpfsinn und Roheit, welches Hohepriester und Volk mit emsiger und einander ergänzender Hand gewirkt hatten. Jedenfalls scheint er den Händen der erbitterten Feinde, und mithin der Klage enthoben zu seyn: siehe meine Feinde, wie sind ihrer so viele und hassen mich ohne Ursache! Und können wir auch Die nicht rühmen, vor deren Angesichte wir Ihn heute erblicken, stand die Sache freilich nicht so, daß endlich treue Liebesarme den schmählich Mißhandelten in ihren Schutz und Schirm genommen hätten: so waren doch Beide von Haß und Erbitterung gleidyweit entfernt, von Verfolgungssucht wußten ihre Herzen nichts, und die unversöhnliche Feindschaft der Rläger war ihnen, um nicyt zu sagen mißfällig, so doch gewiß eine auffällige. Und doch, wie wenig berechtigt uns dieß alles, von einer Erquicungsstunde zu reden, die dem Heiland jetzt gesclagen hätte. Schon wenn wir einfach bas zartere und feinere Gefühl in Rechnung bringen, das wir bei ihm vorausseßen müssen, wird es uns bedünfen, daß er hier zu feinem besseren Ruhepunkt gelangt war, als wenn wir den so eben durch den schwärzesten Verrath Gefränkten die falsche Liebeserweisung jenes Jüngers, der in fleischlichem Eifer das Schwerdt für ihn züdte, erfahren sehen. Wir stellen es bei Seite, daß Jesus von einem Richterstuhl zum andern verwiesen wird, als gäbe es auf Erden kein Tribunal, vor welches dieser Fall gehörte; hier konnte ja wirklich der himmlische Richter allein den Spruch der Entscheidung fällen. Aber auch unsere Einbildungskraft wollen wir nicht zu Hülfe rufen, daß sie die lärmende Rotte verfolge, wie sie ihr Opfer umringt, wie sie es überall hin begleitet und verklagt, wie sie mit mißtraulich wachsamem Auge sorgt, daß es nur ja ihrer Rache nicht entgehe. Bleiben wir strenge bei den einfachen Worten, mit welchen der Evangelist uns die Scene gezeichnet hat; sie genügen, uns eine neue Seite der Passion des Herrn zu zeigen. Die Geschichte der Schrift erzählt von einem Vorfall, welcher mit dem unsrigen eine auffallende Lehnlichkeit hat und zu dem klaren Verständniß des letzteren nicht wenig beiträgt. Er gehört dem Leben eines Apostels an, welcher wie kein Anderer ein gleiches Widersprechen von Seiten der Sünder erbuldet und wie kaum ein Anderer die Mahlzeichen des Herrn an seinem Leibe getragen hat. Es war eine gleiche Erbitterung, mit welcher später der Apostel Paulus von dem Volfe gehaßt wurde, das er auf treuem Herzen trug, und für welches verbannt zu seyn von Christo dieses großen Herzens aufrichtiger Wunsch geworden; es war dieselbe Einmüthigkeit, mit welcher zum Lohne dafür die Hohenpriester und Aeltesten nach seinem Blute dürsteten. Auch ihn sehen wir von dem Stuhle des Landpflegers Festus vor den Thron des Königs Agrippa geleitet, und von Beiden in ähnlicher Weise aufgenommen, wie es seinem Meister vor ihm widerfahren war. Suchen wir zunächst das Verfahren der Gewalthaber, benen unser Heiland gegenübersteht, auf einen Flaren Begriff zurückzuführen, welcher ihre gemeinsame Herzensstellung bestimme, und namentlich dasjenige zusammenbegreife, worin sie sonst auseinander zu gehen scheinen. Wenn wir uns einfach dem Einbruce hingeben, den die Erzählung unmittelbar hervorbringt, so werden wir nn8 in dem Urtheile begegnen, daß hier die Lauheit gegen Jesum nach ihren verschiedenen Erweisungen offenbar werde. Nirgende laffen weder der Landpfleger noch der König einen Widerwillen gegen den Verklagten blicken, aber noch viel weniger beherrscht sie eine aufrichtige Liebe zu ihm; sie hegen nicht den Wunsch, daß er der Bosheit seiner Feinde preisgegeben werde, aber noch viel weniger besigen sie Muth und Kraft, ihn vor derselben zu schüßen; mehr oder minder ist es ihnen boch gleichgültig, was mit ihm geschehe; Barthei haben sie nicht er: griffen, nicht für ihn, nicht wider ihn. Ist aber dieß die richtige Anschauung, so ahnden wir es sofort, wie von diesem Punkte ein neues Leit für den Erlöfer ausgehen mußte. Denn an foldh' einer haltlosen Stellung konnte Der keine Freude haben, welcher in dem heutigen Evangelio geurtheilt hat: wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir fammelt, der zerstreut. Aber zu keiner andern Zeit konnte diese Halbheit ihn empfindlicher berühren, als zu der Stunde, wo er im Begriff war, das große Wort zu bewähren, Niemand habe größere Liebe, denn baß er sein Leben lasse für seine Freunde. So möge benn

das Leiden des Herrn von Seiten der Lanheit unserer gegenwärtigen Andacht empfohlen seyn. Es ist freilich wesentlich dieselbe Wurzel, daraus das Verfahren des Einen wie des Anderen erwachsen ist, daher wir sie denn auch nach gleichem Maßstabe zu messen gedenken; aber ihre Leußerungen weichen doch mannichfaltig von einander ab; und so wollen wir zuerst das Leid mitfühlen, welches der Herr von Seiten des Pilatus erouldet hat; und ihn sodann vor den Stuhl des Herodes begleiten.

Die Erzählung knüpft an den Abschluß des Verhörs an, welches Pilatus mit dem Heilande angestellt hatte. Die Klagen hat er vernommen und geprüft, die der Haß der Hohenpriester gesammelt hatte, und alsbald verfündigte er vor allem Volfe seinen Spruch: ich finde keine Ursach an diesem Menschen! Siehe, da wird ein neuer Vorwurf erhoben: er soll das Volt erregt haben im ganzen jüdischen Lande, nachdem er in Galiläa angehoben zu lehren; — „und da Pilatus," so lautet der Anfang des Textes, „Galiläa hörete," da beschloß er, ihn zu Herodes, dem Herrscher über diese Provinz, zu senden, welchen die osterliche Festfeier nach Jerusalem geführt hatte. Es ist keine müßige Frage, woraus doch dieser Entschluß des Landpflegers hervorgegangen, und keine haltlose Verinuthung, daß er vielleicht aus mannichfachen, sich zum Theil sogar widersprechenden Motiven geflossen sey. Wie wir den Mann aus seinem bisherigen Verhalten kennen gelernt haben, erwählen wir mit Vorliebe die Auskunft, daß er es auch bei diesem Schritte gut mit Jesu im Sinne hatte. Will er die Verkläger ermüden, hofft er durch die Schwierigkeiten, welche er ihnen bereitet, die leidenschaftlichen Gemüther zur Besinnung zu bringen? Ist er gewiß, daß auch Berodes fein anderes Urtheil fällen fönne, als wie er selbst es mehrfach ausgesprochen, so daß die zusammenstimmende Entideidung ein doppeltes Gewicht in die Wagichale legen werde? Wie dem immer sey, Jesum zu retten, das ist sicher die Absicht gewesen, welche er vorzüglich im Auge hatte, daher er denn auch der zurückkehrenden Sdaar ausdrücklich vorhält, selbst Herodes habe keine Schuld an ihm entdeckt, die des Todes würdig sey, deßhalb sey er entsdylossen, ihn zu züchtigen und loszulassen. Aber mit welchem Rechte wir diese Anschauung auch aufrecht erhalten, — schwerlich ist dadurdy schon Alles gedeutet was in der Seele des Mannes vorging. Uebersehen wir die Mittheilung nicyt, welche der Evangelist hinzufügt, daß auf den Tag Herodes und Pilatus wieder Freunde geworden seven, nachdem sie sich bis dahin feindlich gegenüber gestanden hätten. Es war eine Aufmerksamkeit, welche der heidnische Gewalthaber dem jübijchen Könige erweisen wollte, um das gelocerte Band wieder fester zusammenzuziehen. In der That, ein erschütternder Zug! Eine solche. Versöhnung am Kreuze des Herrn, - welche bittere 3ronie auf die Bedeutung seines Opfertodes, welche frevelhafte Entheiligung des Heiligsten! Allerdings, hier war die Stätte, wo alle Feindschaft dahinfallen, wo die ewige Versöhnung anheben, wo nicht nur die Trennung des abgewichenen Gesdylechts von seinem Gott, sondern auch die Zwietracht der Menschen unter einander ihre Endschaft erreichen sollte; denn dazu, sagt der Apostel, ist Christus gestorben, damit er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenbrädyte. Aber der gemeinsame Glaube an ihn sollte die Versöhnung stiften, nicht der gemeinsame Unglaube; die gemeinsame Liebe, nicht die gemeinsame Lauheit. Statt der Versöhnung, wie sie hier zu Stande kam, hätten wir's lieber, wenn jich das Wort erfüllt hätte: nicht Frieden bin ich gekommen zu bringen, sondern Streit, denn von nun an werden die Menschen uneins, und in Einem Hause drei wider zwei und zwei wider drei seyn. Erleidet aber idyon hierdurch der Werth der Voraussetung, welche wir vom Pilatus machen durften, einen wesentlichen Abbruch, so verliert er noch bei weitem

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