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Endlich sind als sehr gefürchtete Landplage die Beuidređen zu nennen. Meistens im Monat April, wenn das Land im schönsten Frühlingsschmucke prangt, kommen sie in dichten Wolken, die Sonne verfinsternd, unter weithin dröhnendem Geschwirr, von Süden oder Südosten her, hoch in den Lüften, mit dem Winde angezogen. Wo fie sich niederlassen, bedecken sie Flur und Bäume; alles Grün des Landes, selbst die Rinde der Bäume, fressen sie ab und feßen ihren Zug von einer Gegend in die andere unaufhaltsam und unvertilgbar fort, bis sie ihren Tod gewöhnlich im Meere finden, auf das sie sich im Fluge ermüdend niederlassen. Aber auch nachdem sie verschwunden sind, richten sie noch Unheil an, indem aus ihren in die Erde gelegten Eiern im Monat Juni eine neue Brut hervor: kriecht, die noch flügellos von Feld zu Feld forthüpfend, Alles verzehrt, was die fliegende Heusdređe übrig gelassen hat.

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1. Die mündliche Uleberlieferung. Lange vor den ersten Anfängen einer Geschichtschreibung erhält sich der geschichtliche Stoff von Geschlecht zu Geschlecht durch das einfache Mittel des Gedächtnisses. Wo der Sdriftgebrauch noch nicht eingeführt ist, besikt dasselbe bekanntlich eine große und ausdauernde Aneignungskraft und nicht weniger groß ist die Lust der Mittheilung an Andere. Namentlich das Hirtenleben, das Alte und Junge oft viele Stunden des Tages unter dem Schatten der Bäume und Nadits beim lodernden Feuer versammelt, ist ein beständiger Antrieb zum Erzählen und Hören alter Geschichten. Dem Gedächtniß kommt übrigens mancherlei zu Hülfe, z. B. Steine und Altäre, wie sie in der Patriarchenzeit und seitþer öfters erwähnt sind (Er. 17, 15. 301. 4, 9. Richt. 6, 24. 1 Sam. 7, 12. 15, 12. 2 Sam. 8, 13); ferner langdauernde Bäume (Gen. 21, 23. 50, 11. Richt. 4, 5); Orts- und Personennamen, jährlich wiederkehrende Feste oder andere in's Volfsleben eingedrungene Sitten und Gebräuche; auch ein Sprichwort oder sonst eine eigenthümliche Redensart kann dem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Vor allem aber bleiben widtige Ereignisse Jahrhunderte lang in lebendiger Anschaulichkeit durch das historische Lied, das sich durch den Rhythmus und die Anmuth des Ausdrucks dem Gedächtniß

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unverlierbar einprägt und dadurdy auch das reigniß, das es besingt, der Vergessenheit entreißt. Solche historische Lieder sind das Passablied oder Miriamlied (Er. 15), das Brunnenlied und verschiedene Siegeslieder (Num. 21), der Spruch Jofua's (Joh. 10, 12), Lied der Debora (Richt. 5), Davids Todtenklage über Saul und Jonathan (2 Sam. 1,18). Indessen ist es leicht ersichtlid), daß das Gedächtniß trot dieser Hülfsmittel doch nicht vor Vergessen und Jrrthum geschüßt ist; es liegt in der Natur aller bloß mündliden Ueberlieferung, daß neben dem richtig Aufbewahrten allerlei Ungeschichtliches sich einschleicht und ädyt geschidytliche Züge verloren gehen oder ein völlig anderes Gepräge annehmen. Deßhalb nennen wir den Inhalt der bloß mündliden Ueberlieferung Sage und bezeidnen sie mit diesem Ausdruck als unsicher und schwankend. Namentlich in folgenden drei Beziehungen ist die Sage unzuverlässig:

1. Was wir unter geschichtlichem Zusammenhang, unter umfassender Darstellung der Verhältnisse und Bestrebungen einer bestimmten Zeit, unter allseitiger Beleuchtung eines Charakters verstehen, das dürfen wir immer nur von der Kunst des gebildeten Schriftstellers erwarten; die kunstlose, mündliche Ueberlieferung leistet dieß niemals. Schon das Gedächtniß faßt nur Einzelheiten, und auch das Interesse ist nicht auf ein eigentliches Verständnis der Vergangenheit gerichtet, sondern begnügt sic, an dem, was Gemüth und Phantasie anspricht. Dadurch löst sich der innere Zusammenhang der Geschichte in eine Reihe einzelner Erzählungen auf, die wir oft nur mit großer Mühe und meist nur auf dem Wege der Vermuthung zu einem lebendigen und verständlichen Drganismus zusammenfügen können. Mit jener Zerbrödelung der Geschichte ist aber auch noch der andere Umstand verbunden, daß solche Erzählungen nun wie entwurzelte Blumen auf dem weiten Wasserspiegel der Vergangenheit hin und herschwimmend, bald in diese, bald in jene Strömung gerathen und von ihrem ursprünglichen Standorte sich in völlig andere Gegenden

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verlieren. Dazu fann solch' eine, aus dem ursprünglichen Zusammenbang entwidene Erzählung in verschiedenen Volks: kreisen und Landestheilen auch ein verschiedenes Schicksal haben, so daß sie schließlich dem Sammler und Geschichtchreiber in verschiedener Gestalt entgegentritt und so vervielfacht in sein Geschichtswerk aufgenommen wird, während das Uriprüngliche nur eine einmalige Begebenheit war. Das auffallendste Beispiel hiefür findet sich 1 Moj. Kap. 12, 20 und 25, wo einmal Abraham vor Pharao, das andere Mal vor Abimelech, ein drittes Mal 3jaak vor Abimelech seine Frau für seine Schwester ausgiebt; bieber gehören auch aus der Geschichte Davids die verschiedenen Erzählungen seiner Großmuth gegen Saul und jeines Kampfes mit Goliath.

2. Zum Wesen der kunstlosen Volksüberlieferung geþört ferner die unwillkürliche Färbung der Vergangenheit nach den Verhältnissen, in welden Erzähler und Hörer leben.

Jn jener Zeit politisder Auflösung und Machtlosigkeit, welche die ersten Jahrhunderte nach Josua ausfüllte, blieb der Blick des Einzelnen im kleinen Kreis der Familie, der Verwandtschaft, höchstens des Stammes festgehalten und so war das Größte, mit dem die Phantasie sich beschäftigen modyte, ein würdiges Familienhaupt mit reichem Heerdenbesig. Deßhalb erscheint jene große, folgenreiche Völkerbewegung vom armenischen Hochland gegen Aegypten hin, welcher außer Israel auch Moab, Ammon, Edom, Ismael, Midian ihr besonderes nationales Dasein zu verdanken batten, in der israelitischen Volkssage in der schlichten Form einer Familiengeschichte, in der zuerst Abraham und Lot, nach ihnen Jakob, Ejau und Joseph die wenigen hervorstedsenden Namen sind.

Und wie jene ganze Völkerwanderung im Munde der erzählenden Hirten diese einfache Form annimmt, hält sich die Sage auch im Einzelnen am liebsten bei solchen Punkten auf, an denen das Hirtenleben sich abspiegelt. Was dem

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Hirten als groß und wünschenswerth erscheint, das wird mit Vorliebe von den alten Gestalten erzählt, zunächst der enge Familienverband gegründet auf reichen Heerdenbesik; dann, was dem Einzelnen im täglichen Leben zu gute kommt, körperlidie Kraft und Ausdauer, Gewandtheit und List, ferner werden die interessantesten Situationen des Hirtenlebens, 3. B. die belebte Abendstunde bei der Tränke mit unermüdlichem Behagen und der frischen Anschaulichkeit des Selbsterlebten geschildert. So begegnen sich Elieser und Rebekka, Jakob und Rabel, Mose und die Töchter Jethro's, Alle auf gleiche Weise Abends am Brunnen.

Aber noch in anderer Beziehung nimmt die Vergangenheit im Volksmunde die Verhältnisse der Gegenwart an. Die Zustände, in denen ein verwandtes Volk, ein Bruderstamm sich gegenwärtig befindet, die gegenseitigen Verhältnisse der Freundschaft oder Feindschaft werden ohne Weiteres in der Vergangenheit vorgebildet dargestellt, so daß die Volkszustände der Gegenwart nur als die Wiederholung der Schidjale und Charakter - Eigenthümlichkeiten der Stamms väter erscheinen.

3. Doch in noch freierer Weise nimmt die Volksphantasie Um- und Neubildungen des Erzählungsstoffes vor. Die Ueberlieferung kann nämlich auch solche Stoffe enthalten, in denen sich der volksthümliche Erzähler weniger gut zurecht findet, weil in seinen Verhältnissen nichts Entsprechendes vorkommt. Alles solde nun, das wegen seiner Fremdartigkeit sich nicht leicht der täglichen Erfahrung assimiliren läßt, entfernt sich, wie abgestoßen, um so rascher aus dem Umkreis des Erfahrungsmäßigen, es tritt in das weite Gebiet der vergrößernden Phantasie ein und nimmt die Dimensionen des Wunderbaren an; was Hirten sich erzählen, muß entweder in den Rahmen ihres eigenen Lebens passen oder es strahlt im Glanz des Wunders. Hieber gehören einzelne „Plagen Aegyptens", der Durchgang durch das Schilfmeer, die Brunnen- und Mannajagen aus dem Zug durch die Wüste.

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