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sich wieder, daß Jerusalem abgesperrt wird gegen die Heiden: Jerusalem soll unverletzliches Gebiet sein, und Heiden werden nicht mehr den Weg darüber nehmen dürfen (V. 17). Wie diese Absperrung erreicht wird, ist nicht weiter ausgeführt. So viel läßt sich nach alledem mit Sicherheit behaupten: Im Buche Joel liegt eine Reihe von Einzelheiten vor, die sich in den Zusammenhang nicht organisch hineinfügen, die einer ganz anders gearteten ursprünglich mythischen Tradition entsprungen sein müssen, jetzt aber stark verdunkelt sind. Obwohl der Nördliche als eine reale Heuschreckenplage geschildert wird, ist er dennoch mit mythischen Zügen verknüpft, die zur Gog-Magogweissagung gehören. In dieser Hinsicht ist es von besonderem Interesse, daß nach den LXX die von Amos (71) geschaute Heuschreckenplage Gog ist, während der massorethische Text noch nichts davon weiß.

Die LXX erinnern schon an die mythische Tradition, die uns ausführlicher begegnet in der Apk. Joh. 91–11 (vgl. GUNKEL: Schöpfung S. 214 f. 217 ff.). Die Heupferde werden hier als Ungeheuer beschrieben mit Menschenköpfen, Weiberhaaren, Löwenzähnen und Skorpionschwänzen. Auf dem Haupte tragen sie Goldkronen. Sie kommen hervor aus dem Brunnen des Abgrunds. An ihrer Spitze steht Abaddon d. h. Šeol (Job. 266. 2822. Prov. 1511. Ps. 88 12). Die Ungetüme sind also als Höllengeister charakterisiert. Es wäre falsch, wollte man diese apokalyptische Tradition allein aus Joel ableiten. Denn dort sind es wirkliche, hier mythische Heuschrecken. Dies Negative ist sicher; positiv läßt sich über einen irgendwie vorhandenen Zusammenhang nichts Gewisses behaupten. Wahrscheinlich ist hier mit dem aus Joel übernommenen Stoff anderes mythisches Material verbunden. Neue mythische Vorstellungen sind eingeströmt und haben ihn bereichert und umgestaltet. Die GogMagog - Überlieferung findet sich Apk. Joh. 1915ff. 207ff. in engem Anschluß an Ezechiel.

» Endlich hängt auch die Weissagung von einem König des Nordens (Dan. 11 4off.), der in den letzten Tagen die Erde mit Krieg überziehen soll, vielleicht mit der Gog-Weissagung zusammen«. Diese jeder »geschichtlichen Deutung spottenden«

1. xai idoù Bpouxos els Twy Ó Baoidsús. Vgl. auch Num. 247 LXX.

Verse geben >aller Wahrscheinlichkeit nach eine ältere, nur noch halb verstandene apokalyptische Tradition weiter« (BOUSSET: Religion S. 207). Der Nördliche, so heißt es hier, wird in das Prachtland eindringen und sich viele kostbare Schätze an Gold und Silber aneignen. Dann wird er das Zelt seines Palastes aufschlagen zuischen den Meeren und dem Berge der heiligen Pracht, und er kommt zu seinem Ende, und niemand hilft ihm. Das Land der Pracht soll wohl Palästina, der Berg der heiligen Pracht Zion sein. Aber was die Meere bedeuten, ist hier ebenso unklar wie im Buchę Joel. Viele Exegeten denken an das mittelländische Meer. Abgesehen von dem Sprachgebrauch, der in Prosa den Plural oza: hier kaum zuläßt, ist die zitierte Angabe überhaupt keine geographische Ortsbestimmung. Was soll das heißen: Zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer? Hier ist eine mythische Geographie auf Palästina übertragen, ohne daß man freilich ein deutliches Bild gewinnt. Noch verworrener ist I Hen. 26: In der Mitte der Erde gibt es einen gesegneten und fruchtbaren Ort, in dessen Garten Bäume mit immerwährenden Schößlingen stehen. Und daselbst sah ich einen heiligen Berg, und unterhalb des Berges ein Wasser von Osten her (kommend), und sein Lauf nach Süden gerichtet. Und ich sah nach Osten hin einen anderen Berg, der höher war als dieser, und zwischen ihnen eine tiefe, aber nicht breite Schlucht, und auch in ihr floß ein Wasser an dem Berge hin, Und westlich von diesem war ein anderer Berg, der war niedriger als er und hatte keine Höhe, und eine Schlucht war unterhalb desselben zwischen ihnen, und eine andere tiefe und trockene Schlucht am Ende von den dreien. Und alle Schluchten waren tief, aber nicht breit, aus hartem Fels und < kein > Baum war in ihnen gepflanzt Da sprach ich: Wozu ist dieses gesegnete und ganz mit Bäumen bestandene Land, und diese verfluchte Schlucht dazwischen? ... Diese verfluchte Schlucht ist für die in Ewigkeit Verfluchten bestimmt. Aus dieser letzten Bemerkung folgt deutlich, daß hier eine mythische Landschaft geschildert wird, nämlich die Hölle neben dem Paradiese. Auf der anderen Seite freilich ist die Beschreibung unklar. Wir sind daher zu der Annahme gezwungen, daß die mythische Topographie hier nicht rein erhalten sei, sondern daß hier irgendwie die örtlichen Verhältnisse Jerusalems hinein

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spielen. Abgesehen von dem Ölberg und dem Bache Kidron aber ist es unmöglich, die einzelnen Berge und Flüsse genauer zu identifizieren. Die verfluchte Schlucht soll wohl das Tal Hinnom sein, während alle weiteren Gleichsetzungen, die man versucht hat, als nicht einleuchtend zu verwerfen sind.

Wir haben uns bemüht zu konstatieren, wie mit dem Nördlichen eine feste mythische Tradition verknüpft ist, die zum ersten Male nicht bei Ezechiel, sondern bereits bei Jeremia begegnet, also aus vorexilischer Zeit stammt. Während sie bei Jeremia nur leise anklingt, ist sie bei Ezechiel, Zacharja, Joel und Daniel deutlicher nachweisbar. Allein niemals lernen wir das ganze Gefüge des Mythus kennen, wir müssen uns mit unzusammenhängenden Bruchstücken begnügen. Ganz deutlich ist die mythische Topographie, die von einem Gottessitz handelt, der im Nabel der Erde gelegen und durch eine Schranke abgesperrt ist von dem Leichental oder dem Ort der göttlichen Feinde. Diese Feinde müssen einmal mythischer Natur gewesen sein; aber sie haben ihr altes Gewand abgestreift und sind zu bloßen Menschen, zu Völkern, herabgesunken. Nur der Name erinnert noch an die ursprüngliche Herkunft. So gut der Nordberg gleich dem Götterberge ist, so gut ist der Nördliche ein göttliches Wesen. In den uns vorliegenden Texten ist der mythische Charakter stark verblaßt. Aus dem Gottessitz ist Zion, aus dem Totental das Gehinnom geworden. Da diese Lokalisierung bereits bei Jeremia (732) vorhanden ist, so muß der Mythus damals schon in Israel eine längere Geschichte hinter sich gehabt haben. Israelitischer Ursprung ist ausgeschlossen, da er unverkennbar den Polytheismus zur Grundlage hat. Sein eigentlicher Sitz scheint von Hause aus die Eschatologie gewesen zu sein; wenigstens ist er anderwärts bisher nicht aufzuzeigen.

Eine Kombination mit dem Tiâmatmythus scheint ausgeschlossen, obwohl dieser in der Apokalyptik eine große Rolle spielt (Jes. 24 21ff. 271. Ps. 6831. Ps. Sal. 226ff. I Hen. 60 24f. IV Esra 662. I Bar. 294. Test. Asser c. 7. Apk. Joh. 12 iff.). Das Schema des eschatologischen Kampfes ist auch mit den Einzelheiten des Tiâmatmythus ausgefüllt, auf die ich nicht näher einzugehen brauche, da sie in GUNKELS Werk: »Schöpfung und Chaos« vollständig behandelt sind. Der ursprüngliche Sitz

dieses Mythus ist in den Geschichten der Urzeit. Wo er in der Endzeit begegnet, liegt eine Übertragung vor. Aber keinen einzigen der mythischen Namen, die uns hier begegnet sind, weder den Götterberg noch den Berg der heiligen Pracht noch den Nabel der Erde noch das verstopfte Tal noch den Nördlichen finden wir in dem Tiâmatmythus wieder.

Nicht nur der Mythus vom Nördlichen, sondern die Unheilseschatologie überhaupt in ihrer ursprünglich mythischen Form muß schon früh, in vorprophetischer Zeit, in Palästina eingewandert sein. Eine Rekonstruktion ist unmöglich. Denn darauf muß zum Schluß noch einmal und mit aller Energie hingewiesen werden: Wenn es uns auch geglückt ist, an einigen Stellen eine bestimmte mythische Tradition aufzuzeigen, so handelt es sich doch allüberall nur um Bruckstücke. Uns geht es, um ein Bild zu brauchen, wie dem Forscher, der in einem Trümmerhaufen die Überreste einer Götterstatue findet, der hier einen Arm, dort ein Bein, dort andere Glieder entdeckt, deren Zusammengehörigkeit er wohl erkennt. Sobald er sich aber daran macht, die Teile zusammenzusetzen, sieht er die Unmöglichkeit seines Vorhabens ein. Der Fragmente sind zu wenig; es fehlt der Rumpf, der die Körperteile erst zusammenhält. Was wir im Alten Testament über das spezifisch Mythologische der Eschatologie erfahren, beschränkt sich im Grunde auf ein paar Dinge. Diese Einzelzüge können schwerlich für sich existiert haben, sie lassen ein größeres, ausgeführtes Gemälde vermuten, das für uns verloren gegangen ist, ja das vielleicht nicht einmal dem alten Israel bekannt war. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß der Mythus und die Eschatologie überhaupt nicht als Ganzes, sondern bruchstückweise in Israel eingewandert sei.

Das Merkwürdigste ist nun, daß das Bild immer deutlicher wird, je weiter die Geschichte vorrückt. In der Entwicklung der israelitischen Eschatologie geht das Verworrene dem Einfachen voraus, und doch ist das Verworrene erst aus dem Einfachen geworden! Der vorprophetische Hintergrund, auf dem sich die prophetische Eschatologie abhebt, ist nachweisbar in der nachprophetischen (d. h. nachexilischen) Zeit. Gewiß haben die Propheten den Inhalt ihrer Eschatologie zum großen Teil aus der israelitischen Volkstradition geschöpft und in dieser mag Manches lebendig gewesen sein, von dem wir überhaupt nichts ahnen oder erst durch spätere Schriftsteller hören. Aber damit allein ist der fragmentarische Charakter der früheren prophetischen Eschatologie noch nicht genügend erklärt. War eine klare populäre Vorstellung von einer künftigen Weltkatastrophe wirklich vorhanden, so konnte sie nicht in dieser starken Weise durch die Prophetie abgeschwächt und verwischt werden. Um dieser Tatsache gerecht zu werden, müssen wir denselben fragmentarischen Charakter bereits für die volkstümliche Eschatologie postulieren. Wir werden annehmen dürfen, daß die Eschatologie erst allmählich und in Bruchstücken der israelitischen Religion bekannt wurde, daß eine ursprünglich nur kleine und verschwommene Tradition im Laufe der Zeit immer mehr anschwoll und deutlichere Gestalt gewann.

In der Zeit, wo wir die Unheilseschatologie kennen lernen, weiß man nichts mehr von der ursprünglich ausländischen Herkunft. Sie ist völlig akklimatisiert, mit palästinischen Lokalfarben durchtränkt und mit israelitischem Geiste erfüllt. Hymnensänger und Propheten feiern die gewaltige Tat Jahves in der Endzeit. Bald schildern sie mit Entsetzen die schrecklichen Wehen, die über die Erde kommen sollen in den letzten Tagen, bald zeichnen sie mit tiefem Kummer ein Bild der verderbten Menschheit, die sich gegenseitig im Kriege zerfleischen wird, bald stimmen sie ein grausiges Triumphlied an über die Majestät Jahves, die alles vernichtend dann der Welt sich offenbart, bald reden sie davon im Ton des Vertrauens und der unerschütterlichen Zuversicht, bald leihen sie der Sehnsucht Flügel und wünschen begehrend die große Zeit herbei. So hat die Eschatologie in den hebräischen Dichtern die ganze Skala der Empfindungen ausgelöst. Sie wurzelt fest in ihrem Herzen und durchwebt ihr Sinnen. Die Zukunft wirft ihr Licht und ihren Schatten voraus und nimmt an ihrem Teile das Glauben und Leben und Hoffen der Gegenwart gefangen.

1. Vgl. GUNKEL (Forschungen I S. 21), der überhaupt die Geschichte der Eschatologie zum ersten Male klar gezeichnet hat.

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