Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

12

Ältere babylonische Kunst.

UO. VII, 2

welche der fünstlerischen freien Auffassung keinen Spielraum läßt, während in der Kunst wie auf allen andern Gebieten alles in feste Regeln geschnürt ist, die für alles das richtige vorschreiben und damit jeder freien geistigen Betätigung von vornherein einen Riegel vorschieben, so herrscht hier in Auffassung und Darstellung eine Freiheit, die noch einen lebenskräftigen, entwicklungsfähigen Geist verrät.

Es ist auffällig, wie dieje fünstlerische Auffassung, die uns im Orient später nicht mehr begegnet und die uns hier an der Spike

[graphic]

Abb. 2. Bruchstüd eines silbernen Bechers aus einem mytenischen Grabe.

(Nach Perrot-Chipier, histoire de l'art.)

einer Entwicklung entgegentritt, eine innere Verwandtschaft zeigt mit Erzeugnissen, welche der ältesten Zeit angehören, deren Kulturerzeugnisse bis jeßt der Boden des klajsischen Landes der freien Kunst wieder hergegeben hat. Man vergleiche die Darstellung bei Naram-Sin (Abb. 1) mit der der Belagerung einer Stadt, wie sie sich auf dem Bruchstücke eines silbernen Bechers aus einem mykenischen Grabe (Abb. 2) findet. Es ist wohl ausgeschlossen, hier an zeitliche Berührungen zu denfen. Das mykenische Stück wird faum in so hohes Alter hinaufgesezt werden dürfen, aber die innere geistige Verwandtschaft

AD. VII, 2

Die phönizischen Häfen um 3000 v. Chr.

13

ist zweifellos vorhanden und man muß die Erzeugnisse der späteren orientalischen Kunst dagegen halten, wenn man sich ganz klar machen will, daß damals der Orient auf Wegen war, die er später verlassen hat, daß die Zeit seiner Blüte und Lebenskraft die jenes uns noch so märchenhaft erscheinenden Altertums gewesen ist.

Eine gleiche Machtstellung, wie sie unter diesen beiden Herrichern bezeugt ist, hat kein Staat des Euphratlandes in der alten Zeit wieder erreicht, besonders über das Meer hinüber haben auch die mächtigsten Assyrerkönige der späteren Zeit nicht gegriffen. Man kann sich nicht oft genug wiederholen, daß man seine Vorstellungen über den Entwicklungsgang der Dinge in jenen Zeiten nicht von den Zufälligkeiten abhängig machen darf, welche bis jeßt uns nur vereinzelte Brocken der Überlieferung in die Hände gespielt haben. Es ist auch vieles geschehen, wovon dieser Zufall uns noch nichts verrät und diese einzelnen Brocken besißen eine sehr große Zeugniskraft und sprechen mehr als lange, schön ausgeschmückte Erzählungen mit kunstvoll stilisierten Keden der Helden.

Vor allem beweist das Unternehmen Sargons eins: damals müssen bereits an der phönizischen Küste die Hafenstädte bestanden haben, welche später als die phönizischen berühmt geworden sind, denn nur von hier aus und mit deren Hilfe konnte man über das Meer fahren. Wir wissen zwar aus den Inschriften dieser Zeit, daß Babylonien damals noch nicht wie später vom Persischen Meere abgeschnitten war und noch selbst die Schiffahrt dort betrieb, aber dann ist das gleiche auch für den Westen anzunehmen. Mag Sargon seine Schiffe erst gebaut oder dort vorhandene benußt haben: der Seeverkehr mußte die Bahnen vorgezeichnet haben, denen der Eroberer folgte. In einer Inschrift der Zeit (Sargons oder seines Sohnes) haben wir die Angabe, daß die „Könige der Meeresküste“ aus 32 Städten dem betreffenden Könige gehorchten. Das können nur die der späteren Phönizierstädte sein.

Der nächste Zeitabschnitt der babylonischen Geschichte ist der der ersten Dynastie von Babylon, der um ungefähr ein halbes Jahrtausend später liegt, als das Reich Sargons und Naram-Sins. Wie die Euphratländer eine neue Bevölkerung in dieser Zeit haben, welche gleichartig ist mit der später in Phönizien und Kanaan ansässigen, so wird man anzunehmen haben, daß bereits damals Bestandteile dieser selben Völkerwanderung, welche Vorderasien über

14

Die zweite femitische Wanderung und das Mittelmeer. AD. VII, 2

schwemmte, auch bis über das Meer getragen wurden – gedrängt von nachschiebenden Massen und Bege verfolgend, welche dem Verkehr durchaus nicht unbekannt waren. Damals müssen bereits die ersten Bestandteile dieser semitischen Bevölkerung in diejenigen S gedrungen sein, welche später als „phönizische Kolonien“ erscheinen.

Eine Überlieferung über dieses Hinübergreifen des Orients nach dem „Westen“ haben wir nicht, sie ist auch kaum je zu erwarten. Denn eine Überlieferung ist immer an höher entwickelte Kulturund Staatsformen gebunden, wie es die von Sargons von Agade Reich waren. Das ursprüngliche Volfsleben, das in einer Völkerwanderung seine Kraft betätigt, empfindet noch nicht das Verlangen, seine Taten der Nachwelt zu überliefern. Vorstellen kann man sich das, was damals geschah, in seinen Grundzügen aber etwa nach der Analogie der Ausdehnung des Arabertums, das um mehr als zwei Jahrtausende später dieselben Länder in gleicher Weise überschwemmte und bis an die Küsten des Atlantischen Ozeans in Afrika und Spanien vordrang.

Man preist die Schlacht bei Tours und Poitiers als das Ereignis, welches Europa vor dem Islam und dem Arabertum bewahrt hat. Von den Völkern und Ereignissen, welche jener, wie man aus ihren Nachwirkungen annehmen muß, faum weniger mächtigen Völferwanderung aus dem Arabien des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. ihre Ziele jeßten, wird man nie erfahren.

Wie die Völkerströme vom Osten nach dem Westen, so haben sie sich umgekehrt vom Westen nach dem Osten ergossen. Auch Europa hat seine überschüssigen Menschenmassen in den Orient abgeschoben. Man ist jeßt darüber einig, daß die Völker, welche man als Indogermanen zu bezeichnen pflegt, ihre Heimat nicht in Asien, sondern in Europa hatten und in verhältnismäßig später Zeit kaum vor der Wende des 1. Jahrtausends v. Chr. nach Asien durch Rußland jüdwärts und von Westen nach Dsten über die Mittelmeerländer vordrangen. Der Islam stellt die legte semitische Völkerwanderung dar, ihr sind dann nur noch die ostasiatischen der Türken und Mongolen gefolgt, seitdem verharren die Völker in ihrer Seßhaftigkeit, welche andere Formen der Eroberung zur Folge hat. Als ein Mittelding zwischen beiden könnte der Rückstoß erscheinen, mit dem Europa, das damals seine neuen Kulturformen

1 Vgl. AD. I, 12 S. 13; II, 1o S. 11; II, 4S. 5—7; VI, 1 S. 17.

AD. VII, 2

Die „Seevölker“'; Philister.

zu entwickeln begann, also selbst auf einer Zwischenstufe stand, auf den Vorstoß des Islam antwortete: die Kreuzzüge.

Mit diesen zeigt eine Völkerwanderung des Altertums eine gewisse Ähnlichkeit, wenigstens insofern sie den Boden Vorderasiens oder doch wenigstens des bis jeßt geschichtlich besser bekannten Vorderasiens betroffen hat. Es ist eine Wanderung, welche ebenso als ein Rückstoß Europas gegen jene Ausdehnung der Semiten über die Mittelmeerküsten erscheinen fann. In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends machten sich Völkermassen im östlichen Mittelmeere bemerkbar, welche man gewöhnlich nach den ägyptischen Schilderungen als die „Seevölker“ zu bezeichnen pflegt, die genau dieselbe Rolle spielen wie wieder ein halbes Jahrtausend später die Griechen, die ersten Indogermanen, die man hier nachweisen kann. Diese „Seevölker“ haben Ägypten und Palästina bedroht, sie sind von Ägypten unter Merneptah im 12. Jahrhundert aus den asiatischen Ländern zurückgewiesen worden, das Becken des Mittelmeeres hat ihnen aber wohl unbeschränkt gehört; sie sind eben die Bevölkerung, welche dieses Gebiet damals beseßt hatte, bis dann die neuen indogermanischen Wanderungen, Griechen und Staliker, nachdrängten. Ein kleiner Teil von ihnen hat sich an der Küste Palästinas festgeseßt und einige Zeit behauptet – um dann genau wie die Kreuzfahrer in seinem Volkstum aufgesogen zu werden. Es waren die Pulusata, deren Name als Philister-Palästina am Lande haften geblieben ist; ihr Volkstum und ihre Sprache waren etwa im 8. Jahrhundert schon so ziemlich von der älteren und von ihnen unterworfenen Bevölkerung aufgesogen worden.

Mit dieser großen Wanderung stehen wohl auch die Völkerschübe in Zusammenhang, welche genau so wie die späteren indogermanischen, um diese Zeit sich über Kleinasien ergossen und bis nach Mejopotamien vordrangen?. Dort erscheinen sie meist als „Hethiter“, da das Chattiland und Kleinasien ihr erstes Eroberungsgebiet darstellen, in welchem sie zu Herren eines Kulturlandes wurden. Wir wissen zu wenig von ihnen, um ihr Volkstum, ihre Sprache festzustellen und mit denen des westlichen Europas zu vergleichen, von vornherein aber ist kaum eine andere Annahme möglich, als daß die westlichen Völker, die damals als Vorstufe vor den späteren Italikern den Westen beherrschten, mit ihnen zusammenhingen. Das bekannteste Volk von diesen sind die Tyrsener, die in

1 AD. I, 12 S. 24/25.

16

Etrusker, Scherdan, Lulti

AD. VII, 2

Italien als Etrusker noch in geschichtlicher Zeit fißen, und von denen wir genug wissen, um in ihnen das Kulturvolk zu sehen, welches vor den Italifern in Italien geherrscht und eine hohe Kultur entwickelt hat. Von ihnen haben die Römer namentlich in ihrem Kultwesen sehr viel herübergenommen.

Die Zeit, wo die Tyrsener sich im Mittelmeere, von den Westfüsten Kleinasiens bis nach Italien festseßten, ist für den Osten auch noch vorgriechisch, sie zeigt uns aber die „Seevölker“ in derselben Berührung mit dem Orient, in welcher später die Griechen mit ihm standen. Bereits um die Mitte des 2. Jahrtausends begegnen die zu ihnen gehörigen Scherdan1 als Söldner der Ägypter und Palästinensischen Staaten, im Ostbecken machen sich die Lufki, welche zweifellos Lybien den Namen gegeben haben, an der Südküste Kleinasiens und auf Cypern in einer Weise bemerkbar, wie später im 8. Jahrhundert die „Jauna“ (S. 24): als Seeräuber und Eroberer.

So steht der Osten und Westen des Mittelmeeres auch damals in denselben Beziehungen wie in der späteren geschichtlichen Zeit, und wenn später das Griechentum ein Zwischenglied zwischen dem Westen und dem Orient bildete, so müssen es damals die Tyrsener oder ihre Verwandten gewesen sein, gleichviel welchen Namen die einzelnen Völker trugen. Wo das unmittelbare geschichtliche Zeugnis fehlt, da sprechen oft die Kulturbeziehungen eine deutliche Sprache (S. 5). Wie das Geistesleben jener Völker sich gestaltete, und woher es seine Anregungen entnahm, das beweist alles, was wir von dem religiösen Wesen der Etrusker – worin sie wie gesagt die Lehrmeister der Römer waren

wissen. Es ist durch und durch orientalisch, babylonisch. Am längsten hat ihr Wissen sich in der Wahrsagekunst und Opferschau erhalten: das Abbild einer zu Wahrsagezwecken eingeteilten Schafleber aus der Zeit der ersten Dynastie von Babylon (Abb. 3) zeigt in seiner genauen Entsprechung mit etruskischen, woher die Wahrsagekunst des ältesten Kulturvolkes Italiens ihr Wissen genommen hat. Die Verwunderung, welche die Entdeckung von zahlreichen Tontafel-Urkunden in Buchstabenschrift auf Kreta in jüngster Zeit hervorgerufen hat, konnte nur der empfinden, welcher seinen Blick für die schon vorhandenen Zeugnisse alter Kulturbeziehungen verschlossen hatte und

1 Jn welchem Verhältnis sie zu Sardinien stehen, ob sie diesem oder dieses ihnen den Namen gegeben, ist noch unklar.

« ͹˹Թõ
 »