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schen Union einnehmen, einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen. Der hier folgende Vortrag diente als Leitfaden. Er hat vor dem Abdruck einige Umarbeitungen und --- um des grösseren Auditoriums willen, dessen Aufmerksamkeit er in Anspruch zu nehmen wagt - auch Erweiterungen, desgleichen einige durch die neuesten Ereignisse in der Kirche gebotene Zusätze erhalten, jedoch keinerlei wesentliche Veränderung erfahren. Die Resultate der über diesen Vortrag in Neustadt stattgehabten Discussionen sind im Anhange kurz beigefügt worden, und bitten wir diese Mittheilungen zugleich als nothwendige Ergänzung, ja Berichtigung der in der Evangelischen Kirchenzeitung im Julihest c.) von dieser Conferenz gegebenen, sehr ungenauen Relation anzusehen und aufzunehmen.

Geliebte Brüder ! Der Prophet Jesaias beschreibt (59, 9—11) den kläglichen Zustand des jüdischen Volks und der jüdischen Kirche zu seiner Zeit also:

„Das Recht ist ferne von uns und wir erlangen die Gerechtigkeit nicht. Wir harren auf das Licht, siehe so wird es finster; auf den Schein, siehe so wandeln wir im Dunkeln. Wir tappen nach der Wand, wie die Blinden, und tappen, als die keine Augen haben. Wir stossen uns im Mittage als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben: denn wir harren auf das Recht, so ist es nicht da; auf das Heil, so ist es fern von uns.

Diese Worte sind auch jetzt noch ein treuer Spiegel, ein treffendes Portrait vieler kläglichen Zustände, insbesondere auf dem Gebiet der Kirche. Und da sind namentlich die Schicksale der lutherischen Kirche in unserm Vaterlande, ihr Verfall und gegenwärtige Bedrängniss ein überaus sprechender und lebendiger Commentar, eine weitere Erfüllung dieses prophetischen Wortes. Die Ausleger sind nicht einig, ob Jesaias hier rede von dem Verfall der jüdicshen Kirche unter Manasse, oder von der Zeit der babylonischen Gefangenschaft, oder gar von der Zeit des völligen Falles der Juden nach der Zerstörung Jerusalems. Dem sei aber, wie ihm wolle. Jedenfalls treffen seine Worte zu allen diesen Zeiten zu. So mögen auch wir von vorn herein darüber noch nicht einig sein, ob der gegenwärtige Zustand der lutherischen Kirche in Preussen als ein Verfall, oder als eine Gefangenschaft, oder endlich als ein völ. liger Fall derselben anzusehen sei: darin sind wir doch jedenfalls einig, dass unsere kirchlichen Zustände einem treuen Lutheraner dieselben Klagen auspressen, welche der heilige Geist dort dem Propheten in den Mund gelegt hat. „Das Recht ist ferne von uns, und wir erlangen die Gerechtigkeit nicht. Wir harren auf das Licht, siehe so wird es finster; auf den Schein, siehe so wandeln wir im Dunkeln. Wir harren auf das Recht, so ist es nicht da; auf das Heil, so ist es fern von uns.“

Jede Klage nun schliesst eine Anklage in sich. Jede Noth, über die wir klagen, hat einen persönlichen Ur- · heber, den wir, direct oder indirect, ausgesprochen oder unausgesprochen anklagen. Wen klagen wir nun an als den Urheber der gegenwärtigen Noth der lutherischen Kirche unseres Vaterlandes? Wer ist schuld, dass das Recht fern von uns ist und wir die Gerechtigkeit nicht erlangen?“ Wen klagt Jesaias dort an als den schuldigen Urheber dieses rechtlosen und überhaupt verwirrten Zustandes des jüdischen Volks und der jüdischen Kirche ? — Gleich im Anfange jenes Capitels weis't er den Lästergedanken zurück, als sei etwa des Herrn Ohnmacht oder Unbarmherzigkeit Schuld an Zions Fall, Zerrüttung und Verwirrung. „Siehe

spricht er -- des Herrn Hand ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könne; und seine Ohren sind nicht dicke geworden, dass er nicht höre.“ Auch das ist nicht Schuld gewesen an Zions damaligem Elend, dass die Juden etwa versäumt hätten vor dem Herrn, dessen Hand nicht zu kurz und dessen Ohren nicht zu dicke geworden, ihr Gebet und Flehen kund werden zu lassen. Sie harren ja auf das Licht und auf den Schein; sie harren ja auf das Recht

von uns.

und auf das Heil; d. i. sie beten und flehen um Licht und Schein, Recht und Heil. Sie brummen ja alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; d. i. sie beten hestig, ernstlich und innig. Was ist nun Schuld, dass des Herrn Ohren doch gleichsam zu dicke bleiben und seine Hand zu kurz? Das giebt der Prophet an V. 2. 3. 9. 12--15. Da heisst es: „Eure Untugenden scheiden euch und euren Gott von einander; eure Sünden verbergen das Tageslicht von euch, dass ihr nicht gehöret werdet. Eure Hände sind mit Blut befleckt, eure Finger mit Untugend; eure Lippen reden Falsches, eure Zunge dichtet Unrechtes. Darum ist das Recht fern

Denn unsere Lebertretung vor dir ist zuviel, unsre Sünden antworten wider uns. Darum ist auch das Recht zurückgewichen, und die Wahrheit ist dahin; und wer vom Bösen weicht, muss Jedermanns Raub sein. Solches sieht der Herr, und gefällt ihm übel, dass kein Recht ist“. Der Prophet sagt also: An dem kläglichen

Zustande eurer Kirche, an eurer Blindheit und Verwirrung · seid ihr Juden selbst Schuld. Ihr beter wohl, ihr brummet wie die Bären und ächzt wie die Tauben, aber ilir erhebt nicht „heilige Hände“. Es mangelt noch an den rechtschaffenen Früchten der Busse; ihr seid noch mit offenbaren Sünden befleckt, die scheiden euch und Gott, die scheiden Zions Noth und des Herrn Hülfe von einander.

Geliebte Brüder! es ist mir das tiefste Bedürfniss heute, diesen Fingerzeig des Propheten auf uns zu deuten und uns allen zuzurufen: Wir Lutheraner in der Landeskirche selbst sind Schuld, wenn kein Recht da ist und keine Gerechtigkeit für unsere Kirche. Uns ist nicht wohl in der gegenwärtigen babylonischen Verwirrung. Uns schlägt und weint das Herz, wenn wir an Zion gedenken und können Jerusalem nicht vergessen. Wir dürsten nach Recht und Gerechtigkeit, Licht und Heil für die lutherische Kirche, für die Rettung ihrer Selbstständigkeit und Integrität aus dem durch die Union in Preussen herbeigeführten chaotischen Zustande. Und wie oft haben wir gemeinschaftlich und sonderlich gefleht: Herr, wende unser Gefängniss, wie du die Wasser gegen Mittag

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trocknest. Und das lassen wir kund werden vor einem Gott, dessen Hand nicht zu kurz, und dessen Ohren nicht zu dicke geworden. Was scheidet nun unsre Noth und unseren Gott? Unsere Sünden, unsere speciellen Sünden in dieser grossen Kirchens ache. Es mangelt hier an den rechtschaffenen Früchten der Busse. Es mangelt an der rechten und vollen Bekenntnisstreue, durch welche der Segen und die Hülfe des Herrn bedingt ist. Es mangelt noch an jener Aufrichtigkeit, welcher der Herr es will gelingen lassen. Hierüber müssen wir versuchen uns klar zu werden. Die ganze grosse und schwere Kirchenfrage in unsrem Vaterlande bleibt ein sehr unfruchtbares Thema, wenigstens liegt sie unserm in der Kirche untergeordneten und beschränkten Standpunkte ziemlich fern, wenn sie nicht in genaue Verbindung mit der uns obliegenden Busse und Bekenntnisstreue gebracht wird. dieser Verbindung wird sie aber auch für uns geringe Kirchendiener wichtig, lebendig, fruchtbar und brennt wie Feuer in der Seele. Wir Lutheraner stehen noch gar nicht lebendig in dieser Frage, so lange wir die Schuld der gegenwärtigen Uebelstände lediglich auf die Kirchenobern oder unsre Vorfahren schieben wollen, und sehen immer den Splitter in unseres Nächsten Auge. Lasst uns den Balken im eignen Auge erkennen. Gerade wir Lutheraner, denen der Herr die Augen aufgethan hat für die Wahrheit des lutherischen Bekenntnisses, wir sind hier die vornehmsten Sünder. Wir wissen den Willen des Herrn, aber wir thun ihn nicht. Insonderheit gilt das von uns Predigern. Der Verfasser des Buches: „Die lutherische Kirche in Preussen (1846)“ hat ganz Recht, wenn er S. 29 sagt: „die gegenwärtigen miserabeln Zustände sind ohne allen Zweifel weniger durchs Kirchenregiment als durch die Pfarrer verschuldet. 0 ihr Pfarrer hört es ! Starcke sagt in seinem Bibelwerke zu Jesaias 59: „Es ist verg ebens, dass man will etwas Gutes hoffen, und will doch nichts Gutes thu n.“ Ich fürchte, manche theure Brüder sind in unserer Kirchenangelegenheit auf diesem verderblichen und sündlichen Abwege. Sie hot

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fen etwas Gutes, sie vertrauen auf den Herrn und Sein Wort; aber sie wollen darin nichts Gutes thun, oder doch nicht genug Gutes thun; sie wollen sich nicht von allen Sünden, deren auch sie hierin sich theilhaftig gemacht, in rechtschaffener Busse reinigen. Das aber heisst den Herrn versuchen und solche Hoffnung muss zu Schanden werden. Denn nur das Wort wird uns erretten, das wir. bekennen und zwar vollständig und auch mit der That. Lassen wir wissentlich irgend etwas von Verläugnung des Wortes an unsern Lippen und Händen kleben: so ist unser Vertrauen auf das Wort eine Lüge, und unser Gebet wie fremdes Feuer vor dem Herrn.

Doch es ist Zeit, dass ich die allgemeine Ermahnung zur Busse, die allgemeine Anschuldigung wegen gewisser Sünden speciell und concret fasse. Welches nämlich sind diese Sünden, deren ich uns lutherisch gesinnte Geistliche innerhalb der sogenannten evangelischen Landeskirche glaube bezüchtigen zu dürfen? Im Allgemeinen und mit einem Worte ist's unser Zusammenhang, unsere Verbindung mit der seit 1817 in Preussen betriebenen Union. Dies wird klar werden, wenn ich

I. den historischen Begriff unserer dermaligen Union feststelle;

II. nachweise, dass eine solche Union wider Gottes Wort, also Sünde sei;

III. zeige, durch welche Thatsachen unser Zusammenhang mit dieser Sünde begründet sei und vermittelt werde.

Aus diesen Prämissen werden sich leicht IV. die nöthigen Schlüsse auf die dieser Sünde wegen uns obliegende Busse ziehen lassen, womit die Antwort auf die im Thema hingestellte Frage gegeben sein wird. —

I. Der historische Begriff unserer dermaligen Union.

Was ist unsere Union? Nicht: was sollte sie sein? Nicht: wie wünschen wir, dass sie wäre? Sondern: was ist die Union, und zwar diese bestimmte Union, von der seit 1817 in Preussen die Rede ist? ')

1) Es ist von der höchsten Wichtigkeit, hier den Begriff aufzufinden und festzustellen, den das Kirchenregiment

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