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Glauben auf den Rest setzten, der nach der populären Erwartung übrig bleiben sollte. War dies eine praktische Zugeständnis an die Heilseschatologie gemacht, so ist nicht einzusehen, wo prinzipiell die Grenze gezogen werden sollte. Mit der Restidee ist die starre Unheilseschatologie durch brochen. Jetzt ist eine Bresche geschlagen, durch die die ganze oder wenigstens ein großer Teil der Heilseschatologie den Einzug halten konnte. Ob etwas mehr, ob etwas weniger Heilseschatologie, das war dem Geschmack des Einzelnen überlassen. Überdies muß man bedenken, daß der Stoff in der Tradition nun einmal gegeben war und deshalb auch weiter fortgepflanzt wurde, ohne daß man sich viel um die innere Einheit kümmerte.

Es widerstrebt mir, alle die Gründe zu wiederholen, die man mit großem Scharfsinn und tiefem Verständnis der Prophetie zusammengetragen hat, um zu erweisen, daß Prophetie und Heilseschatologie nicht organisch zusammenstimmen. Die Gründe sind im Wesentlichen durchaus richtig, soweit man nicht den Messias, der seinen Platz nur in einem Teil der Heilseschatologie hat, fälschlich in die ganze Eschatologie hinübergezogen hat. Wohl aber sind die Folgerungen, die man aus dieser Erkenntnis abgeleitet hat, als unzutreffend abzulehnen. Man hätte die heilseschatologischen Weissagungen, statt sie für nachprophetisch zu erklären, vielmehr für vorprophetisch ausgeben sollen. So werden alle beanstandeten Dinge verständlich. Damit soll nicht behauptet werden, daß jede einzelne heilseschatologische Stelle ohne weiteres »echt« sei. Aber als einzig berechtigtes Kriterium, um die » Echtheit« zu leugnen, sind nur die vorausgesetzten zeitgeschichtlichen Verhältnisse anzusehen. Solange diese nicht gegen die Urheberschaft dessen sprechen, in dessen Buche die Heilseschatologie überliefert ist, solange wird man die »Echtheit« aufrecht erhalten dürfen.

Ein abschließendes Urteil wird erst möglich sein, wenn wir über die literarische Komposition der Prophetenbücher und über die Grundsätze, nach denen man die Sprüche geordnet hat, ins Reine gekommen sind. Wie zahlreiche Fälle zeigen (vgl. S. 178 ff.), ist es offenbar die Absicht der Sammler gewesen, einer unheilseschatologischen Weissagung als Gegenstück eine heilseschatologische anzureihen. Dies Prinzip bedarf jedenfalls der Erklärung, mag man es den Autoren selbst oder späteren Editoren zuschreiben. Vielleicht spielte der Aberglaube eine Rolle, der die Drohung nicht liebt ohne die Verheißung, vielleicht ist es der Überrest eines alten eschatologischen Stiles, wonach der Sänger zunächst ein Lied vortrug, das die Fluchzeit behandelte, und in unmittelbarem Anschluß daran ein anderes, das die Segenszeit verherrlichte. Wir können uns jedenfalls die Macht des Stiles nicht groß genug vorstellen.

Nachdem ich so die Haupteinwände der Gegner in Kürze als nicht zutreffend erwiesen zu haben glaube, will ich noch einmal meine eigene Position zusammenfassend darstellen, die von dem verwickelten literarischen Problem völlig unabhängig ist.

Der Ursprung der israelitischen Heilseschatologie liegt für uns im Dunkeln und kann auf keine Weise psychologisch rekonstruiert werden. Man sagt gewöhnlich, die äußere Veranlassung sei die gewesen, daß » Wirklichkeit und Ideal sich nicht deckten. Denn sobald die Zufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen schwand, erwachte die Sehnsucht nach einem vollendeten Heile« (HUHN I S. 4). Mit demselben Recht oder Unrecht könnte man das Gegenteil behaupten: Die Zukunftserwartung sei aus dem jugendlichen, kraftstrotzenden Selbstgefühl eines siegreichen, vorwärtsstrebenden Volkes geboren, das durch einen König der Endzeit unter den Auspizien eines gnädigen Gottes seine weitschauenden Ziele zu verwirklichen hoffe, wie der Jüngling den Traum des Mannes träumt, der in der Reife der Jahre mühelos die Früchte seiner Arbeit erntet. Dieser Alexanderwunsch eines sich stark füblenden Volkes, das Sichrecken nach dem, was vorne ist, und die Antezipation der Zukunft ist zunächst und vor allem ein Zeichen innerer Kraft und energischer Lebensäußerung, mag auch etwas Unzufriedenheit mit der Gegenwart sich hineinmischen. Aber ob so oder so, alle diese und ähnliche psychologischen Ableitungen leisten nicht das, was sie leisten sollen. Wohl kann der Mensch, der es liebt, die Vergangenheit im rosigsten Lichte zu malen, auch in Zukunft machtvolle Könige, herrliche Tage, fruchtbare Zeiten und ungestörten Frieden im Lande ersehnen; aber daß grade das Paradies wiederkehren solle, ist kein am Wege liegender Gedanke. Es handelt sich nicht nur um eine Projizierung alles dessen, was in der Gegenwart als gut und

schön gilt, in eine noch bessere und schönere Zukunft, sondern auch um mythische Züge.

Diese mythischen Züge, die insgesamt mit der Anschauung vom Götterlande zusammenhängen, sind ihrem Wesen nach uralt und können nicht von den Propheten erdichtet, sondern müssen einer älteren Volkstradition entnommen sein. Nun könnte man die mythischen Bestandteile der Heilseschatologie, die zwar an sich alt sein müssen, dennoch für eine späte, vielleicht nachexilische Anleihe Israels bei einem fremden Volke halten. Allein dagegen ist einzuwenden, daß sie von den mythischen Überbleibseln der Unheilseschatologie vollkommen unabtrennbar sind. Die israelitische Religionsgeschichte wäre ein unlösbares Rätsel, wenn Unheils- und Heilseschatologie, die denselben teilweise mythischen teilweise fragmentarischen Charakter tragen und die zu einander gehören und sich gegenseitig entsprechen wie die zwei Schalen einer Muschel, zu verschiedenen Zeiten von auswärts her eingewandert wären. Mit welcher Wahrscheinlichkeit dürfte man vermuten, daß die Israeliten vor dem Exil alles dasjenige, was mit dem Unheil, nach dem Exil hingegen, fein säuberlich davon getrennt, alles dasjenige entlehnt hätten, was mit dem Heile zusammenhängt?

Denn beide, Unheils- wie Heilseschatologie, sind in Israel nicht autochthon. Das würde ich nicht ohne weiteres aus dem mythologischen Charakter schließen, da ich keinen Grund einsehe, warum man den Israeliten das mythische Denken absprechen sollte. Wohl aber bestimmen mich dazu folgende Erwägungen: Erstens ist für die Unheilseschatologie, wie wir gesehen haben (vgl. o. S. 160), fremder Ursprung wahrscheinlich. Was ihr recht ist, muß der Heilseschatologie billig sein. Zweitens wären die treibenden Kräfte, die zur Entstehung der Heilseschatologie geführt haben, wohl noch durchsichtig und erkennbar, falls sie in Israel je wirksam gewesen wären. Drittens haben wir bei vielen einzelnen Ideen die ausländische Herkunft bewiesen, und wie vieles Einzelne, so wird auch das Ganze aus der Fremde von irgendwoher stammen. Als Hauptgrund führen wir viertens den fragmentarischen Charakter der älteren Heilseschatologie ins Feld.

Es handelt sich bei den älteren Propheten, wie gezeigt wurde, nicht um ein vollkommenes Gemälde, das von einem großen Meister geschaffen sein könnte, sondern um lauter einzelne Züge. Erst nach mühsamer archäologischer Untersuchung konnten die Bruchstücke identifiziert und ihre ursprüngliche Zusammengehörigkeit behauptet werden. Denn der mythische Hintergrund, der dem geübten Auge noch sichtbar ist, ist doch so stark verwischt und verblaßt, daß er dem flüchtigen Beschauer nicht auffällt. Verständliches wechselt mit halbwegs oder völlig Unverständlichem, zeitgeschichtlich Bedingtes und Mythisches gehen durch einander. Niemals wird in der älteren Zeit einfach und klar gesagt: Das Paradies kehrt wieder, eine neue Welt hebt an, sondern wir sind gezwungen, aus Einzelheiten, die aus der übrigen Umgebung herausfallen und in einem seltsamen Kontrast zu ihr stehen, jene Idee rückwärts zu erschließen. Die Eschatologie des Heiles ist allerdings nicht ganz so stark zertrümmert wie die des Unheils, immerhin ist das ursprüngliche Gebäude nicht mehr erhalten.

Der bruchstückartige Charakter, der sowohl der Unheils(vgl. o. S. 147) wie der Heilseschatologie eignet, zeigt sich ferner in der Zusammenhangslosigkeit und dem Auseinanderklaffen beider Teile. Die Verbindungslinien herüber und hinüber sind verloren gegangen. Auf der einen Seite wird die Vernichtung der ganzen Menschheit oder Israels betont, auf der andern Seite wird ein neues Paradies für die Menschheit geschaffen, ohne daß man erfährt, woher diese Menschheit stammt. Der Restgedanke ist nur ein kümmerlicher Ersatz für das fehlende Glied und stellt keine organische, sondern eine disharmonische Vereinigung zwischen Weltuntergang und Welterneuerung her (vgl. § 21).

Dieser fragmentarische Charakter muß schon in der volkstümlichen Eschatologie vorhanden gewesen sein. Hätte ein großer, festgefügter Bau je in Israel existiert, so wäre er schwerlich so brüchig geworden, wie es jetzt in den älteren Prophetenschriften der Fall ist. Diese Bruchstücke sind doch nur verständlich als der Überrest eines wirklich einmal vorhandenen Baues, den wir zwar nicht nachweisen können, wohl aber postulieren müssen. Es bleibt darum nichts anderes übrig, als die Eschatologie für außerisraelitischen Ursprungs zu halten. Das ist um so wahrscheinlicher, als uns in den späteren Apokalypsen

Der fragmentarische Charakter der Heilseschatologie.

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tatsächlich ein großer und imposanter Bau entgegentritt. Was wir aus den Schilderungen der Propheten nur erschlossen haben als die unausgesprochen zu Grunde liegende Idee, das wird hier klar ausgesprochen und im Zusammenhang dargestellt: Die Welt wird durch Feuer vernichtet, Himmel und Erde werden

und das Paradies kehrt wieder in seiner ganzen Schönheit. Zwischen beiden Tatsachen liegt die Auferstehung und verknüpft sie zu einem harmonischen Ganzen. Ist es wahrscheinlich, daß dieser Bau aus den Bruchstücken entstanden sei, die wir aus dem Alten Testamente kennen lernen? Von den Fugen und Rissen, mit denen die Fragmente vermauert sein müßten, bemerkt man auch nicht das Geringste; im Gegenteil, es ist sachlich - nicht literarisch! - eine einheitliche Schöpfung aus einem Guß. Erst die Ruine, dann das stattliche Schloß, welch seltsames Rätsel! Dies Rätsel löst sich nur in dem Falle, WO man

man eine zweimalige Einwanderung desselben Stoffes annimmt. Zum ersten Male strömte das Material in alter, vorprophetischer Zeit ein. Die letzten Spuren können wir in unseren prophetischen Schriften verfolgen. Die zweite Überschwemmung Palästinas mit eschatologischen Ideen geschah erst sehr viel später, als der Synkretismus, die Verschmelzung der Religionen des Orients, begann. 1

Die Kritiker haben also Recht, wenn sie auf die lose Verbindung zwischen Unheil und Heil in der älteren Prophetie hinweisen. Man darf kaum einmal so viel sagen, daß die Propheten erst die lange Nacht des Unheils und dann den hellen Tag des Heils verkündet hätten. Selbst diese chronologische Ordnung der beiden Teile, so wahrscheinlich sie ist,

1. Diese historische Gesamtauffassung ist zuerst von GUNKEL (Forschungen I S. 23) vertreten. Wenn man die ältere Eschatologie, wie es wahrscheinlich ist, aus Babylonien herleiten darf, so wird man sie vielleicht aus astronomischen Theorien erklären müssen. GUNKEL verweist auf die Präzession der Sonne (Genesis 2 S. 234). Neuerdings behauptet EDUARD MEYER für die Eschatologie ägyptischen Ursprung. Wertvoller ist mir das Zugeständnis: »Daß das Schema (der prophetischen Verkündigung) einschließlich der messianischen Zukunft nicht etwa von Amos oder Jesaja geschaffen, sondern überkommenes Gut ist, bedarf keines Beweises«. (Sitzungsberichte der Kgl. preuß. Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Classe vom 22. Juni 1905. Bd. XXXI S. 651 f.)

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