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wenn man leo wirklich fallen lassen mußte das konnte ja noch immer geschehen, aber man mußte sich doch sehr hüten, Henri nachzugeben, oder ihn gar merken zu lassen, wie wirklich entzüdend liebenswürdig er heute Morgen war.

So seufzte sie denn nur tief, während er eifrig ihre Hände küßte, und erklärte noch einmal, daß sie das unglücklichste Mädchen von der Welt sei, und daß fie in ein Kloster gehen wole, wo sie doch wenigstens ihrem Herzen und ihren Idealen leben könne.

Henri's Geduld war erschöpft, und überdies mußte er noch vor Tische zu feines Vaters Anwalt, von dem er Wichs tiges zu erfahren hoffte. Er machte noch einen lebten Vers such, indem er sich neben der Causeuse auf die Kniee niederließ und Emma umfaßte; als diese ihn aber von sich stieß, sprang er auf und rief:

Nun wohl! Du willst die Närrin spielen! thu's; aber verlange weiter nicht, daß wir Dich schonen, wie bisher. Er kommt nicht wieder in dieses Haus, das schwöre ich Dir; ich kann Dir vielleicht die Erlaubniß verschaffen, ihm im Gefängnisse Deine Aufwartung zu machen.

Emma hatte sich ebenfalls erhoben. Sollte sie dem Scheltenden um den Hals fallen, nachdem sie den Liebkosenden von sich gestoßen? Einen Augenblid hatte sie nicht übel Lust dazu; aber sie besann sich noch zur rechten Zeit und antwortete schnippisch. Ein heftiger Wortwechsel folgte, der, wie schon mancher vorangegangene, damit endete, daß Emma in Thränen ausbrach und Henri voller Zorn das Zimmer verließ.

Emma war nun wirklich in Aufregung gerathen. Henri hatte ihr zu harte Dinge gesagt! Wie sollte sie sich rächen? follte sie sich von leo entführen lassen? sollte sie ihn im Gefängnisse besuchen! die Geliebte eines politischen Vers brechers! das war etwas Neues und würde Henri außer sich bringen. Das Wenigste war, daß fie an Leo íchrieb sie war ganz in der Stimmung! warum machte man sie unglücklich, während die Sonne so hell durch die hohen Fenster in die Zimmer schien und die Goldfische so lustig durch das Wasser fuhren, und ihr Canarienvogel so laut ichmetterte, und draußen die Equipagen rollten!

Und Emma sekte sich und schrieb zwischen den Nippess figuren, Obelisken en miniature und den anderen Spielereien, mit denen ihr Schreibtisch ausgestattet war, an Leo, daß ste unglüdlich sei.

Hotundfünfzigftes Capitel.

Charlotte war von Herrn von Sonnenstein nach Leo's Wohnung, von dort zu ihres Bruders Anwalt gefahren.

Sie hatte Niemand zu Hause getroffen, oder vielleicht: war nirgends angenommen worden. Aber sie empfand nichts von persönlicher Kränkung; fie dachte nur an ihren Bruder, wie schlimm seine Sache mohl stehen müsse, daß man mit feiner Schwester nicht mehr zu sprechen wagte.

Als sie zurück kam, fand fie Doctor Paulus schon vor. Er kam ihr entgegen und führte sie nach dem Sopha. Charlotte fühlte sich sehr angegriffen; sie konnte für des Freundes Aufmerksamkeit nur durch einen schwachen Drud der Þand danken.

Ich entschuldige mein Hiersein nicht, sagte Doctor Paulus, fich zu ihr auf das Sopha seßend: in gewiffen Stunden ist es kindisch, mit einander Bersteđens zu spielen, und so ges stehe ich offen, daß mich und uns Ade die Erklärung Ihres Herrn Bruders in Verbindung mit seiner plößlichen Abreise mit großer Sorge erfüllt. Vielleicht bin ich im Stande, Ihnen so oder so von Nußen zu sein, und daß Sie über mich verfügen können, brauche ich wohl nicht zu versichern.

Charlotte nidte dem bewährten Freunde traurig lächelnd zu, und Doctor Baulus fuhr fort: Ich vermuthe, daß Sie ausgewesen sind, um Erkundigungen einzuziehen, Aufkläruns gen zu erhalten. Haben Sie mehr, als Sie bereits wußten, erfahren?

Man hat mich nirgends angenommen, sagte Charlotte.

Sie waren bei Herrn von Sonnenstein, denke ich, und bei dem Rechtsanwalt Ihres Herrn Bruders?

Ja, und bei Leo ich meine bei Herrn Doctor Guts mann; ich habe Grund, anzunehmen, daß er meinem Bruder den unseligen Rath gegeben hat, und Charlotte erzählte dem Freunde ausführlich von Leo's eifrigem Verkehr mit dem Freiherrn und wie er erst noch gestern kurz vor der Abreise desselben über, eine Stunde dagewesen sei.

Sie sagen mir da wenig, was ich nicht schon wüßte, erwiederte der Doctor: Walter und ich haben mit schmerzlicher Theilnahme diesen immer mehr wachsenden Einfluß Leo's auf Ihren Herrn Bruder verfolgt; ja, ich kann Ihnen noch mehr sagen: jene Erklärung ist aller Wahrscheinlichkeit nach Wort für Wort von Leo abgefaßt: es sind seine Ges danken in der knappsten, energischsten Form, die ihm so wunderbar zu Gebote steht. Ich zweifle keinen Augenblic, daß er seine ganze Ueberredungskunst aufgeboten hat, den Freiherrn zu diesem Schritte zu drängen.

Aber mein Gott, welches Interesse hat er denn daran? rief Charlotte in schmerzlicher Erregung.

Ein sehr großes, ermiederte Paulus, es ist ihm ießt Ades daran gelegen, die liberale Partei zu demüthigen, unter die Füße zu treten. Zu diesem Zweck nimmt er die Bundesgenossen, wo er sie bekommen kann. Der Freiherr ist ihm nur ein Repräsentant unseres alten Adels, den er so mit in den Kampf zu ziehen sucht, und wäre es auch nur scheinbar. Man stußt, man fragt, man gloffirt, man erwägt das nahe Verhältniß des Freiherrn zu Herrn von Sonnenstein, und der Refrain ist: Ja, ja, die bösen liberalen! Das ist der einzige Swed, den leo im Auge gehabt hat, und diesen Zwed wird er erreichen.

Und darum darum wird er zum Verräther an dem Manne, dessen Schulb es nicht ist, wenn er dem verwaisten Knaben nicht ein zweiter Vater wurde!

Paulus zudte die Achseln. Er erkennt nur Eine Tus gend an: seinem Principe zum Siege zu verhelfen, und nur Eine Schwäche: sich durch Nebenrücfichten aus seiner Bahn senken zu lassen. Er würde seinen besten Freund, er würde die Geliebte opfern, wenn er einer Sache damit zu nüßen glaubte. Aber wir wollten nicht von Leo (prechen.

Charlotte erröthete. Sie fühlte fehr wohl, daß der Doctor ihr Gelegenheit zu geben wünschte, in der Angelegenheit ihres Bruders seinen Rath, seinen Beistand, wenn es nöthig war, in Anspruch zu nehmen. Sie wußte auch, daß Niemand zu diesem Liebesdienst so bereit und so geschickt war, wie er

aber es war doch immer ein Dienst. Sie hatte in ihrem Leben so vielen geholfen jekt sollte sie fich zum erstenmal helfen lassen. Und mie fonnte sie über des Bruders Angelegenheit sprechen, ohne ihn direkt oder indirekt anzuklagen? Sie glaubte vor einer Stunde auf Alles gefaßt zu sein - auf die Vorwürfe des Schwagers, auf die Insolenz des Anwalts, auf Leo's kalte Zurüdweisung

auf diese Demüthigung war sie nicht gefaßt gewesen. Sie kannte nur Einen Menschen, dem sie dieses leßte, dieses schwerste Opfer gebracht hätte – und der war fern.

Wie steht es mit Walter? fragte sie nach einer langen Pause mit leiser, unsicherer Stimme.

Der Doctor hatte von Charlotten's Gesicht die geheimsten Kegungen ihrer Seele gelesen. Er sah, daß es vergeblich sein würde, jeßt weiter in fte zu bringen, und antwortete, als ob er gerade diese Frage erwartet hätte:

Man hat den Termin auf heute über acht Tage festgefeßt. Er wird sich selbst vertheidigen und ich billige das. Er wird den Richtern sagen und beweisen, daß sie in diesem Falle gar nicht competent sind; daß die Frage, um die es fich handelt, vor ein ästhetisches, und nicht vor ein juridisches Forum gehört. Seine Rede ist in jeder Hinsicht vortrefflich, auch wird sein Advocat – wie Sie wissen, einer unserer

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vorzüglichsten Juristen thun, was er fann. Dennoch find wir vollkommen darauf gefaßt, daß er verurtheilt wird. Er hat die Dunkelmänner, feinen gleißnerischen Director Moriß und den einflußreichen Urban an der Spise, zu tief beleidigt, und die Corruption unserer Richter tennt schon längst feine Scham mehr.

Hier wurde die Unterredung durch Miß Jones unter's brochen, die, von Amélie gefolgt, in das Zimmer trat.

Miß Jones war in größter Aufregung. Amélie hatte ihr gestern Abend noch die Nachricht von der Abreise des Baters gebracht, und heute Morgen hatte sie die Erklärung des Freiherrn in der Zeitung gefunden; auch ste hatte sos gleich geschlossen, daß leo der Verfasser derselben sei: Ich weiß, was Styl ist, rief fe, ich!

Nun hatte fie sich verpflichtet gefühlt, Leo zur Rede zu stellen, wie er dem Freiherrn einen solchen Rath habe geben können. Sie hatte durch ihn den Freiherrn womöglich zu einem Widerruf, oder doch wenigstens zu einer Milderung bewegen wollen, denn der Ausfall gegen Sonnenstein sei doch zu grausam. Leo war nicht zu Hause gewesen; aber Miß Fones war ihm auf der Straße begegnet, als er eben in einen Wagen steigen wollte. Sie hatte ihm in's Gesicht ges sagt, daß er die Erklärung verfaßt habe, und er hatte es nicht geleugnet. Aber, mein Gott! rief ich, wie fonnten Sie das, da Sie wissen, daß dies das Signal zu einer Familienfehbe sein würde, wie sie die Montagues und Capulets nicht schlimmer unter fich geführt haben! Und was antwortete er mir? Madame, die Proletarier Berona's werden sich, Alles in Adem, bei dem Streit der beiden edlen Häuser nicht schlechter befunden haben; und Sie wissen, daß ich auf Seiten der Proletarier stehe. Damit machte er mir eine ironische Verbeugung und ließ mich auf dem Trottoir mich, die ich ihn gekannt habe, als er, wie ein schwarzbraunes Zigeunerkind, in den Gassen von Feldheim umhers schlich und davonlief, wenn sich ihm ein Mensch näherte;

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