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geglaubt, klingt so, als hätten die Redenden von vornherein Bescheid gewußt. Sie scheuten sich nur mit ihrer Botschaft hervorzutreten, weil sie unglaubwürdig war. Im Folgenden aber erfährt man, daß überhaupt niemand den wirklichen Sachverhalt zu durchschauen imstande war. Das, was geschah, war völlig unbegreiflich. Drittens zeichnet sich das Leiden und Sterben des Ebed durch eine eigentümliche Unklarheit aus. An welcher Krankheit hat er gelitten? Ist er daran gestorben oder hat man ihn getötet?

Ebenso dunkel sind im Einzelnen die beiden Versgruppen, die die Rede umrahmen, obwohl der allgemeine Sinn klar ist. Sie handeln von dem Triumph des Ebed: Er wird sich an seinen Nachkommen erfreuen, lange leben, viel Glück haben, mit Starken Beute teilen und die Achtung und Ehrfurcht der Könige genießen. Daran ist auffällig: Erstens wundern wir uns, daß der Ebed plötzlich lebt und Kinder hat. Eben noch hörten wir von seinem Tode. Wenn wir die Schlußszene verstehen wollen, so müssen wir notwendig die Auferstehung des Ebed ergänzen. Wir wundern uns zweitens über das Mißverhältnis zwischen dem vergangenen und dem künftigen Schicksal des Ebed. Vielleicht dürfen wir seine Erhöhung in die Worte zusammenfassen: Er soll ein angesehener und mächtiger König werden. Das ist nichts Außergewöhnliches und viel zu wenig gegenüber dem, was der Ebed in seinem Leiden und Sterben geleistet hat. Der Lohn entspricht nicht der Arbeit. Drittens wundern wir uns, warum nicht die Redenden zusammen mit dem Ebed verherrlicht werden. Sie haben ihn zwar nicht erkannt, so lange er unter den Lebenden weilte, aber sie preisen ihn jetzt, wo er tot ist, und rühmen sich, daß er für sie gelitten und ihre Sünden getragen habe. Sie sind durch seine Sühne schuldlos geworden. Aber von den Folgen, die diese Tatsache für die Redenden haben müßte, ist nicht die Redel.

Fragen wir die Exegeten, wer der Ebed ist, so lautet eine Antwort: Israel. Die hier Redenden müßten dann die Heiden sein, deren Strafe Israel im Exil auf sich genommen hätte. Dagegen ist erstens zu betonen, daß bei dieser Auffassung die genannten Rätsel und Lücken nicht erklärt werden. Ein guter Dichter, der Israel personifizierte und diese Person leiden und sterben ließ, konnte sie nicht plötzlich weiter leben lassen, ohne daß er sie zuvor irgendwie aus dem Tode erweckte. So gut wie er sagen konnte: Israel starb, so gut konnte und mußte er hinzufügen: dann aber wird Israel auferstehen zu einem neuen und schöneren Leben. Ebenso wie bei diesem Beispiel bleiben überhaupt alle stilistischen Rätsel stehen.

1. Der Text des Kapitels ist freilich sehr korrupt. Ich glaube aber nicht, daß die Sache klarer würde, wenn der Text besser wäre.

Gegen diese kollektivische Deutung ist zweitens anzuführen, daß man gar kein Recht hat, die Heiden für die Redenden zu halten. Denn nicht ein einziges Mal werden innerhalb der Ebed-Jahvestücke die Heiden als die Gegner des Ebed bezeichnet Namen werden überhaupt nicht genannt, und darum liegt es mindestens ebenso nahe, wenn nicht näher, die Feinde innerhalb Israels zu suchen. Drittens ist jene Anschauung unmöglich, weil die Heiden ja erst in Zukunft sehen werden, was ihnen nie erzählt ward, und wahrnehmen werden, was sie nie gehört haben. Die Redenden staunen jetzt schon, aber die Heiden werden erst in Zukunft staunen, und darum können beide nicht identisch sein.

Eine andere Gruppe von Forschern sieht in dem Ebed eine historische Persönlichkeit und sucht sie mit einem der uns bekannten Propheten zu identifizieren. Aber erstens erklärt auch diese Auffassung die stilistischen Rätsel nicht. Ich verweise besonders auf das völlig farblose Bild vom Leben des Ebed und auf die allgemeinen und unklaren Andeutungen seines Leidens und Sterbens.

Wenn wir ein historisches Ereignis vor uns hätten, so müßte alles genau geschildert werden: An welcher Krankheit der Betreffende litt, warum man ihn verfolgte, auf welche Weise und wo er starb

, wer seine Gegner waren u. s. w. Man vergegenwärtige sich z. B., ob wohl jemals der Tod des Sokrates in dieser geheimnisvollen Weise geschildert werden konnte.

Dies Suchen nach einer historischen Persönlichkeit verkennt den Mysteriencharakter des Kapitels. Zweitens: Hätte unser Verfasser einen bestimmten Menschen im Auge gehabt, an dem man damals so wunderbare Dinge zu erleben glaubte, so hätte er uns den Namen gewiß nicht verschwiegen. Denn so etwas kommt

zu

doch nicht alle Tage vor, und die Leute waren schon damals auf einen unsterblichen Namen so erpicht wie heute. Drittens ist es undenkbar, daß ein Mensch, der von Leiden und Krankheiten entstellt war, zugleich als Frevler mißhandelt wurde. Und wenn er existiert hätte, so hätte man sicherlich kein großes Geheimnis hinter seinem Tode gesucht und ihn hinterher schwerlich einem unschuldigen Märtyrer gestempelt. Und was besonders auffällig wäre, wie sollte man seine Auferstehung und Verherrlichung erwartet und seinem Leiden stellvertretenden Sühnecharakter zugeschrieben haben?

Da der Ebed mit Israel nicht identisch ist, da er ferner eine historische Persönlichkeit nicht gewesen sein kann und doch als ein Individuum aufgefaßt werden muß, so bleibt nichts Anderes übrig, als ihn für eine mythische Gestalt zu erklären (GUNKEL). Der ursprünglich mythische Charakter des Ebed schimmert noch deutlich durch in der Tatsache der Auferstehung, die in unserem jetzigen Text zwar nicht erzählt, aber doch notwendig vorausgesetzt ist. Einstmals ist sie gewiß erzählt worden. Denn um die aufgezählten stilistischen Rätsel zu erklären, müssen wir annehmen, daß Deuterojesaja die Gestalt des Ebed Jahve nicht geschaffen haben kann, sondern einer damals vorhandenen Tradition entlehnt haben muß. Der Verfasser hat den Stoff aus einer mündlichen oder schriftlichen Überlieferung geschöpft, hat ihn aber in seiner eigenen Sprache dargestellt, da uns in dieser Hinsicht nichts zwingt, einen fremden Autor zu vermuten. Die übernommene Figur muß bereits in der Vorlage den Titel Ebed (Jahve?) geführt haben, weil die Entstehung dieses Namens für uns undurchsichtig ist. Außerdem wird bereits die Vorlage denselben fragmentarischen Charakter getragen haben, der eine Eigentümlichkeit der deuterojesajanischen Ebedfigur ist. Denn hätte unser Autor einen Zusammenhang noch vorgefunden, so würde er ihn schwerlich so zerrissen haben, wie es jetzt der Fall ist.

Wir können aber noch einen Schritt mit Sicherheit tun, um die Quelle näher zu bezeichnen, aus der Deuterojesaja geschöpft haben muß, wenn wir auf die Situation achten, die c. 53 voraussetzt. Fragen wir ganz konkret: Ist der Ebed tot zu der Zeit, wo Deuterojesaja schreibt? so werden wir darauf mit Nein antworten müssen. Denn es wird durch keinen Zug angedeutet, daß die Gegenwart des Verfassers mitten hineinfällt zwischen den Tod und die Verherrlichung des Ebed. Wir können uns das an dem Beispiel der Apokalypse Johannes klar machen. Wer wollte daran zweifeln, daß der Autor lebt, nachdem der Christus gestorben und auferstanden und bevor seine Parusie gekommen ist? Diese Situation tritt dort überall zu Tage. Bei Deuterojesaja dagegen schließt sich die Verherrlichung des Ebed unmittelbar und ohne jede Zwischenstufe an sein Leiden und Sterben an. Das ist die charakteristische Situation des Kultliedes. Man stelle sich etwa, um sich das zu veranschaulichen, ein Mysterienlied im Attiskult vor. Da kann genau so wie hier bei Deuterojesaja geschildert werden, wie Attis gestorben und begraben ist, aber die Mysten wissen, er wird auferstehen und leben. Ein solches Lied kann zu jeder Zeit gesungen werden, und niemand wird auf den Gedanken verfallen, die Zeit des Sängers zwischen den Tod und die Auferstehung des Attis zu verlegen.

Noch schillernder als in Jes. c. 53 ist übrigens die Situation in c. 50, worauf schon GIESEBRECHT aufmerksam gemacht hat: » Bald hat man den Eindruck, als liege alles in der Vergangenheit, besonders in V.5 und 6, bald scheint, besonders im zweiten Teil, der Kampf sich vor dem Leser abzuspielen. Es ist klar, daß diese Darstellung auf lebhafter Vergegenwärtigung des Widerstandes beruht, der dem Knecht entgegentrat, ich möchte aber bezweifeln, daß eine solche, beinahe phantastische Vergegenwärtigung bei einer Einzelperson nahe lag, deren wirkliche nüchterne Erlebnisse sich hier, sei es in ihrem eigenen, sei es in ihrer Verehrer Gedächtnis wiederspiegelten. Ganz« ebenso » liegt die Sache, wenn es sich um eine Personifikation handelt« (S. 51). Denn entweder ist Israel gerechtfertigt oder es ist nicht gerechtfertigt, entweder leidet es noch oder es leidet nicht mehr. Tertium non datur. Wenn nun hier doch Beides neben einander ausgesagt wird und so ein »auf lebhafter Vergegenwärtigung« beruhendes eigentümliches Schillern entsteht, so ist das nur zu erklären durch die Annahme eines Kultliedes.

Jesaja c. 53 geht also zurück auf ein aus den Mysterien stammendes Kultlied, das am Todestage des Gottes

von den Mysten gesungen wurde. Denn die Klage waltet durchaus vor, während die Verherrlichung nur leise hineinklingt. So versteht man ferner die verschiedene Nüanzierung, daß die Redenden dieses Kapitels zu Anfang als die Eingeweihten, dann aber als die noch nicht Eingeweihten gelten. Zum Kultus und zum Kultliede gehört eben die lebhafte Vergegenwärtigung; es scheint, als spiele sich alles vor den Augen des Mysten ab, während es doch in Wirklichkeit längst geschehen ist oder höchstens in effigie wiederholt wird.

Fragt man nun weiter, was Deuterojesaja sich denn bei dieser Gestalt des Ebed Jahve gedacht habe, so läßt sich keine sichere Antwort darauf geben. Es scheint aber, als habe er ihn, wie namentlich aus den Zügen seiner Verherrlichung hervorgeht, für eine eschatologische Gestalt gehalten: Einen solchen Ebed, wie er hier geschildert ist, wird Jahve uns, den Israeliten, schenken, damit er sein Volk wiederherstelle und sein Licht bis ans Ende der Erde verbreite! Wir werden den Gottesknecht nicht grade einen Messias nennen dürfen, weil er kein Davidide ist und nicht ausschließlich als König aufgefaßt wird. Da aber, wie wir gesehen haben (vgl. o. S. 285), die Figur des Messias sich in der älteren Zeit überhaupt noch nicht verdichtet und zu einer scharf umrissenen Persönlichkeit ausgebildet hat, so haben wir ein Recht, den Ebed Jahve für eine Parallelgestalt des Messias zu erklären 1.

1. Eine weitere Ausdeutung der Einzelheiten ist kaum erlaubt, da der Verfasser selbst sie als ein großes Mysterium hingestellt hat. Im Übrigen würden wir zu keinem Resultate kommen, auch wenn wir den Versuch einer genaueren Ausdeutung machen wollten. Und darum ist es prinzipiell richtig, von vorneherein darauf zu verzichten. Endlich interessiert uns gar nicht, was sich Deuterojesaja im Einzelnen gedacht haben mag, da seine Auffassung zum Verständnis dieses Kapitels nicht das Geringste beiträgt. Hier tritt einmal der allerdings seltene Fall ein, wo die Ansicht des Schriftstellers gleichgültig ist, der uns diese Verse überliefert hat. So wie das Lied heute lautet, bezieht es sich auf eine spezifisch israelitische Gestalt. Mehr kann man mit Sicherheit nicht sagen. Wenn man will, mag man auch fernerhin annehmen, Deuterojesaja habe in dem Leiden und der Verherrlichung des Ebed ein Vorbild für das Leiden und die Verherrlichung Israels gesehen. Gegen diese allgemeine Auslegung läßt sich nicht viel einwenden, da er ja auch sonst den Ebed mit Israel identifiziert hat, wie es scheint (493).

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