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Nach den Sibyllinen kommt auch der von Gott gesandte König der Endzeit år nelíouo (III 652).

Rätselhaft ist es endlich, wenn Cyrus als der von Jahve Geweissagte gilt; denn solche Weissagungen existieren in unserem Alten Testamente nicht. Wir können auch schwerlich annehmen, daß man im Exil schon die Schriften der früheren Propheten als ein heiliges Buch genau studiert und sich auf dort vorhandene, bisher unerfüllte Orakel berufen habe. Deuterojesaja selbst hat, wie wir mit Sicherheit sagen können, keine bestimmten Prophezeiungen im Auge gehabt. Das geht mit großer Deutlichkeit aus den Disputationen hervor, die er zwischen Jahve und den übrigen Göttern abhalten läßt (41 21 ff. 447ff. 4521 ff.). Der Verfasser legt Jahve die Behauptung in den Mund, er allein habe die Zukunft richtig vorausgesehen, während die übrigen Götter dazu nicht imstande gewesen seien. Mit besonderem Nachdruck wird die Aufforderung vorangestellt: Schafft herbei eure Rechtssache! spricht Jahve; bringt heran eure Hauptbeweise! spricht der König Jakobs (4121). Als notwendige Voraussetzung, wenn diese Aufforderung wirklich wörtlich gemeint ist, muß gelten, daß Deuterojesaja selbst zwingende Beweise für die Sehergabe Jahves hat. Das ist doch der erste Einwand, den jeder Heide erheben und auf den der Schriftsteller gefaßt sein mußte: Bitte, zeige du uns erst einmal schwarz auf weiß, wo Jahve die Zukunft vorausgesagt und speziell das Erscheinen des Cyrus verkündet hat! Hätte Deuterojesaja solche Orakel vorlegen können, so hätte er dies tun müssen und gewiß auch getan. Aus seinem Schweigen dürfen wir schließen, daß er keine konkreten Beweise hatte. Er beruft sich weder auf Jeremia noch auf Jesaja noch auf Mose; ja er gibt uns überhaupt nicht die Erlaubnis, im Umkreis der uns bekannten Persönlichkeiten zu suchen, da er über sie hinaus in eine noch fernere Vergangenheit deutet: Wer hats gemeldet vom Anfang, daß wirs erkennen, und von einst, daß wir sagen: richtig (41 26) ? Wer ließ hören von der Urzeit her das Künftige! (447)? Wer hat dies hören lassen von der Vorzeit her, vorlängst es verkündet (45 21)? Eine Theorie, wie wir sie etwa bei Daniel kennen lernen, daß alles, was geschieht, von Anfang an vorausgesagt

1. Vgl. DUHM zur Stelle.

sei, dürfen wir bei Deuterojesaja nicht voraussetzen. Wir stehen hier also

vor einem psychologisch nicht erklärbaren Rätsel. Das Problem löst sich, sobald wir hier einen von auswärts übernommenen Stil vermuten. War es damals in Babylonien Sitte, in dieser Art von den Göttern zu reden, so konnte unser Verfasser sich dem unbedenklich anschließen, ohne Gefahr zu laufen, daß man Beweise von ihm forderte.

Diese Vermutung eines aus der Fremde entlehnten Stiles läßt sich noch wahrscheinlicher machen, wenn man auf einige weitere Dinge achtet, die man bisher verkannt hat. Erstens wird in diesen Stücken der Polytheismus vorausgesetzt. Wer von den Göttern Beweise erbittet und sich mit ihnen in eine Disputation einläßt, hält sie für lebendige Wesen. Gewiß ist das für Deuterojesaja nur eine stilistische Einkleidung. Aber auf diese Einkleidung wäre er von sich aus niemals verfallen, da er ja immer wieder die Nichtigkeit der Götzen betont und ihre Existenz leugnet. Wie konnte ein so strenger Monotheist auch nur hypothetisch das zugeben, was er sonst aufs schärfste bekämpfte? Will man ihm diese Selbstverleugnung nicht zutrauen, so muß man einräumen, daß er hier eine Stilform von anderen übernommen hat. Ohne sich über die Voraussetzungen klar zu werden, die seinem eigenen Standpunkt im Grunde widersprechen, achtete er nur auf die Konsequenzen, - die alleinige Gottheit Jahves und die Ohnmacht der Götzen die sich grade mit Hülfe dieser Disputationen leicht deutlich machen ließen.

Noch krasser tritt zweitens der ursprünglich polytheistische Charakter zutage in der Tatsache, daß Jahve von sich in der ersten Person Pluralis redet: Mögen sie herbeibringen und uns verkünden das, was sich begeben wird (41 22ff.). Man darf zum Verständnis dieser Stelle nicht auf 438ff. verweisen, wo eine andere Situation geschildert wird: Die Völker haben sich versammelt, ihnen gegenüber stehen die Israeliten. Jahve will seinem Volke, das Augen hat und doch blind ist, das Ohren hat und doch taub ist, klar machen, daß die Heiden keine Orakel haben. Daraus sollen sie den Schluß ziehen auf die Nichtigkeit der Götzen. Dieser Hauptgedanke wird nicht deutlich ausgesprochen, er geht aber aus der Pointe des ganzen Stückes hervor: da werdet ihr erkennen und mir glauben und einsehen, daß ich es bin; vor mir ist kein Gott gebildet und nach mir wird keiner sein (4310). Wir vermissen nicht nur die Götter in dieser Szene, sondern wir verstehen auch nicht, wie Jahve sagen kann: Das Frühere mögen sie uns hören lassen (439). Es sollte heißen: Das Frühere mögen sie euch hören lassen. Denn nicht Jahve, sondern Israel soll überzeugt werden. Daß sich Jahve hier mit seinem Volke zusammenfaßt, ist stilistisch sehr hart. 438ff. ist also nicht verständlicher, sondern noch unverständlicher als 41 22 ff., wo Jahve und die Götter die einzigen Personen sind, die auftreten. Es ist gar kein Grund vorhanden, die Israeliten hier stillschweigend zu ergänzen. Nehmen wir an, Deuterojesaja habe diesen Stil entlehnt und ursprünglich habe etwa ein Gott wie Marduk gesprochen, der ja um seiner Schicksalstafeln willen besonders als Orakelgott berühmt war, so würde man aus dem wir auf eine mit Marduk zusammengehörige Götterpartei schließen, aber keineswegs auf die Babylonier. Bei Deuterojesaja ist die erste Person Pluralis nur noch ein stilistisches Überbleibsel (wie Gen. 126), das von ferne an den polytheistischen Ursprung erinnert.

Drittens scheint es, als ob der Verfasser auch hier (wie bei dem Hofstil) vom babylonischen Sprachschatz abhängig sei. In demselben Zusammenhang, wo ausgeführt wird, daß kein heidnischer Gott die Zukunft vorausgesagt habe, heißt es: Zion hat einen yiwan: siehe, da sind sie ja! und Jerusalem gebe ich den an. Doch diesel, da ist kein Mann und von diesen weiß keiner Bescheid (4127f.). Nach dem Kontext können die beiden nicht übersetzten Wörter nichts Anderes bedeuten als Propheten: Jahve hat Zion einen Propheten gegeben, während die Götter keinen Propheten aufweisen können. hauptung müßte man auch dann aufstellen, wenn man keinen Beweis dafür beibringen könnte. Eine Korrektur erscheint mir unnötig, weil das dem hebräischen 108 genau entsprechende babylonische Äquivalent mahrū (wörtlich der Erste) ebenfalls Prophet heißt. Am Schluß des Schöpfungsmythus Ínuma iliš sagen die großen Götter, als sie dem Tiâmatbändiger Marduk die fünfzig Titel verliehen haben: Sie mögen festgehalten werden, und der mahrū möge sie offenbaren, der Weise und der Kun

Diese Be

1. Lies 89 DUHM.

dige (mudū) mögen sie zusammen überdenken. Dies Zusammentreffen

der Bedeutungen von 79887 und mahrū, die an sich nicht nahe liegen, kann unmöglich auf Zufall beruhen.

Deuterojesaja muß sich vielmehr auch hier ebenso wie beim Hofstil an babylonische Vorbilder angelehnt haben. Sobald wir einen Stil annehmen, dürfen wir die Aussagen nicht mehr pressen. Die ewigen Orakel, von denen die Babylonier in ihren Göttertexten reden mochten, beanspruchte unser Verfasser für Jahve und verstand sie von irgendwelchen Weissagungen der früheren Propheten, die zwar nicht von Cyrus direkt, wohl aber vom eschatologischen Helden sprachen. Ich behaupte übrigens nur, daß die festgeprägte Kunstform der Götterdisputationen entlehnt sei und im Zusammenhang damit ein paar Einzelheiten, die mit diesem Orakelstil eng verwachsen sind. Die Gedanken dagegen, die in dieser Form dargestellt werden

und das ist das Wertvollste - sind das originale Eigentum unseres Verfassers. So zeigt sich Deuterojesaja auf Schritt und Tritt abhängig von nicht-israelitischen Traditionen.

Man kann diese These an einem weiteren Beispiel erhärten. Ein im zweiten Teil des Jesaja häufig wiederkehrendes Attribut Jahves ist yn in der Heiland (433. 11. 4521. 4926. 6016. 638). Dies Prädikat ist an sich ganz begreiflich. Aber rätselhaft ist ein Satz wie der: Du bist ein verborgener Gott, ein Gott Israels, ein Heiland (45 15). Das Epitheton des verborgenen Gottes ist in Israel nicht verständlich. Es kann nur durch fremden Einfluß erklärt werden und muß von einem fremden Gott auf Jahve übertragen sein. Woher es stammt und was es bedeutet, läßt sich bei einem so geringen Material nicht mit Sicherheit entscheiden. Beachtenswert ist aber, daß verborgener Gott und Heiland in der zitierten Stelle neben einander stehen. WENDLAND hat durch eine Fülle von Belegen gezeigt, daß im hellenistischen Hofstil ebenso wie im Neuen Testament mit dem Begriff des feos owthe die Epiphanie des (zuvor verborgenen) Gottes verbunden ist. Überdies gilt der Helfer stets als ein Weltheiland: damit meine Hülfe (Jahves ournoia) reiche bis ans Ende der Welt (496). Vielleicht dürfen wir hier die erste Spur des später so lebendigen Stiles erkennen.

1. KB VI, 1. S. 38 Z. 22 f.

2. ZNTW V. S. 335 ff. Es sei auch erinnert an die Vorstellung von dem Licht der Welt (vgl. o. S. 307), die vielleicht in dieselbe Sphäre gehört.

8 29. Israel als Ebed Jahve. Knecht Jahves kann, wie ein flüchtiger Blick in das Lexikon lehrt, jeder Verehrer Jahves, jeder Israelit heißen. Es begegnet uns im Alten Testament als Beiwort der Patriarchen, Könige, Priester, Propheten und der Frommen überhaupt. Aus dem Worte allein kann man nicht erschließen, was für eine Person an der betreffenden Stelle gemeint ist, da es völlig farblos ist. Um desselben Grundes willen ist es gänzlich ungeeignet, als Terminus technicus verwandt zu werden. Trotzdem wird man nicht leugnen können, daß es im Deuterojesaja tatsächlich einen technischen Sinn erhalten hat: Dort soll unter dem Ebed nicht jeder beliebige Israelit, sondern eine ganz bestimmte Größe verstanden werden. Hier stehen wir gleich am Eingange unserer Untersuchung vor einem großen, unlösbaren Rätsel. Denn diese Begriffsentwicklung hat sich nicht im Licht der Geschichte vollzogen und kann darum nur ungenügend erklärt werden. Wahrscheinlich müssen wir, wie so oft, eine Abkürzung eines einst volleren Ausdrucks annehmen. Wie er auch ursprünglich gelautet haben mag, ob der himmlische oder der göttliche oder der eschatologische Knecht Jahves, jedenfalls bezeichnet das Wort bei Deuterojesaja den Knecht Jahves, den jedermann kennt.

Fragen wir nun: Wer war der Ebed? können wir ihn noch genauer bezeichnen? so scheint sich eine klare und unzweideutige Antwort aus Stellen wie 41 sff. 4310ft. 441ff. 454 4820. 498 zu ergeben, wo er direkt Israel genannt wird. GIESEBRECHT hat nun mit allem Nachdruck die These zu beweisen gesucht, der Knecht Jahves sei überall als das Volk Israel zu verstehen. Da außerdem, wie GIESEBRECHT (S. 128 ff.) gezeigt hat, die Aussagen über Israel zu einem großen Teil denen entsprechen, die über den Ebed gemacht sind, so scheint es in der Tat naheliegend, Israel an allen Stellen mit dem Ebed zu identifizieren. Zwingend ist dieser Schluß jedoch nicht, da Deuterojesaja, abgesehen von der bestimmten Ebedfigur, auch andere Personen

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