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daß die Eristenz desselben in Frage gestellt schien, wenn die Religion verfiel. Heutzutage sind diese Nationalreligionen großentheils überwunden durdj das Christenthum und den Islam. Nur in Ostasien, in Ostindien, China und Japan stößt die Mission unsrer Tage nod) auf solche heidnische Nationalreligionen. Der Monotheismus der Urreligion ist mehr oder weniger zurückgedrängt durch das selbstständige Denken und Dichten der Völfer. Aber die Götter, welche verehrt werden, sind nicht sowohl böje Wesen, die durch Zauberei überwältigt werden müssen, sondern gute Götter, Lidhtwesen, die der Mensch durch Opfer sich günstig stimmt.(?) Die Zauberei spielt zwar auch in die Religionen der Sulturvölfer herein, und das Opfer hat bei den unfultivirteit ebenfalls seine Stelle, aber der vorherrschende Charakter der Religionen ist doch hiemit bezeichnet. In den Nationalreligionen bildet sich gewöhnlich eine stehende Mythologie aus. Die Symbolif hat hier ihre Stätte, und der Briesterstand ist häufig an ein bcjonderes Geschlecht gebunden.

Wir werden jagen müsjen: es war das Kindesalter der Mensch heit, in welcher diese Symbolik ihre Stelle hatte, denn nicht nur im Heidenthum , auch in der geoffenbarten Religion finden wir eine Nationalreligion mit ihrer Symbolit. Das Volt 3srael hat seine Opfer, jein erbliches Priesterthum und in Symbolen seine tiefsten religiösen Gedanken ausgesprochen.

Was die ostindische Nationalreligion betrifft, so hat dieselbe mannigfache Wandlungen durchgemacht, von dem heiteren Naturdienst der Veda-Lieder, durch brahmanische Priesterherrschaft, durch dumpfe Ajcese, durch einen alle Thatfraft lähmenden Pantheismus und durch buddhistische Opposition beeinflußt, bis sie in unsern Tagen einem großen Trümmerhaufen gleicht, mit Resten aus den veridhiedensten Jahrhunderten, die hauptfächlich durch das Nastensystem und die Autorität der Bricster zujammentgehalten werden. Die Götter sind keine starfen Wesen, der Mensch kann sie durdh seine Ajcese überwinden; um so mehr werden die Götter der Erde, die Vrahmanen und die frommen Süßer gefeiert. Wir rechnen den Brahmanismus zu den Nationalreligionen, denn er hat den Charafter der Ausiließung andrer Nationen. Aber wir beinerfeit hier die Eigcuthümliditeit, daß nicht die Sprache die Nationalität macht, jondern die Religion. Man kann nicht wohl von ciner bengalijchen, tamulischen, malabarijden z. Nationalität redent, obgleich dieje Stämme verschiedene Sprachen reden, denn sie sind in ihren Weien zu gleidjartig. Es findet sich vielmehr derselbe nationale Typus durch ganz Vorderindien und er beruht hauptsächlich auf dem Rastensystem. Dieses ist weit fester eingewurzelt als die indischen Götter. Vom Himalaya bis zum Kap hos morin sind die Brahmanen die herrschende Kaste, vor welcher auch die dem Dämonendienst ergebenen Urbewohner ausweichen müssen; überall ist das Sanskrit die heilige Sprache; die Vedas, die Gesetbücher, die Heldengedichte und die Puranas sind allenthalben als die heilige und nationale Literatur anerkannt. Wir sehen auch in Indien dieselbe Erscheinung wie im alten römischen Reich, daß das Christenthum von den niederen Stän den zuerst angenommen wird, und so von unten herauf ein neuer Sauer: teig, eine neue Kultur, in das Volk eindringt. Selbst diejenigen Mij sionsgesellschaften, welche die Raste im Christenthnm dulden (die katholijden und die Leipziger), haben ihre Bekehrten vorzugsweise in den niederen Kasten. Die Hauptschwierigkeit für das Christenthum liegt also auch bei dieser absterbenden Nationalreligion in der socialen Umgestaltung dieser großen Nation. So lange das Kastensystem fortdauert, kann Indien nicht vom Geset zum Evangelium, zur christlichen Freiheit geführt werden. Wenn dagegen die Macht der Raste gebrochen ist, stehen der Mission keine großen Schwierigkeiten mehr entgegen.

Eine ganz andere Art von Nationalreligion als in Ostindien tritt uns in den bis auf unsere Zeit so sehr gegen außen abgeschlossenen Lån dern China und Japan entgegen. Kann man in Indien sagen, die Politik geht in der Religion auf, durch die Religion werde die Nation gebildet und zusammengehalten, so ist in China und Japan umgekehrt das politische Interesse das vorwiegende, und die Religion ganz dem Staat untergeordnet. Zwar sind diese beiden Reiche von Buddhismus stark in ficirt, China zum Theil auch vom Tauismus, der Religion des Lao-tje, aber sie haben ihre nationale Religion dabei nicht aufgegeben, wenn nicht die gegenwärtige Krisis in Japan dieselbe etwa auflöst.

Es ist ein Aberglaube der Gelehrten, dem auch manche alttestament liche Theologen huldigen, daß jedes Kulturvolk seine Mythologie habe, folglich müsse das hebräische auch eine gehabt haben. Beim chinesischen Volf fönnen wir mit dem besten Willen keine Mythologie aufweisen, denn die Begriffe Yin und Yang sind keine mythologischen Bersonen. Das Volt ist offenbar zu prosaisch für eine Mythendichtung. Es ist überhaupt schwierig, die chinesische Religion darzustellen, denn in den chinesischen Klass sitern, den Werken des Confucius und Mencius sucht man vergeblich nach Aufschlüffen über die Religion. Confucius ist Moralphilosoph, aber fein Religionsstifter. Er hat den Ahnen- und Geisterdienst als die eigent

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liche Volksreligion vorgefunden und stehen lassen. Dieser Ahnen- und Geisterdienst stammt ohne Zweifel aus dem asiatischen Shamanismus und ist nur in China etwas systematisirt und von manchen gröberen Formen gereinigt worden. Das Todtenreich wird ganz analog dem chinesischen Staat organisirt gedacht. In dasselbe treten die verstorbenen Ahnen ein, und es ist Pflicht der Kinder und der Familienglieder, dafür zu sorgen, daß sie nicht als Bettler herumwandern und die Leute plagen müssen, sondern eine gute Stellung bekommen. Deßhalb werden den Verstorbenen Kleider verbrannt, die in der andern Welt ihre Blöße decken sollen, und Goldpapier und Papiermünzen, durch welche sie bereichert werden, denn das Goldpapier gilt für wirkliches Geld in der andern Welt. Die günstige Lage des Grabe zu finden und alles wegzudecretiren, was den guten Luftstrom nach dem Grab aufhalten könnte, ist Sache der Geomanten, welche die Stelle der schamanischen Zauberer vertreten und das Volk quälen mit ihrer räthselhaften Wissenschaft. Neben diesem Ahnen- und Geisterdienst findet sich der Begriff des Himmels in der chinesischen Religion, ohne Zweifel auch hier ein Rest von der Urreligion und nicht mehr so in die Ferne gerückt, wie in den Negerreligionen, sondern aufgenommen in das System des Confucius, so daß in der ganzen Organisation die himmlische und die irdische (chinesische) Welt correspondirt, und die gestörte Harmonie durch den Kaiser immer wieder hergestellt werden muß. Die Staatsbeamten sind zugleich Priester der chinesischen Nationalreligion. So ist auch hier kein erbliches Priestergeschlecht, und dennoch ein sehr nationales, denn die berühmten Gramina eröffnen den Weg zu allen Würden. Die Abschließung des Staats von andern Ländern bringt auch die religiöse Abschließung mit sich. Während in Indien der Staat in den Dienst der Religion gestellt wird, ist in China das Verhältniß umgekehrt: die Religion steht im Dienste des Staates und der Familie. Darin haben auch die 2 neben der Staatsreligion verbreiteten Religionen, der Taui 8 mu8 und der Buddhismu8, nichts geändert. Sie haben die Armuth der Chinesen an religiösen Begriffen einigermaßen erseßt, aber obgleich der Buddhismus Indien und nicht China als das Land der Mitte bezeichnet, hat er sich doch so weit anbequemt an die Art und Weise der Chinesen, daß man bei Laien nicht immer unterscheiden kann, welche Buddhisten, welche Tauisten, und welche Anhänger der Staatsreligion seien. Die verschiedenen Tempel fönnen von derselben Person besucht, und die Priester der verschiedenen Religionen von derselben Person zu irgend einem Akt als religiöse Berather beigezogen werden.

Die evangelische Mission in China stößt nicht gerade auf ein: Feindschaft gegen das Christenthum als soldes ; der Haß gilt mehr den Fremden in politischer Beziehung und gestaltet sich verschieden, je nachdem man es mit einer höheren oder einer niederen Volfsschichte zu thun hai. Im Ganzen fann man nicht flagen über geringen Erfolg im Verhältnis zur Arbeitszeit. Doch ist derselbe, wie in Indien, mehr unter den nie deren Ständen zu finden. Ueberdieß hat die katholische Mission cina bedeutenden Vorsprung vor der evangelijden.

31 Japan findet sich ein ähnlidier Mischmasch von Religionen mi: in China. In dem nationalen Sin tuismus scheint auch die Furt: vor den Todten und die Verehrung ihres Andenfens die Hauptsache zi sein (Mijl.-Mag. 1876 S. 32. Daneben ist der Buddhismus und der Confucianismus eingedrungen. In neuester Zeit aber bereitet sich mit dem politischen ein religiöjer Umschwung vor, dessen Ergebnis wir ah warten müssen, ehe wir sagen fönnen, ob das Christenthum oder ein: neue Vernunftreligion, die wie der Buddhismus ein Stück Aberglaube nach dem andern aufnehinen würde, den Sieg gewinnt.

b. Die Universalreligionen. Wir sind gewohnt den Ausdruck „Universalreligion" nur für das Christenthum zu gebrauchen, und wir glauben allerdings, daß dieses alleia schließlich die ganze Welt erobern wird, aber es gibt noch eine vordrijt liche Religion, den Buddhismus, und eine nachdristliche, den 38 1 am, welche ebenfalls die Eroberung der Welt sich zum Ziel setzen und bij jeßt schon die nationalen Schranken überschritten haben, so daß sich viele Völfer zu ihnen bekennen.

Wenn wir den Uebergang vom Alten zum Neuen Test., von den äußeren Symbolen und den blutigen Opfern zu einer geistigeren Form der Religion, von dem Priesterthum einer bevorrechteten Familie zu den allgemeinen Priesterthum, von der Nationalreligion zur Universalreligior beobachten, und vergleichen damit die Entwidlung der heidnischen Reli gionen im Lauf der Jahrhunderte, so werden wir finden, daß das, was nadh Gottes Ordnung der Uebergang von Alten Test. zum Neuen war, in der ganzen Entwidlung der Mensdheit begründet ist. Die Nationalreligione ni, jowohl die wahre als die falschen, waren für die Zustände der Völfer in ihrer Rindheit passend: den Kindern muß man Bilder vorstellen um Gedanken in ihnen zu erweden. Die Erwachsenen da gegen wollen unmittelbar das Wesen der Dinge selbst erkennen und aus

sprechen; so wollen die Universalreligionen das, was verschiedene Völker unter verschiedenen Bildern sich vorgestellt, als die eine allgemeine Wahrheit ohne Bild aussprechen, als das Vollkommenere, was die bisherigen Religionen erseten muß. Die Stifter der Universalreligionen sind historische Perionen. Die Vorrechte eines Priester geschlechts sind hier abgethan, die blutigen Opfer abgeschafft, die nationalen Schranken gefallen, wenn auch die nationale Eigenthümlichkeit des Volfes, zu welchem der Religionsstifter gehörte, mehr oder weniger im ganzen Gebiet der betreffenden Religion durchschimmert.

Der Buddhismus unterscheidet sich schon bei seiner Entstehung dadurch vom Brahmanismus, daß Buddha nicht nur sich selbst, sondern die ganze Welt erlösen will. Er bricht na mentlich gleich Anfangs mit dem indischen Rastensystem, also mit der nationalen Eigenthümlichkeit, durch welche sich dieses Volk von andern Bölfern absonderte. W uns allerdings faum denken fönnen, daß Sakya muni andere Länder außer Indien überhaupt gekannt habe. Die buddhistische Geographie weiß nur von dem Dreieck, der Halbinsel von Vorderindien, und phantasirt dazu noch 3 andere Erdtheile nach andern mathematischen Grundformen. Aber es lag doch ein universalistischer Zug in dem Streben nach Welterlösung durch den Buddha. Unter König Afôka gingen Missionare des Buddhismus nach allen Himmelsrichtungen aus, und die Botschaft des chinesischen Kaisers Ming-ti im 3. 61 n. Chr. erinnert an den Besuch der Weisen aus Morgenland beim Jesusfind. Aber erst durch die Vertreibung aus seinem Heimatland Vorder-Indien wurde der Buddhismus seines Berufs als Universalreligion mehr bewußt. Auch die ostasiatischen Völker waren über die Zeit der blutigen Opfer und der Symbole fortgeschritten und für eine geistigere Auffassung der Religion, für eine reinere Darstellung der Moral empfänglich. Es ist merkwürdig, daß gerade in den ersten Jahrhunderten unjrer Zeitrechnung, während das Christenthum nach Westen vordringt, der Buddhismus im Osten seine Eroberungen macht, auch nicht mit dem Schwert, sondern friedlich. Es muß einen Christen mit Wehmuth erfüllen, daß diese Völker damals nicht zur wahren Erlösung geführt wurden, sondern zum Evangelium des Buddha, das sie nur verschlossener machte gegen das Christenthum.

Die buddhistische Weltanschauung fühlt sich erhaben über das Christenthum. Sie entspricht auch weit mehr unsrer modernen Aufklärung als dem positiven Christenthun. Unzählige Welten eristiren neben einander und nach einander, so daß man nach dem Anfang und dem Ende

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