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3 weiter Abschnitt.
Die Länder und ihre Bewohner.

Die beiden Länder, die man gewöhnlich unter den Namen Babylonien und Uffyrien begreift, empfingen diese Namen schon in alten Zeiten nach den beiden Hauptstädten, die dort früh gebaut waren, Babylon und Assur. Noch E. Schrader 1) meinte, der Umstand, daß der Name mat Assur d. i. Cand Assur in den Briefen aus dem Tell el Amarna nicht erwähnt werde, stimme ganz mit unserm bisherigen Wissen von dem Aufkommen und der Entwickelung des assyrischen Staates; aber das „bisherige Wissen“ ist in den beiden lezten Jahrzehnten grade betreff Affurs sehr erweitert worden, wie wir bald fehn werden.

Das Gebiet von Babylonien umfaßte hauptsächlich die ebenen Gefilde am mittleren und unteren Durattu oder Euphrat und am Jdignu oder Dignat, dem Tigris. Die Griechen nannten einen Teil des Gebietes Mesopotamien oder Mittelstromland. Das assyrische Reich breitete sich im Gegensat zu Babylonien über die im Nordwesten gelegenen Bebirge aus?).

Die ältesten Namen von Babylonien sind Kadingira oder Dingirraki d. i. Gottesland, Amnanu, Kingi oder Kiengi, Kiurra, Urdu 9). Diese Yamen erinnern schon durch ihre Sprachform an die ersten Bewohner des Candes, die uns bekannt sind. Es waren Nachkommen hams, die man nach den beiden im alten Testament 4) gebrauchten Ramen SumeroAkkadier genannt hat. Nach fr. Delibsch, der als Sprachforscher große Verdienste fich erworben hat, aber auch viel Widerspruch erfährt, ist Sumer gleich Sinear, hebr. Singar, weil im ałkadischen für das semitische ng ein m gesetzt wird. Andere vergleichen für Sinear das alfadische Čintir. Sumer oder Hingi, Imgida bezeichnet das babylonische „Meerland" oder das alte Weideland Chaldäa, ein Name, der bisweilen auch ganz Babylonien zugeteilt wurde. Ukkad, Burbur, Urtu find Pamen für Nordbabylonien oder Babylonien schlechthin. Die Grenze zwischen Nord- und Südbabylonien bildete meist der Euphrat. Ein späterer Name für Babylonien ist Kardunias, der der kassitischen Sprache entstammt und bei den Kassiten gebräuchlich war. Berosus erzählt:

1) A. d. W. 1888. 2) Dergl. Dunder, Gesch. d. Ultert. I, S. 227 2c. 3) hommel, Grundriß I, S. 241. 4) Gen. 10, 10.

„Es war eine große Menge von Menschen verschiedenen Stammes, die Chaldäa bewohnten; aber sie lebten ohne Ordnung wie die Tiere. Da erschien ihnen, aus dem Meer aufsteigend, am Ufer Babyloniens ein weises Wesen mit Namen 0 a n. Sein Körper war der eines, fisches, und unter dem Kopf des fisches war ein andrer Kopf angehängt, und an dem Schweife waren füße wie die eines Menschen, und es hatte die Stimme eines Menschen. Sein Bild wird noch jetzt aufbewahrt. Um Morgen kam dieses Wesen an das Land und verkehrte am Tag mit den Menschen; aber es nahm keine Nahrung zu sich und tauchte mit dem Untergang der Sonne wieder in das Meer und brachte die Nacht im Meere zu. Dieses Wesen lehrte die Menschen die Sprache und das Wiffen, das Einsammeln der Samen und früchte, die Regeln der Grenzen, die Erbauung von Städten und Tempeln, die Künste und die Schrift und alles, was zur Sittigung des menschlichen Lebens gehört.“

So weit Berosus und seine rätselhafte Erzählung, die verschiedene Deutungen erfahren hat. M. Dunđer erkennt in Oan den Gott Anu; und wenn sieben folcher fifchmenschen erwähnt werden, die den Namen Odakon oder Dagon tragen, so will er in ihnen die sieben heiligen Bücher der Priester erkennen, von denen die sechs lekten die im ersten Buch enthaltenen Lehren ausgelegt hätten; aber die heiligen Bücher der Babylonier wurden nach ihrer eignen Sage vor der großen Flut in Sippara vergraben, und niemand weiß, wo sie geblieben sind.

Andere erkennen in Oan die Sonne, die für Küstenbewohner an jedem Morgen aus dem Mieer emporfteigt und jeden Abend wieder im Meer untertaucht. Wieder andere meinen, in Berosus werde mit poetischer Freiheit die Tatsache vorgestellt, daß feefahrende Ceute, die an der babylonischen Küste mit ihren Schiffen lagen, am Tage die Einwohner des Candes mit ihrem Wiffen bekannt machten, am Abend aber wieder auf ihre Schiffe gingen, um da zu übernachten. Dieser Auslegung dürfte wohl mancher Beifall spenden, und vielleicht auch der Vermutuny, daß diese Seefahrer aus Aegypten gekommen seien; nur fr. Hommel ") urteilt anders. Aber es ist und bleibt eine Sage. Verbürgt ist dagegen, daß um das Jahr 3000 v. Chr. Nordfemiten aus Arabien in das blühende und hoch kultivierte Babylonien einwanderten. Von den Semiten rühmt Pöldeke im neuen Reiche" die religiöse Begeisterung und Neigung zum Monotheismus, daneben angeborne Ritterlichkeit, aristokratische Gesinnung, hohe Begabung für die Erzählung, edlen formensinn in der Sprache, wonach diesen Einwanderern eine der höchsten Stellen unter den Völkern gesichert scheint. Daneben erklärt derselbe Gelehrte die Semiten für fanatisch, grausam und wenig leistungsfähig in Kunst und Wissenschaft. Wie weit dieses Urteilt zutrifft, wird sich später zeigen.

1) Grundriß I, S. 109, Anm.

diern zu.

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Sind aber die Semiten in Babylonien eingewandert, so können auch die hebräer, die nur ein Teil von diesen Einwanderern darstellen, Babylonien nicht ihre Urheimat nennen ). Wird andrerseits den Babyloniern die Ehre zuerkannt, ,,die Wiege der Menschheits- und Völkerkultur“ zu sein), so fällt diese Ehre nicht den Semiten, sondern den Sumero-Akka

Sie wurden die Lehrer der kriegerischen Semiten in allen Künsten des Friedens, wie sie selbst die wilden Westindogermanen den Ackerbau lehrten 3). Aber wie ein Teil der eingewanderten Semiten Babylonien wieder verließen, um ihre Zelte in andern Gefilden aufzuschlagen, so steht zu vermuten, daß nicht alle Sumero-Akkadier den semitischen Siegern untertan wurden, sondern in das öftliche Zentralasien weiter zogen, wohin sie ihre Kultur trugen *). Die übrigen aber lebten, soviel wir wissen, mit den eingewanderten Semiten und andern Völkern friedlich in dem fruchtbaren Cand, das sie alle reichlich nährte, wenn es mit Sorgfalt bebaut wurde.

Schon hierin trägt das Cand Babylonien eine auffallende Aehnlichkeit mit Aegypten. Weiter sehen wir hier wie dort schon bei oberflächlicher Betrachtung eine Talebene, die durch viele Kanäle aus einem großen Strom bewässert wird. Hier wie dort herrscht subtropisches Klima, das sowohl vor frost wie allzu großer Hike bewahrt ist, gesegnet mit allen günstigen Bedingungen für die gedeihliche Entwicelung eines Volfes, das durch Mischung aus verschiedenen Raffen vor Einseitigkeit geschüßt war. Pur in Sachen der Religion wurden die Semiten den Sumero-Arkkadiern bald so weit untertan, dass sie sich gleich diesen mit Vorliebe das Volk Bels" nannten. Jhre Sprache aber hielten sie fest, fodaß Jahrtausende hindurch zwei Sprachen, mit einer Schrift geschrieben, neben einander bestanden, zwar nicht so lange gesprochen, aber doch geschrieben und verstanden wurden. Schon der König Dungi um 2850 v. Chr. ließi Inschriften in beiden Sprachen abfassen, und über 2000 Jahre später gab Nebukadnezar II. seinen Tempeln noch fumeroakkadische Namen.

Was den Namen des vornehmsten Volkes angeht, das dieses ges regnete Cand für sich gewonnen, so heißt derselbe in Keilschriften Kardu, Kaldu oder Kasdu, im A. T. Kasdim, bei den Griechen Chaldäer; aber nach fr. Deliksch sollen diese erst 900 v. Chr. auf den Schauplak getreten sein. In Gen. 22, 22 heißt Chasad ein Sohn Rahors. Als gefährliche Nachbarn sind sie schon in alter Zeit bekannt 5). . Aus Chaldåa oder dem nordwestlichen Arabien kamen Tharah, Abram und Nahor und wurden Hebräer genannt, weil sie hanahar d. i. den Euphrat über

1) Gegen u. Jeremias A. A. O., S. 103. 2) Daselbst S. 170. 3) E. Hoyck, Deutsche Gesch.. I, 19. 4) Die Zeitrechnung der Chinesen reicht bis zum Jahr 3000 vor Chr. zurüd.

Hiob 1, 17.

fchritenn hatten (ibri). Mit ihrer Wohnschaft im babylonischen Ur gaben sie der Stadt den neilen Namen Ur Kasdim ). Danach sind die Chaldäer Semiten und haben mit den pontischen Chalden, die sich nach ihrem Gott Chaldis nennen, gar nichts gemein; denn diese sind weder Semiten nach Japhetiten, sondern Hamiten wie die ersten Bewohner von Babylon und verstehn auch die Kunst, mit Keilschriften zu schreiben, wie die Weiheschilde vom Van See beweisen.

Andere vergleichen den nördlichen Teil von Affyrien, Karduchien, dessen kriegerische Einwohner nad Babylonien verpflanzt wurden 2); aber der vieldeutige Name „Chaldäer" bezeichnete bald die semitischen Einwohner von Babylonien zur Unterscheidung von Arabern und andern stammverwandten Völkern, bald die kastenartig gegliederten Sterndeuter, Priester, Jauberer und Beschwörer, die als Magier einen Staat im Staate bildeten und namentlich in Babylon den allergrößten Einfluß auf die Staatsleitung hatten. Sie befaßen wie der Stamm Cevi in palästina ihre eignen Städte und Gaue wie Bitadini, Bitammukani, Bitdakuri, Bitsilani und Bitjakin. Aus ihren Reihen gingen mehrere fürsten und Könige des babylonischen Reiches hervor wie Ukinzir, Merodochbaladan, Saosduchinos und dessen Nachfolger, auch Muschisibmarduk oder Schusub, unter deffen Herrschaft Babylon zerstört wurde. Doch war die Zugehörigkeit zu dieser Kaste nicht an ein besonderes Volkstum geknüpft, wie auch Herodot medische Magier kennt; und die hl. Schrift *) nennt Daniel, einen Sohn Israels, einen Obersten unter ihnen.

Die Affyrer waren nach Maspero eins der begabtesten. Völker von Asien. Sie hatten weniger Originalität als die Chaldäer, deren Bildung sie als gelehrige Schüler annahmen; aber sie besaßen mehr Kraft und Ausdauer wie jene, dazu die Eigenschaften eines echten Kriegers, körperliche Kräfte, schnellen Entschluß, kühle und unerschütterliche Tapferkeit. Sie trieben den wilden Stier und den Cöwen, die sich häufig in ihren Waldbergen fanden, aus ihren Schlupfwinkeln heraus und traten ihnen fühn zum offenen Zweikampf entgegen.

Als die Heimat dieses Volkes, das nach der hl. Schrift 4) wie auch Elam femitischen Ursprungs ist, aber wie feine Stammverwandten in Babel bereits semitische Kultur in seiner späteren Heimat vorfand "), gilt bei den einen Gelehrten das Becken des Tigris bis dahin, wo dieser Strom in die nordbabylonische Ebene eintritt. Seine Berge waren wie geschaffen zur Heimat eines starfen Kriegsvolkes, das an dem weicheren babylonischen Nachbar und andern umwohnenden Völkern sich vielfachen Antrieb zur Wachsamkeit, zur Uebung in den Waffen und zu reichen Beutezügen ersah. Dagegen waren andre schwache Nachbarn froh, unter den schüßenden Flügeln eines so starken friegerischen Volkes frieden zu finden.

1) Gen. ll, 28. 31. 2) Jef. 23. 13. 3) Dan. 1, 4. 17 u. a. 41 Ben 10, 22. 5) Gen. 10, 8–12.

Andere Gelehrten wie fr. Hommel ") weisen nach, daß Assur ursprünglich eine Landschaft war, die zwischen Südpalästina, Hegypten und dem nordwestlichen Arabien lag, also Edom noch in sich schloßi; und daß ein Teil seiner Einwohner etwa um 2000 v. Chr. nach dem Bergland auswanderte, das von dem Oberlauf des Tigris und dessen Nebenflüssen durchftrömt wird.

Aber diese Ansicht, die wohl mit den Nachrichten der hl. Schrift zu vereinigen wäre, stimmt nicht mit den Nachrichten der K. S. überein, die uns Affur als einen sehr alten Patefiftaat erkennen lassen, wie im folgenden Abschnitt weiter auszuführen ist.

Den guten Eigenschaften des assyrischen Volkes standen schwere Caster gegenüber. Die Affyrer waren ein grausames, blutgieriges Volt, voll von Cüge und Gewalttat, dazu sinnlich, hochmütig, listig, verräterisch, voll Verachtung gegen ihre Feinde. Wenige Völker des Ältertums haben in so unverschämter Weise wie sie das Recht des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren geltend gemacht und mißbraucht. Sie zerstörten und verbrannten die Städte und Dörfer, die auf ihrem Kriegspfade lagen, schonungslos. Ihre Einwohner wurden getötet oder weggeschleppt und zu Sklaven gemacht, die Anführer derselben öfters lebendig eingemauert oder ans Kreuz geschlagen, geschunden und gepfählt und auf allerlei Weise gefoltert und mißhandelt. Trot ihrer mannigfaltigen Bildung blieben die Affyrer, was ihre Sitte angeht, Barbaren.

Ihre Könige liebten es, wie viele Inschriften bezeugen, von ihren Taten ein großes Rühmen zu machen und nicht immer nach der Wahrheit. So prahlt einer von ihnen betreff seiner Feinde:

„Ich füllte mit ihren Leichnamen die Schluchten und Gipfel der Berge. Ich enthauptete sie und frönte mit ihren Köpfen die Mauern ihrer Städte."

Ein anderer läßt berichten:

Ich bedeckte mit Trümmern die Gebiete von Sarausch und von Ammausch, die seit undenklichen Zeiten sich niemals einem feinde unterworfen hatten. Ich maß mich mit ihren Herren auf dem Berg Ugouma, ich züchtigte sie, ich besäte den Boden mit ihren Leichen gleich wilden Tieren. Ich nahm ihre Städte ein, ich führte ihre Götter hinweg. Ich gab ihre Städte den flammen preis, ich verwandelte sie in Ruinen und Schutt, ich legte ihnen das schwere Joch meiner Herrschaft auf. Ich brachte in ihrer Gegenwart dem Gott Asur, meinem Herrn, meinen Dank dar.“

Ueber die Behandlung von Aufrührern berichtet eine andere Jnschrift:

„Ich erschlug von ihnen einen aus je zweien. Jch baute eine Mauer vor den großen Toren jener Stadt, ich ließ die Uufrührer schinden und bedeckte diese Mauer mit ihrer Haut. Einige wurden lebendig darin eingemauert, einige wurden längs

1) U. u. U., S. 277.

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