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hier nicht von der Hand des Evangelisten beigeschrieben worden.

Lucas 24, 51 steht: ,,Und es geschah, da er sie segnete, trat er ab von ihnen und fuhr auf gen Himmel." Die Worte ,,und fuhr auf gen Himmel" weisen sich auf Grund ältester Zeugnisse als unächt aus. Derselbe Lucas, allerdings ganz von den frühesten Traditionen, denen der Apostelzeit, abhängig, nicht von eigener Augenzeugenschaft, erzählt in der Apostelgeschichte ausführlich die vor den Augen der Jünger vollzogene Himmelfahrt. Aber es ist nicht gleichgiltig, dass kein einziges Evangelium (auch nicht das des Marcus) ein solches Ereigniss verzeichnet hat, wenn auch ein wunderbares Scheiden des Herrn von der Erde ein Postulat des christlichen Glaubens bleibt.2

Die kritische Verurtheilung hat ferner die umfängliche Stelle bei Marcus 16, 9-20 betroffen. Das sind zwölf inhaltsreiche Verse, die der Kirche und manchem edlen Christenherzen theuer geworden sind. Aber auch fromme Anhänglichkeit und gläubiges Vorurtheil gilt es der Forderung der

Nach dieser Seite einen Unterschied unter den vier Evangelisten zu machen, ist nichts weniger als moderne Willkür; denn schon Tertullian (im 2. Jahrh.) sprach denselben Unterschied in seiner Schrift gegen Marcion (4, 2) ganz entschieden aus:,,Denique nobis fidem ex apostolis Johannes et Marcus insinuant, ex apostolicis Lucas et Marcus instaurant."

2 Als ich zuerst mit der Entfernung dieser Stelle aus dem evangelischen Texte glaubte vorgehen zu müssen in meiner zweiten Leipziger Ausgabe vom Jahre 1849 erschien es mir als eine besondere Stütze dieses Vorgehens, dass auch der heilige Augustin in einem genauen und umfänglichen Citat der Lucasstelle die in Frage stehenden Worte nicht anerkannt hat. Es waren überhaupt bis dahin die Gegenzeugen dem altlateinischen Text angehörig, nur dass sich auch der griechisch-lateinische Cambridger Codex darunter befand. Als einziger und wichtigster rein-griechicher Zeuge trat aber 1859 der Codex Sinaiticus dazu.

Wissenschaft, dem Interesse der Wahrheit zum Opfer zu bringen. Dass die Stelle sehr alt ist, beweist die Benutzung derselben durch Irenäus in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der Mangel eines Schlusses von der Hand des Marcus musste sehr frühzeitig zu Ergänzungen veranlassen. Es liegen uns deren zwei vor, von denen die weniger bekannte durch einige alte griechische, lateinische, äthiopische Dokumente gestützt wird und die vorzugsweise üblich gewordene allerdings unter den griechischen Handschriften nur das Zeugniss unserer beiden ältesten, der Sinaitischen und Vatikanischen, gegen sich hat. Das Gewicht dieser beiden Gegenzeugen wird aber auch noch durch patristische Aussagen vom 4. Jahrhundert, namentlich die des Eusebius und des Hieronymus verstärkt, sowie selbst Ausdruck und Zusammenhang gegen die Aechtheit zeugen1.

Ich gehe zu einer Stelle über, die durch Vergleichung mit den Parallelen um ihren ursprünglichen Text gebracht worden ist, Matth. 19, 16 u. 17. In den Parallelen bei Marcus (10, 17. fg.) und Lucas (18, 18. fg.) steht übereinstimmend: ,,Guter Meister, was soll ich thun, dass ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was heissest du mich gut? Niemand ist gut denn Gott allein. Die Gebote kennst du:" Auch bei Matthäus hat nun derselbe Text, mit Ausnahme des letzten Stücks, die grösste Verbreitung gefunden; allein nach den ältesten Zeugnissen muss es vielmehr so heissen: ,,Meister, was soll ich Gutes thun, dass ich das ewige Leben erlange? Er aber sagte zu ihm: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist gut. Willst du aber zum Leben ein

1 Ich glaubte deshalb auch bereits in meiner ersten Edition vom Jahre 1840, gegen das Beispiel aller früheren Editionen, wenn schon Griesbachs Urtheil gegen die Aechtheit lautete, die ganze Stelle dem Marcus-Evangelium entziehen zu müssen. Den heftigen Angriff eines englischen Theologen gegen mein Verfahren hierbei kenne ich bis jetzt nur erst aus gelegentlicher Notiz von befreundeter Hand.

gehen, so halte die Gebote:" Eine andere Frage ist nun die, ob Matthäus oder die beiden anderen Evangelisten den Hergang der Sache getreuer aufgezeichnet haben; doch gehört diese Frage nicht hierher.

Aehnliche Ausgleichungen im Texte von Parallelstellen der Evangelien sind sehr zahlreich. Ich erinnere hier nur noch an diejenige Stelle bei Lucas, 11, 2-4, wo derselbe an den Text des ,,Vaterunsers" bei Matthäus (6, 9—13) anstreift. Aus diesem letzteren ist der Text bei Lucas von fremder Hand mehrfach vervollständigt worden, und nur aus einigen unserer ältesten Zeugen lässt sich der ursprüngliche Text des Lucas wiederherstellen. Aber auch bei Matthäus selbst sind die Schluss-Worte (6, 13): ,,denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen" nicht ächt, d. h. sie sind weder von Matthäus geschrieben noch vom Heilande gesprochen worden, so sehr sie auch durch den alten ehrwürdigen Brauch der Kirche geheiligt dastehen; sie stammen am wahrscheinlichsten vom ältesten gottesdienstlichen Gebrauch in der Gemeinde her, und bildeten gleichsam die Antwort der letztern auf den Vortrag des Herrngebets.

Nebenbei sei erwähnt dass es unberechtigt ist, im Vaterunser zu sagen: „,und vergib uns unsere Schuld", wie es besonders in Sachsen üblich geworden sein mag. Die Worte des Heilands lauten vielmehr nach dem griechischen Urtext und allen alten Uebersetzungen: „und vergib uns unsere Schulden". Selbst Luther hatte nicht das Recht hier zu ändern, sollte sich auch die Aenderung sinnig vertheidigen lassen. Aber Luther hat auch in der That nicht geändert. Er schrieb vielmehr: „,unsere Schulde", wie in allen seinen Ausgaben von 1522-1545 gedruckt steht. 1 Später wurde die Pluralform

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Vergleiche hierüber die Vorworte zu meiner,,nach den Originalausgaben" revidirten Ausgabe des deutschen Neuen Testaments von Dr. Martin Luther. 1855. Seite XVI.

,,Schulde" misverstanden, man setzte dafür,,Schuld", und so kam diese Aenderung ohne alle Autorität, ausser der des Misständnisses, in Gebrauch.

Apostelgeschichte 20, 28 steht: ,,Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der heilige Geist zu Bischöfen gesetzt hat, zu weiden die Gemeinde Gottes, welche er durch sein eigen Blut erworben hat." Der Zusatz vom „,eigenen Blute" lässt den Ausdruck,,Gemeinde Gottes" fremdartig erscheinen, wenn auch dergleichen dem dogmatischen Geschmack der frühesten Jahrhunderte entsprach, und statt dessen wird in der That auf Grund bedeutender dokumentlicher und patristischer Autoritäten, allerdings gegen Sinaiticus und Vaticanus, ,,Gemeinde des Herrn" zu setzen sein.

1 Timotheus 3, 16 schrieb der Apostel nicht, wie in der Luther'schen Bibel steht:,,Gott ist erschienen im Fleische", sondern,,welcher erschienen ist im Fleische." Es ist damit nicht etwa die göttliche Sohnschaft Christi in den Paulinischen Briefen in Zweifel gestellt, denn diese hat der Apostel oft genug, besonders im Colosserbrief, ins vollste klarste Licht gestellt; wol aber lässt sich diese Timotheus-Stelle nicht mehr dafür nützen, dass Paulus den Heiland geradezu ,,Gott" genannt habe.

Die letzte Stelle, die ich anführe, sei 1 Joh. 5, 7. Dort stehen die berühmten Worte: ,,denn drei sind die da zeugen im Himmel, der Vater, das Wort und der heilige Geist, und diese drei sind eins." Diese sämmtlichen Worte sind aber ohne allen Zweifel unächt. Nicht der eine und andere der ältesten Zeugen verurtheilen sie, sondern sämmtliche griechischen Handschriften und griechischen Väter des ganzen ersten Jahrtausends. Dazu kommen auch noch von lateinischer Seite die berühmtesten alten Kirchenväter, ein Tertullian, Ambrosius, Hilarius, Augustin, Hieronymus, nebst den beiden ältesten Vulgata-Handschriften und vielen anderen. Auch Dr. Luther hat die Stelle niemals in seine Bibel aufgenommen; nur einem

unglücklichen Irrthum vermeintlich lutherischer Pietät gehört es an, dass sie später darin Aufnahme fanden. Dass Luther am Glauben an die göttliche Trinität mit ganzem Herzen festgehalten, und dennoch nicht daran gegangen, gleich dem charakterlosen Erasmus, „,aufs Geschrei der Gegner" die schon damals berühmte Dreizeugen-Stelle in seine Bibel aufzunehmen, das hätte doch längst den unberufenen Eifer, der sich hierbei geltend gemacht, in die Schranken weisen sollen.

Die vorgebrachten Beispiele, die sich unter der Hand vermehrten, werden genügen um die Sache, um die sichs handelt, ins rechte Licht zu setzen. Freilich liegt die Misdeutung nahe, dass die Resultate der kritischen Wiederherstellung des ächten Schrifttextes ausschliesslich negativer Art seien. In der That springt ihr Character nach dieser Seite am meisten in die Augen. Aber der wichtigen Stellen noch weit mehr finden, im direkten Gegensatz dazu, ihre Bestätigung. Das, mein' ich, ist nicht minder in Anschlag zu bringen, wie schon vorher angedeutet worden, wenn es auch hier keine weitere Ausführung finden soll.

Zuletzt nur noch ein Wort, ein kurzes Wort darüber, ob die Kirche mit Recht die göttliche Inspiration der Schrift annimmt. Liegt nicht nach alledem die Frage nahe: Wie kann die Schrift wörtlich inspirirt sein, wenn es noch heute gilt, und dazu so schwer ist, den ächten wahren Text festzustellen? Wenn es hierzu so vieler alter Dokumente bedarf, des Aufwühlens des Staubs vergessener Klosterwinkel, und dann auch des Muthes, mit den die Ruhe des Besitzes störenden Resultaten allen conservativen Vorurtheilen gegenüber zu treten? Es ist eine wichtige Thatsache, ich möchte sagen, es ist ein Fingerzeig der Providenz für das rechte Verständniss des Christenthums, dass die textliche Feststellung der Apostelschriften, auf der doch so viel beruht, zu einer ernsten Aufgabe der Wissenschaft geworden ist.

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