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XVIII.

Ueber die Art und Einrichtung der berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache und Alterthumskunde.

(Vorgelesen am Stiftungsfeste des 8. Januar 1850 bei Uebernahme des Ordneramtes.)

Der natürlichen Erwartung der verehrten Versammlung, wie der

Bedeutung der heutigen Feier glaube ich am besten zu entsprechen, wenn ich meine Ansicht von dem höchsten Zwecke unserer Gesells schaft und ihren Einrichtungen der gütigen Beurtheilung anheimgebe. Denn von Jemand, dem zum ersten Male durch das Vers trauen einer Gemeinschaft das Ordneramt in ihr übertragen wird, erwartet man billig, daß er darlege, wie er das Wesen dieser Ge: meinschaft aufgefaßt hat, und wie demselben ihm die Ordnungen zu entsprechen scheinen, in die er nun mit seiner Thätigkeit eingehen soll. Das heutige Fest aber, das Geburts- und Lebensfest unserer Gesellschaft, erfordert nicht nur einen Rückblick auf vergangene Leis stungen und Ergebnisse, sondern auch je bisweilen ebenso irgend eine Darstellung, wodurch das Ziel, dem sie entgegenstrebt, lebendiger wieder vor das Auge tritt, und der Maaßstab angedeutet wird, woran sie selbst ihre Lebensäußerungen zu messen pflegt.

Unsere Gesellschaft nennt sich im Allgemeinen die deutsche Ges sellschaft, im Besondern die Gesellschaft für deutsche Sprache und Alterthumskunde. Damit ist ihr Wesen und Zweck hinreichend aus; gesprochen. Sie hat ihr innerstes Leben in der Erforschung deutscher Art, deutschen Wesens und ihren höchsten Zweck darin, daß

sie immer mehr und mehr die deutsche Volksthümlichkeit sich zum Bewußtsein und zur Darstellung bringe. So darf denn von ihr billig Nichts als völlig fremd zurückgewiesen werden, was entweder rein aus deutschen Lebenskeimen hervorgewachsen ist oder doch deuts sches Gepräge erhalten hat, von welchem Gebiete aus es ihrer Kenntnißnahme dargeboten werden mag. Auch ist dies thatsächlich nie geschehen. Ganz unmöglich freilich würde es einer Gesellschaft, wie der unsrigen, sein, allen Richtungen, in die das deutsche Leben sich ergossen, und allen Gestaltungen, die es angenommen oder um gebildet hat, auf dem Wege selbstständiger Erforschung gleichmäßig nachzugehen, wie das zu Tage liegt. Auch ist dies zum Glücke nicht nöthig, und würde, wåre es möglich, kaum ersprießlich sein. Des Menschengeistes wunderbarste Schöpfung, gefügigstes Werkzeug und Klarster Spiegel ist die Sprache, und des Volksgeistes eigenthümliche Schöpfung, Werkzeug und Spiegel die besondere Sprache seines Volkes; und kaum möchte eine eigenthümliche Gestaltung des Lebens eines gebildeten Volkes gefunden werden, welche sich nicht in seinem Schriftenthum angedeutet, erklärt oder dargestellt fånde. So spies gelt z. B. in der griechischen Sprache sich ab der Geist eines Voltes, das herrlich begabt nach den beiden Seiten des natürlichen Lebens, innerlich beweglich, nach dem Geseße der Schönheit hin sich ausbildete und in ihm sich befriedigt fand, so erscheint die lateinische Sprache als Sprache eines königlichen Volks der Herrschaft und der Geseze; und wer möchte leugnen, daß erst durch das Schrif tenthum dieser Völker alle andern Denkmåler ihres volksthümlichen Schaffens und Seins Athem, Leben, volles Verständniß gewinnen, so wahr auch, schwiege Schrift und Geschichte von ihnen, das Wort Schillers bleibt:

„Tausend Steine könnten redend zeugen,
Die man aus dem Schooß der Erde gräbt.“

So wesentlich gehört ein Volk mit seiner Sprache und seinem Schriftenthum zusammen, daß, sobald ihm Beides anfängt unvers ständlich und als etwas Fremdes entgegen zu treten, es aufhört selbstständig mitzuarbeiten an der Entwicklung des Menschengeschlechtes und ausgestrichen wird aus dem Rathe der Völker. Volle Ers kenntniß aber des Gewordenen giebt es nicht ohne die Anschauung des Werdens; und, welches die wahre Eigenthümlichkeit eines Voles ist, was in ihm aus gesunden Keimen hervorgegangen, wie es

in irgend einem gegenwärtigen Zustande zu seinem Urbilde sich vers hält, kann nur durch sorgfältiges Eingehen in die Entwicklung desselben erkannt werden. Soll daher unsre Gesellschaft nicht an ihrem innern Leben kranken, so muß sie stets Månner in ihrer Mitte haben, welche dem Entwicklungsgange unserer Sprache und unseres Schriftenthums selbstständig nachforschen und die gefundenen Schäße zugänglich machen. Besonders hervorzuheben ist hiebei der dichterische Theil unseres Schriftenthums, und in ihm das, was der Volksdichtung angehört. Denn, wie es ja vornåmlich dem Dichter gegeben ist für die Lebensräthsel das ldsende Wort zu finden und die zartesten wie die mächtigsten Saiten seines innersten Wesens auch andern verständlich erbeben zu lassen, so ist es dem dichtenden Volksgeiste verliehen, das Urbild, auf welches ein Volk durch einen höheren, mächtigen aber dunklen Zug sich hingetrieben fühlt, in Bildern und Tönen lebendig, wie mit einem Zauberschlage, hinzustellen, oder ringend in immer deutlichern Bildern und immer volleren Tdnen zum Bewußtsein zu bringen. Darauf beruhte ja, um ein Einzelnes hervorzuheben, die mächtige Wirkung, welche das Nibelungenlied in der neuesten Zeit, zur Zeit der Befreiungskriege, welche dem wiedererwachten deutschen Volksgeiste Entstehung, Kraft und Erfolg verdankten, auf alle edlere Söhne des deutschen Vaterlandes ausübte. Es brachte heimatliche Klånge, Bilder aus der Heimat, Grüße vom Vaterhause; es zauberte herauf die Erinnerung gleich, fam einer alten långst vergessenen Zeit, die aber zum Verständniß brachte, was in der tiefsten Seele geruht hatte. So kommt unter anderen auch, was mir noch nicht genug betont zu sein scheint, durch Inhalt und Art dieses Liedes, wie fast nirgend sonst, der Grundzug des deutschen Gemüthes nach der christlichen Offenbarung hin in seiner Vorbedingung zur Anschauung. Diese ist das lebendige Bes wußtsein von der Herrlichkeit der Welt, daß sie vergeht, wie des Grases Blume, bei aller Freude an ihr und allem frischen Leben in ihr; wie es sich gleich im Eingange des Liedes ankündigt, in Ahnungsworten durch das ganze Lied hindurchtönt und endlich in den Schlußworten auf das deutlichste sich darlegt.

Aber so wichtig für unsere Gesellschaft es ist, daß die Erfors schung des deutschen Alterthums und der deutschen Sprache nie ganz aufhdre in ihr, so sehr würde sie was ihr Noth thut verkens nen, wollte sie nur solche Männer in sich aufnehmen, welche in

dieser Art der Thätigkeit sich bewährt haben. Wenn ein Geworde nes nicht ganz zu verstehen ist ohne die Beobachtung des Werdens, so umgekehrt zeigt sich der Keime Lebenstrieb, Art und Fülle uns trüglich erst in ihrer höchsten Entfaltung. Jeder, welcher deutscher Bildung theilhaftig ist und befähigt und gewillt von irgend einer auch gegenwärtigen Gestaltung deutschen Geistes und deutschen Les bens auf irgend einem Gebiete Zeugniß zu geben, muß ihr höchst willkommen sein, damit gegenseitige Ergänzung und Bestimmung, damit die Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit des Lebens nicht fehle. Aber auch der muß meines Erachtens zugelassen werden, der sich ers quicken will an der Luft, die hier weht, ber Anregung in der Ers holung suchend lebhaft zu der süßen Gewohnheit unseres Lebens sich hingezogen fühlt, wenn gleich zu eignen Mittheilungen ihm zunächst Zeit und Galegenheit fehlen; auch ist es immer so geschehen.

Vielleicht aber möchte gefragt werden, ob die deutsche Gesells schaft wirklich keinen andern Zweck verfolge, als den, daß sie immer mehr des eigenthümlich deutschen Lebens in seinen Gestaltungen sich bewußt werde. Es erscheint ein deutsches Jahrbuch, es ist von der Gesellschaft eine Verdeutschung der im Heerwesen gebräuchlichen Fremdwörter ausgegangen und zuerst der zu Frankfurt tagenden Volksvertretung und dann unserm Könige zur Benußung und Einführung wo möglich, dargeboten werden. Die Herausgabe des Jahrbuches aber kann nimmer Zweck der Gesellschaft sein; auch hat diese lange ohne ein solches bestanden. Es legt nur Zeugniß ab von der Thätigkeit der Gesellschaft, indem es solche Mittheilungen, welche in ihren Zusammenkünften ihrem Zwecke dienten, die aber einer allges meinern Theilnahme werth zu sein scheinen, zugånglich macht; auch bietet es andere Arbeiten, welche wegen ihrer Ausdehnung oder ihs res Inhaltes für einen mündlichen Vortrag sich nicht wohl eignen, auf diese Weise den Gliedern der Gesellschaft selbst dar. Was aber die Verdeutschung und das Bestreben betrifft, die Fremdwörter aus einem großen Kreise zu verbannen und in ihm wiederum der Muttersprache das ihr gebührende Recht zu verschaffen, so kann man jener Verdeutschung sich freuen, wenn sie, wie eine reife Frucht, von selbst von unserm Lebensbaume sich ldst, oder in so fern das Ver: deutschen ein Schaffen aus dem Geist der Sprache an sich dem angegebenen höchsten Zwecke dient: aber Zweck der Gesellschaft als solcher können dergleichen einzelne, auf sichtbare Erfolge hinar

beitende Zwecke nicht sein; sonst würde ein unerfreuliches Drången nach immer neuen Zielen und neuen Arbeiten entstehen, da hienge Sicherheit und Freudigkeit des Lebens von äußern Erfolgen ab, die gar nicht in unsere Hand gegeben sind, es selbst würde auf jeden Fall aus seiner Bahn getrieben, und als Zweck würde geseßt, was nur von selbst sich darbietende einzelne Erfolge sein dürfen. Die Sprachgesellschaften im 17ten Jahrhundert bieten in dieser Bezies hung ein warnendes Beispiel. Sie verliefen sich in Aeußerlichkeiten, weil sie einzelne Zwecke sich seßten. Niemand wird deshalb zweis felnd nach dem Nußen unserer Gesellschaft fragen. Wo irgend ges sundes Leben gepflegt wird, da können die erfreuenden und nüßens den Früchte nicht ausbleiben.

Diese Ansichten vom Wesen und Zweck unserer Gesellschaft entsprechen den Einrichtungen und Ordnungen derselben vollkom men. Zuerst ist deutlich, daß eine Gesellschaft, die so neidlos ihre Schranken eröffnet ohne irgend ein Versprechen abzunehmen oder Verpflichtungen aufzulegen, in der mehr oder minder zufälligen Stimmung der jedesmaligen Mehrzahl ihrer Mitglieder nicht die Gewähr hat, daß sie in ihrer wesentlichen Eigenthümlichkeit fortbes stehen werde. Es gab eine Zeit, wo auch unter uns die Wogen hoch giengen und das Alte hinwegzuschwemmen drohten, damit Neues, natürlich Besseres, aufgebaut werden könne. Da mußte man hören, mehr thåte es Noth in unserem Kreise über die Hans delsverhältnisse des nordamerikanischen Freistaates, als über die kúm, merlichen deutschen Lebensgestaltungen in der Wüste des Mittelalters sich zu belehren. Zur Erhaltung unserer Gesellschaft in ihrem wes sentlichen Bestande diente damals und soll dienen ein engerer Kreis von Månnern, der sich aus dem weitern Kreise ergänzt. Von aller Einseitigkeit fern und auch hierin ein Bild der ganzen Gesellschaft handhabt er im Allgemeinen die bestimmte åußere Ordnung, insbesondere aber liegt ihm ob dafür zu sorgen, daß es der Gesellschaft nie an den Bedingungen ihres eignen Lebens fehle, daß sie nie aufhöre eine Gesellschaft für deutsche Sprache und Alterthumskunde, eine deutsche Gesellschaft zu sein. Er übernimmt demnach Last und Pflicht, während das Recht durch Aufnahme neuer Mitglieder, durch Nehmen und Geben unsern höchsten Zweck zu fördern ein völlig

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