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Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde ges gangen sein; da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Bestimmung haben, eine Bestimmung welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reichs und der Gestaltung des Mittelalters, als ihre Bildung jeßt höher steht. Sie sprechen von dem Erwachen, von der Erhebung des deutschen Volks, und meinen, dieses Volk werde sich nicht wieder entreißen lassen was es errungen und mit Gut und Blut theuer erkauft hat, nämlich die Freiheit. Ist denn wirklich das Volk er wacht? Weiß es was es will und vermag? Der Schlaf ist zu tief gewesen, als daß auch die stärkste Rüttelung so schnell zur Besinnung zurückzuführen vermöchte. Und ist denn jede Bewegung eine Erhebung? Erhebt sich wer gewaltsam aufgestdbert wird? Wir spre chen nicht von den Tausenden gebildeter Jünglinge und Männer, wir sprechen von der Menge, von den Millionen. Und was ist denn errungen und gewonnen worden? Sie sagen, die Freiheit; vielleicht aber würden wir es richtiger Befreiung nennen, nåmlich Befreiung nicht vom Joche der Fremden, sondern von einem frems den Joche. Es ist wahr, Franzosen sehe ich nicht mehr und nicht mehr Italiener, dafür aber sehe ich Kosaken, Baschkiren, Magyaren, Kassuben, Samlånder, braune und andere Husaren.“ Die Zeit wo die Deutschen wieder mächtig hervortreten würden, sah er noch in unbestimmter Ferne; doch erkannte er es als die Pflicht jedes Einzelnen, nach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stels lung die Bildung des Volkes zu mehren, zu stärken und durch dass selbe zu verbreiten nach allen Seiten, und wie nach unten so auch vorzugsweise nach oben, damit es nicht zurückbleibe hinter den andern Völkern, sondern wenigstens hierin voraufstehe; damit der Geist nicht verkümmere, sondern frisch und heiter bleibe; damit es nicht verzage, nicht kleinmüthig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großen That, wenn der Tag des Ruhmes anbricht!"

Dieselbe Gesinnung bezeugen für den Dichter so viele seiner Werke, die Gelegenheitsgedichte im höchsten Sinne sind, nåmlich durch wirkliche große Zeiterscheinungen und andere eigenste Erlebnisse hervorgerufen, und dadurch eben so mächtig und lebendig fortwirken. Gdk, Egmont, Faust, Werther gehören hieher, und nåher den ungeheuren Zeiter: eignissen mit der Französischen Revolution stehn der Großkophta,

der Bürgergeneral, die Unterhaltungen der Deutschen Ausgewanders ten, die Campagne in der Champagne, die Aufgeregten, selbst Reis neke Fuchs, und vor allen Hermann und Dorothea. Nur sind dieß alles nach einem gewissen Abschluß entstandene freie Werke, und dadurch der Dichtkunst warhaft angehdrig, nicht unmittelbar in die noch gårenden Zeitbegebenheiten eingreifend, nicht demagogisch zur That, zum Streit aufrufend: wie wir allerdings dergleichen treffliche und schlagende Gedichte aus der waren Deutschen Freiheitsheldenzeit 1813-15 haben, vor allen von Freimund Reimar (Rückert).

Daß Goethe dergleichen nicht auch gesungen, ja daß er nicht mit ins Feld gezogen, hat man ihm noch immer vorgeworfen, ohne seine Eigentümlichkeit, sein Alter und ganzes Lebensverhältnis zu bedenken. Und hierüber gerade spricht Goethe sich gegen Eckermann gründlich aus. Auf Veranlaßung von Berangers Liedern, sagte er am 14. März 1830:,,Sie wissen, ich bin im Ganzen kein Freund von sogenannten politischen Gedichten: allein solche, wie Ber ranger sie gemacht hat, lasse ich mir gefallen," als wahr, empfuns den, und wirksam im einigen Frankreich: dagegen Deutschland erst 1813 sich einigte, und Arndt, Körner und Rückert wirkten. Man hat Ihnen vorgeworfen, bemerkte ich (Eckermann) etwas unvors sichtig, daß sie in jener großen Zeit nicht auch die Waffen ergriffen, oder wenigstens nicht als Dichter mitgewirkt haben.“

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,,Lassen wir das, mein Guter! erwiderte Goethe. Es ist eine absurde Welt, die nicht weiß, was sie will, und die man muß res den und gewähren lassen. Wie hätte ich die Waffen ergreifen können ohne Haß! wie hätte ich hassen können ohne Jugend! Håtte jenes Ereigniß mich als einen Zwanzigjährigen getroffen, so wåre ich sicher nicht der lehte geblieben: allein es fand mich als einen, der bereits über die ersten Sechszig hinaus war.

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Auch können wir dem Vaterlande nicht auf gleiche Weise dies nen, sondern jeder thut sein bestes, je nachdem Gott es ihm geges ben. Ich habe es mir ein halbes Jahrhundert lang sauer genug werden lassen. Ich kann sagen, ich habe in den Dingen, die die Natur mir zum Tagewerk bestimmt, mir Tag und Nacht keine Ruhe gelassen und mir keine Erholung gegönnt, sondern immer ges strebt und geforscht und gethan, so gut und so viel ich konnte. Wenn jeder von sich dasselbe sagen kann, so wird es um Alle gut stehn."

Eckermann begütigte: der Vorwurf bezeuge nur die hohe Meis nung von Goethe, daß der für die Bildung seines Volkes mehr als irgend einer gethan, nun endlich Alles hätte thun sollen.

„Ich mag nicht sagen, wie ich denke," erwiderte Goethe: „Es versteckt sich hinter jenes Gerede mehr böser Wille gegen mich, als Sie wissen. Ich fühle darin eine neue Form des alten Hasses, mit dem man mich seit Jahren verfolgt und mir im Stillen beis zukommen sucht. Ich weiß recht gut, ich bin Vielen ein Dorn im Auge, sie wären mich Alle sehr gerne los; und da man nun an meinem Talent nicht rühren kann, so will man an meinen Charak ter. Bald soll ich stolz sein, bald egoistisch, bald voller Neid gegen junge Talente, bald in Sinnenlust versunken, bald ohne Christens thum, und nun endlich gar ohne Liebe zu meinem Vaterlande und meinen lieben Deutschen. - Sie kennen mich nun seit Jahren hinlänglich und fühlen was an alle dem Gerede ist. Wollen Sie aber wissen was ich gelitten habe, so lesen Sie meine Xenien, und es wird Ihnen aus meiner Gegenwirkung klar werden, momit man mir abwechselnd das Leben zu verbittern gesucht hat." Kriegs, lieder schreiben, und im Zimmer sißen! Das wåre meine Art gewesen! Aus dem Bivouac heraus, wo man Nachts die Pferde der feindlichen Vorposten wiehern hört: da hätte ich es mir gefallen lassen! Aber das war nicht mein Leben und nicht meine Sache, sondern die von Theodor Körner. Diesen kleiden seine Kriegss lieder ganz vollkommen: bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und keinen kriegerischen Sinn habe, würden Kriegslieder eine Maske gewesen sein, die mir schlecht zu Gesicht gestanden hätte.

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Ich habe in meiner Poesie nie affectirt. Was ich nicht lebte, was mir nicht auf die Någel brannte und zu schaffen machte, habe ich auch nicht gedichtet und ausgesprochen. Liebesgedichte habe ich nur gemacht, wenn ich liebte. Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß!"

Dieß stimmt vollkommen zu dem was Goethe schon 60 Jare früher in Auerbachs Keller beim Anstimmen eines Liedes den Brans der sagen läßt:,,Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied Ein leidig Lied!" Und das Lied, worauf es sich bezieht,,,Das liebe, heil'ge Röm'sche Reich, Wie hålts nur noch zusammen!" läßt sich leider auch heute noch im verstärkten Tone anstimmen, weil das

Reich noch immer weder reich, noch heilig, noch Rdmisch ist, und noch weniger Deutsch), einig und heil ist; und ebenso kann man solchen Stimmen heute noch zurufen: Dankt Gott mit jedem Morgen, Daß ihr nicht braucht fürs Rödm'sche Reich zu sorgen!" Wir wols len jedennoch wünschen und vertrauen, daß die Deutsche Einheit sich ebenso sicher und unaufhaltsam vollziehen wird und muß, wie die Einigkeit in der Verehrung des grösten Deutschen Mannes.

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f. Goethe und das Christenthum.

Neben der Vaterlandsliebe und Volksfreundlichkeit ist es vors nämlich das Christentum, dessen Mangel man Goethe'n vorgewors fen hat. Sofern dieser Vorwurf die Religion überhaupt betrifft, welche im Christentum sich vollendet und für immer verklärt hat, weist er sich leicht zurück, will man nicht gar läugnen, Goethe sei ein Künstler, ein wahrer Dichter; denn jedes åchte Kunstwerk ist an sich schon ein Gottesdienst und seine Schönheit ist göttlich. Und ebenso im ganzen Leben bethätigte sich Goethe von jeher als ein warhaft frommer Mensch, indem er rastlos nach allen Richtungen hin wirkte, welche ihm verliehen waren. Er hat selber ståts vor allen seinen Gaben die größte Ehrfurcht gehegt. Fordert man jes doch mehr, und sagt, wie Gretchen zum Faust „Das ist alles recht schön und gut —— aber du hast kein Christenthum,“ so ist darauf zu erwidern: Kirchlich erzogen, und bibelfest, wie er war, forschte Goethe früh in der heiligen Schrift, und verehrte sie in der höchsten Bedeutung und Würde, altes wie neues Testament: seine biblische Darstellung bis zu Moses erneute und belebte sie, wie die Bibel Rafaels in den Logengemålden, und seine Auslegung des Zus ges der Juden in der Wüste wird selbst von biblischen Philologen anerkannt. Sein Lied von der Höllenfahrt Christi (1765), der Brief eines Pastors, und zwo biblische Fragen (1774), die Ges heimnisse (des Rosenkreuzes) 1786 *), endlich die Bekenntnisse einer schönen Seele (seiner Hausfreundin Fräulein v. Klettenberg) sind die herzlichsten Ergießungen des Christlichen Glaubens. Denselben Sinn, mehr in künstlerischer Darstellung, offenbaren die Bruchstücke des ewigen Juden, der Faust, Bahrdt und die Evangelisten, und mere Parabeln, vornåmlich die, wie der Herr mit einem Buche

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*) Vergl. dazu Goethe's Bekenntnis 1816, in feinen Werken (Ausgabe legs ter Hand). Bd. 45, S. 327 ff.

vom Himmel kömmt, es liest, und wieder mit heim nimmt, wonach die Evangelisten es aufschreiben, verschieden zwar, jedoch so, daß es bis zum jungsten Tage ausreicht; gemäß dem Spruche: „mögen die Evangelisten sich immerhin widersprechen, wenn nur das Evange lium sich nicht widerspricht."

Ungeachtet all dieser und anderer Werke und Aussprüche*) hat man, zumal in spåterer Zeit, Goethe'n über sein Christentum auf die zudringlichste Weise zu Rede geseßt, nicht bedenkend, daß jeder diese göttlichen Dinge in lehter Stelle mit Gott und seinem Gewißen allein abzumachen hat. Gegen solche Zudringliche, dergleichen zumal der falsche Wanderbursche Pustkuchen war, fuhr Goethe im Westöstlichen Divan (I, S. 341 der Fol.sAusg.) heraus:

„Mönchlein, ohne Kapp' und Kutt',
Schwaz nicht auf mich ein
Deiner Phrasen leeres Was
Treibet mich davon:
Abgeschliffen hab ich das
An den Sohlen schon."

,,Der ich unsrer heil'gen Bücher
Herrlich Bild an mich genommen,
Wie auf jenes Tuch der Tücher
Sich des Herren Bildnis drückte,
Mich an stiller Brust erquickte,
Troß Verwirrung, Hindrung, Naubens,
Mit dem heitern Bild des Glaubens.“

(ebendas. II, 3.)

*),,Als der unterzeichnete im Frühjahr 1812 mit Goethe nach Karlsbad reifte, traf es sich, daß der Weg von Franzensbrunn nach ersterem Orte gerade an einem Marien-Feßttage zurückgelegt wurde. Bei der auf nicht unbedeutender Höhe gelegenen, weit hinaus in das Land sichtbaren Wallfahrts-Kirche „MariaKulm" wurde eine Stunde gerastet, und nach Besichtigung der Kirche nebst ihrer nächsten Umgebung gewährte die Aussicht in die nahen und fernen Gegenden, aus denen von allen Seiten her zahlreiche Züge von Wallfahrenden in Prozession, mit vorgetragenen Kreuzen und Fahnen, unter Gesang und Gebet heranzogen, ein in: teressantes Schauspiel. Eine Aeußerung aus dem Munde eines nichtkatholischen Dritten gab mir Anlaß, Goethe zu sagen, daß mir vor kurzem eine Abhandlung zu Gesicht gekommen sei, in der ein Engländer mathematisch durch Berechnung darthun wolle, bis zu welchem Zeitpunkte die christliche Religión überhaupt nur noch bestehen und wann sie von der ganzen Erde verschwunden sein werde. Goethe erwiederte lächelnd: Wie doch der Engländer fo gern Alles in's Ertrem treibt und auch das ganz Inkomensurable zum Gegeustande der Berechnung in machen geneigt ist! Das Christenthum ist so tief in der menschlichen Natur und ihrer Bedürftigkeit begründet, daß auch in dieser Beziehung mit Recht zu sagen ist: Des Herren Wort bleibet ewiglich." Berlin, am 27. August 1849.

John."

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