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Vorwort zur zweiten Auflage.

Die erste Auflage dieses Buches, die Ostern 1904 ausgegeben wurde, war bereits Anfang September 1905 vergriffen. Wenn schon der äußere Erfolg des raschen Absatzes einer hoch bemessenen Auflage für den Verfasser eine große Ermutigung bedeutete, so hat derselbe alle Ursache, mit dem wissenschaftlichen Erfolge erst recht zufrieden zu sein. Es mußte seinerzeit als ein Wagnis erscheinen, für den Zusammenhang der „babylonischen“ Weltanschauung mit dem Begriffsalphabet der biblischen Schriftsteller ganz und ohne Vorbehalt einzutreten. Mittlerweile haben sich Männer verschiedenster theologischer Richtung, nachdem sie die Mühe nicht gescheut haben, in die Welt des Alten Orients einzudringen, von der Richtigkeit der „panbabylonischen“ Auffassung und ihrer Wichtigkeit für das Verständnis der Bibel überzeugt. In Rücksicht auf die gewonnene Verständigung habe ich auf die einleitende Darstellung des altorientalischen Weltbildes erneute Sorgfalt verwendet und hoffe, daß die beiden ersten Kapitel als Einführung in das Gesamtbild der altorientalischen Weltanschauung nützliche Dienste leisten werden. Besondere Schwierigkeit bietet für viele beim besten Willen das Verständnis der astralmythologischen Motive, die mit den biblischen Erzählungen verwoben sind. Die betreffenden astralmythologischen Abschnitte sind in der neuen Auflage stark erweitert worden. Das Sternzeichen (*) am Anfang und Schluß der betreffenden Abschnitte mag Lesern, die sich mit der Neuerung noch nicht befreunden können, bei der Lektüre als Signal zum Überschlagen dienen; andrerseits soll es denen, die in die Welt der Astralmotive eindringen möchten, das Auffinden der Zusammenhänge erleichtern.

Polemische Verhandlungen mit Gegnern habe ich vermieden.
Es fehlt vielfach noch die Voraussetzung für eine fruchtbare
Diskussion. Eine Reihe von gegnerischen Äußerungen sind
besonders gesammelt worden und sollen vielleicht später als
Beitrag zur Geschichte der biblisch-orientalistischen Wissenschaft
abgedruckt werden.

Meine grundsätzliche Stellung zur biblischen Frage habe
ich im Vorwort zur ersten Auflage, das auf dem folgenden
Blatte wieder abgedruckt ist, ausgesprochen. Ich weiß mich eins
mit denen, die im Alten Testament eine Welt geschichtlich
vermittelter Offenbarung suchen. Die israelitische Gottesvor-
stellung und Erlösererwartung ist nicht ein Destillat mensch-
licher auf verschiedenen Gebieten des alten Orients erwachsener
Ideen, sondern sie ist ewige Wahrheit im bunten Gewande
orientalischer Denkweise. Und die Formen dieser Denkweise
gehören einer einheitlichen Weltanschauung an, die in den
irdischen Dingen und Vorgängen Abbilder himmlischer Dinge
sieht, welche in den Bildern und im Kreislauf des gestirnten
Himmels typisch vorgezeichnet sind.

Großen Dank schulde ich Verlag und Druckerei. Mein
Herr Verleger hat in freigebiger Weise eine reiche Vermehrung
des Bildermaterials gestattet und wieder für eine vornehme
Ausstattung Sorge getragen. Gleichwohl ist eine außerordentlich
niedrige Preisansetzung ermöglicht worden. Der Böhlau'schen
Hof - Buchdruckerei zu Weimar, mit der zu arbeiten für jeden
Autor eine Freude sein muß, ist es zum guten Teile zu danken,
wenn auch die 2. Auflage, wie es der 1. Auflage widerfuhr,
als typographisch musterhaft bezeichnet werden darf.

Der Druck des Buches begann Mitte April 1906. Im Juni
wurden die ersten zwölf Bogen als Abteilung I besonders aus-
gegeben.

Auf die Register ist große Sorgfalt verwendet worden. Ich
danke auch an dieser Stelle meinem lieben Famulus, Herrn
stud. theol. Münnich, für seine treuen Bemühungen um Kor-
rektur und Register.
Leipzig, 31. Oktober 1906.

Alfred Jeremias.

Vorwort zur ersten Auflage.

Wer den Dichter will verstehn, muß in Dichters Lande gehn. Und
wer eine Schrift verstehen will, wird die beste Erklärung und die hellste
Beleuchtung aus den gleichzeitigen Urkunden ihrer Welt empfangen.
Auf dem Gebiete der alttestamentlichen Forschung hat sich diese selbst-
verständliche Wahrheit nach langen Kämpfen theoretisch Geltung ver-
schafft. In der Praxis ist noch wenig von ihrer Wirkung zu spüren.
Man hat sich zumeist damit begnügt, die Ergebnisse der Denkmalforschung
den Kommentaren als interessante Arabesken einzufügen, aber man hat
ihnen nur selten Einfluß auf das Verständnis des Wesens israelitischer
Denkweise eingeräumt. Die Skepsis, mit der die sog. altgläubige posi-
tive“ Richtung der Verwertung der Denkmäler gegenüberstand, hatte
ihren guten Grund. Aber diese Skepsis hätte sich nicht gegen die Denk-
mäler, sondern gegen die Ergebnisse ihrer Bearbeiter richten sollen, die
ihre Anschauungen darin bestätigt fanden. Es wäre richtiger gewesen,
die Gegner mit der eigenen Waffe zu schlagen. Neuerdings erhebt sich
der Widerspruch gegen die Ergebnisse der Assyriologie vor allem inner-
halb der Richtung, die von jeher die Wissenschaftlichkeit für sich in
Anspruch nahm und die, wie anerkannt werden muß, in ernster und sorg-
fältiger Weise die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft und Völker-
kunde für die Erklärung des Alten Testamentes zu verwerten bemüht
gewesen ist. Die historisch-kritische Schule, die ihr Werk in einer Zeit
begonnen hat, in der die Gefilde der vorderasiatischen Altertumskunde
noch verschüttet lagen, hat sich nicht imstande gezeigt, das neue Material
zu verwerten, weil es den auf früheren Stufen der Erkenntnis selbstge-
schaffenen Dogmen in entscheidenden Punkten widerspricht.

Der Verfasser dieses Buches steht der Tradition des Alten Testa-
mentes mit einem Vertrauen gegenüber, das im letzten Grunde auf der
religiösen Erkenntnis beruht: novum testamentum in vetere latet. Dieses
Vertrauen hat sich ihm wissenschaftlich bewährt, je mehr die Erschließung
der Verhältnisse und Zusammenhänge des Alten Orients eine authentische
Beurteilung der im Alten Testament geschilderten gleichartigen Verhält-
nisse gestattet hat. Er fand eine glänzende Bestätigung seiner Auffassung
in der Tatsache, daß der Gelehrte, der die Voraussetzungen der historisch-
kritischen Schule am konsequentesten aufgenommen und bis ans Ende
verfolgt hatte, auf Grund einer lebendigen Kenntnis des Alten Orients
und der gleichzeitigen Geschichte zu Folgerungen kam, die jene Voraus-
setzungen als irrig erwiesen.

Einer besonderen Einführung bedürfen die zwei ersten Kapitel, die
ursprünglich als Einleitung gedacht sind. Bereits in meiner Schrift „Im
Kampfe um Babel und Bibel“ bin ich mit voller und nachdrücklicher
Betonung für die Annahme der „mythologischen Darstellungsweise“ und

des „mythologischen Systems“ eingetreten, wie es von Winckler ent-

wickelt worden ist. Winckler hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, daß

sich die richtige Erkenntnis der „mythologischen“ Ausdrucks- und Auf-

fassungsweise des Altertums ebensogut mit der vollkommensten Gläubig-

keit wie mit der weitgehendsten Zweifelsucht in bezug auf die erzählten

Tatsachen vereinigen läßt. Ich habe bisher keinerlei Gegenausführungen

zu Gesicht bekommen, die Wesen und Tragweite der Sache erfaßt und

die den Widerspruch auf etwas anderes als Mißverständnisse gegründet

hätten. Ich sehe in der Erkenntnis des altorientalischen mythologischen

Systems den Schlüssel zu einer Formenlehre des biblischen Schrifttums

und bin dabei bemüht, auf Schritt und Tritt vor einer Überschätzung

der Form und vor Auflösung der Tatsachen in mythologische Ideen zu

warnen. Um das System verständlich zu machen, mußte die altorien-

talische Weltauffassung und das ihr zugrunde liegende astrale Pantheon

auseinandergesetzt werden. Die einleitenden Kapitel stellen beides zum

ersten Male im Zusammenhange dar unter Vorführung der urkundlichen

Belege.

Als Ganzes möchte das Buch zu seinem Teile nicht nur darauf hin-

wirken, daß die Form biblischer Darstellung in ihrem Wesen erkannt
werde, sondern daß das Verständnis ihres Inhaltes gefördert werde.
Lange genug hat die Forschung den Hauptwert auf die Untersuchung
der Überlieferung gelegt. Die Kritik beschäftigte sich mit zwei Reihen
der Überlieferung, der vorkanonischen, die von der Literarkritik behandelt
wurde, und der nachkanonischen, aus der die Gestalt des überlieferten
Textes festgestellt wurde. Aber das Wesen biblischen Schrifttums ist
mit der Scheidung von Jahvist und Elohist, mit der Untersuchung von
Massora, Septuaginta, Pešito usw. nicht erschöpft. Wir wollen keines-
wegs den Wert dieser Forschungen unterschätzen, betonen vielmehr aus-
drücklich ihre Notwendigkeit und ihr hohes Verdienst. Aber höher als
die Form steht der Inhalt. Die Erforschung des Inhalts in neue Bahnen
gelenkt und für dessen Verständnis Maßgebendes geleistet zu haben, ist
das Verdienst der orientalischen Altertumskunde.

Die Einrichtung ist durchsichtig. Die alttestamentlichen Schriften
sind in der Reihenfolge der Lutherbibel behandelt. Der glossatorische
Teil möchte als Schrader redivivus aufgenommen sein, er möchte in den
Dienst eintreten, den Eberhard Schraders KAT in den Anfangsstadien
der Keilschriftforschung getan hat.

Möchte das Buch der großen und herrlichen Aufgabe, die mir vor
Augen stand, wenigstens einigermaßen gerecht werden.
Leipzig, am Tage der Frühjahrstagesgleiche 1904.

Alfred Jeremias.

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